Ruth Fox OSB[1]

Zur Bewahrung von Friede und Liebe[2] 

Zu vielen verschiedenen monastischen Themen erscheinen derzeit Artikel, einschließlich einiger Studien und Kommentare über die Rolle der Abtes / der Priorin, der Ausbildungsleitenden und anderer Leitungsrollen. Dabei scheint es aber eine Rolle zu geben, die übersehen wird, und das nicht nur in den vorliegenden Texten, sondern auch in der gelebten monastischen Erfahrung, und zwar ist das die Rolle, der Dienst der Subpriorin in den monastischen Frauengemeinschaften.[3] 

Eine Durchsicht der älteren wie neueren monastischen Literatur macht deutlich, daß kaum etwas geschrieben wurde über die Rolle des Priors in einer monastischen Mönchsgemeinschaft und noch weniger über die Rolle der Subpriorin. Eine durch die Autorin erstellte Übersicht förderte weder in The American Benedictine Review noch in Benedictines Artikel zutage. Im Index Consider Your Call, einem der gängigsten in den Ausbildungsprogrammen verwendeten Kommentare, kommen die Worte „Prior“ oder „Subpriorin“ nicht einmal vor. Im Wörterbuch zur Regel Benedikts von Terrence Kardong OSB, Asking Benedict finden sich nur Querverweise auf Kapitel 65 der Regel Benedikts: „Der Prior des Klosters“. Aber Kardongs Benedict’s Rule: A Translation and Commentary[4] gibt immerhin der linguistischen Analyse und der historischen Entwicklung der Rolle des Priors einen deutlichen Raum. In ihrem Buch The Rule of Benedict: Insight for the Ages[5] spricht Joan Chittister in diesem Zusammenhang vor allem über die Problematik von Machtkämpfen in Klöstern. 

Gibt es in den offiziellen Dokumenten der Amerikanischen Frauenklöster eine stärkere Beachtung und Beschreibung der Rolle? Eine sehr begrenzte Durchsicht von leicht zugänglichen Dokumenten zeigt, wie es da an Erwähnung mangelt.[6] Die Konstitutionen von Erie von 1880 (eine der frühesten amerikanischen Konstitutionen für Benediktinerinnen) erwähnt die Rolle der Subpriorin nicht. Die ältesten Statuten im Kloster der Autorin (Richardton, 1915) erwähnen diesen Dienst nicht. Das Handbuch der Regularien[7] von 1936 des St. Benedict’s Convent von St. Joseph hat klösterliche Aufgaben für die Sekretärin, die Infirmarin, die Bibliothekarin, die Pförtnerin, die für das Refektorium Zuständige, die Verwalterin der Kleiderkammer wie auch der Waschküche, für die Vestiarin und die Landwirtschaftmeisterin aufgelistet, aber nichts bezüglich der Subpriorin. Das Buch der Gebräuche von Richardton von 1930 wie auch von 1950 erwähnt sie lediglich in Bezug auf das Göttliche Offizium: „Die Subpriorin vertritt die Stelle der Priorin, wenn Letztere abwesend oder an der Teilnahme verhindert ist. Sie ist Hebdomadarin an allen anderen Festen erster Klasse oder zweiter Ordnung und beginnt ihren Dienst mit der ersten Vesper des Festes.“ Die Konstitutionen der Kongregation von St. Gertrud von 1950 schließlich geben ihr eine gewisse Anerkennung, wenn sie sagen: „Sie ist die Erste in der Reihe der Offizialinnen.“ Sie hat den Platz der Priorin zu übernehmen, wenn immer diese abwesend oder verhindert ist, wenn diese zurücktritt oder wenn sie stirbt. Auch weisen die Konstitutionen sie an: „über die reguläre Disziplin zu wachen und die Priorin über solche Angelegenheiten zu informieren, von denen sie meint, daß mit Blick auf die Disziplin darauf hinzuweisen nötig sei.“ 

Die gegenwärtig geltenden Konstitutionen von fünf Föderationen oder Kongregationen der Amerikanischen Gemeinschaften gebrauchen alle die annähernd gleichen und wenigen Worte: „Die Subpriorin übernimmt den Platz der Priorin, wenn diese abwesend oder nicht in der Lage ist, ihre Verantwortung auszuüben.“[8] Auf der Ebene der Dokumente gibt es kaum ein anderes offizielles Wort, allerdings versuchen wohl die meisten Richtlinien der Klöster dieses Vakuum mit einigen Einzelheiten zu füllen. 

