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Gesund
bleiben – gesund werden. Salutogenese im Kloster
Infirmarentagung in Gerleve: 17. bis 20. November 2003
A.
Infirmarentagung in Gerleve
Vom 17.
bis 20. November 2003 fand im Gästehaus Ludgerirast der Abtei Gerleve die 4.
Infirmarentagung der Beuroner Kongregation statt. Den Mönchen der Abtei Gerleve
sei an dieser Stelle ausdrücklich gedankt für die herzliche und großzügige
Gastfreundschaft. Sie trug nicht unwesentlich zu der warmen,
schwesterlich-brüderlichen Tagungsatmosphäre bei.
In seinem Begrüßungswort, das Abt Pius Engelbert an die 14
Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Tagung richtete, lenkte er seinen Blick auf
das 36. Kapitel der Regel Benedikts und sprach von den Eigenschaften timens
deum – diligens – sollicitus (RB 36,7), die Benedikt vom Infirmar (servitor)
verlangt. Abt Pius hob auf die Wichtigkeit der ganzheitlichen und spirituellen
Dimension infirmarischen Dienens ab, neben aller Bedeutsamkeit medizinischer und
pflegerischer Fähigkeiten. Die von ihm angesprochenen infirmarischen
Kompetenzen spiegelte die Wahl der Tagungsthemen wider.
Die Themenfelder waren:
1. Gesund bleiben – gesund werden. Salutogenese im Kloster (Referent: Prof.
Dr. theol. Christoph Jacobs, Paderborn).
2. Koronare Herzerkrankung – Angina pectoris – Myokardinfarkt: Diagnostik
– Therapie – Prävention (Referent: Dr. med. Frank-Michael Schweers,
Coesfeld).
3. Gesprächskreis: Für und Wider eines ambulanten Pflegedienstes im Kloster,
Verhinderungspflege und Kurzzeitpflege, u.a.
Im Folgenden soll auf das zentrale Thema der Tagung, die Salutogenese, genauer
eingegangen werden. Der Referent der Tagung, Herr Prof. Dr. Christoph Jacobs,
hat sich durch eine umfassende Darstellung eines pastoralpsychologischen Modells zur Salutogenese im Rahmen seiner
Dissertation
bei Prof. Dr. Isidor Baumgartner, Passau, als Experte auf diesem Gebiet
ausgewiesen. Ihm ist mit seiner Arbeit ein eindrucksvoller Brückenschlag
zwischen den Gesundheitswissenschaften (in denen das Salutogenese-Konzept
etabliert ist) und der Pastoralpsychologie gelungen.
Um einem
größeren Leserkreis das – aus meiner Sicht sehr interessante und für
klösterliche Gemeinschaften gewinnbringende – Konzept der Salutogenese zu
erschließen, soll das Modell in seinen Grundlinien kurz skizziert werden.
Grundlage dafür ist – unter Berücksichtigung der gemeinsamen Tagungsarbeit
– die eigene Beschäftigung und Auseinandersetzung mit der Salutogenese aus
medizinischer und benediktinischer Perspektive.
B. Das
Salutogenese-Konzept
1. Heilsgeschichtlicher
Kontext
Das Wort
„Salutogenese“ (Anm.: Der Begriff wurde von Aaron Antonovsky in die
fachwissenschaftliche Diskussion eingeführt) enthält das lateinische Wort salus,
welches im Deutschen sowohl Gesundheit meint, als auch das theologische Wort
Heil beinhaltet. Es bietet sich daher geradezu an, die Frage „Was macht
gesund?“ in einem ersten Gedankenschritt in den heilsgeschichtlichen Kontext
zu stellen und auf die Frage „Was macht heil?“ auszuweiten. Als Fundament
aller weiteren Überlegungen sei mit Chr. Jacobs
formuliert:
w
Der Mensch wird heil und gesund im Lebensraum des geschenkten Heils.
w
Heil bringt den positiven Sinn des rettenden Christusgeschehens zum Ausdruck.
(J.Ratzinger)
w Das Heil des Menschen ist Person: Jesus Christus!
w Im Glauben an Jesus Christus gewinnt der Mensch Ganzheit. Er wird mehr Mensch.
Sein Leben „glückt“. (G.Greshake)
w Das Heil ist weniger ein theologischer Fachbegriff, sondern ist vom Alltag des
Menschen her zu verstehen und eröffnet so den Zugang zum Zentrum des Glaubens.
Als
biblische Grundlagen verweist Chr. Jacobs u.a. auf folgende Stellen:
w
„Und Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut.“ (Gen 1)
w Verheißung des Shalom: „Heilsein der menschlichen Existenz in allen ihren
Möglichkeiten.“
w „Ich bin gekommen, daß sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ (Joh
10,10)
w Die Heilung eines Blinden. (Joh 9)
w Die Christusbegegnung von Maria Magdalena. (Joh 20)
Neben
einer biblischen Verankerung der Heilsperspektive ließe sich eine solche
natürlich gleichermaßen an der Regel Benedikts aufzeigen. Hingewiesen sei etwa
(stellvertretend für viele andere Stellen, die hier zu nennen wären) auf die
Sicht des Mönchslebens als Weg des Heils (Prol 48), auf die Bezeichnung des
Klosters in diesem Kontext als Schule für den Dienst des Herrn (Prol 45), worin
sich – wie auch in der Wegmetapher – der dynamische, prozeßhafte Charakter
sowie der Gemeinschaftsbezug von Heilsein bzw. Gesundsein ausdrückt. Zu nennen
wäre auch die Frage Benedikts am Beginn seiner Regel: „Wer ist der Mensch,
der das Leben liebt, und gute Tage zu sehen wünscht?“ (Prol 15). Erwähnt
werden könnte hier auch die Mahnung an den Abt, über das Heil der ihm
Anvertrauten nicht hinwegzusehen oder es gering zu schätzen und sich größere
Sorge zu machen um vergängliche, irdische und hinfällige Dinge (RB 2,33), oder
ganz allgemein die ausgesprochene Christozentrik der Regel Benedikts, die
Christus als eigentlichen „Autor“ der Regel ausweist (Chr. Schütz).
