Zum Weiterdenken

Abt em. Michel Van Parys, Chevetogne

Auf der Suche nach Ausgewogenheit


Der folgende Artikel ist ein Ausschnitt eines Vortrages von P. Michel Van Parys von Chevetogne, gehalten am 14. Februar 2007 für die „Groupe de Chevetogne“ in der Abtei Praglia, veröffentlicht in „Lettre de Chevetogne, 2007, 27, Nr. 1, Semaine Sainte et Pâques 2007, S. 27-46.


Es ist Gefahr im Vollzug: Das Gleichgewicht zwischen ora und labora, zwischen Beten und Arbeiten, ist bedroht, und das aus mehreren Gründen. Die Gesellschaft, in der unsere Gemeinschaften leben, lebt nicht mehr nach dem Rhythmus der Jahreszeiten und der bäuerlichen Arbeit. Sie lebt nicht mehr, und das immer mehr, nach einem Rhythmus, der dazu diente, den Lebensunterhalt zu sichern, sondern der ganz auf Profit ausgerichtet ist, auf einen sofortigen Informationsfluss und auf Leistung. Der Lebensrhythmus wird immer schneller und implizit oder auch explizit als Voraussetzung für Glück und ein gelungenes Leben angesehen.

Es reicht nicht mehr aus, gut zu sein. Man muss der Beste sein, man muss die anderen, die Konkurrenz, schlagen oder vernichten. Dieser wahnsinnige Rhythmus hat eine große Erschöpfung zur Folge und erfordert Badestrände zur Entspannung. Woher sonst kommt die große Bedeutung des Urlaubs, während dessen man für sich und seine Familie wieder Zeit findet; woher die große Bedeutung einer täglichen Ration von audio-visueller Unterhaltung, die dem Bedürfnis des Menschen nach Besinnung vollauf genügt? Das Angebot der Freizeitbeschäftigungen seinerseits ist ein lukratives Geschäft.

Eine solche Welt klopft an die Pforte unserer Klöster. Sie hat oft schon einen Fuß in der Tür, oder auch zwei. Als ich 1959 ins Kloster eintrat, durfte ich meinen Füllfederhalter mitbringen; die Generation nach mir ihre Schreibmaschine, die heutige einen Computer, offenes Fenster zur wirklichen und virtuellen Welt. Wie viele Mönche und Nonnen haben in unseren Klöstern ein Handy? Aber wie sollen wir heute ohne diese modernen Geräte unsere Gästearbeit bewältigen und rentabel arbeiten?

Es gibt jedoch noch Weitergehendes zu sagen. Die heutige Zeit ist für jeden Menschen eine schwere Prüfung. Die Schwierigkeit, sich die Zeit vernünftig einzuteilen, geprägt von einem Rhythmus, der Friede in das Herz einziehen lässt, schafft in der Seele des Mönches ein Bedürfnis nach Aufgeregtheiten, nach Unruhe. Das menschliche Herz ist ein Komplize der Betriebsamkeit und Hektik. Das ist wohl eine der ersten Erfahrungen, die ein Kandidat im klösterlichen Leben macht. Der regelmäßige Wechsel von Gebet und Arbeit lässt einen Eindruck von Monotonie aufkommen, aber der Kandidat ist vor allem auf sich selbst verwiesen, auf eine Leere in sich.

Der Mönch wird ziemlich schnell versuchen, dieses (scheinbare) „Weniger-Sein“ durch ein „Mehr- Tun“ aufzufüllen, das ihn dann in seinen eigenen Augen und in den Augen der Personen seiner Umgebung aufwertet. Dieses unreflektierte Tun wird heute häufig durch die Überalterung der klösterlichen Gemeinschaften und durch den zahlenmäßigen Rückgang der Mitbrüder oder Mitschwestern befördert. Es gab viele Mitglieder in den Gemeinschaften, und diese haben manchmal zahlreiche Aufgaben übernommen. Heute nun haben sie keinen Mut oder keine Kraft mehr, einige dieser Aufgaben abzugeben. Kommt es plötzlich zu einer Arbeitsüberlastung, zu seinem Zuviel an zu erledigenden Aufgaben, gerät das heikle Gleichgewicht zwischen Gebet und Arbeit aus den Fugen, und wird gleich gerechtfertigt. Daraus erwächst nach einer bestimmten Zeit eine große Entmutigung, sowohl in der Gemeinschaft auch als beim Einzelnen, und fast unüberwindliche Schwierigkeiten verfestigen sich. Man gerät immer mehr in Hektik und Stress, wird krank oder bekommt Depressionen. Eine psychische Erschöpfung zeigt sich, das taedium: Der Mönch verliert den Geschmack am Offizium, an der lectio divina, am Gebet. Er reagiert gereizt seinen Nächsten gegenüber. Er flieht und flieht vor sich selbst, seine Brüder werden ihm zur Last, er schaltet innerlich und äußerlich ab.