Wie diese begrenzte Übersicht deutlich macht, hat die Subpriorin zweifelsohne eine etwas nebulöse und oft unscheinbare Rolle im Kloster. (Zusätzlich sind oft andere Rollen der Subpriorin zugewiesen wie beispielsweise die der Ausbildungsleiterin, der Leiterin der Krankenabteilung, der Hausverwalterin usw., aber diese gehören nicht spezifisch zur Rolle der Subpriorin an sich.) Benedikt gibt den Eigenschaften und dem Dienst anderer monastischer Führungsgestalten einen beachtenswerten Raum, wie zum Beispiel dem Cellerar, dem Pförtner, dem Gastmeister, dem Novizenmeister. Aber für den „Zweiten“ in der Gemeinschaft – so gut wie nichts. Und was sich da in Kapitel 65 der Regel findet, sind Warnungen über die Gefahr dieser Position, nichts was eine Subpriorin oder eine Gemeinschaft inspirieren könnte. 

Wenn wir uns das Kapitel 65 näher anschauen, sehen wir, daß Benedikt sich mit dem Amt des Priors nicht wohlgefühlt hat. Offensichtlich hatte er sehr ungute Erfahrungen mit einem Prior, der Probleme verursacht hatte, einem Prior, der sich selbst als zweiten Abt verstand, der nach Macht griff und die Gemeinschaft zu Parteiungen anstiftete, bis die Gemeinschaft nach und nach dabei war, sich selbst zu zerstören durch Feindschaften, Streitereien, Verleumdung, Rivalität und Uneinigkeiten.[9] Er scheint schließlich nur zögerlich einen „Zweiten“ als Notwendigkeit auf Verlangen der Gemeinschaft vorgesehen zu haben. 

So gibt Benedikt in Kapitel 65 nur drei einfache Anweisungen für den Helfer des Oberen: respektvoll auszuführen, was der Obere vorgibt; nichts gegen die Wünsche oder Anordnungen des Obern zu tun; sich an das zu halten, was die Regel uns befiehlt. All das ist zusammengefaßt in dem Satz: „Zur Bewahrung des Friedens und der Liebe halten wir es darum für das Beste, wenn der Abt / die Priorin alle Entscheidungen hinsichtlich der Ämter des Klosters trifft“ (RB 65,11)[10] Weil dieser Satz das Schlüsselthema dieses Kapitels ist, kann er wohl gut als Leitthema für jede Subpriorin dienen: „Wie kann ich der Priorin am besten bei der Bewahrung des Friedens und der Liebe in meinem Kloster helfen?“ 

Der Mangel an weiteren genaueren Angaben zur Rolle der Subpriorin mag nun Kopfzerbrechen bereiten oder frustrieren, besonders wenn jemand sich in dieser mehrdeutigen Position befindet. Aber ein Zugang zum Wert dieser Verschwommenheit und Unschärfe läßt sich finden, wenn man einen Vergleich aus Wissenschaft und Technik hinzunimmt. In Anwendung neuer Technologien entwickeln Wissenschaftler Maschinen, die zu denken scheinen und sich verschiedenen menschlichen Verhaltensweisen anpassen: zum Beispiel eine Kamera, die das Zittern einer Hand ausgleichen kann, oder eine Waschmaschine, die die Menge der schmutzigen Wäsche fühlt und dann entsprechend Wassertemperatur, Waschmittelzugabe und Laufzeit bestimmt, oder ein Staubsauger, der die Art des Teppichs und die Schmutzmenge einschätzen und sich dem anpassen kann, oder das Getriebe eines Autos, das die schlechten Angewohnheiten des Fahrers ausgleichen und ruckartiges Gasgeben abmildern kann. 

