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Regula
Benedicti Michaela Puzicha OSB Varensell / Salzburg CHRISTUS – MITTE DER BENEDIKTUSREGEL Stellt man die Frage nach dem eigentlichen spirituellen Anliegen Benedikts, weist die Ausrichtung des gesamten Textes auf Christus als den Herrn und Gott. Diese christuszentrierte Vorgabe der Benediktusregel drängt sich jedoch nicht auf, eher unauffällig durchzieht sie den Text, da Benedikt weder explizit eine dogmatische Christologie noch gezielt eine antiarianische Tendenz aufzeigt. Auch ergibt sich diese Wirklichkeit nicht bei einer nur oberflächigen ‚Draufsicht’ auf den Text und einem nur am Litteralsinn abgelesenen normativen Verständnis. Es bedarf vielmehr des „informierten Lesers“ (S. Fish), der die Benediktusregel in immer wiederholtem Lesen nicht nur im wahrsten Sinn des Wortes ‚in- und auswendig’ kennt, sondern auch die Voraussetzungen Benedikts akzeptiert, die vielfach in Schlüsselworten und durch Wortsignale, mit Kurzformeln und durch Komprimierung, mit biblischen und patristischen Anklängen und Erinnerungen den Regeltext steuern. Für das Thema der Christozentrik ist daher immer auf diese ‚Lesezeichen’ zu achten, der Kontext der Heiligen Schrift mitzulesen und die Intertextualität mit der patristischen Literatur1, vor allem ihren Bibelauslegungen unbedingt zu berücksichtigen. Dabei tritt ein reicher Befund hervor, aus dem nur einige Anhaltspunkte zur Thematik vorgestellt werden können2. Die Wahrnehmung dieser Christusorientierung Benedikts und seiner Regel ist allerdings kontrovers. Pauschal wird eher nebenbei konstatiert: „Überzogen scheint mir übrigens die christologische Hermeneutik der Regel, die einer nüchternen Beschränkung auf das wirklich Nachweisbare bedürfte“3. Distanzierend bis abwertend wird vom „Christozentrismus“ des abendländischen Mönchtums insgesamt gesprochen4. Anders urteilt dagegen Ch. Schütz als ein ausgezeichneter Kenner: „Die Benediktusregel erscheint als ein ausgesprochenes Christusbuch im doppelten Sinn des Wortes. Das gilt nicht bloß im Hinblick auf bestimmte Aussagen5, sondern auch auf die Regel insgesamt. Es finden sich in ihr unvermutet viele, teilweise verdeckte Christus-Stellen, die wie ein Netz vom Prolog bis zum Schlusskapitel die ganze Regel verbinden. Bedenkt man die damit gegebene inhaltliche Prägung und Gewichtung, dann lässt sich die Regel als eine „Christus-Regel“ begreifen. Als der eigentliche „Autor“ der Regel muss Christus angesehen werden. Das ist keine historisch-kritische Feststellung, sondern eine theologisch-spirituelle Aussage“6. Diese Sicht wird neuestens bestätigt und verstärkt durch G. Holzherr, einen profunden Exegeten der Benediktusregel7. Benedikt stellt das ganze Leben des Mönchs in den Raum der Präsenz Christi (RB 73,8: adiuvante Christo) und nimmt nichts davon aus. Gerade dieser ganzheitliche Bezug auf ihn erlaubt keine frommen Nischen und keine getrennten Vollzüge von Alltag und Gebet, von Leben und Glauben. Die Benediktusregel erscheint wie ein monastischer Kommentar zur Erfahrung des Paulus: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir. Soweit ich aber jetzt noch in dieser Welt lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat“ (Gal 2,20). Das Interesse Benedikts gilt dem gelebten Glauben und einer Wirklichkeit, die sich der Präsenz des auferstandenen, erhöhten und wiederkommenden Herrn immer bewusst ist. Man wird sagen können, dass seine Äußerungen ganz im Dienst einer monastischen Christusnachfolge stehen, die sich leiten läßt von der Praxis des klösterlichen Alltags. Der Blick auf den Herrn, den der Verfasser gerade in seinem Eigentext immer beibehält, ist wie Grundwasser, das die benediktinische Spiritualität immer wieder neu durchtränkt. Welcher