Abt Albert Altenähr, Kornelimünster

Das Kloster und sein Umfeld. Ein Gesprächsbeitrag  

Seit 1200 Jahren – mit 100-jähriger Unterbrechung –  gehören die Benediktinermönche zur Wirklichkeit der Aachener Südregion. Die Beziehungen des Klosters zur engeren und weiteren Umgebung sind in diesen Jahrhunderten einem ständigen Wandel unterworfen gewesen. Auch in der 100-jährigen „Kurzgeschichte“ der 1906 zurückgekehrten Mönche haben sie sich entsprechend den global-weltlichen und -kirchlichen Entwicklungen und den Entwicklungen im näheren und nächsten Umfeld neu und neu gestaltet. Daß ordens- und klosterinterne Entwicklungen andere Akzente haben können als solche in den Ortsgemeinden und in der / den Diözese/n, muß nicht verwundern. Wenn das eigene Charisma in den Blick genommen wird, ist Begegnung, Auseinandersetzung mit dem anderen und Bereicherung durch ihn möglich. 

Die folgenden Überlegungen sind zunächst einfach eine Vergewisserung des eigenen Standortes. Sie wollen darüber hinaus ein Beitrag zum Gespräch zwischen der Abtei Kornelimünster und den umliegenden Pfarrgemeinden sein. Als unmittelbare Gesprächspartner sind dabei die Pfarrer und jene im Blick, die eine besondere Verantwortung in den Gemeinden wahrnehmen. 

Die Gemeinschaft als Träger monastischer Pastoral 

Die Abtei Kornelimünster heute betont in besonderer Weise die Gemeinschaft, die  a l s   g a n z e  einen Beitrag zum geistlichen Spektrum der nahen und weiteren Kirche gibt und geben will. Kloster ist in diesem Sinn keine Ansammlung von Einzelnen, für die das Klostergebäude ein funktional eingerichteter und ausgerichteter Wohnbereich ist. Kloster ist Gemeinschaft des Gottsuchens, aus der einzelne nicht nach eigenem oder fremden Geschmack und Bedarf herausgebrochen werden können. Die erfahrbar gelebte Gemeinschaft der Brüder ist nach Benedikt das Wesensmerkmal seines Mönchsverständnisses. Sie ist seine Kraftquelle. Als Gemeinschaft feiern wir Gott. In und mit der Gemeinschaft gibt der Mönch Zeugnis von seiner Berufung. Als Gemeinschaft haben wir einen Auftrag in der Kirche.  

In diesem Miteinander der Gemeinschaft hat sicher jeder sein ganz eigenes Charisma, seine eigene Gabe. Die Zielrichtung dieser Charismen geht zunächst auf den Aufbau der Gemeinschaft und erst in zweiter Linie in die Welt. So sehr ich als Abt das vielleicht besonders erlebe, so sehr gilt es von jedem Mitglied der Gemeinschaft: Je mehr „Aus-Flüge“ gemacht werden oder auch gefordert und notwendig sind, desto höher ist der Anspruch der Gemeinschaft auf die Rückkehrfreude dessen, der unterwegs war. Umgekehrt hat dieser aber auch einen berechtigten Anspruch darauf, freudig zurückerwartet zu werden. Wenn das Gemeinschaftsgefüge kränkelt, dann mögen einzelne noch so aktiv im Reich Gottes sein, aber das Kloster als Gemeinschaft ist in Gefahr, mehr und mehr zu verblassen. Als funktionale WG von Einzelkämpfern ist ein benediktinisches Kloster auf jeden Fall zu kurz definiert. 