All diese Anpassungen sind möglich aufgrund einer neuen Entwicklung, die man „fuzzy logic“ oder „fuzzy thinking“ nennt, und die dem Computer erlaubt, durch Erfahrung zu lernen.[11] Diese recht neue Logik und Technologie basiert auf dem Konzept der „Unschärfe“, in dem behauptet wird, daß die Natur sich nicht in klaren Grenzen bewegt, d. h. nicht in der einfachen Wirklichkeit von „ja“ oder „nein“, „schwarz“ oder „weiß“, „an“ oder „aus“, „heiß“ oder „kalt“. Die Natur imitierend geht es in der Fuzzy Technologie entspannter und unbestimmter zu. Sie ist in der Lage, Tatsachen zu lesen und sich ihnen entsprechend anzupassen, indem sie verschiedene Grade von Wirklichkeit annimmt. Fuzzy Logik, die in Fuzzy Technologie übertragen wird, ist imstande das Leben für die menschliche Gemeinschaft besser zu ordnen. Könnte darin nicht eine Einsicht liegen für die Rolle der Subpriorin: ein „fuzzy“ Dienst zur Bewahrung des Friedens und der Liebe im Kloster, wobei die Unschärfe darauf hinausläuft, das Leben im Kloster zu verbessern! 

Es scheint, daß die Subpriorin es nicht nur mit einer unscharfen Arbeitsplatzbeschreibung zu tun hat – d. h. mit unscharfen Grenzen – sondern sie auch erfahren sein sollte in „fuzzy thinking“, in der unscharfen Logik. Eine Subpriorin muß sich ihrer Priorin anpassen, ihre guten und schlechten Gewohnheiten wahrnehmen, ihre Stärken und ihre Schwächen, ihre Vorlieben und ihre Bedürftigkeiten und dann, das ist das Wichtigste dabei, sich so darauf einstellen, wie es der Bewahrung von Frieden und Liebe in der Gemeinschaft angemessen ist. 

Dieses Unscharfe wird täglich sichtbar. Es mag sein, daß die Subpriorin an einem Tag all ihre gut organisierten Pläne fallen lassen muß, um mit der Priorin zu einer Beerdigung zu gehen, an einem andern Tag mag es nötig sein, daß sie dem beladenen Herzen der Priorin ihr Mitgefühl anbietet oder ihren Wünschen zuhört oder ihr bei einer Entscheidung hilft. Es mag sein, daß sie gefragt wird, die Priorin bei einer Diözesanversammlung zu vertreten oder eine Schlichterrolle zu übernehmen für eine Schwester, die das braucht. All diese Unschärfe kann möglicherweise einen Menschen frustrieren, der eine klare Arbeitsbeschreibung braucht, mit definierten Grenzen, Zeiträumen, Strukturen und Schwarz-Weiß-Leitlinien. Eine Subpriorin muß ganz und gar anpassungsfähig sein mit Blick auf die Wünsche und Notwendigkeiten der Priorin, und sie muß sich wohlfühlen mit dieser Unschärfe. 

Wenn wir uns von der Technik der Spiritualität zuwenden, gibt es da ein schriftliches Rollenbeispiel, wie man der Priorin zur Seite stehen sollte? In Bezug auf die Dekane des Klosters, die dem Oberen auch zur Seite stehen, gibt es in Kapitel 21 der Regel Benedikts eine Anspielung auf Mose, der Beauftragte ernannte über 1000, 100, 50 und 10 (Ex 18, 13-17; Dtn 1, 9-18). Der Ausdruck „gewählt aufgrund ihres guten Rufes“ ist eine Bezugnahme auf die Einsetzung der Diakone in der Apostelgeschichte (6,3). 

