Philippe Robert
Die  monastische Liturgie im Herzen der Welt

Vorbemerkung der Übersetzerin

Am 5., 6. und 7. November 2004  fand  in der Beguinage, genauer im Kloster Weingarten in Brügge, eine Tagung  der Union der Belgischen Benediktinerinnen statt. Das Thema dieser Tagung  war: Die monastische Liturgie im Herzen der Welt. Philippe Robert, Conferencier und Animateur dieser Tagung, behandelte das Thema in fünf Konferenzen. Ausgehend von der Liturgie selbst fragte er, ob es in der monastischen Liturgie etwas Spezifisches gäbe. Nachdem er die Beziehungen die die Liturgie zur Welt unterhält, bedacht hatte, ging er das Problem der Inkulturation an, genauer: die Frage der monastischen Liturgie als Ort der Inkulturation.

Da der Text der Konferenzen hier nicht in seiner Gesamtheit geboten werden kann, möchten wir einige kennzeichnende Passagen wiedergeben, damit der Gedankengang der Konferenzen verständlich wird; das kann dann zu  Fragen zur Zukunft anregen.

Die monastische Liturgie

Gibt es auf den ersten Blick, dem der Wahrnehmung, etwas, was man eine monastische Liturgie nennen könnte, oder besser so: Hat die Liturgie, die man in einem Kloster feiert, eine Besonderheit, die man nicht notwendig in der Pfarrei wiederfindet?

Zunächst gibt es da den Ort: Die Abteikirche. Sie ist von einer Abtei zur andern verschieden. Findet man aber hier etwas Charakteristisches, was allen gemeinsam ist?  Vielleicht das Bemühen um Einfachheit, um "angemessenen, schönen" Schmuck, der der symbolischen Sprache eine Chance läßt. Oft ist sie von einer friedvollen Atmosphäre getragen, einer Atmosphäre der Stille, des Schweigens ... Der Ort ist in Erwartung. Das Schweigen wartet darauf, vom Gesang oder vom ersten Ton der Orgel, die den Beginn der Feier anzeigt, gebrochen zu werden. Der Ort ist auch gekennzeichnet durch die Anwesenheit, nämlich die Anwesenheit Christi. Diese wird nicht nur von dem kleinen ewigen Licht angezeigt, sondern zuweilen auch durch die Anwesenheit eines Mönches, einer Nonne im Gebet. Dieser Ort ist belebt. Seine Ausstattung, aber auch die Art, ihn zu beleben, zeigt das.  

Qualität des Ortes, aber auch Qualität dessen, was sich dort abspielt! Die Bewegungsabläufe vollziehen sich mit Sorgfalt: Prozession  beim Einzug, Prozession beim Auszug, die Gabenprozession, der  Kommuniongang, die Prozession mit dem Evangelium in den Vigilien am Sonntag z. B. Die Qualität  des Vortrags der Lesungen!  Man spürt, daß sie vorbereitet worden sind, daß der, der den Text vorträgt, ihn beherrscht. Das gilt ebenso für den Psalmensänger. Dieser hat seinen Part beim Gesang vorher geübt. Auch die Qualität des Gesanges gehört hierher. Auch hier hat man sich vorbereitet. Es hat  Abstufungen beim Gesang gegeben im Blick auf die verschiedenen Offizien, die zu gewährleisten sind. Ebenso ist auch das Klangbild ein besonderes. Man spürt das Bemühen, una voce zu singen. Man bemerkt eine gewisse Homogenität beim Gesang. Man sucht, einen gemeinsamen Ton zu halten, aber auch mit der Stimme des Nachbarn überein zu kommen. Was vorherrscht,  ist das Gemeinsame, das Klang-Bild einer Gruppe, die singt, und nicht das Zusammen von Einzelnen. Das Bemühen auch, wenn möglich, um die Qualität der Instrumentalmusik, sei es als Begleitung oder aus dem Repertoire. Um bei diesen verschiedenen Dingen Qualität zu erreichen,  gibt es Tagungen zur Ausbildung. Die Abteien bemühen sich um Ausbildung der Verantwortlichen in einem Amt, einem Dienst, das zum Wohl des Ganzen ausgeübt wird. Man entdeckt, daß es eine "Kunst der liturgischen Feier" gibt. 