Christus? Benedikt nennt seine Gewährsleute8: die „heiligen katholischen Väter ... sanctorum catholicorum patrum“ (RB 73,4). Zur Zeit Benedikts hat ‚katholisch’ keine konfessionelle Bedeutung im Sinn von römisch-katholisch, sondern meint rechtgläubig im Sinn des Rückgriffs auf das Konzil von Nizäa in seinem Bekenntnis zu Christus: „Gott von Gott, Licht vom Lichte, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt nicht geschaffen. Eines Wesens mit dem Vater“. Damit sind andere Lehren über Christus, insbesondere die arianische, ausgeschlossen. Zu dem Epitheton ‚katholisch’ tritt als weiteres ‚orthodox’ hinzu, wenn er in RB 9,8 zur Vigillesung die Kriterien für die Bibelkommentare festlegt und die von ihm akzeptierten Autoren als „anerkannte und rechtgläubige katholische Väter - a nominatis et orthodoxis catholicis patribus“ bezeichnet – wobei der Gebrauch von orthodox so singulär im monastischen Bereich ist, dass nicht klar ist, warum oder woher Benedikt diese Formulierung nimmt (möglicherweise von Augustinus). Auch „orthodox“ ist nicht im Sinn einer Konfession oder Denomination zu lesen, sondern im Anschluss an das Bekenntnis von Nizäa, an welchem die Rechtgläubigkeit in der ganzen christlichen Spätantike gemessen wurde. Eher unauffällig wird das an einem praxisbezogenen Hinweis deutlich, wenn im Kapitel über die Gastfreundschaft bei aller singulären Offenheit der RB die Rechtgläubigkeit jedoch ein Kriterium des gemeinsamen Betens und für den Friedenskuss und damit für die Aufnahme bildet (vgl. RB 53,4-5). Was Benedikt dort fordert ist das Bekenntnis der Rechtgläubigkeit im Sprechen der trinitarischen Doxologie, die die Wesensgleichheit des Sohnes mit dem Vater formuliert. Christus: Dominus – Deus - Herr und Gott Als markantes und prominentes Beispiel kann RB 58,21 stehen mit der Bitte des Professen. In den Psalmvers 119/118,116: „Suscipe me secundum eloquium tuum - Nimm mich auf...“, wird mit „Herr – Domine“ ein entscheidendes Wort in den Bibeltext eingefügt. „Aber diese Anrede ist natürlich nicht beliebig; sie spricht, mit der ganzen Alten Kirche, mit „Dominus“ den „Herrn“ schlechthin an, Jesus Christus, den Auferstandenen und Verherrlichten“9. Damit ist Christus als der Herr der Gemeinschaft und der Kirche angerufen, der als Lebendiger und Erhöhter anwesend ist. Er wird als Gegenüber des Novizen direkt von diesem angesprochen. Christus wird damit zum eigentlich Handelnden am Neuprofessen. Die Profess wird abgelegt „vor Gott und seinen Heiligen - coram Deo et sanctis eius“ (RB 58,18), eine Wendung, die bei Cassian in einem parallelen Zusammenhang, der Novizenansprache des Abtes Pinufius, vorkommt (Cass., Inst. 4,|36,|2: coram deo et angelis eius). Hier ist ausdrücklich Christus in den vorausgehenden Sätzen genannt. Allerdings gilt, dass diese Zuweisung nicht in einem ausschließenden Sinn verstanden werden darf. „Wenn Benedikt Christus sagt, ist das ganze Geheimnis Gottes, sein trinitarisches Leben, der Vater wie der Geist mitgedacht“10. Es geht nicht um das Auseinandertrennen der ‚Personen’, sondern um die eine und ganze Heilwirklichkeit. Christus omnia Für Paulinus v. Nola ist asketisches Leben bestimmt als „vivere Christo - leben für Christus“ (Carm. 10,284; 31,499). Darin kommt die biographische Situierung einer Christusbeziehung zum Ausdruck, die die Ausrichtung einer ganzen Lebensform darstellt und zu ihrem Mittelpunkt macht. Caesarius v. Arles spricht von „Gott geweiht - frei für Christus – Deo devotae - Christo vacantes“ (RV 40,2)14 und definiert damit nicht nur den Gebetsauftrag der Nonnen in Arles, sondern grundsätzlich das Selbstverständnis monastischer Existenz. Christus nichts vorziehen In der Übernahme dieser Bitte als direktes Zitat aus der Vaterunser-Auslegung des Cyprian (DO 15; Ad Fort. Praef. 