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Rowan
Williams, Erzbischof von Canterbury Benedikt
ist – wie zu erwarten – kompromißlos prosaisch, wenn er die klösterliche
Gemeinschaft als Werkstatt beschreibt. Sie ist ein Ort, wo wir bestimmte
Werkzeuge benutzen – im 4. Kapitel der Regel kunstlos schlicht aufgelistet –
die uns von Christus geliehen sind, um sie am Tag des Gerichts zurückzugeben,
wenn wir unseren Lohn erhalten. Es steigen in uns eher eintönige Bilder auf;
ein grauer Himmel, eine Steinmauer: die Werkzeuge glattgeschliffen durch langen
Gebrauch und geschickt ausgebessert im Laufe der Zeit, jeden Morgen aus dem
Regal genommen, um dann, wenn Müdigkeit
und Alter kommen, endgültig an den Nagel gehängt zu werden. Heiliges
Leben bedeutet, daß wir lernen, die Dinge in selbstverständlicher,
unbefangener Weise zu handhaben: die Kontrolle über die Zunge, die Gewohnheit,
Schuld nicht auf andere zu schieben, morgens aufzustehen und nicht zu klatschen.
In der monastischen Lebensspanne sollen diese Gewohnheiten in unsere Hände
geschmiegt werden. Simone Weil schrieb einmal, daß das Werkzeug eines erprobten
Arbeiters wie die Verlängerung seiner Hand sei und nicht etwas Fremdes.
Benedikt beschwört ein Bild von Heiligkeit, das dem vergleichbar ist: eine von
uns nicht mehr wahrgenommene „Verlängerung“ unseres Körpers und unserer
Worte. In
einem kürzlich erschienenen Beitrag über benediktinische Heiligkeit beschreibt
Professor Henry Mayr-Harting diese als „völlig zurückgenommen, zutiefst herkömmlich
und ohne jedes System von Expertise“[2].
Ganz grob gesagt ist das der Ansatz, den ich in Bezug auf dieses frühe und
kraftvolle Bild von der Werkstatt und seinen Werkzeugen entwickeln möchte,
obschon ich auch bedenken möchte – mit dem Gesichtspunkt von Expertise
durchaus im Blick – welche Weisheit darin enthalten ist, die zu vermitteln wäre.
Zunächst wäre jedoch vielleicht als wichtigster Aspekt das herauszustellen,
was „zutiefst herkömmlich“ genannt wurde: Die Regel hat eine Heiligkeit vor
Augen, die absolut untrennbar vom gewöhnlichen Leben ist. Die Werkzeuge sind an
die Nähe anderer Menschen gebunden – und
an dieselben anderen Menschen. Wie Benedikt am Schluß von Kapitel 4
sagt, die Werkstatt selbst ist die Beständigkeit der Gemeinschaft, oder, um das
oben Gesagte wieder aufzugreifen, es ist die unvermeidbare Nähe dieser anderen,
die zu einer Verlängerung unseres Selbst wird. Das permanente Umgebensein von
anderen ist etwas, in das wir hineinwachsen müssen, bis es uns nicht mehr bewußt
ist. Um es etwas anders auszudrücken, das Versprechen von
Beständigkeit ist die denkbar drastischste Art und Weise, das Anderssein der
anderen anzuerkennen – genauso wie in der Ehe. Wenn die andere Person
letztlich toleriert und an Bedingungen geknüpft da ist, wenn die Dimension des
„auf Zeit“ unsere Beziehung zu
bestimmten Personen prägt, dann grenzen wir ein, was wir an Anderssein
verkraften können. Von einem bestimmten Punkt an behalten wir uns das Recht
vor, daß unsere Bedingungen letztendlich maßgeblich sind. Beständigkeit,
eheliche Treue und jede ernste, verantwortete Bindung an eine Person oder
Gemeinschaft verbietet sich diese verengte Sicht; darum empfinden wir sie als so
gefährlich. Wenn
wir also über benediktinische Heiligkeit nachdenken, steht ganz am Anfang etwas
Grundsätzliches, etwas, das sich sehr wohl auf andere Gegebenheiten, andere
Beziehungen – nicht zuletzt auf die Kirche – anwenden läßt. Wie oft denken
wir denn an die Heiligkeit der Kirche als etwas, das verbunden ist mit der
gewohnheitsmäßigen Annahme des Anderssein der anderen, die sich in gleicher
Weise verpflichtet und eingesetzt haben wie wir? Und was empfinden wir bei der
Vorstellung von Heiligkeit als einem unbewußten sich Gewöhnen an andere? Was
ist mit der Gegenwart des anderen als einem Werkzeug, das in der Hand abgewetzt
und grau geworden ist? Die nüchterne
Ausdauer so mancher Ehe, die Selbstverständlichkeit, mit der ein alter Priester
die Eucharistie feiert, die intime Beziehung des Musikers zu seinem vertrauten
Instrument und seinem Repertoire – diese
Erfahrungen haben etwas zu tun mit der Art von Heiligkeit, die Benedikt hier
wachruft; sie ist ganz zurückgenommen, wie Mayr-Harting sagt, denn es gibt
nichts zu beweisen. Die
„Werkzeuge der geistlichen Kunst“ enthalten die Goldene Regel, einige der
Zehn Gebote und die leiblichen Werke der Barmherzigkeit (Nackte bekleiden,
Kranke besuchen, Tote begraben etc.), aber der überwiegende Teil hat mit
Tugenden zu tun, die man zur Bewahrung von Beständigkeit als notwendig erachten
kann, im Kontext eines Wachsens in Heiligkeit. Es ist, als ob Benedikt fragen würde:
„Was ist erforderlich, um Menschen heranzubilden, die beständig zusammenleben
können?“ Er beginnt nicht damit, Beständigkeit zu empfehlen, sondern er
stellt ein Umfeld vor Augen, wo mein ständiges So-Sein weder Bitterkeit,
Zynismus, noch Angst vor Offenheit mit anderen hervorruft. Wenn man ein Leben
lang mit denselben Menschen zusammenleben muß, ist es leicht, sich durch zur
Gewohnheit gewordene Reaktionen zu panzern, die an der Oberfläche liegen, sich
durch bestimmte Reaktionen abzuschirmen, um sich vor Verletzungen zu schützen.