Um es mit einem Wort zu sagen: Der arme Mönch wird von der acedia überwältigt. Seit sechzehnhundert Jahren fürchten sie die Mönche und halten sie für das gefährlichste und nur äußerst schwer zu fassendes Hindernis bei der Gottsuche. Sie fanden nicht viele Heilmittel gegen sie, außer eine weise und ökonomische Verwaltung der Zeit, die die natürlichen Rhythmen, die sowohl in der Welt, die die unsere ist als auch in der Menschenseele eingeschrieben sind, berücksichtigt. Der hl. Benedikt wusste sehr wohl, dass die Heilmittel für jeden anders sein können. Die acedia bringt es mit sich, dass wir unfähig werden, uns auf eine Aktivität zu konzentrieren, oder lässt uns in ein exzessives Aufgehen in eine Tätigkeit, auch eine spirituellen, flüchten. Die Benediktsregel beschreibt, dass in der Fastenzeit, wenn die für das Lesen vorgesehene Zeit länger ist, einige erschlaffen. „Sie (die Älteren) müssen darauf achten, ob sich etwa ein träger Bruder findet, der mit Müßiggang und Geschwätz seine Zeit verschwendet, anstatt eifrig bei der Lesung zu sein; damit bringt einer nicht nur sich selbst um den Nutzen, sondern lenkt auch andere ab“ (RB 48,18). Das gleiche Problem wird für die Sonntage angesprochen, an denen die freie Zeit ganz mit einer spirituellen Beschäftigung ausgefüllt sein soll. „Ist aber einer so nachlässig und träge, dass er nicht willens oder nicht fähig ist, etwas zu lernen oder zu lesen, trage man ihm eine Tätigkeit auf, damit er nicht müßig ist“ (RB 48,23).

Betrachten wir nun den anderen Grund der acedia, die ein exzessives Tun mit sich bringt. Zwei kleine Erzählungen über Antonius den Großen, den Mönchsvater, sollen das verdeutlichen.

„Abba Antonius saß eines Tages in der Wüste, als die acedia ihn übermannte und ihn seine Gedanken verdunkelte. Er sagte zu Gott: ‚Herr, ich will gerettet werden, aber die Gedanken lassen mir keine Ruhe; was kann ich in dieser Prüfung tun? Wie werde ich gerettet?’. Kurz danach – er erhob sich gerade, um wegzugehen – sah er jemanden, der aussah wie er selbst. Dieser saß und arbeitete, dann erhob er sich von der Arbeit und betete, dann setzte er sich wieder hin und flocht einen Strick, dann erhob er sich wieder, um zu beten. Es war ein Engel des Herrn, der ihm den Weg zeigte und ihn beruhigte. Und er hörte den Engel sagen: ‚Mach es ebenso und du wirst gerettet’. Nachdem er das gehört hatte, stieg große Freude in Antonius auf, und viel Mut sammelte sich in seinem Herzen an. Und indem er so tat, wurde er gerettet.“

Antonius fiel also in Verwirrung und wurde innerlich aufgerieben, weil er in seinem monastischen Eifer überspannt war. Das Heilmittel, von Gott gesandt, war das Abwechseln zwischen Gebet und Arbeit.

Der hl. Antonius hat diese Lektion nicht vergessen. So wird berichtet: „Ein Mann, der in die Wüste auf Jagd nach wilden Tieren ging, sah Abba Antonius, wie er mit den Brüdern scherzte, und er entrüstete sich darüber. Antonius wollte ihn überzeugen, dass er ab und zu den Brüdern herunterkommen müsse und mit ihnen einen Spaß machen. Der Altvater sagte ihm: ‚Nimm einen Pfeil und spanne ihn auf deinen Bogen’. Er machte es. Der Altvater sagte weiter: ‚Spann ihn noch mehr’, und er tat es. Der Altvater sagte ihm noch einmal: ‚Spanne ihn’. Der Jäger erwiderte ihm: ‚Wenn ich meinen Bogen zuviel spanne, zerbricht er mir’. Der Altvater sagte ihm dann: ‚So geht es auch mit Gottes Werk; wenn wir die Brüder über Gebühr überspannen, zerbrechen sie bald. Man muss also ab und zu den Brüder entgegenkommen’ …“ (Antonius 13 ). Dieses Apophtegma passt gut zu dem Sprichwort: varietas delectat, „Abwechslung erfreut“. Der Mensch ist kein Engel. Er ist ein Geschöpf, zerbrechlich an Körper und Seele durch die Wunde der Sünde, und er muss seine Lebensrhythmen respektieren.

Ich möchte also die Aufmerksamkeit gerne auf drei Punkte lenken:
Die Einteilung der Zeit in den monastischen Gemeinschaften hängt grundlegend davon ab, wie das ganze Volk Gottes die Schöpfungswirklichkeit, die Wirklichkeit der Erlösung und der Wiederkunft Christi lebt.
Die Ökonomie der Zeit erfordert Entscheidungen, Verzicht und Disziplin. Der Mönch lernt, die Zeit gut zu gebrauchen in der Erwartung seines Gottes, der ihn lehrt, zu lieben.

In jedem von uns steckt eine Affinität zum modernen Zeitfieber. Wir lassen uns gerne in die Hektik und den Strudel dessen ziehen, was zu erledigen ist. Wir alle neigen dazu, uns durch unser Tun zu definieren und damit jemand zu sein (oder als jemand zu erscheinen). Eine der großen Dienste, welche Mönche und Nonnen den heutigen Männern und Frauen leisten können, ist, ihnen erfahrbar zu machen, dass wir an erster Stelle durch Gottes Gnade sind, einer Gnade, die die menschliche Existenz erhöht in Hinblick eines Lebens der Verbundenheit mit Gott, die kein Ende findet.