Es scheint aber für Frauen wichtig, weibliche Beispiele für dies Rolle in der Heiligen Schrift zu finden. Das ist eine Herausforderung, weil es nicht viele Frauen gibt, die uns in Leitungspositionen vor Augen gestellt werden, und natürlich dann noch weniger Frauen mit einer Gehilfin. Man könnte da Judith mit ihrer Magd als solche benennen, bis man sich daran erinnert, daß Judith, nachdem sie dem Feind ihres Volkes den Kopf abgeschlagen hat, diesen abgeschlagenen Kopf ihrer Gehilfin gibt, die ihn in der Tasche nach Hause tragen soll. Vielleicht müssen Subpriorinnen manches aufnehmen nach einer vereinzelt vorkommenden und unerfreulichen Enthauptung, aber das scheint kein besonders inspirierendes Modell für die allgemein üblichen Zeiten zu sein. 

Ein geeigneteres Modell aus der Heiligen Schrift ist Martha von Bethanien. Über Marthas Leben kann eine Subpriorin in zweierlei Hinsicht nachsinnen. Zum einen kann sie Martha sehen als Vorbild für ihre persönliche Beziehung zu Jesus, dem lebendigen Christus. Zum anderen kann sie darauf schauen, wie Marthas Beziehung zu Jesus ein Modell für die Beziehung der Subpriorin zur Priorin ist, die in der Gemeinschaft die Stelle Christi vertritt. 

In den Evangelien kommt Martha in drei Geschichten vor. Im Lukasevangelium (10, 38-42) heißt Martha Jesus in ihrem Haus willkommen. Jesus in ihrem Haus willkommen zu heißen, das bedeutet auch, ihn in ihrem eigenen Zentrum, ihrem Herzen, in ihrem wirklichen Leben willkommen zu heißen. Martha ist eine Frau der Gastfreundschaft und Großzügigkeit, deren Tür offen steht, um Jesus jederzeit zu empfangen. Da ist keine Verabredung nötig, denn ihr Haus ist auch sein Haus. Bei dem Ereignis, von dem Lukas berichtet, ist Martha mit Diensten beschäftigt und ganz in Anspruch genommen von den vielen kleinen Dingen der Gastfreundschaft. Das griechische Wort, das für Marthas Dienst gebraucht wird heißt „diakonian“. Martha ist also eigentlich damit beschäftigt einen diakonalen Dienst zu tun. Zur Zeit des Lukas, war „Diakon“ nicht nur ein Wort für Dienen, sondern man begann bereits, es zu verwenden für den Dienst in der Kirche (Apg 6,1-6). Marthas Dienst mag aussehen wie ein alltäglicher Tischdienst, aber er ist mehr. Es ist ein Dienst an der Gemeinschaft.[12] Die Diakone zur Zeit des Lukas taten nicht allein Dienst am eucharistischen Tisch, sie predigten und evangelisierten auch. Martha ist für ihre Gemeinschaft eine Diakonin. 

Hat die Subpriorin nicht zu tun, was Martha tut: gastfreundlich zu sein, Tischdienst zu tun, zu unterweisen, zu evangelisieren (mehr durch Taten als durch Worte)? Ist das nicht Ihres: Jesus wie auch alle anderen immer willkommen zu heißen? Ihre Tür ist immer offen für die Priorin, die Schwestern, Besucher und Fremde, damit diese eintreten können in das Kloster, in ihr Büro, in ihr Herz, in ihr Mitgefühl, in ihr Gebet. 

Allerdings kann dieser Dienst sehr schwer und herausfordernd werden mit den Telefonanrufen, der Schreibarbeit, den nie endenden Terminen, den Schwestern, die hereinkommen, kranken Schwestern, die zu trösten sind, den Besuchen, die im Krankenhaus zu machen sind, den Einsätzen bei Unvorhersehbarem in der Küche, in der Infirmerie, im Gästebereich. Wie Martha kann eine Subpriorin so sehr in diese Dienste für die Gemeinschaft verwickelt werden, daß sie sich keine Zeit nimmt für das eine wirklich Notwendige – jeden Tag zu den Füßen Jesu zu sitzen. 

Vielleicht braucht es die Subpriorin, gelegentlich daran erinnert zu werden, daß sie hinhören soll auf Gott, der zu ihrem Herzen spricht, und sich jeden Tag Zeit nehmen soll für die Lectio, um Jesus zu hören, der zärtlich ihren Namen ruft, damit er ihr sagen kann, „daß nur Eines notwendig ist“ – heilig zu werden. 