Dies ist das genaue Gegenteil einer gewohnheitsmäßigen Annahme von Anderssein,
worüber wir schon sprachen; was aber nicht heißt, daß beide Haltungen
einander gefährlich ähnlich sein können. Wenn man etwas künstlich
systematisiert, kann man die Anweisungen Benedikts, die beim Aufbau von Beständigkeit
in der Werkstatt dienlich sind, unter drei Aspekten sehen: Der Mönch muß
transparent sein; er soll ein Friedensstifter sein und er muß verantwortlich
sein. Schauen wir diese Aspekte genauer an. Transparent
sein: Jene, die zur einer Gemeinschaft gehören, wie sie Benedikt beschreibt,
sollen „keine Arglist im Herzen tragen“ (RB 4,24 in der Liste der
„Werkzeuge“) und bezeichnend, „nicht unaufrichtig Frieden schließen“ (V
25); die eigene Schuldhaftigkeit in Verfehlungen er- und bekennen (V 43: etwas,
was von den Wüstenvätern grundsätzlich immer wieder betont wurde); den Tod täglich
vor Augen haben (V 47); sich bösen Gedanken unverzüglich stellen, sie an
Christus, dem Felsen, zerschmettern und sie dem geistlichen Vater bekannt machen
(Vv 50-51: wiederum eine bekannte Weisung der Wüste). Diese und andere
Weisungen legen nahe, daß Ehrlichkeit eine grundsätzliche Vorbedingung des
Lebens ist. Erstens,
Ehrlichkeit sich selbst gegenüber: man muß wissen, wie man den Fesseln der
Phantasie auf die Spur kommt (das sind nämlich die „Gedanken“, logismoi,
der Wüstenväter. Es ist wichtig zu verstehen, wie tief verwurzelt sie in einem
schwachen und getrübten Willen sind; geht es doch darum, seiner Seele keinen
Raum für Unwahrheiten über sich zu
gewähren. Indem man seine trügerischen Gedanken einem erfahrenen Altvater eröffnet,
übt man sich so in der unverzichtbaren Fähigkeit der Unterscheidung. Dahinter
stehen die Erfahrungen von Evagrius und Cassian, die genau im Blick haben, was
ganz gewöhnliche Langeweile in einem Leben anrichten kann, wo die übliche
Abwechslung von Ort und Gesellschaft fehlt. Der Verstand fixiert sich ganz auf
sich, er ist nicht mehr in der Lage, Sinn von Unsinn zu unterscheiden. Der
Wirklichkeit des anderen in seiner unerbittlichen Verschiedenheit geht man aus
dem Weg durch Rückzug in die private Sphäre, wo die eigenen Vorlieben
uneingeschränkt dominieren. Von daher kommt die Bedeutung, seine Gedanken zu eröffnen:
Es ist ein einfacher Weg, das Tor zur Psyche zu sprengen, ein Weg im Bewußtsein
zu inkarnieren, daß Gott uns überall mit völliger Klarheit sieht (V 49).
Wenn
ich mich so durch die hörende Seelsorge eines Mitbruders, einer Mitschwester
meines Vertrauens meiner eigenen sorgfältigen Prüfung öffne, dann mache ich
den ersten Schritt auf dem Weg der Achtsamkeit gegenüber dem Bruder, der
Schwester, ohne etwas zu beschwichtigen oder auszuweichen. Die Weisung, nicht
unaufrichtig Frieden zu schließen, gehört wohl in diesen Kontext. Denn wenn
wir uns weigern, wirklichen Konflikt zuzugeben, treten wir den Rückzug ins
Private an, um nach einer Lösung zu suchen, die mir meine Sicherheit läßt,
ohne an die Wurzeln der Differenzen zu rühren. Wenn wir transparent werden
wollen, dann müssen wir uns zunächst der unbequemen Tatsache stellen, daß wir
nicht von Natur aus und sofort in Frieden mit allen sind. Möglicherweise
könnte man hier herauslesen, daß man sich einer Versöhnung verweigern soll,
bis einem volle Gerechtigkeit widerfahren ist, aber ich meine nicht, daß
Benedikt daran denkt. Der Rat folgt ja zwei Weisungen über Zorn und Rachsucht
(Vv 22-23), was zusammen mit der Warnung gegen einen falschen Frieden eher
nahelegt, daß das Mißtrauen gegenüber einer vorschnellen Versöhnung nichts
mit dem Verdacht zu tun hat, der andere könnte nicht hinreichend Genugtuung
geleistet haben, sondern vielmehr damit, ob ich mir wirklich meine Ablehnung
eingestanden und sie konfrontiert habe. Es geht also dabei um ein Zögern über
meine Ehrlichkeit gegenüber dem Frieden, nicht um die Akzeptabilität des
anderen. Mir
ist kaum ein Beitrag zum Thema ‚Christliche Gemeinschaft’ bekannt, der so
profund ist wie das wunderbare Tagebuch des verstorbenen Donald Nicholl während
seiner Zeit als Rektor des Ökumenischen Instituts in Tantur, zwischen Jerusalem
und Bethlehem.[3] Darin berichtet er über
eine Unterhaltung mit einem spanischen Gast, einem Gelehrten und dessen
Beobachtung, daß viele Mitglieder der Gemeinschaft hier sind „mit einer
festsitzenden, schweren, inneren Last von Unversöhntheit und Groll aus früheren
Erfahrungen. ... Es sind genau diese, die am meisten über den Aufbau von
Gemeinschaft reden, die den Fluß hemmen, weil sie ihr Unversöhntsein, das sie
wie eine Bleikugel mit sich herumschleppen, am wenigsten bemerken“[4].