Wenn man an einer monastischen Liturgie teilnimmt, spürt man auch die Ehrfurcht vor der Liturgie selbst; manche sprechen von  Riten, von Rubriken. Achtung vor den Zeremonien, die von den Ritualien vorgeschlagen werden, Achtung vor den liturgischen Lesungen (z.B. die Ostervigil, die sozusagen das Herz des Glaubens ist). Aber spricht sich hier nicht vor allem anderen die Überzeugung  aus, daß die Liturgie uns nicht gehört, daß wir sie vielmehr empfangen haben und sie so weitergeben müssen, daß sichtbar und erfahrbar wird, wie die Kirche sie uns mit ihrer ganzen Tradition übergeben hat? Das verhindert in keiner Weise eine gewisse Kreativität - die praenotanda der verschiedenen Ritualien laden dazu ein! - aber diese Kreativität ist nicht das Ergebnis eines persönlichen Ausdrucks, sie ist vielmehr Ausdruck einer ganzen Gruppe. Sollten die Abteien die Hüterinnen der Liturgie der Kirche  sein? 

Im Verlauf einer monastischen Liturgie kann man auch  Überraschungen erleben: Überraschung bei der Lesung der Kirchenväter, der geistlichen Schriftsteller ... , von Gesangstexten, die man nicht "verstehen" , nicht "schmecken" kann, außer man liest viel die Schrift, die Kirchenväter, vor allem im Kursus der lectio divina ... Das gilt auch für die Art der Gesänge, die man kaum in einer Pfarrei singt: Hymnus, Tropus, Responsorium, die Psalmodie! Die Psalmen ...! Das ist nun wirklich etwas, wo einen die Sprache in Erstaunen setzen kann - Die Psalmodie überrascht weniger, denn man hat das Klangbild der gregorianischen Psalmodie noch im Kopf - die Öffentlichkeit hat ein Auge darauf!  Ist vielleicht diese Art, wie man die Psalmen singt, das Symbol für  monastischen Gesang? Die Psalmen, aber auch die Antiphonen, die Hymnen, die Troparien und die Responsorien können einen durch ihren musikalischen Stil zum Staunen bringen. Ist das monastische Musik? Zweifellos gibt es einen Anspruch bei der Musik, dem zu genügen man sich in einer Abtei erlauben kann, wo man sich die Zeit nimmt, die Gottesdienste vorzubereiten. Das wäre für einen Gottesdienst in einer Pfarrei nicht möglich. 

Was Leute, die die Welt eines Klosters nicht öfter zu besuchen pflegen, auch entdecken, ist die Vielfalt und die Verschiedenheit des Offiziums beim Stundengebet. "Man betet und man singt die ganze Zeit!" Man steht sogar mitten in der Nacht auf, um das zu tun. "Wir, die wir gewöhnlich zum Besuch der Messe in die Kirche gehen, wir sehen, da findet man etwas anderes als Messen." Was bei einem Offizium auffällt, das ist gewiß die lange Zeit, die der responsorialen Psalmodie vorbehalten ist, vor allem in den Vigilien mit drei Nokturnen. 

Können wir zusammenfassen, was wir im Blick auf das angesprochen haben, was bei der Liturgie ins Auge springt, wenn wir sagen, daß das Kloster "eine Kunst der Feier" sucht, daß es dabei um die Schönheit  bemüht ist? "Die Schönheit ist der sichtbare Ausdruck des Guten" (Johannes Paul II), d.h. der sichtbare Ausdruck der Freiheit Christi, der der einzig Gute ist. 

Ist diese monastische Liturgie nicht - tiefer gesehen - ein besonderer Ausdruck des christlichen Lebens? 

Am Ende seines Werkes "Die Liturgie des Stundengebetes" widmet Robert Taft ein Kapitel der Reflexion über eine Theologie des Stundengebets. Traditionell betrachtet man das Offizium als eine "Heiligung der Zeit", als eine "Liturgie der Zeit". Die Horen erhalten ihren Sinn von dem, was auch der Eucharistie, dem täglichen christlichen Leben, der eschatologischen Erwartung einer anderen Welt, dem natürlichen Ablauf vom Morgen bis zum Abend, der Frömmigkeit des Einzelnen und der Arbeit der Kommunität seine Bedeutsamkeit gibt, nämlich das mysterium paschale des Heils in Jesus Christus. Das ist die Grundlage der ganzen Theologie des christlichen Kultes. 

Schon im Neuen Testament wird die ganze Heilsgeschichte in Jesus rekapituliert und "personalisiert". Er ist das ewige Wort Gottes, seine neue Schöpfung, der neue Adam, das neue Pascha und sein Lamm, der Neue Bund, das himmlische Manna, der Tempel Gottes, das neue Opfer und sein Priester ..." Christus ist "alles in allem" (Kol 3,11), "das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende". Alles, was früher geschehen ist, ist in ihm erfüllt, er ist die eigentliche Wirklichkeit. 