Man könnte die Regel geradezu als eine konkrete Anleitung zum Heilwerden bzw.
Gesundwerden lesen.
2. Von der Pathogenese zur
Salutogenese
Die
traditionelle, schulmedizinische Denkrichtung kann kurz gesagt als krankheits-
und defizitorientiert charakterisiert werden. Sie fragt nach den Ursachen von
Krankheiten und sucht nach Wegen der Therapie (pathogenetische Orientierung); sie entwickelt Strategien, wie
Krankheiten verhindert bzw. vorgebeugt werden können, oder wie sich
Komplikationen und Rezidive bei chronisch Kranken verhindern oder zumindest
eingrenzen lassen (Prävention).
Ohne die
Bedeutsamkeit der pathogenetischen Orientierung zu negieren (Krankheiten sind
nun mal nicht aus der Welt zu schaffen; somit bedarf es ihrer Erforschung, der
Prävention und Therapie), versteht sich die salutogenetische Perspektive als
ein Komplementärmodell dazu. Ihre Fragestellung lautet: Wie entsteht oder
erhält sich Gesundheit? Welche Faktoren fördern Gesundheit? An diesen Fragen
zeigt sich, daß die Salutogenese im Vergleich zu einer an Krankheit
orientierten Medizin einen Paradigmenwechsel eröffnet. Denn das
Salutogenese-Modell beschreibt Kräfte bzw. Talente, die dem einzelnen Menschen
helfen, Gesundheit zu entwickeln. Es versteht Gesundheit als eine Fähigkeit,
kreativ mit sich und seiner Umwelt umzugehen. Diese neue Sicht vom Menschen und
seinen Möglichkeiten, an der eigenen Gesundheit mitzuwirken, geht auf Aaron
Antonovsky zurück.
3. Der Begründer des
Salutogenese-Modells: Aaron Antonovsky
Aaron
Antonovsky, der Begründer des Salutogenese-Modells, wurde 1923
in Brooklyn/USA geboren. Er studierte an der Yale-Universität
Soziologie. Sein wissenschaftliches Interesse galt zeitlebens der
Streßforschung. 1960 wanderte er nach Israel aus, wo er seine Studien
verstärkt auf dem Gebiet der Medizinsoziologie fortsetzte. Im Rahmen einer
soziologisch-sozialpsychiatrischen Studie, welche die Frage nach der Anpassung
von Frauen an die Menopause untersuchte, stieß A. Antonovsky auf ein
interessantes Phänomen: Bei einer Gruppe von Frauen, die einen
Konzentrationslageraufenthalt überlebt hatten, waren 29% trotz des hinter ihnen
liegenden Lageraufenthalts bei relativ guter psychischer Gesundheit. Dieses
Ergebnis veranlaßte A. Antonovsky, sich mit der Frage zu beschäftigen, woher
diese Frauen die Kräfte genommen hatten, trotz dieser extremen
psychisch-physischen Belastungen gesund zu bleiben; oder im Kontext des
Salutogenese-Modells formuliert: Welches sind die Bedingungen von Gesundheit
überhaupt? Diese Frage war für A. Antonovsky – der stark von seinem tiefen
jüdischen Glauben geprägt war – ganzheitlich gestellt als Frage nach dem
Heil des Menschen.
4.