Trifft
hier nicht zu, was mit „unaufrichtig Frieden schließen“ gemeint ist, indem
das Sprechen über den Aufbau von Gemeinschaft Alibifunktion dafür hat, die
innere Last von Zorn und Schmerz zu konfrontieren? Und es ist dabei nicht
unwichtig, daß Nicholl die Haltung der katalanischen Benediktiner, die den Kern
der Gemeinschaft bilden, vergleicht mit derjenigen von nur vorübergehend
mitlebenden Wissenschaftlern, die alle mit einer ‚Agenda’ kommen, die in
einem anderen Umfeld, in einer anderen Gemeinschaft angesiedelt ist. Die Belange
sind ganz anderer Art für diejenigen, die nicht in Beständigkeit leben. All
das mag ein neues Schlaglicht auf die Weisung werfen, der Mönch solle ein
Friedensstifter sein. Die Ermahnungen sprechen für sich: Es soll keine
Vergeltung geben (Vv 29-32), keine Verleumdung (V 40), keinen Haß, Neid oder
Eifersucht (Vv 65-67). Die Vorrangstellung des Friedenstiftens wird durch die
Intensivierung der Begriffe auf der Werkzeugliste absolut klar: „In
der Liebe Christi für die Feinde beten.“ (V 72) Beständigkeit
erfordert diese tägliche Disziplin des Heilens. Das steht in direktem Gegensatz
zu einer Atmosphäre, in der man immer um seinen Platz kämpfen muß, wo Einfluß
und Hierarchie unaufhörlich erstritten werden. Wie Professor Mayr-Harting
anmerkt, mag der Gedanke, daß die Rangordnung in der Gemeinschaft sich aus dem
Zeitpunkt des Eintritts ergibt (RB 63), für uns heute banal erscheinen, aber es
war höchst ungewöhnlich in der Antike, Hierarchie so zu verstehen. Uns heute
erscheint es plausibel, hat doch die Regel einen nachhaltigen Einfluß auf die
Institutionen unserer Kultur gehabt. Gleichzeitig betont dasselbe Kapitel, das
dem Zeitpunkt des Eintritts die Rangordnung zumißt, daß besondere
Verantwortungen in der Gemeinschaft nicht an das Lebensalter gebunden sind,
sondern im Ermessen des Abts liegen. „Nirgendwo darf das Lebensalter für die
Rangordnung den Ausschlag geben oder sie von vornherein bestimmen“ (RB 63,5).
Es ist eine prekäre Gratwanderung, aber die Absicht ist offenbar, ein
Ethos zu sichern, in dem offener Konflikt über Rang und Einfluß möglichst
vermieden werden. Und wenn man auch vom Hörensagen annehmen muß, daß
monastische Gemeinschaften gegen Machtkämpfe nicht vollkommen gefeit sind, so
muß man doch festhalten, daß die Regel eine Struktur vorgibt, die jene
Voreingenommenheit, im Gemeinschaftsleben sei der Konflikt sozusagen bereits
vorprogrammiert, immer in Frage stellen wird. Um es anders auszudrücken: Was die Regel umreißt, ist
gewissermaßen was die „Währung“ der Gemeinschaft sein soll. Alle
Gemeinschaften brauchen ein Medium, um sich auszutauschen, eine Sprache, die
ihren Mitgliedern versichert, daß sie sich für dieselbe Sache engagieren. Dazu
gehören gemeinsame Geschichten und Bräuche, Dinge, von denen ich annehmen
darf, daß sie in der Gemeinschaft keiner Erklärung bedürfen. Es betrifft die
Art und Weise, wie etwas gesagt und getan wird. Donald Nicholl hat wiederum ein
treffendes Beispiel dafür. Beim Besuch eines englischen Priesters hört er ihm
zu, als dieser von seiner Missionserfahrung an einer Universität erzählt.