5,6) wird das Erbe der Märtyrerspiritualität erkennbar und deutlich, dass es um Prioritäten geht15: Christus nichts, überhaupt gar nichts vorziehen, auch das eigene Leben nicht. Cyprian ist getragen von der Gewissheit: „... weil auch er uns nichts vorgezogen hat - quia nec nobis quicquam ille praeposuit“ (ebd.). Diese Zuwendung Christi geht jeder Hinwendung des Mönches zu ihm voraus, ist Vor-Gabe. Diesen zweiten Teil übernimmt Benedikt nicht, aber die Zusicherung steht hinter seiner ganzen Regel. Der Liebe Christi nichts vorziehen Christus, der da ist - Christus praesens Eine solche Präsenz Christi ist bereits im Prolog ausgesprochen. Der Berufungsdialog zwischen dem Hausvater Christus, der seinen Arbeiter sucht (vgl. Mt 20,1), und dem Menschen, der angesprochen wird, endet in einer Zusage, die die Gegenwärtigkeit Christi zum eigentlichen Zentrum nicht nur des Prologs, sondern der gesamten Regel macht. Diese Verse gipfeln in der Aussage: „Seht ich bin da - Ecce adsum“ (RB Prol. 18). Der Text bildet ein Mischzitat aus dem Propheten Jesaja18 - Verse, die von den Vätern auf Christus hin ausgelegt werden - und macht den Mönch darauf aufmerksam, dass dieses „ecce adsum“ keine zukünftige Verheißung, sondern eigentlich zeitlos ist. Der Satz steht nicht im Futur, meint auch kein grammatikalisches Präsens. Es geht nicht um eine konkrete Zeitangabe, sondern um das „immer“ des gegenwärtigen Herrn, das noch intensiviert wird durch das vorausgehende: „noch ehe ihr mich anruft“. Die Gegenwart Christi wird bestätigt, wenn die Benediktusregel vom deus semper praesens spricht (RB 7,14.23) und dies besonders in Situationen der Anfechtung herausstellt. Das Stichwort cogitationes in diesem Zusammenhang lässt die Lehre der Väter von den „Gedanken“, den logismoi, anklingen, alles dessen also, was im Herzen des Mönchs an Versuchungen und Anfechtungen aufsteigt. Benedikt spricht öfter von dieser existentiellen Realität (vgl. RB Prol. 28; 4,50; 7,44-48; 46,5-6). Die Nähe Christi gerade in der Situation der Bedrohung durch das Böse und in der Versuchung – in desideriis ist ein altes Thema der Mönchsüberlieferung und steht unter der Zusage Christi an Antonius: „Hic fui – ich bin immer dagewesen“19. Gerade in äußerster Gefährdung auch zum Abfall von Christus wird seine helfende Gegenart zur Gewissheit. Cyprian ermutigt seine Gemeinde in der Verfolgung, wenn er schreibt: „Ihr wisst ja, dass ihr unter den Augen des Herrn kämpft, der zugegen ist“ (Cypr., Ep. 10,4: scientes vos sub oculis praesentis domini dimicare). Christus ist als Helfer, nicht als Kontrolleur da. Der helfende Christus - Christus adiuvans Mit RB 73,8-9 wird die eigentliche Botschaft der RB noch einmal sichtbar. Diese Gewissheit, die die Gestalt Christi immer deutlicher hervortreten lässt, ist die spirituelle Mitte der ganzen Regel und kommt zu Beginn des Stundengebets zur Sprache mit dem alten Mönchsgebet Ps 70,2 „O Gott, komm mir zu Hilfe. Herr, eile mir zu helfen“, dem Cassian eine eigene Abhandlung widmet. „Der Mönch hat bei der Betrachtung der eigenen Gebrechlichkeit das Vertrauen auf Erhörung und die Zuversicht auf immer gegenwärtigen und daseienden Schutz. Wer nämlich seinen Schützer stetig anruft, ist überzeugt, dass er immer gegenwärtig ist“21. Dieses Wissen um den Christus adiuvans prägt auch schwierige Situationen. Wenn den Mönch unausweichliche Schwierigkeiten herausfordern, motiviert Benedikt ihn durch die Zusage: „im Vertrauen auf die Hilfe Gottes - confidens de adiutorio dei (RB 68,5) und weist auf Ps 70,2, das vertraute Dauergebet der Mönche zurück. Christus, der Begleiter - Christus dux Im lateinischen Bibeltext wird die unmittelbare Verbindung des Exodus und „führen“ sofort deutlich, was in der