Für Paulus heißt Christus "leben und gerettet werden", d.h. Christus gleichgestaltet werden, indem man sich selbst stirbt und zu einem neuen Leben in ihm aufersteht. Er ist die endgültige Gestalt der erlösten Natur des Menschen (1 Kor 15,21f). Dieses Vorbild muß in jedem von uns neu wahr werden, daß Christus tatsächlich "alles in allen" sei. Paulus unterstreicht auch, daß das christliche Leben Liturgie ist. Die kultische Nomenklatur (Liturgie, Opfer, Priester, Opfergabe) bezeichnet immer ein Leben der Selbst-Hingabe, um sich Christus anzugleichen, dem Vorbild jedes christlichen Lebens. Wir haben den Leib Christi aufzubauen zu einem neuen Tempel, einer neuen Liturgie, einem neuen Priester, wo Heiligtum, Priester und Opfergabe nur noch eins sind. Die Liturgie ist der Ort, an dem alles in Christus rekapituliert wird. Wenn wir Gottesdienst feiern, dann haben wir das Verlangen, das Vorbild Christus immer tiefer zu dem unseren zu machen.  

Der christliche Ritus  ist eine Art, auszusagen, was wir sind: Mit unserem Denken, das uns zu dem gemacht hat, was wird sind; mit unserer Gegenwart, in der wir leben und die wir sind; und mit der Zukunft, die - wie wir hoffen - sein werden. Der Ritus  legt uns also einen Entwurf für das Leben und eine Erfahrung im Tun vor (Taft). 

Das Officium divinum als Liturgie 

Das Paschamysterium ist die einzige Quelle des ganzen christlichen Gebetes. Wenn wir das Gedächtnis feiern, verkünden wir die Wirklichkeit dessen, was wir feiern. "In jedem wirklich christlichen Kult muß man den Hauptakzent immer auf die Tatsache setzen, daß die Geschichte schon in Jesus Christus vollendet ist - die eschatologische Dimension. Der Akzent liegt auf  der Heilsgeschichte, gewiß. Insofern sie unteilbare Wirklichkeit ist, ist sie ewig gegenwärtig, sie ist das Reich Gottes,  das seine Vollendung im Pascha Christi erhält" (Taft).  Die Stundenliturgie ist wie die ganze christliche Feier eine eschatologische Proklamation des Heils, das wir in Christus empfangen haben, und Dank für diese Gabe, die Gott uns gegeben hat. 

Das Offizium ist eine Feier unsres Lebens in Christus. Es schließt auch eine bestimmte Art zu leben ein. Die Liturgie soll Ausdruck des Bundes in unserem Herzen sein. Wir feiern, was wir sind. Es gibt eine beständige Dialektik zwischen Zelebration und Leben.

Der wirkliche christliche Kult ist innerlich (hl. Paulus). Er ist ein Leben der Selbsthingabe, der Gabe seiner selbst in der Liebe, ein Leben, das im Dienst der Liebe gelebt wird wie das Leben Christi. "Ich ermahne euch, Brüder, angesichts der Barmherzigkeit Gottes, euch selbst als lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer darzubringen, als geistlicher Kult" (Röm 12,1). Diese Darbringung vollziehen wir in allen Akten des christlichen Lebens. Diese Darbringung gehört zum Wesentlichen unsres Lebens. Alles, was wir darzubringen haben, sind wir selbst, als Zeugnis unsres Glaubens, indem wir ihn vor den anderen bekennen und ihn aus Liebe leben. Im Neuen Testament gibt es keine Trennung von Liturgie und Leben. Unser christliches Leben ist Liturgie. Der Kult ist kein Ausschnitt des Lebens, er ist das Leben selbst. 

Liturgie und Welt 

Welche Beziehung unterhält die christliche Religion zu "der Welt?"  Welche Beziehungen unterhält die Liturgie zur Welt?

Was bedeutet "Christsein in der Welt"? Ist die christliche Vision nicht die, die Welt mit Gott in Jesus Christus zu versöhnen, damit Gott "alles in allem" sei? Die Welt, das Universum, ist aufgerufen, umgestaltet zu werden. "Die alte Welt ist vergangen, eine neue Welt ist bereits geboren". Aber dies ist noch nicht voll realisiert. Wir stehen in der Dialektik des Schon und Noch-nicht. Wir stellen erneut die eschatologische Dimension der christlichen Liturgie deutlich vor Augen und die Spannung, die jedes Mal deutlich wird, wenn wir Gottesdienst feiern: Spannung zwischen der Verkündigung einer Welt der Seligkeiten, wo die Armen Könige sind, die Mächtigen gestürzt sind ..., einer Welt, in der alles umgekehrt wird" ("Du gibst ihren Namen den Vögeln") und der Feststellung, daß diese Welt noch nicht voll verwirklicht ist. 