Mitten in so vielen Anfragen und Notwendigkeiten in der Gemeinschaft hat die Subpriorin aber auch offen zu bleiben für die Ansicht der Priorin zu dem, was „das eine Notwendige“ sei für sie in dem, was sie in der Gemeinschaft zu tun hat. Ganz leicht kann eine Subpriorin  voll beschäftigt sein mit vielen Dingen, die sie meint zu tun zu haben, aber es ist Sache der Priorin die Prioritäten festzulegen für den Amtsbereich der Subpriorin. 

Im Evangelium des Johannes (11, 1-44) wird uns ein anderer Aspekt von Marthas Beziehung zu Jesus gezeigt. Johannes sagt, daß Jesus Martha, Maria und Lazarus sehr liebte. Martha vertraut auf diese familiäre Beziehung, die enge Freundschaft mit Jesus. Darum übernimmt sie die Initiative und ruft Jesus, als ihr Bruder Lazarus im Sterben liegt. Sie hält es nicht für sicher, daß Jesus weiß, wie es ihrem Bruder geht. Als Jesus schließlich in Bethanien ankommt, geht Martha hinaus, um ihn zu treffen. Sie ist nicht nur passiv, wartet nicht nur darauf, daß er an ihrer Tür ankommt. Obwohl Jesus ihr „Oberer“ ist, geht sie ehrlich und bestimmt mit ihm um, fordert ihn auch heraus, sagt ihm, was nottut, und wagt es durchaus, ihn zu fragen, warum er nicht gekommen sei, als sie nach ihm rief. Aus ihrer Einsicht heraus hat sie den Mut, seine Entscheidung und sein Verhalten anzufragen. Wie Jesus wird Martha ein Anwalt der Sprachlosen, der Stillen, der Unsichtbaren, derer, die lautlos in einem Grab liegen. 

Martha kann das tun, weil sie Vertrauen zu Jesus hat. Sie glaubt an die Auferstehung, glaubt, daß aus dem Sterben Leben werden kann, und wegen ihres Vertrauens empfängt sie von Jesus eine Offenbarung: „Ich bin die Auferstehung und das Leben.“ Dann fragt Jesus sie: „Glaubst du das?“ „Ja, Herr. Du bist der Messias, der Sohn Gottes.“ Sie legt ein ebenso tiefgründiges Glaubensbekenntnis ab, wie es im Matthäusevangelium Petrus ablegt. 

Martha behält diese tiefe Beziehung zu Jesus nicht nur für sich allein. Sie möchte sie teilen. Sie geht zu ihrer Schwester Maria und ruft sie, zu Jesus zu kommen, sich von Jesus trösten zu lassen, auch an die Auferstehung zu glauben. 

Aber bald zeigt sich, daß Marthas Glauben an die Auferstehung noch nicht vollkommen ist, denn sie zweifelt daran, daß Lazarus nach vier Tagen im Grab noch aus dem Tod auferweckt werden kann. Als Martha da beim Grab steht, sieht sie nur Tod. Sie bleibt eingeschlossen im normalen Ablauf der Dinge. Sie will den Stein an seiner Stelle vor dem Grabeingang liegen lassen, weil der Stein ihres eigenen Zweifel zu schwer zu bewegen ist. Sie vergißt die Möglichkeiten der Wunder, daß Dinge nicht so kommen müssen, wie zu erwarten wäre. Aber Jesus überwindet ihre Zweifel und bringt Leben aus dem Tod, als er Lazarus aus dem Grab herausruft. 

Wie Martha weiß eine Subpriorin, daß sie nach der Gegenwart Jesu rufen muß. Sie weiß, wann sie nichts mehr tun und nur noch Gott den Tod in Leben wandeln kann. Sie übernimmt die Initiative, Jesus in die Situation eines Sterbens hineinzubringen – das Sterben einer Beziehung, das Sterben einer Lebenskraft, das Sterben einer Berufung, das Sterben einer Gemeinschaft. Sie weiß auch, wann sie die Priorin zu rufen und ihr Informationen weiterzugeben hat. Sie hält es nicht für sicher, daß die Priorin alles weiß, alle Einsichten oder den ganzen Überblick hat. Aus ihrem Mut heraus, informiert sie die Priorin, fordert sie heraus und fragt sie sogar an – aber nur im Vertraulichen. Und nachdem sie ihre Weisheit mitgeteilt hat, akzeptiert sie die Entscheidung der Priorin und unterstützt diese ganz und gar in der Öffentlichkeit. 