Einheitsübersetzung an vielen Stellen nicht mehr erkennbar ist22. Gerade diese Schriftstellen geben einen Eindruck von dem, was Benedikt mit der Führung durch Christus meint und bereits im Prolog vorstellt: „Seht, in seiner Güte zeigt uns der Herr den Weg des Lebens... und gehen wir unter der Führung des Evangeliums - per ducatum evangelii seine Wege“ (RB Prol. 20f.). Beide Stellen ergänzen sich gegenseitig und sind aufeinanderbezogen zu lesen. Auch hier bewährt sich die Voraussetzung des Regelschreibers, dass der Leser auch über große Distanzen Ähnlichkeiten zwischen Formulierungen entdecken und Relationen herstellen kann, wobei wie gesagt Voraussetzung nicht ein einmaliges Lesen, sondern eine intensive Kenntnis des Textes ist. Der heilende Christus - Christus salvans Tatsächlich ist das endgültige Heil der Brüder im Blick Benedikts: „Vor allem darf er über das Heil der ihm Anvertrauten - salutem animarum nicht hinwegsehen oder es geringschätzen“ (RB 2,33). Da der Abt in seinem Dienst immer auf Christus verwiesen bleibt, zeigt sich gerade hier ein Aspekt der Christuswirklichkeit, der in der Theologie der Väter immer stärker hervortritt: der Erlöser, der salvator - und mit Augustinus einen Höhepunkt erreicht. „Daher kam der Retter zum Menschengeschlecht, niemanden fand er, der heil war“23. Hier wird vor allem das Handeln Christi im Ganzen der Erlösung bezeichnet und die Grundlegung der klösterlichen Gemeinschaft eingebettet in das Erlösungs- und Heils-Handeln an ihr. Das bezeugt eine Vielzahl von Schriftstellen, die durchgängig vom salvator und mit vergleichbaren Worten, vom Retter und Helfer sprechen (z. B. Lk 2,11). Das wird noch einmal deutlich zum Abschluss der sog. ‚Strafkapitel’. Der Block endet mit einer klaren Aussage, wenn Benedikt als Sinn alles Bemühens die Heilung betont: „... damit sie geheilt werden - ut sanentur“ (RB 30,3). Die Positionierung dieses Satzes am Ende der gesamten Kapitelfolge ist wichtig. Er deutet nicht nur RB 30, sondern von diesem letzten Satz her erhalten alle Anordnungen ihren Stellenwert und ihre Bedeutung, die eine pädagogische und moralische Sicht weit hinter sich lassen. In dieser knappen Wendung leuchtet das Bild des heilenden Christus auf, von dem das Evangelium sagt: „Er heilte alle - et sanabat omnes“ (Lk 6,19; vgl. Lk 4,40; 9,11; Mk 3,10), was das Evangelium ausdrücklich nicht nur körperlich meint. Dabei fällt ein Psalmvers durch seine patristische Auslegung auf: „.. denen er sein Wort sandte, die er heilte - misit verbum suum et sanavit eos“ (Ps 107/106,20). Die Väter kommentieren nicht überraschend das Wort als Christus24, der gesandt ist, „um zu suchen und zu heilen, was verloren ist“ (Lk 19,10). Im Hintergrund steht das Prohetenwort Jes 53,5: „et livore eius sanati sumus - durch seine Wunden sind wir geheilt“, was 1 Petr,2,24 übernimmt. Wie sehr über diese knappe Formulierung in RB 30,3 das Handeln des heilenden Christus gezeigt werden soll, bestätigt sich in Benedikts Gewissheit, wenn er ebenfalls im Zusammenhang der ‚Strafkapitel’ für die Unverbesserlichen hofft: „... der Herr, der alles vermag“ (RB 28,5). Aus dem unmittelbaren Zusammenhang mit RB 27, wo bereits das Bild des Arztes und Guten Hirten aufgeboten ist, wird klar, wer dieser Herr ist. Das große Beispiel - Christus exemplum Christus, der Dienende - Christus serviens (RB