Pfarrer Aidan interessiert sich dafür, was die „Währung“ an dieser
Universität ist, und er nimmt sich Zeit, herauszufinden, worüber die Leute
sprachen und wie. „Und allmählich“, so Pfarrer Aidan, „fiel bei mir der
Groschen. Worüber tauschten sich diese Leute aus, wenn sie sich trafen? Sie
werden überrascht sein. – Sie tauschten sich über ihre Unzufriedenheiten
aus. Die Währung dieser Universität war also das Murren.“ Nicholl
kommentiert das Ganze analog zum Bild vom Blutkreislauf eines Körpers: Was man
empfängt, ist, was man gibt, was man in den Kreislauf hineingibt. „Wenn man
Unzufriedenheit eingibt, bekommt man Unzufriedenheit zurück.“[5]
Und er erinnert sich dabei an einen älteren Ordensmann in Yorkshire, unauffällig
und für das ungeschulte Auge eher müßig. Aber durch ihn „kam eine Währung
aus Güte und Freundlichkeit in den Kreislauf dieser Gemeinschaft.“[6]
Ohne solche Eingabe in den „Kreislauf“ sind Gemeinschaften bestenfalls
trocken und schlimmstenfalls tödlich.
Frieden
stiften ist also weit mehr als die Bereitschaft, diejenigen miteinander zu versöhnen,
die sich verkracht haben. Für sich betrachtet, kann eine Leidenschaft für Versöhnung,
wie wir gesehen haben, ein Ersatz für unterdrückten Zorn und verdrängte
Ablehnung sein. Dann können möglicherweise Angst und Kritiksucht in den
Kreislauf gelangen; zumindest aber kann eine Situation entstehen mit dem Druck,
Frieden um jeden Preis herzustellen. Der Frieden, wie die Regel ihn sich
vorstellt, gleicht eher jener „Währung“, von der wir gesprochen haben; d.h.
es geht um eine entschiedene, feste Gewohnheit, etwas anderes als Vorwürfe und
Klagen in das Leben der Gemeinschaft einzubringen. Und damit das geschehen kann,
muß der Einzelne in jener Transparenz wachsen, von der wir ausgingen. Wir müssen
uns dem Drama einer Versuchung bewußt werden, das emotionale Turbulenzen
inszeniert, in denen das unreflektierte Ego ungehindert Verwüstung anrichtet.
Für
uns im 21. Jahrhundert ist das alles ziemlich schwierig. Uns wurde gesagt –
und das ist ja auch richtig – daß es nicht gut ist, Gefühle zu leugnen und
zu unterdrücken; ebenso richtig, daß es Gift für uns ist, sich bei
Ungerechtigkeit passiv zu verhalten. Das Problem ist nur – und das wird eine
halbe Stunde auf der Straße draußen bestätigen und fünf Minuten eines
„realistischen“ Fernsehprogramms nur allzu deutlich machen – daß wir
dieses vernünftige Korrektiv gegenüber einer Atmosphäre von Unterdrückung
und Unwirklichkeit als Entschuldigung dafür gebrauchen, das Drama unseres
eigenen Willens zu inszenieren. Gefühle zu verdrängen ist schlimm; man braucht
Zeit um zu lernen, daß der positive Weg die Erziehung unserer Emotionen
bedeutet und nicht eine unkritische Nachgiebigkeit ihnen gegenüber, was uns nämlich
viel stärker voneinander isoliert und abschottet. Ebenso ist es schrecklich,
Rechte zu verweigern. Hier gilt es zu lernen – auch das dauert seine Zeit –,
daß das Gegenteil von Unterdrückung nicht in einem Dschungel von Prozessen und
Entschädigungen besteht, sondern in der Pflege konkreter, gegenseitiger
Achtung. Die Regel deutet an, daß wir sicher eines nicht erreichen, wenn unser
ganzes Trachten sich in der Sorge um Recht und Wiedergutmachung erschöpft, nämlich
eine selbstverständlich gewordene Unbefangenheit; d.h. Achtung, Ehrfurcht als
ein weiteres jener glattgeschliffenen Werkzeuge, die einfach eine Verlängerung
unseres Körpers sind. Nichts
davon kann ohne die Beständigkeit der Werkstatt gelernt werden. Die
Gemeinschaft, die in Freiheit verspricht gemeinsam vor Gott zu leben, ist eine,
in der sowohl Wahrhaftigkeit als
auch Ehrfurcht teuer bewahrt werden: Ich verspreche, mich nicht vor euch zu
verstecken, und auch euch manchmal zu helfen, daß ihr euch nicht vor mir oder
vor euch selbst zu verstecken braucht. Ich verspreche, daß euer Hineinwachsen
in das Gute, das Gott für euch bereitet hat, für mich eine ganz natürliche
und selbstverständliche Priorität hat, so wie ich darauf vertraue, daß ihr
dasselbe versprochen habt. Wir haben ein ganzes Leben dafür. Ohne dieses
Versprechen gibt es da immer die Versuchung, daß die ‚Agenda’ unseres Ego
die Überhand gewinnt; und zwar aus Angst, daß ich verlassen werde, wenn die