In unseren benediktinischen Gemeinschaften hat das Miteinander von Laien und Priestern eine lange Tradition. Anfänglich war der Orden zweifellos eine Laiengemeinschaft (mit einzelnen Priestern). Über die Jahrhunderte hin hat sich die Zahl der Priester in den Gemeinschaften mehr und mehr erhöht. Heute zählt die Kirche / das Kirchenrecht den Orden zu den klerikalen Gemeinschaften. Wie selbstverständlich hat sich im Laufe der Zeit die Vorstellung entwickelt, daß ein Benediktiner Mönch und Priester zugleich ist, neben dem es dann wohl auch Laien als Mönche gab, die aber nur „Brüder“ waren. Die Priester trugen das Chorgebet und waren in der Seelsorge (und als Lehrer, Wissenschaftler o.ä) tätig, die Brüder beteten ein reduziertes „Brüderoffizium“ und waren für die manuellen und anderen praktischen Arbeiten verantwortlich. Eine solche Zwei-Klasssen-Sicht ist innerhalb der Klöster in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts mehr und mehr überwunden worden. Abgeschlossen ist dieser Prozeß wohl noch nicht. Wie weit diese Veränderung sich auch schon im Blick der Außenstehenden auf die Klöster widerspiegelt, kann und darf gefragt werden. 

In der Konsequenz dieser Entwicklung, das Kloster als Gemeinschaftsganzes in die Mitte zu stellen, entfaltet sich auch das Konzept von Seelsorge in eine neue Dimension. Seelsorge ist für das Kloster nicht einfach eine priesterliche Tätigkeit, an der die Nicht-Priester keinen Anteil haben. Schon gar nicht reduziert sie sich auf eventuelle Meßaushilfen der einzelnen Priester der Gemeinschaft in der näheren oder weiteren Nachbarschaft. Die Klostergemeinschaft gibt vielmehr als solche und als ganze ein Zeugnis in die Welt, und dieses Zeugnis ist immer auch ein pastorales Zeugnis. Es ist Zeugnis, das als solches Verkündigung ist, indem die Botschaft zunächst einfach gelebt wird. Vor allem Tun des Verkündigens steht in diesem Sinn das Vor-Wort des Lebens des Verkündenden und des Verkündeten[1]

Der Akzent eines solchen klösterlichen Verkündigungsverständnisses ist der Einladungscharakter der Pastoral, der ergänzend einer nachgehenden Pastoral zur Seite tritt. Die Einladung ist nicht drängend druckvoll, sondern eher verhalten scheu, aber durchaus selbstbewußt: „Wir leben dieses Leben gegen den Zeitstrom. Wir sind gewiß, im Gottesstrom geborgen zu sein.“ In ein Sprichwort hinein formuliert: Rede nicht, wenn du nicht gefragt wirst, aber lebe so, daß man dich fragt. 

Gastfreundschaft  

In einer summarischen Konkretion läßt sich dieses Verständnis klösterlicher Pastoral als benediktinische Gastfreundschaft formulieren. Sie ist das Erbe der frühen Kirche und ihrer Einladungs-Pastoral. Gastfreundschaft lebt Kloster nicht als geschlossene Gesellschaft, als hortus conclusus (als geschlossenen Garten), sondern als Christsein der Begegnung, als Glaube zum Anschauen und Mitleben, zum Abbuchstabieren und Nachfragen,  als Angebot, die eigenen Fragen in einem fremden Echoraum neu zu hören. 

Vielleicht können örtliche Konkretionen das Bild klösterlicher Seelsorge und Pastoral, wie die Abtei Kornelimünster sie zu leben versucht, weiter verdeutlichen. 

Schon die Gründer des alten Kornelimünster, Benedikt von Aniane und Kaiser Ludwig der Fromme, suchten Nähe und Distanz zu verbinden: Nähe zum Herrschaftsort Aachen und doch zwei Wegstunden entfernt. Um das alte Kloster hat sich im Laufe der Jahrhunderte der Martktflecken Kornelimünster entwickelt. Das neue Kornelimünster wurde wieder außerhalb des Ortes gebaut, aber schon damals war zu ahnen, daß die Bebauung sich auf das neue Kloster zu bewegen würde. Das neue Kloster schützt sich durch einen recht großen Gartenbereich – aber es hat keine Klausurmauer, sondern nur Hecken, die den Besitz eingrenzen. Hecken sind durchlässig! So äußerlich diese Situation erscheinen mag, so wenig sollte man die Lebens- und Umgebungssituation für die Prägung eines Menschen / einer Gemeinschaft unterschätzen. So sei es noch einmal gesagt: Kornelimünster ist nicht von einer Mauer umgeben! 