35,1.6.15-18) Es ist leicht zu erkennen, dass hier den Mönchen der dienende Christus, der Christus serviens vor Augen gestellt wird. Damit rücken Schriftstellen in das Zentrum der Regel, die nicht direkt zitiert werden, aber wie selbstverständlich die biblische Grundschicht bilden: der dienende Christus der Synoptiker (z. B. Mt 20,26-28), die Fußwaschung (Joh 13) und der Christushymnus (Phil 2,7). Die Weisung zum Dienen ruft den Mönchen das Wort Jesu in Erinnerung: „Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen“ (Mt 20,28) und ermutigt sie, entsprechend zu leben. In eindringlicher Stärke steht im Hintergrund der Benediktusregel nicht nur an dieser Stelle vor allem die Sicht des vorpaulinischen Christushymnus: „... und wurde wie ein Sklave“ (Phil 2,7). Der lateinische Text ist griffiger und formuliert: „formam servi accipiens“, was die Initiative an Christus bindet. Der Mönch orientiert sich an dieser Wesensbestimmung Christi und identifiziert sich mit seiner Grundhaltung. Das bestätigt der Blick auf die Eingangsformulierung von der „Schule für den Dienst des Herrn – dominici schola servitii (RB Prol. 45). Die Mönche sind Schüler, der Lehrer ist Christus (RB Prol. 1.50), der Lernstoff ist nicht zuerst, dem Herrn zu dienen oder etwa als Gottesdienst zu verstehen, sondern in lebenslangem Lernen den Dienst im Blick zu haben, den der Herr uns erwiesen hat, so zu dienen, wie der Herr gedient hat. Das Zeichen der Fußwaschung Damit stellt die Regel die Mönche unter die Weisung Christi (Joh 13,14f) und will sie zu jedem Dienst bereit machen. Christus selbst gibt den entscheidenden Kernpunkt des gemeinsamen Lebens vor: „Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müßt auch ihr einander die Füße waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe“(Joh 13,14f.). Benedikt sichert mit demselben Verständnis wie das Johannesevangelium die geistliche Qualität des monastischen Alltags. Der geduldige Christus - Christus patiens Um diese Herausforderung zu bestehen, ist der Mönch nicht auf sich allein gestellt. Schon der Prolog verweist auf die Geduld, die der Herr mit jedem hat. Deutlich ist das Zitat aus dem Römerbrief: „Weißt du nicht, dass Gottes Geduld dich zur Umkehr führt“? (Röm 2,4; RB Prol. 37). Wo die Vulgata Güte - benignitas schreibt, liest die Benediktusregel mit der altlateinischen Bibelversion patientia. Schon die erste Vershälfte stellt das Thema vor: „Verachtest du etwa den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut?“ (Röm 2,4). Der geduldige Umgang mit den körperlichen, psychischen und charakterlichen Schwächen stellt für die Gemeinschaft und den einzelnen eine bleibende Aufgabe dar, zu der Benedikt mit der singulären Formulierung in RB 72,5 ermutigt: „patientissime tolerare ... mit unerschöpflicher Geduld ertragen“. Dabei ist der Superlativ patientissime eine starke Herausforderung. Der Sinn liegt jedoch nicht in einer quantitativen Steigerung der Geduld, sondern in ihrer Unbeirrbarkeit und Dauerhaftigkeit. Gerade hier rufen die beiden frühkirchlichen Schriften des Tertullian und Cyprian27 zum Thema der Geduld das Beispiel des geduldigen Christus an zahlreichen Stellen auf. Bevor also der Mönch seine Geduld erproben muss, hat Christus bereits in Geduld die Menschen angenommen. Als exemplum der Geduld ist Christus bereits in der frühchristlichen Theologie gesehen, wie Polycarp v. Smyrna diesen Zusammenhang ausspricht: „Werden wir also Nachahmer seiner Geduld, und wenn wir um seines Namens willen zu leiden haben, wollen wir ihn preisen. Denn dieses Beispiel gab er uns durch sich selbst, und wir glauben daran“ (2 Phil. 8,2). Das Wort „(er)tragen - tolerare“ ist dabei von besonderer Wichtigkeit. Damit wird dem Mönch nicht zuerst eine Mahnung und Aufforderung vorgelegt, sondern eher unauffällig auf Christus verwiesen. Der Mönch ist nicht allein auf seine Kraft angewiesen, sondern im Blick auf Christus kann er die Tragfähigkeit erproben. Ignatius v. Antiochien macht deutlich: „Ertrage alle, wie auch dich der Herr trägt. Trage alle in Liebe, wie du es ja auch tust ... “ (Ep. ad Polyc. 