Im Herzen der Liturgie, vor Beginn des großen Lobgebetes, dem eucharistischen Gebet, bitten wir "um die Verherrlichung Gottes und das Heil der Menschen". Davor haben wir aber im Verlauf des Allgemeinen Gebets Fürbitten für die Welt gesprochen. Achten wir übrigens auf das Adjektiv "allgemein". Wir bitten für die Nöte der Welt - auf Welt-Ebene. Dieses Fürbittgebet hat seinen Platz am Ende der Wortliturgie, nach dem Vortrag der Lesungen - die Psalmen einbegriffen - und nach der Homilie, welche das vernommene Wort aktualisiert, daß unsern Glauben fruchtbar machen und unser Verhalten in der Welt umformen will. Die Liturgie sendet uns ja in die Welt zum Dienst an unsern Brüdern.  

Die Liturgie bleibt also nicht außerhalb der Welt. Sie ist nicht eine ausgesparte Zeit  in unserem Leben, die wir Gott weihen. Sie ist vielmehr der  Ort in unserem Leben, wo wir deutlich machen können, wohin wir unterwegs sind. Indem wir so von der neuen Welt Zeugnis geben, hoffen wir, die Welt, in der wir leben, umzugestalten.  Jesus ist in die Welt gekommen, damit die Welt gerettet wird. 

- Wie integriert nun das Stundengebet die Dimension der Welt?

- Welchen Platz geben die Hymnen des Offiziums der Welt? 

Die Inkulturation 

Schon in der Konzilskonstitution des Vaticanum II "Über die Liturgie" ist die Sorge um die Anpassung der Liturgie an die verschiedenen Kulturen präsent. Man findet in der Tat in den Nr. 37-40 "Regeln zur Anpassung der Liturgie an die Eigenart und die Überlieferungen der verschiedenen Völker". Eine Reflexion über diese Regeln ist in einer Instruktion mit dem Titel "Die Römische Liturgie und die Inkulturation", erschienen 1994, entwickelt worden. 

Was ist "Inkulturation"? Die Instruktion präzisiert, daß der Terminus Inkulturation gebraucht wird, um die Inkarnation des Evangeliums in die einheimischen Kulturen und gleichzeitig die Einführung dieser Kulturen in das Leben der Kirche zu bezeichnen.: "Die Inkulturation bedeutet eine innere Umwandlung der authentischen kulturellen Werte durch deren Einführung ins Christentum und die Verwurzelung des Christentums in den verschiedenen Kulturen". Wir sehen also, daß  der Terminus Inkulturation eine zweifache Bewegung benennt.

Die Inkulturation hat ihren Platz im Gottesdienst. Das ist einer der Aspekte der Inkulturation des Evangeliums, "der eine echte Integration ... in das Glaubensleben eines jeden Volkes und der bleibenden Werte einer Kultur verlangt". 

Was ist das Ziel der Inkulturation? "Texte und Riten sollen so geordnet werden,  daß sie das Heilige, dem sie als Zeichen dienen, deutlicher zum Ausdruck bringen, und so, daß das christliche Volk sie  möglichst leicht erfassen und in voller, tätiger und gemeinschaftlicher Teilnahme mitfeiern kann" (SC 21). Es ist von Bedeutung, daß die "Riten der Fassungskraft der Gläubigen angepaßt werden und daß im allgemeinen nicht zu viele  Erklärungen für das Verständnis nötig sind". Die Schwierigkeit ist, die Adaptation und die Konformität mit der substantiellen Einheit des römischen Ritus zu bewahren!                                                                  

Die Monastische Liturgie - ein Ort der Inkulturation? 

Wie kann die in einem Kloster gefeierte Liturgie denen, die an ihr teilnehmen, entgegenkommen? Diese Teilnahme ist gewiß sehr unterschiedlich; sie reicht vom einfachen Besucher, der eben zu  einem Offizium hereinkommt, über den, der im Kloster Exerzitien macht, bis zu dem, der gern zum Offizium der Mönche oder der Nonnen kommt.

Wie kann die monastische Liturgie mit dem, was ihre Besonderheit ist, diesen verschiedenen Kulturen entgegenkommen? Mit jedem "sprechen" und ihn so das Herz des christlichen Glaubens entdecken lassen? Wie können sie in der monastischen Liturgie "eine Gotteserfahrung machen"? 