Wahrheit über mich bekannt wird. Es ist eine Angst, für die ich weder Zeit
noch Mittel habe sie zu ändern,
wie ich zu meinen glaube. Keiner wird weglaufen, und die Ressourcen der
Gemeinschaft sind meinetwegen da. Es
ist mir klar, daß ich damit den Leib des Herrn beschreibe, nicht nur eine
benediktinische Gemeinschaft. Aber wie oft denken wir an das Taufversprechen als
etwas, das uns gerade in diese Gemeinschaft gebracht hat? Wie oft denken wir an
die Kirche als einen Ort, wo wir keine Angst zu haben brauchen? Daher sind
solche örtlich gebundenen, ja sogar spezialisierten Werkstätten wichtig; sie
haben ihren Platz zwischen zwei sowohl gefährlichen, als auch illusorischen
Modellen des menschlichen Lebens. Auf der einen Seite haben wir das, wofür
manche die Kirche halten (Übrigens gehören, historisch gesehen, nicht gerade
wenige dieser Gruppe an, die Leitungsfunktion haben ...): Eine Institution, wo
der Kontrolle große Priorität zukommt, wo Experten das tun, was andere nicht können,
wo geordnetes, gemeinsames Leben auf einer leicht magischen Befehlsstruktur
beruht. Auf der anderen Seite haben wir die moderne und postmoderne Sicht
menschlicher Sozialität: Ein Andrang vielfältiger
Verpflichtungen und Hoffnungen; mit zur Willkür tendierenden Instanzen, die
Konfliktschäden zu begrenzen und die Rechte eines jeden auf
Selbstverwirklichung zu sichern bemüht sind; bis zu dem Punkt, wo sie Übergriffe
auf das Terrain anderer machen, so daß der andere praktisch als Störfaktor
angesehen werden muß. Die Gemeinschaft der Regel geht davon aus, daß der Sinn
von Autorität nicht darin besteht, zwischen ganz bestimmten Interessengruppen
zu vermitteln, sondern sich um die Bedürfnisse und Stärken eines jeden so zu kümmern,
daß sie sie in Frieden leiten kann (wie die Abtskapitel verdeutlichen). Und die
Regel geht auch davon aus, daß jedes Mitglied der Gemeinschaft die Beziehung
zum anderen als den Stoff seiner eigenen Heiligung ansieht, so daß es unmöglich
ist, den anderen notwendigerweise als Bedrohung zu sehen. Indem die Regel weder
einfach hierarchisch ist (da sie eine Autorität voraussetzt, deren Aufgabe es
ist, Einheit zu stiften, die im Einklang mit einem
vorherrschenden Willen steht), noch individualistisch, erinnert die Regel
die Kirche daran, wie alternativ ihr Stil gemeinsamen Lebens sein kann. Aber
damit sind wir schon bei meinem dritten Element benediktinischer Heiligkeit:
Verantwortlichkeit. Grundsätzlich verstanden ist sie fast identisch mit der
Forderung nach Transparenz, worüber wir gesprochen haben. Aber es wird ausdrücklich
vom Abt gesagt, daß sein Amt von Verantwortung geprägt sein muß. Obwohl dem,
was der Abt sagt, unverzüglich Folge zu leisten ist (RB 5), wird jedoch der Abt
ausführlich beschworen, seiner Verantwortung vor Gott Rechnung zu tragen,
seiner Berufung nachzukommen, im Kloster Abbild Christi und „Sauerteig“ für
die Seelen in seiner Obhut zu sein und offensichtlichen Ansprüchen auf Rang und
Würde unter den Mönchen nicht stattzugeben. Seine Arbeit wird hauptsächlich
in der Unterweisung und Formation gesehen, und Mayr-Harting hat völlig recht,
wenn er darin die Sprache des hl. Paulus erkennt: Autorität dient dazu,
Menschen in die Ebenbildlichkeit Christi zu führen, und alle Disziplin dient
diesem Ziel, wobei die Regel besonders darauf achtet, daß den Bedürfnissen der
unterschiedlichen Charaktere entsprochen wird (RB 27 ist das menschlich
behutsamste Beispiel in dieser Hinsicht unter den verschiedenen Texten der Regel
zu diesem Thema). Der
Abt macht keine Unterscheidung auf der Basis sichtbarer Unterschiede (reich oder
arm, Sklave oder frei), sondern auf der Basis einer Unterscheidung der Person.
Man könnte sagen, daß er sich sowohl Gott als auch der geistlichen Realität
der Menschen in seiner Obhut gegenüber zu verantworten hat. Und hier liegt
vielleicht die Sinnspitze der eigentlichen Bedeutung von Verantwortlichkeit in
der Regel insgesamt: Wir sind der konkreten Gegebenheit des anderen gegenüber
verantwortlich. Gehorsam dem Abt gegenüber ist der offensichtlichste Ausdruck
dessen, was sich aber auf das Leben und die Gesundheit der ganzen Gemeinschaft
bezieht, da der Abt ja nur in diesem Kontext Disziplin ausübt und sich
letztlich unter diesen Bedingungen zu verantworten hat.