1,2.3). Wohl nicht zufällig stimmt diese Sicht von RB 72,5 überein mit RB 36,5, wo beides mit der Abwandlung zu portare ebenfalls verwendet wird: „Auch solche Kranke sind geduldig zu tragen - patienter portandi sunt“. Gerade hier wird das christologische Fundament fassbar. Vorbild und Beispiel solchen Tragens ist Christus selbst. Es bleibt die Zusage des Herrn: „Ich will ich euch tragen. Ich habe es getan, und ich werde euch weiterhin tragen, ich werde euch schleppen und retten - ego portabo et salvabo“ (Jes 46,4). Schon das vierte Gottesknechtslied spricht davon, dass der Auserwählte Jahwes unsere Krankheiten getragen und unsere Sünden auf sich genommen hat28, eine Stelle, die in der Exegese der Väter und in der Liturgie stets auf Christus gedeutet wurde und in diesem Sinn schon 1 Petr 2,24 aufgenommen ist. Direkt spricht Benedikt von Christus als Beispiel, wenn er das Bild des guten Hirten aufnimmt - et pastoris boni pium imitetur exemplum, der seine Geduld im Tragen des verirrten Schafes erweist (RB 27,9). Das Bild vom Schaf, das Christus auf seine Schultern nimmt, entstammt der Lukasparabel (Lk 15,5). Das „Zurücktragen zur Herde - reportare“ ist nicht biblisch belegt, und macht daher noch einmal klar, wie entscheidend für Benedikt dieser Aspekt der Christuswirklichkeit ist. Die Bedeutung des Christus exemplum tritt besonders hervor, wenn die Benediktusregel die Grundhaltungen des monastischen Lebens in den Dimensionen von Gehorsam, Schweigen und Demut entfaltet. Durch die Betonung der Beispielhaftigkeit Christi wird aus RB 5, 6 und 7 weniger eine asketische oder moralisch-pädagogische Anweisung als vielmehr eine mystagogische Unterweisung, die den Blick des Mönches auf den gehorsamen, schweigenden und demütigen Christus lenkt und den Weg mit ihm ermöglicht. Der gehorsame Christus - Christus oboediens In RB 7,34 (vgl. RB 7,32 factis imitetur) wird die Aussage über den Gehorsam verstärkt. Die dort vorgelegte Motivation ist ganz ausgerichtet auf das Vorbild Christi. Das Gewicht dieser mystagogischen Sicht wird unterstrichen, wenn ausdrücklich mit Phil 2,8: „... gehorsam bis zum Tod“ eine der zentralen neutestamentlichen Stellen zitiert wird, die zur Nachahmung des gehorsamen Christus aufruft. Dem geht der Hinweis des Paulus voraus: „Seid untereinander so gesinnt, wie Jesus Christus auch war“ (Phil 2,5). Der schweigende Christus – Christus tacitus Mit RB 6,8, das ebenfalls wie eine pädagogische Mahnung klingt, weist Benedikt noch einmal unauffällig auf die Gestalt des schweigenden Herrn hin. So erinnert er den Mönch mit der abschließenden Mahnung „nicht ... den Mund zu öffnen - aperire os non permittimus“, unter Anspielung auf Jes 53,731 noch einmal wie in V. 1 an den Herrn in der Gestalt des leidenden Gottesknechtes und in seiner Passion gleichsam als christologische Klammer des Kapitels. Der demütige Christus – Christus humilis Mit den Schlüsselworten „erhöhen – erniedrigen“ wird jedoch auf einen größeren Zusammenhang verwiesen. Durch die Terminologie von der Erniedrigung und Erhöhung ergibt sich aus der Art des Bibellesens der Väter und ihrer Auslegung „Schrift durch Schrift - scriptura per scripturam“ die Inanspruchnahme der vor allem neutestamentlichen Stellen zu dieser Thematik. Damit klingt unmittelbar Phil 2,8-9 an: „Er erniedrigte sich... Darum hat ihn Gott erhöht.“ Das große Thema der johanneischen Passion wird ebenfalls aufgerufen: die Einheit von Erniedrigung und Erhöhung im Sterben am Kreuz (vgl. Joh 3,14; 8,28; 12,32; 12,34). Vielleicht darf man in RB 7,63 mit der Wendung inclinato .|.