Als Hilfe für diese Überlegungen gehen wir von zwei Texten aus. Der eine stammt von Louis-Marie Chauvet, La liturgie demain, essai de prospective und der andere von Patrick Prétot, Sacrements et liturgie à l`heure d`une pastorale de la proposition. 

Nachdem Louis-Marie Chauvet gezeigt hat, daß die moderne Gesellschaft einen tiefen kulturellen Umbruch erfahren hat, von dem auch "die Matrize betroffen ist, in der sich die symbolischen Repräsentationen formen", schlägt er vor, gewisse (Wort-)Paare als Hilfsmittel für eine Überlegung einzusetzen, die die Beziehung betrifft, welche die Gesellschaft zu Liturgie hat.  

Das erste Paar ist  "variabel - invariabel". Früher sah die Norm, die selbst rigide war, vielfältige Variationen im Lauf des Jahres oder sogar am Sonntag vor. Die Liturgie selbst schien indessen unveränderlich. Heute hingegen wird die Liturgie als variabler Rahmen wahrgenommen. Das Risiko dabei ist, daß man glaubt, die Liturgie kann sich bewegen, also muß sie sich bewegen. Wir haben eine Aufwertung der Kreativität um ihrer selbst willen erlebt. Man hinterfragt heute die Ideologie, die dieser Betonung der Kreativität zugrunde lag. In Zukunft wird es nicht die Frage der "Kreativität" sein, die uns am meisten Sorge macht - man weiß jetzt ja, daß die Liturgie den Umständen angepaßt werden kann - ,,es wird mehr um die Qualität des liturgischen Vollzugs gehen. Der Akzent wird auf das "savoir faire", (wissen, wie etwas zu tun ist) gesetzt werden: Es geht um eine wirkliche Feier; um die Kunst des Feierns. Das betrifft die Haltungen, die Stimmgebung, den Handlungsverlauf (Wort - Gesang - Schweigen) ... "Die Liturgie will, daß man tut, was man sagt, und nicht, daß man sagt, was man tut". 

- Wie soll man vorgehen, daß unsere Liturgie "morgen", besonders das "savoir faire" zu Ehren  bringt?

- Kann der Akzent, der auf das "savoir-faire" gesetzt wird, ein Faktor für die Inkulturation sein?  

Das zweite Paar betrifft die Teilnahme: "Bewußte Teilnahme und das Bewußtsein der Teilnahme". Die Konstitution über die Liturgie hat auf der "bewußten und tätigen Teilnahme" des Volkes Gottes insistiert. Heute erwartet man vom christlichen Volk, "in das Verständnis der liturgischen Handlung in einer bewußten, also kritischen Haltung, hineinzukommen". Mit dem Übergang vom Lateinischen zum Französischen hat das christliche Volk verstanden, "daß es nicht verstanden hat". Der Geist des Konzils tendiert in die Richtung, die Liturgie zu "erfassen". Man darf aber intellektuelles Erfassen und Erfassen "mit dem Herzen" nicht verwechseln. Selbst wenn die Liturgie verständlich sein soll, so ist sie doch nicht intellektueller Art. Weder die Anpassung von Texten noch ihre Erklärung macht sie subjektiv verständlich. Das hat den Wunsch zur Folge, jedes Mal die Teilnahme der Versammelten auch bekannt zu machen. Dieses Bedürfnis, die Liturgie zu rationalisieren, geht in die Richtung einer kulturellen Aufwertung des Subjekts, indem es "versteht", was es sieht; es wünscht, die Wirklichkeit in den Griff zu bekommen". Nun ist aber die Liturgie der Ort par excellence, etwas nicht im Griff  zu haben. "In Zukunft muß die Liturgie mehr auf die Sehnsucht als auf die einfache Vernunft achthaben, selbst wenn diese präsent bleiben muß. Die Feier kann in der Tat ein generelles Erfassen nicht beiseite lassen." Das ist ein Teil, so L-M Chauvet, unserer heutigen "kultivierten" Kultur. Andernfalls verfiele man einem Mystizismus. Man muß sich also weiter darum bemühen, die Liturgie verständlich zu machen, indem man eine Liturgie "vorschlägt", welche die menschliche Person ganz anspricht. Daher noch einmal die Bedeutung der Stimme, der Gesten, der Haltungen, des Gehens, des Gedächtnisses und der Tradition. Diese Liturgie muß den Gläubigen in seinem tiefsten  Verlangen anrühren. Sie muß seine Affekte ins Spiel bringen. "Der Gläubige muß Freude daran haben, (etwas) zu sehen, zu hören, zu fühlen, und über die Ästhetik des Gegenstandes, die Poesie der Hymnen oder der Psalmen, die Schönheit der Musik, etwas von der Schönheit Gottes zu spüren." Für L-M Chauvet bedeutet dies, daß die Liturgie aufgerufen ist, sich in den kommenden Jahren zu entwickeln. 