Grundlinien salutogenetischer Orientierung
Die Salutogenese geht von der systemtheoretischen Überlegung aus, daß
Gesundheit ein labiler Zustand ist, der aktiv erhalten werden muß. Gesundheit
entsteht demnach in der aktiven Auseinandersetzung des Einzelnen mit seiner
Umwelt. Sie ist ein komplexes, mehrdimensionales, ganzheitliches, dynamisches
und prozessuales Geschehen. Oder mit den Worten von V.v.Weizsäcker: „Die
Gesundheit des Menschen ist eben nicht ein Kapital, das man aufzehren kann,
sondern sie ist überhaupt nur dort vorhanden, wo sie in jedem Augenblick des
Lebens erzeugt wird. Wird sie nicht erzeugt, dann ist der Mensch bereits krank.“
(Gesundheit als Prozeß)
Die Salutogenese verwirft die für die pathogene Orientierung typische dichotome
Klassifizierung vom Menschen als gesund oder krank. Gesundheit und Krankheit
werden als zwei Endpunkte eines Kontinuums verstanden, zwischen denen sich
relatives Gesundsein oder Kranksein bewegt. Jeder Mensch ist aus dieser Sicht
teilweise krank und teilweise gesund. Salutogenese beschäftigt sich also mit
allen Menschen, die sich irgendwo auf dem Gesundheits-Krankheits-Kontinuum
bewegen, und nicht ausschließlich mit Kranken. Die ganze Person mit ihren
objektiven medizinischen Daten und ihrem subjektivem Befinden, mit ihrer
Lebensgeschichte, den ihr Leben bestimmenden Risikofaktoren und mit ihrem
sozialen Kontext steht im Focus des Interesses und nicht nur eine bestimmte
Krankheit. (Gesundheits-Krankheits-Kontinuum)
Die Salutogenese stellt in den Mittelpunkt ihrer Fragestellung die Faktoren,
auch „heilsame Ressourcen“ genannt, die einem Menschen die Bewegung hin auf
den gesunden Pol ermöglichen, bzw. die Einhaltung der aktuellen Position unter
widrigen Gegebenheiten ermöglichen. (Ressourcenorientierung)
Die Salutogenese kennt eine Vielzahl von Ressourcen. Sie sind Eigenschaften
einer Person und bzw. oder der Umwelt. Die Ressourcen lassen sich nicht nur für
einen einzelnen Menschen ausmachen, sondern auch für Gruppen (z.B. auch
Ordensgemeinschaften) oder gar eine Gesellschaft. Wichtige Ressourcendimensionen
sind:
w materielle Ressourcen (z.B. Geld, Wohnung)
w körperliche Ressourcen (genetische, konstitutionelle Kräfte)
w kognitive Ressourcen (z.B. Intelligenz, Wissen, Bildung)
w Psychische und psychosoziale Ressourcen (z.B. Ich-Identität, Ich-Stärke,
Bindung, Flexibilität, Rationalität, Weitsichtigkeit, Zusammenhalt,
Engagement, Hingabe, soziale Beziehungen)
w spirituelle Ressourcen (Jesus Christus als
d i e zentrale
Ressource christlichen bzw. benediktinischen Lebens!) (Ressourcendimensionen)
Die Salutogenese geht grundsätzlich von einer Welt aus, die voller Stressoren
ist. Stressoren werden nicht von vorneherein als pathogen gewertet, im
Gegenteil: Sie gelten als Herausforderungen, die – richtig verarbeitet –
gesundheitsfördernd wirken können. Im Mittelpunkt des Interesses stehen die
Ressourcen, die zu einer produktiven und kreativen Bewältigung von belastenden
oder widersprüchlichen Alltagssituationen führen und die Überführung von
Spannung in Streß verhindern. (Stressoren als
„Gesundheitserreger“)
5. Salutogenese im Horizont
heilsgeschichtlichen Denkens
Im Kontext
heilsgeschichtlicher Betrachtung bedeutet dies mit Chr. Jacobs folgendes:
Salutogenese gründet in der heilsamen Beziehung des Menschen zu Jesus Christus
und ihrer Entfaltung in menschlicher Gemeinschaft.
Salutogenese impliziert damit auch das Ja zum Leiden, Sterben und Auferstehen
mit Christus, die Sehnsucht nach dem ewigen Heil. Und das bedeutet auch:
Gesundheit ist nur e i n
Baustein von Heilsein. Sie ist nicht alles im Leben!
Salutogenese stellt die Dynamik des Heils in einem Kontinuummodell dar. Der
Einzelne befindet sich zwischen den beiden imaginären Polen vollkommenen
Scheiterns bzw. Gelingens.
Salutogenese stellt in den Mittelpunkt ihres Interesses Talente und Charismen
(vgl. Lk 19, 11-27) als von Gott geschenkte, Heil wirkende Instrumente.
6. „Die kranken Brüder“ (RB 36) aus salutogenetischer
Sicht
Ohne
den Anspruch auf Vollständigkeit erheben zu wollen, seien einige Gedanken
formuliert, die veranschaulichen sollen, wie RB 36 aus salutogenetischer Sicht
gelesen werden könnte:
Salutogenese hilft, die Kategorisierung in gesund und krank zu überwinden und
öffnet den Blick für eine ganzheitliche Menschensicht. Alle Glieder der
Gemeinschaft befinden sich – salutogenetisch gesehen – auf irgendeinem Punkt
des Gesundheits-Krankheits-Kontinuums und so gilt: Nicht nur die Sorge für die
Kranken, sondern die Sorge für jeden (egal, wo er sich auf dem Kontinuum
befindet) muß vor und über allem stehen. „Man soll ihnen so dienen, als
wären sie wirklich Christus“ (RB 36,1).
Aufgabe des Abtes, des Infirmars sowie aller Glieder der Gemeinschaft ist es,
wachsam zu sein für Signale, die auf Bewegungen in Richtung Krankheit deuten,
Maßnahmen zu ergreifen, den Prozeß hin zum Krankheitspol zu stoppen und die
Dynamik in Richtung Gesundheit in Gang zu halten. Dementsprechend gilt es, dem
Einzelnen zu helfen, seine Ressourcen wahrzunehmen und sie zu aktivieren, bzw.
ihm den Gebrauch zu ermöglichen. Hilfreiche Fragen könnten in diesem Kontext
sein: Wo liegen die Ursachen der Bewegung zum Krankheitspol? Welche
Gesundheitsfaktoren sind geschwächt oder nicht mehr vorhanden? Wer oder was hat
zu dieser Entwicklung beigetragen?