Die Kirche des Klosters ist von früh morgens bis zur Komplet durchgehend geöffnet. Das tägliche Angebot der Beichtmöglichkeit wird nach wie vor wahrgenommen, wenn auch nicht so zahlreich wie früher. Der Altar, der in den frühen 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch auf einem Stufenberg konzipiert war, ist 1986 – weniger ausladend als bisher – auf einer einzigen Stufe neu aufgebaut. Bei den Eucharistiefeiern am Hauptaltar ist die Mönchsgemeinschaft aus dem Chorgestühl in den Bereich des Hauptaltars „umgezogen“. Zu den Gottesdiensten, die im Chorraum gefeiert werden, ist die Gemeinde eingeladen, in den Chorraum zu kommen. Diese Nähe macht das Mönchsbeten bis ins Minenspiel der Mitbrüder hinein abbuchstabierbar. Die Form der Liturgie wird in der Gemeinschaft immer wieder einmal reflektiert und den eigenen Bedürfnissen und Möglichkeiten angepaßt. Dabei werden die Anfragen und Anregungen der Gottesdienstbesucher mit bedacht. 

Zum klassischen Angebot von Benediktinerklöstern gehören vielfach Exerzitienhäuser und ein mehr oder weniger großer Gästeflügel im Kloster selbst. Kornelimünster hat kein Exerzitienhaus (als separates Gebäude) neben dem Kloster. Der Gastbereich ist so nah zum Klausurbereich der Mönche und so eng mit ihm verzahnt, daß die Begegnung mit den Gästen ein ganz ungezwungen normales Geschehen ist. Die kleine Gemeinschaft ist übersichtlich und ebenso die Zahl der Gäste (20 Gästezimmer). Die Begegnung mit einem Kloster mag etwas Besonderes sein – die Begegnung mit den Mönchen aber ist, wenn der Gast einmal die Klosterschwelle überschritten hat, in Kornelimünster nichts Besonderes mehr. Die Erfahrung zeigt uns, daß die Begegnung mit den Einzelnen und mit der Gemeinschaft insgesamt eine aufschließende Wirkung auf fast jeden Gast hat. Es zeigt sich auch immer wieder, daß oft gerade Mitbrüder, die „nach außen“ gar nicht so ins Licht treten, in der Begegnung mit den Gästen eine Schlüsselwirkung haben.[2] 

Als vierter „Ort“ im Kloster ist die Website zu erwähnen.[3] Sie hat unter Bekannten des Klosters eine solche Akzeptanz gefunden, daß viele sie regelmäßig besuchen, um Informationen über das alltägliche Geschehen im Kloster oder / und geistliche Anregung zu erhalten. Es ist schon das Wort von „meinem Internet-Kloster“ gefallen. Die Hemmschwelle des Internets ist so niedrig, daß nicht wenige, denen die „normale“ Kirchen- oder gar Klosterschwelle zu hoch (geworden) ist, auf diesem Weg einen Zugang zu einem Gastaufenthalt im Kloster finden und eine attraktive neue Erfahrung von Kirche machen. So sind wir fast ständig mit Lebensfragen und Krisensituationen unserer Gäste konfrontiert. Daß viele dieser Gäste wiederkommen, läßt bei ihnen einen Suchprozeß möglich werden, der vom Kloster in Freundschaft begleitet wird. Die Intensität einer solche Begleitung bestimmt dabei der Gast. Der Einzugsbereich unserer „Gäste-Gemeinde“ deckt, zum großen Teil bedingt durch diesen Internet-Auftritt, inzwischen ganz Deutschland ab. 