Kurzum, jeder in der Gemeinschaft, wie die Regel es sieht, steht in der
Verantwortung eines jeden, gleichzeitig ist er verantwortlich für jeden
in der Gemeinschaft – in unterschiedlicher Weise, je nach der
besonderen Verantwortung des einzelnen, aber dennoch geeint in einer einzigen
grundsätzlichen Berufung. Die Werkstatt ist offenkundig die Stätte dieser
Zusammenarbeit, die darauf ausgerichtet ist, „ Fehler zu bessern und die Liebe
zu bewahren“ (Prol. 47). Die
Regel betrachtet also Heiligkeit als eine Reihe von Gewohnheiten – wie grundsätzlich
Güte natürlich, aber nicht auf sie allein reduzierbar. Der heilige Mensch ist
nicht einfach derjenige, der die Gebote hält, mit denen der Katalog der
Werkzeuge der geistlichen Kunst ja eröffnet wird, sondern jemand, der darum kämpft,
ohne Betrug zu leben, indem er seine Seele dem geistlichen Vater oder Begleiter
eröffnet. Heilig ist die Person, die Frieden stiftet, indem sie die Wurzeln
ihres Konflikts in sich selbst anspricht und unter der Begleitung eines
geschulten Oberen versucht, ihre besonderen Gaben in eben solcher Weise
einzubringen, daß ein gesunder „Kreislauf“ in der Gemeinschaft gespeist
wird. Man versteht, warum Benedikt eindeutig für eine lange Zeit der Bewährung
für zukünftige Einsiedler plädiert, und warum er so hart über unstete Mönche
urteilt, die nie hinreichend erfahren, was es bedeutet mit denselben Menschen zu
leben, und sich mit diesen
bestimmten, unentrinnbaren Nächsten in die Liebe einzuüben RB 1). Es hat wenig
Sinn, die Wüstenväter oder Cassian oder Basilius zu lesen, solange man keine
gründlichen Erfahrungen von Beständigkeit gemacht hat. Um ein Zitat von Jacob
Needleman aus seinem beachtenswerten Buch „Lost Christianity“ [7]
zu zitieren: die Worte der Väter richten sich an „Menschen, die noch nicht
existieren“. Um auch nur etwas von dem, was diese geistlichen Väter sagen, zu
verstehen, muß man durch die Erziehung der Instinkte gegangen sein, wie sie die
Regel darstellt. Es ist erwähnenswert, daß es 72 „Werkzeuge der geistlichen
Kunst“ gibt, entsprechend den ersten 72 Kapiteln der Regel. Es ist das 73.
Kapitel, das auf die größeren Herausforderungen der Väter verweist. Damit
liegt nahe, daß genau die 72 Werkzeuge, so wie die 72 Kapitel, eine
Vorbereitung zum Hören dessen sind, was die Väter zu sagen haben; ein
Vorgehen, das Menschen, die die Fragen hören können, ins Dasein zu rufen
vermag. Die
Werkstatt bringt Menschen hervor, die wirklich da sind; vielleicht ist es so einfach. Benedikt engagiert sich
darin, Menschen heranzubilden, die fähig sind, all das in sich zu
diagnostizieren, was ihnen die Flucht vor sich selbst im Hier und Jetzt einflüstert.
Ebenso intensiv wie die Literatur der Wüste – selbst wenn Benedikt
insistiert, er arbeite auf einem anderen, niedrigeren Niveau – betrachtet
Benedikt das monastische Leben als eine Disziplin, da zu sein, wo man ist, statt
in die unendliche Enge seiner eigenen Phantasien zu flüchten. Daher kann er
davon sprechen, daß Gehorsam der Regel gegenüber das Herz weit macht, eines
der Bilder, die durch die Jahrhunderte nachhallen. Es geht im Leben darum, große
Dinge auf kleinem Raum zu vollbringen: „einen großen Saal zwischen engen Wänden
zu bewohnen“. Das ist die Definition des Lebens schlechthin, wie sie der
walisische Dichter Waldo Williams in einem seiner bekanntesten Gedichte bringt,
und es ist keine schlechte Anmerkung zur Regel. Aber
ich habe schon einiges angedeutet, was die Regel heutzutage zu einer schwierigen
Lektüre macht, und in meinen letzten Überlegungen möchte ich deshalb noch ein
wenig ausholen, um zu zeigen,
inwiefern die Regel eine heilsame Lektüre für uns ist, sowohl individuell als
auch gemeinschaftlich. Der Grundgedanke der Regel (und eigentlich jeder
ernsthaften Spiritualität), daß es gewisse Güter gibt, die ohne Zeit zu
investieren absolut unerreichbar sind, ist sicher die größte Trennwand. Und da
geht es nicht nur um unsere persönlichen Neurosen. In Anbetracht einer
Nachrichtenversorgung rund um die Uhr wird unser Verdacht ganz entschieden
entmutigt, daß es seine Zeit braucht, um die Bedeutung von Ereignissen zu
verstehen. So wurden unlängst in den Nachwirkungen des Krieges[8]
diejenigen zum Widerrufen gedrängt, die ihre Zweifel an der Klugheit bzw.
Rechtmäßigkeit des Krieges hatten, denn wir hatten doch schließlich gesiegt.