Salutogenese will den Kranken motivieren, sein Leben nicht aus der Krankheits-
und Defizitperspektive zu betrachten, d.h. sich und sein Leben in der
Gemeinschaft von den fehlenden bzw. geschwächten Ressourcen her zu definieren,
vielleicht gar unter Fixierung auf den mit der Erkrankung verbundenen
sekundären Krankheitsgewinn (Befreiung von bestimmten Observanzen bzw.
Gemeinschaftsarbeiten (z.B. Spüldienste, Putzarbeiten und andere körperliche
Arbeiten), gewisse Erleichterungen im Arbeitsbereich, reduzierte Arbeitszeiten,
u.a.). Kein Mensch ist nur krank bzw. nur gesund. A. Antonovksy sagt einmal:
„Wir sind alle sterblich. Ebenso sind wir alle, solange noch ein Hauch Leben
in uns ist, in einem gewissen Ausmaß gesund“.
Für jede Situation ist die Wahrheit des biblischen Satzes zu entdecken:
Christus ist gekommen, „damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“
(Joh 10,10)!
Aufgabe des Infirmars ist es, den „saluto-diagnostischen Blick“ einzuüben,
wozu ihm nicht zuletzt die Eigenschaften timens deum – diligens – sollicitus (RB 36,7) dienlich sind. Er
soll dem Kranken helfen, möglichst nicht in eine Haltung „übertriebener
Ansprüche“ (RB 36,4) zu verfallen und jede noch so geringe Entwicklung hin
auf den gesunden Pol unterstützen. Das klingt vielleicht leichter, als es im
konkreten Fall oftmals sein wird. Auch gilt es zu bedenken, daß manche
Erkrankungen eine salutogenetische Haltung vielleicht nur minimal oder
vorübergehend gar nicht möglich machen, da der Kranke nicht in der Lage ist,
Ressourcen zu aktivieren. Hier könnte dann im Mittelpunkt des
Infirmarendienstes das Mit-Leiden stehen.
Salutogenese fordert vom Einzelnen Eigenverantwortung und verlangt
Eigeninitiative. In Bezug auf die klösterliche Arbeit könnte dies z.B.
bedeuten: Bei der Ausführung der ihm aufgetragenen Arbeit ist der Einzelne in
der Lage, die Arbeit konzentriert, zügig und in entspannter Haltung zu
erledigen – und dies konstant und treu. Hohe Belastungen vermag er – ohne
gleich in Streß zu geraten – für sich positiv
umzudeuten. Arbeitsabläufe und -geräte
kann er derart nutzen, daß er gesund bleibt und sich nicht etwa durch
ein Fehlverhalten (z.B. Nicht-Einhalten einer Balance von An- und Entspannung)
auf den kranken Pol hin bewegt. Die eigene Wahrnehmung einer Verschiebung in
Richtung kranker Pol spielt in diesem Zusammenhang eine große Rolle. Ihre
Einübung kann durch die tägliche Gewissenserforschung gefördert werden. Wird
er mit Arbeiten konfrontiert, die ihm weniger liegen bzw. Freude machen (obprobria – RB 58,7), hat er auf dem Fundament seiner Berufung
Ressourcen parat, diese Arbeiten in einen geistlichen Kontext zu stellen und
ihnen von den übergeordneten Werten und Zielen seiner Gemeinschaft aus
Bedeutung abzugewinnen. So wird er den anfänglichen Spannungszustand nicht in
Streß, sondern in einen gesundheitsfördernden Prozeß umwandeln können.
Folgende Bemerkung des Psychologen M. Csikszentmihalyi mag als Kommentar dienen:
„Selbst die banalste und anspruchloseste Beschäftigung kann unsere
Lebensqualität steigern, anstatt sie zu schmälern, wenn man an sie ohne allzu
viele kulturell geprägte Vorurteile herangeht und sich entschließt, sie so zu
gestalten, daß sie für uns persönlich einen Sinn ergibt“.
Wird
allerdings der Einzelne mit Aufträgen konfrontiert, die ihn trotz Aktivierung
aller Ressourcen nach seinem Eindruck überfordern und eine Bewegung in Richtung
auf den kranken Pol auslösen, so ist er – aus der Verantwortung für sich und
die Gemeinschaft heraus – verpflichtet, seine Situation in angemessener Weise
dem Abt vorzulegen (RB 68).
Salutogenese fordert auf, sich ganz einzubringen, alle Ressourcen
auszuschöpfen. Forschungen haben ergeben, daß sich gesunde Menschen gerade
dadurch auszeichnen, daß sie sich ganz hingeben und ihre Ressourcen nicht
schonen. In der Hingabe liegt somit – darauf weist der
Psychologe M. Csikszentmihalyi hin – ein wesentlicher Schlüssel zum
Glücklichsein: „So merkwürdig es klingen mag: In dem Moment, wenn
egoistisches Vergnügen und persönlicher Erfolg nicht mehr die wichtigsten
Ziele sind, wird das Leben heiter und erfreulich. Wenn sich das Selbst in einem
transzendenten Ziel verliert – sei es, um ein wundervolles Gedicht zu
schreiben, um ein schönes Möbelstück zu bauen oder um Kinder glücklicher zu
machen –, wird es nahezu unverwundbar gegenüber den Ängsten und
Rückschlägen des normalen Lebens“.