- Worin kann die monastische Liturgie dieser Erwartung entsprechen?

- Wie kann eine "verständliche" Liturgie eine Inkulturation   gestatten? 

Ein drittes Paar ist das von "Äußerlichkeit - Innerlichkeit". Wir hatten die Tendenz, dem festlichen Äußeren im Verhältnis zur Innerlichkeit, die eine betende Aneignung der Liturgie verlangt, den Vorzug  zu geben. Diese Einstellung wurde vor dem Vaticanum II von der Liturgie hoch geschätzt. Damals wurde der Individualisierung zum Schaden der kirchlichen Dimension breiter Raum gegeben. Aber ist die Dichotomie zwischen innen und außen so evident? Der Übergang vollzieht sich nach Winnicott vermittels "Übergangs"-Weisen. Neben einer "aktiven Teilnahme" gibt es in der Feier auch  Zeiten "heiligen Schweigens". Die Stille soll die persönliche betende Aneignung dessen ermöglichen, was die Kirche, die "Versammlung", an der oder der Stelle des Ritus tut. "Die Verinnerlichung ist eine der fundamentalen Bedingungen für die kirchliche Teilnahme an der Liturgie". Das christliche Fest wird zuerst im Innern wahrgenommen. Es handelt sich dabei nicht um einen "Intimismus", sondern um den Jubel des Herzens, der an die Mysterien der Liturgie gebunden ist und einen Vorgeschmack des ewigen Festes in Gott darstellt". Zweifelsohne muß man in Zukunft dafür wach sein, daß unsere liturgischen Feiern mehr "Gebet" werden, wobei aber ein "intimistischer" Charakter  zu meiden ist. Die Liturgie muß ein Ort sein, wo die Gläubigen wieder instand gesetzt oder neu als "Subjekte" christlichen Glaubens instand gesetzt werden können. Sie werden dann erfahren können, was der Glaube ihnen effektiv gibt, wovon sie leben und was sie bezeugen können". "Der traditionelle Raum, den die Feier darstellt, ist zweifelsohne der bedeutendste Ort der Erneuerung des  Subjektes als eines glaubenden, weil vorzugsweise dort die Beziehung zu dem verborgenen Gott ins Spiel kommt". Unsere Liturgien von morgen müssen "mystagogischer" sein." "Das setzt voraus, daß unsere liturgischen Feiern Qualität haben." 

- Geben unsere monastischen Liturgien dem Schweigen genügend  Raum?

- Geben sie den "Subjekten" der Zukunft als "Glaubenden" Raum?

- Worin sind sie mystagogisch? 

Das folgende Paar betrifft die Liturgien "im Leben - nicht im Leben". Wir haben bereits über die Beziehung nachgedacht, welche die Liturgie zur Welt unterhält: Halten wir hier fest, daß der Terminus "Welt" als Ideologie zu verstehen ist: Man muß  auf die Tat, auf das Engagement setzen! Damit wird die Liturgie auf die rein ethische Dimension reduziert, und sie fällt schnell ins Moralisieren. L-M Chauvet bindet dieses Paar an das Paar "Evangelisation - Sakramentilisation". Das letztere kommt vorzugsweise von der Pastoral in der Pfarrei her. Diese schlägt den Zugang zu den Sakramenten vor. 

Ein anderer Zug der zeitgenössischen Kultur  kommt mit  "Identität in Dur - Identität in Moll" ins Wort. Wir sehen heute, wie man sich eine Religion bastelt. Die Tendenz geht dahin, daß man sich seine religiöse Identität  konstruiert. Man kann sich katholisch nennen und doch nicht zur Messe gehen, zur Not noch an hohen Festen. Auf diese Weise hat man viel von "adherents festivs" (die nur an Festen praktizieren). Man praktiziert " à la carte". Das bleibt nicht ohne Folgen für die Sakramentenpastoral. Man befindet sich in der Logik der "Selbstverwirklichung". Die Radikalität, die durch einen deutlichen Bruch gekennzeichnet ist, macht dem Kontinuum, dem Fortschreiten Platz. Die Opposition gut - schlecht macht dem "etwas besser" Platz. Das Mittelmäßige tendiert zu "besser zum Guten hin ". Die Grenze zwischen dem Heil und dem Nicht-Heil ist stark verwischt. Muß man denn, um dieser kulturellen Orientierung, die schwere Konsequenzen zeitigt, Antwort zu geben, die traditionellen Ausdrücke des liturgischen Wortschatzes, die weniger gut ankommen, dafür aufweichen? Gestattet es eine Unterscheidung beim Vokabular "Heil" nicht, dem zu entgehen, daß man Heil als  Selbstverwirklichung versteht?  Predigten und warnende Hinweise könnten es  möglich machen, einem bestimmten liturgischen Wortschatz wieder neu Leben zu geben. 

