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Literaturhinweis
Halte mich nicht fest!“
(Joh 20,11-18)  

"Daß Jesus nach seinem Tode auferstand und die Male seiner Wunden zeigte und der Nägel Spur in seinen Händen, behauptet ihr. Aber wer hat das gesehen? Ein wahnwitziges, halb verrücktes Weib...!"
Der so spottet, ist kein Religionskritiker unserer Tage, sondern der römische Philosoph Celsus aus dem 2. Jh. n. Chr.

Der Zweifel an der Auferstehung Jesu Christi ist also nicht neu, sondern so alt wie das Christentum. Die Evangelien wissen um diese Schwierigkeiten, und sie gehen ernsthaft und behutsam mit dem Zweifel um. Sie erzählen viele Begebenheiten, wie Menschen vom Zweifel zum Glauben finden, weil sie

"Noli me tangere", Salzburg Mitte 12. Jh.

dem Auferstandenen selbst begegnen.
Eine dieser GlaubenszeugInnen ist jene von Celsus als „halb verrücktes Weib“ geschmähte Dame mit Namen Maria Magdalena. Zu ihrer Lebensgeschichte vermerkt das Neue Testament nur die knappe Notiz, Jesus habe sieben Dämonen aus ihr ausgetrieben (Lk 8,2), woraus wir wohl entnehmen können, daß sie von etwas „besessen“ gewesen war und daß Jesus sie von ihren Zwängen befreit hat. Sie wird hernach eine seiner treuesten Anhängerinnen und begleitet ihn bis zu seinem Tod.
Schließlich finden wir Maria Magdalena in einer kurzen Szene wieder, die sich am Ostermorgen beim leeren Grab abspielt. Der Evangelist Johannes beschreibt sie im 20. Kapitel seines Evangeliums. Maria sucht den toten Jesus im Grab. Doch dieser tritt ihr – zunächst unerkannt – als Auferstandener entgegen. Erst als Jesus sie beim Namen nennt, erkennt sie ihn. Den bibelkundigen Lesern werden manche Wendungen dieser Geschichte bekannt vorkommen. Denn der Evangelist hat seine Formulierungen einem alttestamentlichen Buch entlehnt, einem Buch, das ganz und gar aus Liebesliedern besteht, dem Hohenlied. Aus der Erzählung klingt hintergründig die Stimme der Braut, die ihren Geliebten sucht (vgl. Hld 3,1-4).
So ist es einmal mehr die Sprache der Liebe, ja der Leidenschaft, die uns den Glauben lehrt. Es braucht ein liebendes Herz und Augen der Sehnsucht, die tiefer blicken als es die leiblichen Augen vermögen, um den Auferstandenen Jesus zu erkennen. Der französische Schriftsteller Antoine de Saint–Exupéry hat diese Wahrheit in den einprägsamen Satz gefaßt: „Man sieht nur mit dem Herzen gut.“
Und noch etwas macht die kleine Ostergeschichte deutlich: Als Maria Magdalena Jesus erkannt hat, möchte sie ihn, einem spontanen Impuls folgend, festhalten. Doch die Begegnung mit dem Auferstandenen läßt sich nicht fixieren. „Halte mich nicht fest“, gebietet ihr Jesus. Nur ein kurzer Moment innigen Erkennens und Erkanntwerdens wird der suchenden Frau gewährt. Doch er genügt, sie zur Glaubenden zu machen und zur Glaubensbotin für andere.