Aus christlicher Sicht hört man hier unweigerlich das Jesus-Wort heraus: „Wer
sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen
und um des Evangeliums willen verliert, wird es retten“ (Mt 8,35).
Salutogenetisch gesehen genügt es nicht, ärztliche Therapien zu befolgen,
vielleicht auch noch bestimmte Risikofaktoren zu vermeiden. Eine
salutogenetische Haltung verlangt mehr: U.a. das Vertrautwerden und den
achtsamen Umgang mit den persönlichen Ressourcen, das Ausbalancieren dieser
Kräfte, die gezielte Einübung des positiven Umgangs mit Belastungen, die
Formulierung klarer persönlicher Ziele, die Übernahme der Verantwortung für
die eigenen Handlungen, den bewußten
Umgang mit den eigenen Gedanken und Gefühlen, bzw. ihre Ausrichtung auf
Christus (RB 4,50). Dazu gehört weiter die Wahrnehmung des Körpers, die
Realisierung von Spannungszuständen, das rechtzeitige Wahrnehmen von Anzeichen
einer Überlastung, und die Entwicklung persönlicher Strategien zur
Entspannung.
Salutogenese macht auch deutlich, wie wichtig für eine gesunde Entwicklung bzw.
für Gesundwerden die äußere Einbindung ist (im Gegensatz zur heutigen
Single-Gesellschaft und Einzelkämpfer- bzw. Konkurrenzmentalität). Die
lebendige Teilnahme und –habe am Gemeinschaftsleben wird als eine wichtige
Voraussetzung für Gesundsein dargestellt. Die Aufgabe der Verantwortlichen,
nicht zuletzt des Infirmars, besteht also auch darin, mit dem Kranken den Weg
zurück in die Gemeinschaft zu gehen, seine gemeinschaftsbezogenen Ressourcen zu
stärken, bzw. dafür Sorge zu tragen, daß insbesondere die chronisch Kranken
oder auch die Alten nicht am Rande der Gemeinschaft stehen (RB 4,16). Die
Qualität einer Gemeinschaft wird sich besonders an diesem Punkt ablesen lassen.
Salutogenese betont die Wichtigkeit der Bereitstellung externer Ressourcen.
Nicht nur der Einzelne trägt Verantwortung für seine Gesundheit, vielmehr ist
Gesundheit auch eine Gemeinschafts-Aufgabe. Im Kontext von RB 36 werden an
äußeren Ressourcen konkret genannt: entsprechende räumliche Gegebenheiten (RB
36,7); eine gesunde Ernährung bzw. Diät (RB 36,9; 37,2); Anwendungen (RB
36,8); Berücksichtigung des individuell hilfreichen Zeitrhythmus bei den
Mahlzeiten (RB 37,3); eine Arbeit, welche die Balance zwischen Anforderung und
Ressourcen gewährleistet (RB 48,24); Rücksichtnahme auf die verschiedenen
Bedürfnisse bzw. Ressourcen ohne Ansehen der Person (RB 34,2). Nicht zuletzt
sind als zentrale externe Ressourcen der Abt bzw. die geistlichen Vätern zu
nennen, die es verstehen, „eigene und fremde Wunden zu heilen, ohne sie
aufzudecken und bekannt zu machen“ (RB 46,6).
7. Das Kohärenzgefühl
Das allen
Widerstandsressourcen Gemeinsame ist – so das Forschungsergebnis von A.
Antonovsky –, daß sie Sinn erfahren lassen: einen Sinn für das Verstehen und
Gestalten des Lebens sowie für das Engagement im Leben. A. Antonovsky
formulierte aus diesen Erkenntnissen heraus als theoretisches Konstrukt den
sogenannten Kohärenzsinn („sense of coherence“ – SOC), auch
Kohärenzgefühl oder Gefühl der Verankerung genannt. Der Kohärenzsinn
beschreibt eine subjektive Grundeinstellung, die zum Ausdruck bringt, wie
eine Person – auf der Basis von Zuversicht und Vertrauen in die Welt und das
eigene Leben in ihr – Stressoren aller Art antizipiert und bewertet.
„Gemeint ist eine Art Sinn für den Zusammenhalt der Welt und des Lebens, ein
Verankertsein in der Tiefenstruktur des Lebendigen oder auch ein Verankertsein
in dem guten Willen Gottes (»
religio) oder des Schicksals“.
Der Kohärenzsinn ist das Herzstück der Salutogenese, wie auch – so Chr.
Jacobs – das Herzstück der Heilwerdung des Menschen.
A.
Antonovsky definiert den Kohärenzsinn folgendermaßen: „Das SOC
(Kohärenzgefühl) ist eine globale Orientierung, die ausdrückt, in welchem
Ausmaß man ein durchdringendes, andauerndes und dennoch dynamisches Gefühl des
Vertrauens hat, daß
1. die
Stimuli, die sich im Verlauf des Lebens aus der inneren und äußeren Umgebung
ergeben, strukturiert, vorhersehbar und erklärbar sind;
2. einem
die Ressourcen zur Verfügung stehen, um den Anforderungen, die diese Stimuli
stellen, zu begegnen;
3. diese
Anforderungen Herausforderungen sind, die Anstrengung und Engagement lohnen“.