- Was suchen die Gäste beim Besuch des Offiziums eines Klosters?

- Was bietet die monastische Liturgie ihnen an? 

Im Anschluß an das vorausgehende Paar kommt nun dieses, das einen Bezug zur Zeit hat: "Punktuell - habituell". Im Verhältnis zur traditionellen Gesellschaft schreibt sich unsere Gesellschaft heute in die Zeitlichkeit des "Zappens" ein. Man stellt den Erfolg von starken Zeiten, von günstigen Momenten fest. Die Beziehung zu Gott hängt vom "Kanal" ab. Die gottesdienstliche Feier riskiert dann, in die ästhetische oder affektive Perspektive zu geraten. Das Exzeptionnelle wäre dann die Norm für das Habituelle. Macht diese Diskontinuität, diese Punktualität, es möglich, sich als wirklich glaubendes Subjekt aufzubauen? Baut sich das Subjekt nicht in der Dauer auf? Wenn die Teilnahme an der Liturgie als Option vorgestellt wird, wie kann sich dann das schrittweise Eintreten in "das Mysterium Christi" vollziehen? Was für eine Zukunft gibt es für christliche Gemeinden, wenn sie auf Menschen gründen, die "à la carte" praktizieren? 

- Sind die Klöster nicht Stätten für diese Menschen, die punktuell  praktizieren?

- Welche Beziehungen bestehen zwischen der monastischen Liturgie und den Pfarrgemeinden?

- Es scheint, daß das liturgische Modell, das allein den Sonntag betont, nicht mehr genügt. Kann die monastische Liturgie nicht Quelle der Inspiration für neue Formen von Feier werden, die denjenigen Christen näher stehen, die nicht bereit sind, die Eucharistie am Sonntag zu leben? 

Halten wir auch fest, daß die moderne Soziabilität zu einer Gruppierung nach Wahl tendiert. Dort bilden sich Gruppierungen, die eine Funktion von Ähnlichkeit in Kultur, Religion oder anderem sind. Diese Vorstellung von Soziabilität beeinflußt die Christen bei der Wahl des Gottesdienstes, an dem sie teilnehmen möchten. 

Diese Operatoren der Analyse, die M-L Chauvet vorgestellt hat, sollten es uns ermöglichen, unsere monastische Liturgie im Licht der zeitgenössischen modernen Gesellschaft neu zu lesen. 

Patrick Prétot zeigt in seiner Studie, daß man heute "das Evangelium buchstabieren" muß. Das heißt, man muß "Namen geben, die es möglich machen, eine Erfahrung zu benennen. Man muß einführen, indem man eine Sprache bereit stellt". Der Christ muß Worte auf seinen Glauben setzen können. Er muß  sich auch dessen bewußt werden können, daß der Glaube an Jesus Christus dem Leben des Menschen Sinn gibt. "Die Kirche muß ihre Fähigkeit wieder finden, Sinn anzubieten".  Wenn die Vorstellung einer "pastorale de proposition" (einer Pastoral des Vorschlagens) auch relativ klar in dem ist, was die Sakramentenpastoral betrifft, so ist sie weniger deutlich in Bezug auf die Liturgie. Wie soll man die Liturgie "vorschlagen"? Was soll man von einer "Pastoral des Vorschlagens" halten, wenn es das officium divinum betrifft? "Bei einer "Pastoral des Vorschlagens" geht es weniger darum, vorgeschriebene Riten zu vollziehen, als vielmehr darum, "durch die Feier etwas in Bewegung zu setzen, indem man das Verlangen weckt". Hier lädt der Autor dazu ein, mehr nach unterschiedlichen Formen mit neuen Vorschlägen für den Gottesdienst zu suchen, um so verschiedene Personengruppen in ihren Besonderheiten zusammen zu bringen, für welche die Eucharistie nicht der Weg liturgischer Praxis ist."  