Eine Subpriorin glaubt an die Auferstehung. Ihr Glaube mag schwanken, aber sie glaubt. Sie muß sich so verhalten, um zu überleben. „Ja, Herr, ich glaube, du bist der Messias, ich bin nicht die Retterin dieser Gemeinschaft, dieser Schwester. Ich kann weder die Welt erlösen, noch meine Gemeinschaft, nicht einmal meine Priorin. Du bist der Messias.“ 

Wie Martha ruft eine Subpriorin ihre Schwestern, herauszukommen und Jesus zu begegnen, die Szenerie von Tod, Klagen und Weinen zu verlassen. Sie ist nicht bange, sie zum Beten zu rufen, ihnen vertraulich zuzuflüstern: „Der Lehrer fragt nach dir.“ Sie zögert auch nicht, mit ihnen zu beten, sich mit ihnen Jesus zu Füßen zu setzen, mit ihnen zu weinen. Sie weiß, daß manchmal das einzige, was man für einen Menschen tun kann, der solche Trauer erfährt, ist, ihn zu Jesus zu bringen, um zu weinen, so daß Jesus mit ihm weinen kann. 

Weil die Subpriorin ihren Glauben manchmal als schwachen Glauben erfährt, braucht sie die anderen. Sie braucht die Priorin, die Schwestern, ihre Freunde, um den Stein für sie wegzurollen, damit das Leben herauskommen kann. Manche Steine sind zu schwer, als daß man sie alleine bewegen kann, Steine des Ärgers, des Grolls, der Müdigkeit, der Hilflosigkeit. Weil sie sich nicht um ihr Ansehen sondern um das Leben kümmert, bedarf sie nicht des Ruhmes, all die Steine in der Gemeinschaft allein bewegen zu können. 

Im Johannesevangelium (12, 1-7) findet sich Martha bei Jesus zu Beginn seiner Passion. Wieder ist sie dabei Tischdienst zu tun, Diakonin zu sein,[13] eine Rolle in der sie sich wohlfühlt, weil sie weiß, es ist die Rolle Jesu, der deutlich gemacht hat, daß er gekommen ist, „nicht um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen.“ 

Als Martha bei dem Mahl bedient, steht sie im Hintergrund, ist sie nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit, und trotzdem ist ihr Dienst wesentlich. Während sie bedient, sieht sie ihre Schwester Maria hineinkommen, um Jesus zu salben, um ihn als Messias zu salben, um ihn in Vorwegnahme seines Todes und seines Begräbnisses zu salben und für diese eine Salbung einen außergewöhnlichen Teil ihrer finanziellen Mittel zu verschwenden.[14] Während die anderen nach Luft schnappen wegen Marias unorthodoxen Benehmens und sie wegen der Verschwendung verurteilen, korrigiert Martha ihre Schwester nicht. Martha nimmt wahr, daß nicht sie diejenige ist, die Jesus salbt, dazu ist nicht sie gerufen. Aber sie glaubt an die Gnade, die ihrer Schwester gegeben ist, und sie ermutigt sie. Sie freut sich daran, daß Jesus ihre Schwester mit dieser Einsicht und dem Mut, ihren Glauben zu bekennen, begünstigt. 

Die Subpriorin dient, weil sie weiß, daß Jesus kam um zu dienen. Sie dient bei Festmählern, wie an ihrem Schreibtisch, wie auch am Bett einer sterbenden Schwester. Sie dient durch Mitgefühl, Liebe, Freundlichkeit, Zärtlichkeit, Stärke, Ehrlichkeit, Herausforderungen. Sie sieht die Bedürftigkeiten der Priorin wie der Gemeinschaft und antwortet darauf großzügig mit ihren Gaben ohne groß auf den Status der Aufgaben zu achten. Sie unterstützt auch ihre Schwester Maria, die theologische Einsichten hat, die auf ungewöhnliche Weise dient, an deren außergewöhnlicher Weise zu dienen, die eben anders ist, andere Anstoß nehmen. Sie kann andere ehren und respektieren, weil sie sich selbst wertschätzt, weil sie weiß, daß sie von Jesus geliebt wird. 