Analog zu
diesen drei Elementen des Kohärenzgefühls lassen sich auch die Ressourcen drei
Kategorien zuordnen:
Sinnressourcen
„Sie
stärken das Vertrauen in die Verständlichkeit der Lebenserfahrungen. Sie
ermöglichen es, die Erfahrungen des Lebens sinnvoll zu interpretieren. Sie
machen das Leben strukturiert, vorhersagbar und erklärbar“.
Probleme und Belastungen können in einem größeren Zusammenhang gesehen
werden. Unvorhergesehene Ereignisse lösen nicht gleich „Chaos- oder
Weltuntergangsstimmung“ aus. Der Gebrauch dieser Ressourcen führt zur Verstehbarkeit der Umwelt (= kognitive Komponente des
Kohärenzsinns). Klärungsfragen: Was/wer macht mir mein Leben sinnvoll,
verständlich? Was sind meine wesentlichen Grundsätze für mein Leben? Wie
konkretisiert sich dies im Alltag des Leben?
Gestaltungsressourcen
„Sie
führen zum Vertrauen, daß eine Vielzahl von Möglichkeiten (in den eigenen
Händen oder denen vertrauter Personen) zur Verfügung steht, um handeln und die
realen Anforderungen meistern zu können“.
Sie helfen, daß man sich nicht in die Opferrolle gedrängt, oder vom Leben
ungerecht behandelt fühlt. Dieses Vertrauen begründet den Sinn von Gestaltbarkeit
(= instrumentelle Komponente des Kohärenzsinns). Klärungsfragen: Woher nehme
ich meine Kraft? Was sind meine Stärken? Wer hilft mir?
Motivationsressourcen
„Sie
führen zu der Überzeugung, daß Anforderungen Herausforderungen darstellen und
zu dem Willen, diese zu bewältigen, zur Motivation, sich zu engagieren und
anzustrengen“.
Diese Überzeugung führt zum Erleben von Bedeutsamkeit
(= emotionale Komponente des Kohärenzsinns). Klärungsfragen: Was/ wer
motiviert mich? Wofür möchte ich mich engagieren? Warum lohnt sich (wer lohnt
mir) mein Engagement? Was fordert mich (heraus)?
Diese drei
Komponenten (Verstehbarkeit, Gestaltbarkeit, Bedeutsamkeit) machen in ihrem
Zusammenspiel den Kohärenzsinn aus, wobei der Bedeutsamkeit das größte
Gewicht zukommt. Sie sind Quelle von Gesundheit bzw. von gelingendem Leben. Der
Kohärenzsinn entwickelt sich im Lauf des Lebens. Auch hier kann von einem
Kontinuumkonzept ausgegangen werden: Die meisten Menschen werden sich irgendwo
im mittleren Bereich bewegen. Für eine Person mit einem hohen SOC-Wert wäre
nach dem Gesagten kennzeichnend, daß sie bei unvorhergesehenen und belastenden
Ereignissen eher in der Lage sein wird, aus den ihr zur Verfügung stehenden
Ressourcen eine geeignete Kombination zu erwählen und angemessene
Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Sie wird die Situation eher als
verstehbar wahrnehmen, stark motiviert sein, sie zu lösen, und wohl auch eher
von einer erfolgreichen Bewältigung überzeugt sein.
Ein
SOC-Wert läßt sich nicht nur für Einzelpersonen ausmachen, sondern auch
für Gruppen wie z.B. eine klösterliche Gemeinschaft. Eine Gruppe mit
einem hohen SOC-Wert beschreibt A. Antonovsky folgendermaßen: „Eine Gruppe,
deren einzelne Mitglieder dazu tendieren, die Gemeinschaft als eine zu sehen,
die die Welt als verstehbar, handhabbar und bedeutsam ansieht und
zwischen denen ein hohes Ausmaß an Übereinstimmung bezüglich dieser
Wahrnehmungen besteht, ist eine Gruppe mit einem starken SOC“.
Interessant und bedenkenswert erscheinen die Beziehungen zwischen dem SOC des
Einzelnen und der Gemeinschaft, die A. Antonovsky vermutet:
w
Menschen mit einem hohen SOC werden wohl eher von Gemeinschaften angezogen, die
selbst auch einen hohen SOC haben.
w
Ein niedriger Gruppen-SOC wird wohl langfristig auch zu einer Erniedrigung des
SOC einer einzelnen Person führen.
8. Merkmale einer salutogenen benediktinischen
Gemeinschaft
A.
Antonovsky gebraucht gern zur Verdeutlichung seiner Lebensphilosophie die
Flußmetapher als Bild für das Leben. Er sagt: Wir alle befinden uns in einem
Fluß; niemand geht sicher am Ufer. Leid, Tod gehören zur menschlichen
Existenz. Wir alle sind von der Geburt an bis zu dem Moment, an dem wir die
Kante des Wasserfalls passieren, um zu sterben, in diesem Fluß. Kein Fluß ist
friedlich. Es gibt gefährliche Stromschnellen, Gabelungen, kalte Strömungen,
Verschmutzungen, u.a.. Die entscheidende Frage lautet nun: „Wie wird man, wo
immer man sich in dem Fluß befindet, ein guter Schwimmer?“.