|. capite einen Anklang an Joh 19,|30 erkennen. Für die Demut Christi nennt der 1. Clemensbrief als Zeugnis der Schrift Jes 53,1-12 und Ps 21/22,7-9. Christus selber wird vom Verfasser als Sprecher des Psalms vorgestellt. Dieses Vorbild Christi eine der Grundaussagen32. Die Zugehörigkeit zu Christus verwirklicht sich entscheidend in der Nachahmung seiner Demut. In Anlehnung an Phil 2,6-8 ist christliche Existenz: handeln nach dem Vorbild des Herrn ex forma dominica agere (Tert., De idol. 18,5). Ein wichtiger Aspekt dieser forma Christi ist seine Demut33, die sich vor allem im geduldigen Ertragen dieser Welt und durch Stillhalten im Leiden äußert als die kennzeichnenden Züge des Beispiels Christi34. Für die Väter ist die Demut die Haltung, die der Getaufte Mensch von Christus lernen soll, der das fundamentum humilitatis ist (Aug., Serm. 69,4), wie auch Ambrosius seiner Gemeinde Christus als den Lehrer der Demut (Ambr., off. 1,1,1) vor Augen stellt. Christus im Bruder Sie gewinnt im Zusammenhang mit den kranken Brüdern eine explizite Dimension, die das ganze Kapitel 36 prägt. Benedikt will seine Mönche anleiten, besonders im Kranken den Herrn zu sehen. Um diesen Gedanken zu festigen, greift er auf die Identitätsaussage zu, die in der ethischen Argumentation der Frühen Kirche zu den am häufigsten genannten Perikopen gehört: „Ich war krank und ihr habt mich besucht“ (Mt 25,36; RB 36,2). Die Sicht Benedikts „als wären sie wirklich Christus“ (RB 36,1) unterstreicht die Identität und muss eigentlich nicht im Konjunktiv, sondern im Positiv stehen - durch sie ist Christus wirklich präsent. Der Dienst an den Kranken wird zum Ausdruck des Glaubens an die Gegenwart Christi in diesen Menschen. Die Bedeutung dieser Sicht wird unterstrichen durch die Weiterführung des Zitates mit dem eigentlichen Höhepunkt der Gerichtsrede: „Was ihr einem dieser Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40; RB 36,3). Damit gibt Benedikt zum Umgang mit den kranken Brüdern eine christusorientierte Motivation, die in ihrer Eindringlichkeit nicht zu überhören ist. Zugleich wird deutlich, dass es offensichtlich eines starken Motivs für die pflegenden Brüder bedarf, um diesen Dienst zu tun. Christus peregrinus Da sonst in der monastischen Regelüberlieferung zum Thema der Gastfreundschaft der Hinweis auf die Gerichtsperikope fehlt, tritt das Anliegen Benedikts als ganz persönliches deutlich hervor und hat Aufforderungscharakter für die Mönche. Der Dienst an den Fremden wird zum Ausdruck des Gehorsams gegenüber dem Wort des Evangeliums und des Glaubens an die Gegenwart Christi in allen, die zum Kloster kommen. Benedikt klärt, wer zu Gast kommt: „Christus wird in ihnen verehrt, der tatsächlich aufgenommen wird“ (RB 53,7). Die Zeremonien (vgl. RB 53,3-7) sind Ausdruck dieses Wissens. Sie gehen über menschliche Ehrerbietung weit hinaus und bezeugen die Ehrfurcht einem Menschen gegenüber, in dem der Glaube Christus erkennt. Die Weiterführung des Gedankens in RB 53,15 macht Ernst mit der Einschätzung der Geringsten und verstärkt die Motivation mit der indirekten Zitierung von Mt 25,40. In ihnen wird Christus „magis - umso mehr, erst recht aufgenommen. Die Brisanz der Aussage wird klar, wenn die Bedeutung wahrgenommen wird, die die Wortwahl Benedikts mit pauperes et peregrini tatsächlich hat. Gemeint sind eben nicht Arme und Pilger, was harmlos wäre und nur RB 53,1-2 wiederholen würde. Als Hendiadyoin ist es in der christlichen Spätantike ab der Mitte des 4. Jahrhunderts Terminus technicus für umherziehende Bettler, was der Botschaft von Mt 25,40 exakt entspricht: „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“. Damit gibt Benedikt zum Umgang mit den Allerärmsten eine christozentrische Motivation, die in ihrer Eindeutigkeit zugleich Herausforderung für die Gemeinschaft bleibt. Vices Christi Christus: Das Ziel - ad Christum Unter diese Perspektive ist der Weg des Mönches von Anfang an gestellt. Die Grundunterweisung des Novizen legt ihm zwar das Harte und Schwere vor, die eigentliche Aussage gipfelt jedoch in einer Verheißung. Die Formulierung, die Benedikt dafür wählt, ist denkbar einfach: „Er geht zu Gott - itur ad deum (RB 58,8) und zeigt damit auf das eigentliche Ziel. Wiederum klingt Cyprian durch, der im Kontext von Verfolgung und Martyrium schreibt: „... und es als Geschenk der Zeit begrüßen, wenn wir ... zu Christus gehen auf dem engen Weg Christi“ (De mortal. 