Es ist offensichtlich nicht leicht zu vermitteln, daß es voreilig ist, von
Sieg, ja sogar von Kriegsende zu sprechen, wenn diverse Beziehungen noch unversöhnt
sind. Für unsere Ungeduld ist vielmehr symptomatisch, daß wir anstreben, was
man heutzutage closure (eine Sache
beenden) nennt. Aber in Wahrheit wird eine tiefe und ernsthafte Bedeutung erst
beim Hinschauen und Zuhören offenbar, beim Begleiten einer langen Geschichte
und ihrer Entfaltung; ob es sich nun um den Sinn eines Lebens handelt (meines
oder eines anderen) oder um die Bedeutung einer Zeitspanne in internationalen
Angelegenheiten. Beständigkeit eröffnet
uns dabei den Zugang; bleiben wir darunter, dann bietet sich uns die Möglichkeit,
daß wir uns verändern während wir Begleitende sind, und so zu einem tieferen
Verständnis gelangen. So
hat das, was wir in Bezug auf Frieden stiften bedacht haben, genau zu diesem
Zeitpunkt eine beunruhigende Aktualität. Sind wir in unserer westlichen
Gesellschaft zu einem Frieden fähig, der nicht „falsch“ im Sinne Benedikts
ist? Das heißt, sind wir unserer Agenda gegenüber, die wir in einen
internationalen Konflikt mitbringen, entsprechend wachsam: Ressentiments, das
Bewußtsein einer halb begrabenen Impotenz, die gleichzeitig mit dem Drang
existiert, die Macht, die wir haben, zu demonstrieren; der Wunsch, die
unbearbeiteten Probleme unserer Gesellschaft zu verdrängen? Und dann gibt es
auch die Gefahr falscher Möchtegern-Friedenstifter, die mehr damit beschäftigt
sind, das was schlecht ist, zu verdammen als sich für eine Veränderung der
Dinge einzusetzen, und für die es tröstlich ist, zu wissen, wo sich das Böse
befindet (in jemand anders, in einem kriegswütigen Ungeheuer). Was tun wir, um
in unserer Kultur zu helfen, die Gewohnheit der Ehrlichkeit zu entdecken oder
wiederzugewinnen? Gibt es einen heilenden „Kreislauf“? „Friedensarbeit“,
so schreibt Donald Nicholl, „fordert einen sehr viel höheren Grad an
Selbstdisziplin, geistlicher Vorbereitung und Selbsterkenntnis als wir generell
bereit sind wahrzuhaben.“ [9] Und
was Verantwortlichkeit betrifft: Wir neigen heute dazu, stolz darauf zu sein, daß
wir es ernst damit meinen; wir haben den Gedanken von Supervision in fast all
unser Tun eingebracht und werden dazu ermutigt, alles zu hinterfragen, was wie
nicht verantwortete Ausübung von Autorität aussieht. Aber ich vermute, daß
dies alles ziemlich weit von dem entfernt ist, was die Regel im Sinn hat. Die
Verantwortlichkeit der Regel basiert vor allem auf einem klaren, eindeutigen
Verständnis darüber, wem gegenüber sich jeder zu verantworten hat: dem
Gericht Christi. Die Regel enthält nichts, was einer spekulativen Christologie
gleich käme. Vielmehr führen alle Wege zu Christus, dem Zentrum aller rechtmäßigen
Autorität, wo die Aufmerksamkeit direkt auf
Gott und den unmittelbaren Nächsten gelenkt wird. Die Regel ist absolut
uninteressiert daran, Autorität als abstraktes Prinzip einzufordern. Wir finden
aber eine eindeutige Verpflichtung zum Hören, als einem zentralen und
notwendigen Aspekt von Entscheidungsfindung. Das beinhaltet Anhören auch des Jüngsten
(RB 3), die Möglichkeit Schwierigkeiten darzulegen und die besondere Situation
zu Gehör zu bringen RB 68) und das wiederholte Insistieren, daß der
Hirtendienst Christi das persönliche und objektive Maß des Abtes ist, wobei
die Selbsthingabe für das Leben des anderen das entscheidende Kriterium ist.
Wenn der Abt Entscheidungen trifft, muß der Mönch letztlich gehorchen. Aber es
geschieht im Kontext eines
Nachdenkens darüber, inwieweit die Gemeinschaft wirklich mit einem gemeinsamen
Fokus und einer gemeinsamen Sprache arbeitet, wo Diskussion und Entscheidungen möglich
sind, statt überprüfen zu wollen, ob der modus
procedendi auch die gewünschten Ergebnisse zeitigt. Die
Regel ist alles andere, als ein undifferenziertes, demokratisches Zeugnis, und
ihr Aufruf zum Gehorsam steht absolut konträr zur Kultur unserer Tage. Aber was
dem daraus resultierenden Unbehagen entgeht, ist das Bewußtsein zusammen vor
Christus zu stehen, sich gemeinsam an den prüfenden Blick Christi zu gewöhnen.
Denn nur so wissen wir uns unter das Gericht Christi gestellt, während wir
zugleich andere in der Barmherzigkeit Christi sehen. Und wir werden
aufgefordert, an dieser Barmherzigkeit, auch für uns, niemals zu verzweifeln.
„An Gottes Barmherzigkeit niemals verzweifeln“ ist das letzte der Werkzeuge
der geistlichen Kunst. Wir könnten sagen, daß ein letztes Verantwortetsein vor
Christus darin besteht, daß wir als Ausdehnung unseres natürlichen Körpers
die Gewohntheit der Hoffnung haben sollten, ein Vertrauen in die Möglichkeiten
des Trostes, wobei der Abt in der einzigartigen Position ist, dies in den
Kreislauf einzugeben. Was
der „Revisionsmentalität“ fehlt, ist gewöhnlich ein gemeinsamer, positiver
Fokus. Wir wissen genau, was ein Verstoß gegen die Verantwortung beinhaltet und
haben gewöhnlich eine klare Vorstellung davon (selbst wenn diese künstlich
klar ist), was eine effektive Ausübung von Verantwortung bewirken sollte. Was
wir nur selten haben, ist der stillschweigende oder explizite Bezug auf den
gemeinsamen Bedeutungskonsens, was
echte Gegenseitigkeit im Leben einer Gruppe unter Autorität ermöglichen würde.