Nimmt man
als „Wesen des Flusses“, um im Bild von A. Antonovsky zu bleiben, eine
benediktinische Gemeinschaft, so lassen sich als Merkmale einer salutogenetisch
orientierten Gemeinschaft bzw. als Voraussetzungen dafür, daß die Glieder der
Gemeinschaft „gute Schwimmer“ werden bzw. bleiben können, nennen:
w
Die Gemeinschaft weist sich durch hohe Authentizität aus im Lebensvollzug
benediktinischer Spiritualität.
w
Zu ihren Leitfragen gehören: Was unterstützt und fördert unsere Gesundheit?;
was führt uns alle voran auf dem Weg
des Heils?; was gibt uns allen Zukunft?
w
Gesundheit wird als ein dynamisches Gleichgewicht verstanden zwischen den
Ressourcen des Einzelnen einerseits und dem klösterlichen Alltag mit seinen
Gegebenheiten und Anforderungen andererseits. Im Focus der Aufmerksamkeit steht
sowohl die gegenseitige Förderung der Ressourcen (RB 72,7; u.a.) wie auch die
allgemeine Sorge für gesundheitsfördernde, heilende Alltagsbedingungen (RB
72,4; u.a.). Als lernende Gemeinschaft (Prol 45) von Lernenden (RB 73,1)
sucht sie – wohl wissend, daß Gott es ist, der das Gute in uns wirkt
(Prol 4) – mit Kreativität und Flexibilität den beständigen dynamischen
Entwicklungsprozeß in Richtung auf ein gelingendes, gesundes Leben für den
Einzelnen als auch für die Gemeinschaft zu erhalten. Entsprechend wird ihr
Krankenstand niedrig sein. Interessant wäre es, diese Gedanken speziell auf die
älter werdenden Gemeinschaften hin zu explizieren.
w
Fehlende oder schwach vorhandene Ressourcen Einzelner werden durch die anderen
Glieder der Gemeinschaft ausgeglichen (RB 72,5).
w
Die Gemeinschaft hat klare Kriterien, welche Ressourcen unabdingbar nötig sind
für potentiell gelingendes und gesundes Mönchslebens. Entsprechend fördert
bzw. prüft sie die Novizen mit Blick auf die Gesunderhaltung des Einzelnen und
der Gemeinschaft (RB 58). Umgekehrt können die Novizen am Lebensvollzug der
Gemeinschaft ablesen, in welchem Maße sie – in einem umfassenden Sinn –
gesund ist.
w
Eine salutogene Gemeinschaft sorgt für gesundheitsfördernde Personal- und
Organisationsstrukturen (RB 35,3.4; u.a.). Hierzu gehören auch die materiellen
Ressourcen.
w
Unter der Führung des Evangeliums (Prol 21) und auf der Grundlage des Opus
Dei (RB 43,3) formuliert die Gemeinschaft ihre Ziele und verfolgt diese
gemeinsam mit Engagement.
w
Die Führungspersonen (Abt – Prior – Offiziale) zeichnet aus, daß ihre
Entscheidungen, ihr Handeln und Führen als sinnvoll, transparent und
nachvollziehbar erfahren wird.
w
Schwierigen oder unvorhergesehenen Ereignissen wird offen begegnet. Sie werden
als Herausforderungen gewertet; gemeinsam wird nach Lösungsstrategien gesucht,
begleitet von Vertrauen, Hoffnung und Zuversicht auf einen guten Ausgang (RB 3).
Den Abt zeichnet dabei u.a. aus, daß er weder ängstlich, engstirnig oder
maßlos ist (RB 64,16), sich wegen des vielleicht allzu geringen
Klostervermögens nicht beunruhigen läßt (RB 2,35), sondern vorausschauend und
besonnen entscheidet (RB 64,17).
w
Arbeit wird als eine wichtige Quelle der Gesundheit gesehen. Ihrer Auswirkungen
besonders auf das geistliche Leben ist sich die Gemeinschaft bewußt.
Entsprechend ist die Arbeitsatmosphäre allgemein geprägt von einer hohen
Kommunikations- und Informationskultur wie auch Streitkultur (RB 4,73), von
guter Zusammenarbeit und klaren Absprachen. Der Einzelne hat die Möglichkeit,
mitzugestalten und selbständig zu arbeiten. Er hat den nötigen Freiraum, die
Arbeit nach seiner persönlichen Art (mit seinen Ressourcen) erledigen zu
können. Auch sollte er über den zeitlichen Ablauf der Arbeit selbst
entscheiden können. Auf diese Weise kann die Arbeit – unabhängig von ihrem
Inhalt – als etwas „Eigenes“ erfahren werden. Der Abt sorgt dafür, daß
sich der Einzelne nicht durch Unter- oder Überlastung (z.B. RB 64,19) auf den
kranken Pol hin bewegt, und daß er die Aufgaben bewältigen kann, bzw. daß ihm
die nötigen Ressourcen für gesundes Arbeiten zur Verfügung stehen (z.B.
bestimmte Hilfsmittel und Arbeitsgeräte, Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen,
Internet, Supervision). Der Einzelne erfährt Wertschätzung in und mit seiner
Arbeit. Und nicht zuletzt: Die Gemeinschaft sorgt für eine Balance zwischen
Arbeit, Gebet und Lesung (RB 48,1).