Da die Ritualität immer dem voraus ist, der sich hier investiert, muß die "Pastoral des Vorschlagens" die von der Tradition überlieferten Vollzüge berücksichtigen. Man muß also neu entdecken, wie die Liturgie den Glauben "vorschlägt". Es ist zweifelsohne nicht so sehr nötig, neu Vorschläge zu finden, als vielmehr so vorzugehen, daß man die Kraft und Stärke des hier Überlieferten, was uns zur Verfügung steht, neu entdeckt. "Unsere Liturgie muß den Glauben "vorschlagen", indem sie zu einer Präsenz einlädt, damit ein Wort eine Antwort findet". Auf dem Gebiet der Liturgie wird Glaube in der Form einer Einladung "vorgeschlagen". Es geht nicht darum, ein Arsenal von Verführungskünsten zu entfalten, sondern darum, alles ins Werk zu setzen, was den Gottesdienst in seinen Charakter als Einladung deutlich werden läßt. "Einladen", so sagt Patrick Prétot, "heißt akzeptieren, daß man von dem umgestaltet wird, den man empfängt". Wenn ein Eingeladener sich zu Hause fühlen soll,  muß er das Gefühl haben, daß alles geteilt wird. Sonst hätte man es mit einem Kunden zu tun, der mit dem Austausch von Gütern befaßt ist. 

In der Liturgie arbeitet der Ritus am "Zusammenhalt", am "Präsent-sein". Er ruft den Leib zusammen, um den Leib der Kirche zu bauen. Aber das ist nur unter Einwirken des Geistes möglich. Er ist es, der Leben gibt und den Zusammenhalt beim bloßen Beieinander ermöglicht. In der Liturgie muß man Vertrauen haben. Wir müssen uns vom Ritus ergreifen lassen. Unser  einziger Halt dabei ist der Glaube an das Wirken des Geistes.    

"Den Glauben vorschlagen" verlangt, daß man dem Ritus seine Chance gibt, daß man es wagt, auf die Liturgie zu vertrauen: Einmal auf die Qualität des Vollzugs, aber auch in Achtung der dem Ritus eigenen Form. Man muß ihm gestatten, seine Rolle voll zu spielen. Die Liturgie ist auch eines der vorzüglichsten Mittel, die Schönheit des Glaubens wahrzunehmen. Der Glaube ist ein Weg der Kontemplation. Das Schöne ist nicht vom Guten und vom Wahren zu trennen. Der Mensch unserer Zeit ist aufgerufen, staunend neu zu entdecken, wie groß  "das Mysterium des Glaubens ist". 

P Prévot lädt ein, andere Formen des Gebets als die Eucharistie am Sonntag zu entdecken. Man müßte neue  Andachtsformen entdecken und nach dem Bezug von Frömmigkeit und Liturgie fragen. 

Er macht auch darauf aufmerksam, daß die Liturgie nur "Vorschlag des Glaubens" wird, wenn sie von einem Gemeindeleben getragen ist, das für die Welt offen ist. Das gibt ihr ihren Sinn und ihre Tiefe. In der Tat, sagt er, in Blick auf das gemeinschaftliche Leben ist die Liturgie zugleich seine Frucht und auch seine  Manifestation. Aber zuerst kommt die Feier, d.h. die rituelle Einschreibung, die es jedem gestattet zu entdecken, daß sein Leben in das Pascha Christi eintreten muß, daß es "geistliches Opfer" werden muß, das Gott unter dem Anhauch des Geistes dargeboten wird. Die Liturgie ist eine gute Quelle der Inspiration; aber P. Prétot sagt uns, es bleibt noch ein großes Stück Weg zu gehen, bis das officium divinum ein "Vorschlag" für das christliche Volk wird. Das stellt die Frage nach der Formation von Laien, die fähig sind, beim Stundengebet der Liturgie vorzustehen, Psalmen zu singen, in das Verständnis des officium divinum einzudringen. Diese Formation wird, bevor sie Erwerb von Wissen oder Technik ist, zunächst eine Übermittlung dessen sein, wie man was zu tun hat ("à savoir faire") und mehr noch ein Wissen, wie man sein soll ("à savoir étre"), was zugleich eine spirituelle, theologische und auch praktische Dimension eröffnet. Es geht darum, "durch Osmose" etwas weiterzugeben. 

- Liegt da nicht eine Aufgabe für die Klöster, so vorzugehen, daß die Stundengebete eine Quelle für die Inspiration der Feier für das christliches Volk wird? 

Der "Vorschlag des Glaubens" ist nur im Geist möglich. Er ist es, der die Kirche von innen belebt und ihrem Vorschlag Richtung und Tiefe gibt. 

Übersetzung: Äbtissin em. Hagia Witzenrath, Herstelle