Martha: eine glaubensvolle Frau, Diakonin, Dienerin, Freundin Jesu, eine Frau, die Jesus darin beisteht, seinen Dienst zu tun. Subpriorin: eine glaubensvolle Frau, Diakonin, Dienerin, Freundin Jesu, eine Frau, die ihrer Priorin beisteht bei „der Bewahrung des Friedens und der Liebe“ im Kloster.


[1] Geb. 1936, Benediktinerin in Sacred Heart Monastery, Richardton, ND 58652 / USA. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Johanna Domek OSB, Köln.

[2] Erstveröffentlicht in: Benedictines, Vol 50/1, 1997, S. 34-42.

[3] Sr. Ruth spricht aus dem Kontext einer monastischen Gemeinschaft, deren Leitung eine Priorin ist. Im Kontext einer Abtei geht es dort also immer um die Rolle der Priorin (Anm. der Übers.).

[4] Terrence Kardong OSB, Benedict’s Rule: A Translation and Commentary, Collegeville, MN: The Liturgical Press, 1966.

[5] Joan D. Chittister OSB, The Rule of Benedict – Insight for the Ages. The Crossroad Publishing Company, New York / USA, 1992.

[6] Ich habe nur das Material durchgesehen, das ich in den Archiven des Sacred Heart Monasterys in Richardton gefunden habe. Dieses Thema wäre wert auf einer breiteren Ebene aus der Perspektive der weiblichen monastischen Geschichte historisch erforscht zu werden.

[7] Manual of Regulations, 1936.

[8] Bei den hier eingesehenen Konstitutionen handelt es sich um die der Föderation von St. Benedikt, der Föderation von St. Gertrud, der Föderation von St. Scholastika, die Kongregation der Benediktinerinnen von der Ewigen Anbetung und die Kongregation der Missionsbenediktinerinnen von Tutzing.

[9] Siehe dazu: Terrence Kardong a.a.O.

[10] So die wörtliche Übersetzung des Amerikanischen Textes. In den deutschen Regelausgaben heißt es an dieser Stelle: „Wir halten es deshalb zur Sicherung des Friedens und die Liebe für besser, daß der Abt die Ämter in seinem Kloster nach freiem Ermessen besetzt.“ (RB 65,11).

[11] Meine erste Einführung in „fuzzy thinking“ erhielt ich durch einen Artikel von Suzanne Long im United Airlines Magazin Hemispheres: Fuzzy Logic in Focus, Dezember 1994, S. 101-104. Er machte mich auf das folgende Buch aufmerksam: Bart Kosko: Fuzzy Thinking: the New Science of Fuzzy Logic, New York, 1993. Deutsche Ausgabe: Bart Kosko, Die Zukunft ist fuzzy. Unscharfe Logik verändert die Welt. München 1999.

[12] Jane Schaber, “Luke” in: The Women’s Bible Commentary. Herausgegeben von Carol Newsom und Sharon Ringe. Louisville: Westminster / John Knoy Press, 1992. S. 287. Siehe auch: Robert Karris, Das Evangelium nach Lukas. In: The New Jerome Biblical Commentary. Herg. Raymond Brown u.a., Englewood Cliffs, Prentice Hall, 1990, S. 702.

[13] Raymond Brwon, The Community of the Beloved Disciple. New York, Paulist, 1979, s. 187.

[14] Gail R. O’Day, John. The Women’s Bible Commentary. S. 299. Dieses Werk wurde bei einem Workshop für Benediktinische Oberinnen vorsgestellt: Life and Roles: Keeping your Balance“, im Beech Grove Benedictine Center, Beech Grove, IN, 14.-17. Januar 1995.