w
Gesundheitsfördernde Aktionen Einzelner (z.B. Eutonie, Unterbrechung der Arbeit
durch Körperübungen (z.B. Yoga, Thai-Chi), Gymnastik, tägliche Spaziergänge,
künstlerische Betätigungen, Musik, Hobbys) werden gefördert. Der Abt geht
durch sein gesundheitsförderndes Verhalten mit gutem Beispiel voran (RB 2,12).
w
Gegenüber (kritischen) Anfragen bzw. Anregungen von außen zeigt sich die
Gemeinschaft offen und interessiert. Sie fragt nach ihrem Auftrag in heutiger
Zeit (RB 61,4).
w
Gesundheitsvorsorge ist ihr ein großes Anliegen (gesunde Ernährung auf der
Basis moderner Erkenntnisse), gesunder Eß-, Schlaf-, Tagesrhythmus, discretio
in allen Lebensvollzügen, Gewichtskontrolle, Bewegung (tägliche Spaziergänge,
Radfahren, Gartenarbeit u.a.), Zeiten der Erholung (unter weitestmöglicher
Berücksichtigung interindividuell differierender Belastungsgrenzen), Muße,
Raum für Gebet und Meditation, Ergonomieprogramme, eine der Alterstruktur
angepaßte Tagesordnung, etc.).
9.
Verletzlich, aber unbesiegbar!
Verletzlich,
aber unbesiegbar – mit diesen Worten wurde eine Studie überschrieben, welche
die Entwicklung von Kindern mit vielen Risikofaktoren und Belastungen
untersuchte. Zum Erstaunen aller entwickelten sich die Kinder ziemlich normal.
Man nannte sie daher die „Unverwüstlichen“.
Verletzlich,
aber unbesiegbar, damit läßt sich auch der Kern des salutogenetischen Ansatzes
wiedergeben. Salutogenese zeigt, zu welcher Fülle des Lebens Gott den Menschen
beruft. Salutogenese lädt ein, dieses Geschenk zu ergreifen. Salutogenese
ermutigt, den Weg des Heils zu beschreiten – trotz und in aller
Fragmentarität menschlichen Lebens bzw. Gemeinschaftslebens –
hin zum ewigen Heil. Mit den Worten des Apostels Paulus: „Diesen Schatz
tragen wir in zerbrechlichen Gefäßen; so wird deutlich, daß das Übermaß der
Kraft von Gott und nicht von uns kommt. Von allen Seiten werden wir in die Enge
getrieben und finden doch noch Raum; wir wissen weder aus noch ein und
verzweifeln dennoch nicht; wir werden gehetzt und sind doch nicht verlassen; wir
werden niedergestreckt und doch nicht vernichtet. Wohin wir auch kommen, immer
tragen wir das Todesleiden Jesu an unserem Leib, damit auch das Leben Jesu an
unserem Leib sichtbar wird“ (2 Kor 4,7-10).
Sr. Sophia Schwede, Herstelle
Jacobs, Chr.: Salutogenese. Eine
pastoralpsychologische Studie zu seelischer Gesundheit, Ressourcen und
Umgang mit Belastung bei Seelsorgern. Würzburg 2000.
Insbesondere die Abschnitte 6 und 8 gehen auf eigene Überlegungen zurück.
Jacobs, Chr.: Tagungsmaterial 2003.
Vgl.: Puzicha, M.: Kommentar zur Benediktusregel. Mit einer Einführung von
Christian Schütz. Im Auftrag der Salzburger Äbtekonferenz. St. Ottilien
(2002) 18. Die Regelstellen werden nach dieser Ausgabe zitiert.
Vgl. dazu ausführlich z.B.: Schüffel, W./ Brucks, U./ Johnen, K./ Köllner,
V./ Lamprecht, F./ Schnyder, U. (Hg.): Handbuch der Salutogenese. Konzept
und Praxis. Wiesbaden 1998.
Zitiert nach: Jacobs, Chr.: Tagungsmaterial 2003.
Antonovsky, A.: Salutogenese. Zur
Entmystifizierung der Gesundheit. Tübingen (1997) 23.
Csikszentmihalyi, M.: Lebe gut! Wie Sie das Beste aus Ihrem Leben machen. München
(2001) 83.
Csikszentmihalyi, M.: Dem Sinn des Lebens eine Zukunft geben. Eine
Psychologie für das 3. Jahrtausend. Stuttgart (1995) 375f.
Jacobs, Chr.: Salutogenese. Das Leben gesunder Menschen bereichern. In: Grün,
A./ Müller, W. (Hg.): Was macht Menschen krank, was macht sie gesund? Münsterschwarzach
(1997) 71-108. Hier: 83-84.
Antonovsky, A.: a.a.O. 36.
Jacobs, Chr.: Tagungsmaterial 2003. Ebenso sind jeweils die Klärungsfragen
dieser Quelle entnommen.
Antonovsky, A.: a.a.O. 157-158.
Vgl.: Antonovsky, A.: a.a.O. 160.
Vgl. Antonovsky, A.: Gesundheitsforschung versus Krankheitsforschung. In:
Franke, A./ Broda, M. (Hg.): Psychosomatische Gesundheit. Versuch einer
Abkehr vom Pathogenese-Konzept. Tübingen (1993) 3-14.
vgl. auch Jacobs, Chr.: a.a.O. (2000) 616-617.
vgl. Antonovsky, A.: a.a.O. (1997) 55-56.
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