Herausforderungen gehören in den Kontext – ich wiederhole – einer Beständigkeit,
die garantiert, daß wir alle wissen, worüber wir sprechen und was unsere
Hoffnung ist. Mit
dieser Skizze über Heiligkeit und Heilsein stellt die Regel einige Anfragen an
uns als Kirche und Kultur. Sie legt nahe, daß eines unserer Hauptprobleme darin
besteht, daß wir nicht wissen, wo die stabilen Beziehungen zu finden sind, die
uns den Raum gewähren würden, um angstfrei zu wachsen. Die Kirche, die nicht
nur den Bund mit Gott, sondern den Bund miteinander darstellen sollte,
vermittelt nicht immer das Gefühl einer Gemeinschaft, wo Menschen unbegrenzt
Zeit haben, miteinander zu wachsen, sich zu fördern und herauszufordern. Es
gibt wenig Anreiz, offen miteinander zu sein, wenn wir in einem kirchlichen
Klima leben, wo politischer Konflikt und diverse Schuldzuweisungen die
dominierende Münze sind. Und unabhängig davon, ob wir gläubig oder ungläubig
sind, möchten wir Friedensstifter ohne jene innere Arbeit sein, die allein den
Frieden zu etwas mehr als einer Waffenruhe macht. Wir tun uns schwer damit,
diese schwer definierbare Mischung von verwerflicher und heimlicher Passivität
aufzuspüren, die Unterdrückung und eine aggressive, streitbare Besessenheit lebendig erhält, die fortwährend
danach fragt, ob ich auch zu meinem wohlverdienten Recht komme. Und nein, ich
habe keine Patentlösung dafür. Mir geht es allein darum, daß wir Wege finden
uns daran zu erinnern, daß wir ein Problem haben. So
wäre es wichtig, daß wir Gemeinschaften haben, die jene Beständigkeit verkörpern,
um die es hier als Herzmitte geht. „Jedes Ordenshaus soll ein Modell sein –
eigentlich eine Epiphanie – einer in
Christus versöhnten Menschheit“, schrieb Fergus Kerr in einem Aufsatz um
1970.[10] Und er führt aus, daß
dies unmöglich ist, solange wir den eigentlichen Zustand unserer Unversöhntheit
in und unter uns nicht konfrontieren. Dies sei der Grund dafür, daß
Ordensgemeinschaften nicht unbedingt immer unbeschwerte Orte sind. ... Aber
im Sinne des hier Ausgeführten müssen wir festhalten, daß ohne Beständigkeit
diese Arbeit nicht zu leisten ist. Die Werkzeuge werden sonst nicht zu einer
Verlängerung unserer Hände, so daß die Wirklichkeit des anderen
mich nicht länger irritiert und bedroht. Wie recht hat Benedikt, wenn er
sagt, daß jemand erst dann das Leben als Einsiedler aufnehmen darf, nachdem das
Gemeinschaftsleben ihn gestählt hat. Denn erst wenn der andere kein Problem
ist, kann die Einsamkeit christusförmig sein – andernfalls ist es Flucht und
ein neues Drama. Ein
eintöniges Bild? Vielleicht, aber im Technicolor unserer Selbstbezogenheit und
ihrer Wunschformen wäre eine Ernüchterung angebracht. Die Werkstatt ist eine
solide und robuste Metapher für eine Spiritualität, die sowohl eine
lebenslange Anstrengung bedeutet als auch das Herz weit macht; so wie jede gute,
körperliche Arbeit sich über den Körper hinaus auf seine Umgebung mitteilt
und im Verändern sich selbst verändert. Heiligkeit ist ein oft geflickter
Stoff, ein glattgewetztes Werkzeug, sicher ebenso wie ein aufflammendes, neues
Licht. Letztendlich muß sie ein Zustand sein, in dem und mit dem wir leben;
unsere Hand dem Holz angepaßt, die Nahtstelle nicht mehr im Bewußtsein.
Übersetzung: Sr. Monica Lawry, Marienrode [1] Vortrag über
benediktinische Spiritualität, gehalten am 29.April 2003 in New York
(Trinity Wall Street). Der Vortragstil wurde in der Übersetzung
beibehalten. [2] Holiness, Past and Present, ed.Stephen Barton, London / New York 2003, S. 261. [3] Donald Nicholl, The Testing of Hearts. A Pilgrim’s Journal. London 1989.- auf deutsch etwa: Die Erprobung des Herzens. Das Tagebuch eines Pilgers. [4] AaO., S. 62. [5] AaO., S. 142. [6] AaO., S. 143. [7] Jacob Needleman, „Lost Christianity“, New York 1980, besonders S.117-119 und Kap. 8. [8] Der Irak-Krieg hatte am 20. März 2003 begonnen. Sechs Wochen nach Kriegsbeginn, am 1. Mai 2003, erklärte US-Präsident George W. Bush das Ende der Hauptkampfhandlungen. (Anm. der Red.) [9] Nicholl, S. 224. [10] In: John Coventry, Rembert Weakland u.a., „Religious Life Today“, Tenbury Wells, o.J., S.44. |