14: ... ad Christum per angustam Christi uiam pergimus). Bereits vorher hatte er ausgeführt: „Nur der hat den Tod zu fürchten, der nicht zu Christus gehen will; nur der aber kann sich sträuben zu Christus zu gehen, der nicht daran glaubt, dass er mit Christus zu herrschen beginnt.“ (De mortal. 2: … qui ad Christum nolit ire. Eius est ad Christum nolle ire qui se non credat cum christo incipere regnare.)Nicht nur der Novize ist auf dieses Ziel verwiesen. Es bleibt ein Leben lang im Blick des Mönches. In direkter Parallele schreibt Benedikt:: „- sie wissen, dass sie ... zu Gott gehen ... scientes ... se ituros ad Deum“ (RB 71,2). Damit ist das Grundexistential und der eigentliche Sinn des monastischen Lebens formuliert, das immer als Gehen zu Gott, zu Christus verstanden wird und die personale Beziehung in den Mittelpunkt des Lebens stellt. Die Verklammerung mit RB 72,2.12 ad deum et ad vitam aeternam ist dabei im Blick zu behalten. Diese Ausrichtung auf den Herrn wird ebenfalls an den Regelstellen deutlich, die ebenfalls mit „ad“ und einem Verb der Bewegung vom Ziel des Mönches sprechen: „zum ewigen Leben gelangen“ (RB Prol. 42; RB 5,10; 72,2.12), „zum himmlischen Vaterland eilen“ (RB 73,8). Auch diese Begriffe sind im Kontext der Patristik vornehmlich personal zu verstehen. Diese letzte Wirklichkeit bringt Augustinus zur Sprache: „Christus: Er ist das Vaterland, wohin wir gehen - Er ist der Weg (Joh 14,6), auf dem wir gehen. Durch ihn sollen wir zu ihm gehen und wir werden nicht irregehen - ipse est patria quo imus, ipse via qua imus. Per ipsum ad ipsum eamus et non errabimus.“ (Serm. 92). ******** Dem Referat liegt der Artikel zugrunde: Literatur: Baus, K., Das Gebet zu Christus beim hl. Ambrosius. Eine frömmigkeitsgeschichtliche Untersuchung (Habil. 1952). Hrsg. v. E. Dassmann (Theophaneia 35), Berlin 2000. Böckmann, A., Zugang zu Christus nach der RB, in: RBS 20 (2001), 15-33. Borias, A., Dominus et Deus dans la Règle de S. Benoît, in: RevBén 79 (1969), 414–423. Borias, A., Le Christ dans la Règle de S. Benoît, in: RevBén 82 (1972), 109–139. Geerlings, W., Christus exemplum: Studien zur Christologie u. Christusverkündigung Augustins (Tübinger Theologische Studien 13), Mainz 1978. Häußling, A., Ergo nihil operi Dei praeponatur (RB 43, 3). Relecture eines benediktinischen Axioms, in: Itinera (Festschrift E. v. Severus. BGAMB Suppl. 5), Münster 1988, 157-174. Holzherr, G., Die Benediktsregel. Eine Anleitung zu christlichem Leben, Einsiedeln 2. 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5 Vgl. RB Prol. 3.28.50; 2,2; 4,10.50; 7,69; 36,1; 53,1-2.7.15; 73,8 u.a. 6 Schütz, Grundsätze 18; vgl. ders., Christus 145. 9 Häußling, Ergo nihil 170; zur Stelle: Ambr., Expos. Ps. 118,15,16; vgl. RM 89,24. 11 Holzherr, Benediktsregel 15. 12 Baus, Gebet 69-74; Studer, Gott 165-171. Dassmann, Frömmgkeit 211-214. 19 Athan., Vita Antonii 10,2-3. 21 Cass., Coll. 10,10,3-4: protectorem... semper esse praesentem. 24 Z. B. Orig., NumHom. 27,2; Ambr. ExPs. 37,19,4; Paul. Nol., Ep. 19,3; Aug., EnPs. 106,11. 25 Geerlings, Christus exemplum passim. 26 Vgl. in anderem Zusammenhang RB 27,|8: Et pastoris boni pium imitetur exemplum. 27 Tert., De patientia; Cypr., De bono patientiae. 28 Vgl. Jes 53,4: vere languores nostros ipse tulit et dolores nostros ipse portavit. 29 imitantur; vgl. RB 7,32.34. 33 Vgl. Tert., De carne Chr. 7,12. |