Die Entwicklung im Rückblick 

Aus eigener Erfahrung kann ich nur knapp 25 Jahre der Entwicklung im Kloster Kornelimünster überblicken. Drei feste Meßaushilfen und die Realschule haben damals das Bild vom Kloster Kornelimünster nach außen in der näheren Umgebung wesentlich mitgeprägt. In der Wahrnehmung dieser Tätigkeiten war/en das Kloster / die Mönche zweifellos unmittelbar nützlich. Wie weit in dieser Konstellation tatsächlich das Kloster als solches und die geistliche Dimension des Ordenslebens für die Kirche wahrgenommen wurde, vermag ich nicht zu sagen[4]

Das Bemühen in den Jahren seitdem ging dahin, das geistliche und das benediktinische Profil nach innen zu schärfen und mit diesem Profil nach außen zu treten. Das Kloster und seine Gemeinschaft ist Ausgangspunkt und primärer Ort, Zeugnis und Weg benediktinischer Pastoral. Spiritualität als Ausdruck der Freude an und der Geborgenheit in Gott ist die Botschaft. 

Aus verschiedenen Blickwinkeln wird man sicher zu unterschiedlichen Bewertungen dieser Entwicklung kommen. Persönlich bin ich der Überzeugung, daß das Kloster Kornelimünster heute zugleich benediktinischer als auch offener ist als vor 25 Jahren. Das Bewußtsein von Gemeinschaft und das Selbstbewußtein der Gemeinschaft sind gewachsen. Die Begegnungen mit den Menschen sind zahlreicher, intensiver und weiter gestreut als vor Jahren. Daß es dabei Verlagerungen gegeben hat, die nicht schmerzlos waren und sind, kann und will gar nicht geleugnet werden. 

Wie die nächsten 25 Jahre aussehen werden, kann kaum gesagt werden. Daß das Heute ein Faktum ist, das man nicht ungeschehen machen kann und von dem aus man darum den Schritt ins Morgen machen muß, ist eine überall gültige Binsenwahrheit. Daß die Schritte der Vergangenheit hin auf eine neue Ent-Deckung unseres benediktinischen Charismas und seiner weiteren Öffnung für die Welt ein guter Weganfang sind, ist unsere Überzeugung. 



[1] Die Psychologie glaubt sagen zu dürfen, daß in der Verkündigung 80% dem Zeugen, 20% der Botschaft zuzuweisen ist. 

[2] Im Jahr 2005 zählte das Kloster 3000 Übernachtungen. Hinzu kommen Tagesgruppen (z.B. Pfarrgemeinderäte, Presbyterien, Notfallseelsorge, Sozialwerk Aachener Christen, Kindermissionswerk …), die bei uns „in Klausur“ gehen. Kommunionkinder, Firmgruppen, Schulklassen fragen um eine „Begegnung mit Kloster“ nach. Immer wieder werden auch Begegnungen mit den Bildern von Janet Brooks-Gerloff in unserer Kirche gesucht. Das Emmaus-Bild ist durch religionspädagogische Zeitschriften, Kirchenzeitungen, Gemeindebriefe und Andachtsbildchen (Beuroner Kunstverlag) besonders weit bekannt. Ein monatlicher Frühschoppen nach dem Sonntagshochamt gibt ebenfalls Gelegenheit zur Begegnung. 

[3]  www.abtei-kornelimuenster.de – 28.000 Zugriffe im letzten Zähljahr, Tendenz weiter steigend. 

[4] Vor einigen Jahren stellten sich auf einem Regionaltag der Aachener Bistumsregion Aachen-Stadt die einzelnen Dekanate vor. Die Liste der aufgezählten Institutionen, Verbände und Vereine war beeindruckend. Ordenshäuser oder auch die Tätigkeit von Ordensleuten in Institution wurden von keinem Dekanat erwähnt. Damals betrug die Zahl der in Aachen lebenden Ordensleute immerhin mehr als 600.