Michaela Puzicha (Varensell / Salzburg)

Wer sind die FRATRES DELICATI (RB 48,24)?
Das Zeugnis der monastischen Literatur
 

Die Sorge Benedikts für Brüder, die der täglichen Arbeit nicht gewachsen oder die in ihrer Arbeitskraft eingeschränkt sind, verdeutlicht er in RB 48,24: „Kranken oder empfindlichen Brüdern werde eine passende Beschäftigung oder ein geeignetes Handwerk zugewiesen; sie sollen nicht müßig sein, aber auch nicht durch allzu große Last der Arbeit erdrückt oder sogar fortgetrieben werden. Der Abt muß auf ihre Schwäche Rücksicht nehmen“[1].

In diesem Zusammenhang verwendet Benedikt einen Begriff, der nur einmal in seiner Regel vorkommt, wenn er von den fratres delicati spricht, die er abhebt von den fratres infirmi, den kranken Brüdern. Benedikt übernimmt ihn allerdings als Terminus technicus aus der monastischen Literatur und verwendet ihn in einem ganz bestimmten Sinn. Es stellt sich die Frage, wer damit gemeint ist. Die deutschen Übersetzungen sind fast gleichlautend, wenn sie das Wort delicatus wiedergeben mit: empfindlich, schwach, schwächlich. Offensichtlich ist aber eine andere Situation angesprochen als Krankheit oder Schwäche. Auch scheint das lateinische Wort nahezulegen, daß es sich nicht um Alter oder Rekonvaleszenz handelt.

In der monastischen Literatur ist dieser Begriff wohlbekannt. Er wird häufig im Kontext des zönobitischen Lebens verwendet und bringt damit eine Gruppe von Brüdern zur Sprache, die nicht zu den voll Einsatzfähigen, besser: den Robusten gehören, aber auch nicht krank sind. Offenkundig handelt es sich um ganz bestimmte Mitglieder einer Gemeinschaft.

Die Magisterregel bietet im vergleichbaren Kontext wie RB 48,24 eine textliche Vorlage: „Schwachen und kranken Brüdern soll solche Arbeit übertragen werden, daß sie zum Dienst für Gott gefördert und nicht zugrunde gerichtet werden“[2]. Dieses Parallele bezeugt den Begriff, klärt aber nicht seine Bedeutung.  

Viel weiter führt die Verwendung des Wortes in den Schriften des Hieronymus. Er gebraucht ihn im Vergleich mit anderen monastischen Schriftstellern überdurchschnittlich häufig, vor allem in seinen Briefen. Die Mehrzahl dieser Briefe richtet sich an ein asketisches bzw. monastisches Umfeld. Die Varianten der Bedeutungsmöglichkeiten bieten für das Verständnis bei Benedikt einen reichhaltigen Hintergrund. Aus der Vielzahl der Stellen sind einige wenige angeführt.

Der Mönch Heliodor, ein Gefährte des Hieronymus, entschloß sich nicht für ein eremitisches Leben im Osten, sondern verließ Hieronymus dort und wirkte in Altinum bei Aquleija als Priester und Bischof. Dieser Entschluß rief bei Hieronymus Empörung hervor, da er ihn als Abfall vom Ideal betrachtete. Mit bissiger Ironie kennzeichnet er Heliodor als verwöhnten Knaben (quasi parvulus delicatus), der sich der Härte der Askese nicht stellen will[3]. Die Rückkehr in die Heimat veranlaßt Hieronymus zu dem Ausruf: „delicate miles - Du verweichlichter Soldat“ weil er nach des Hieronymus Meinung den Kriegsdienst für Christus scheut[4] und seine eigentliche asketische Berufung vergißt. Er schildert ihn als einen, der sich dieser Welt erfreut und fällt das Urteil: „Du bist schon sehr verwöhnt, mein Teuerster (delicatus es, carissime), wenn du dich hier mit der Welt freuen und dort mit Christus herrschen willst“[5].

In großer Nähe zur Bedeutung des Begriffs in RB 48,24 findet sich bei Hieronymus eine Stelle, wenn er Eustochium, die aus der römischen Hocharistokratie stammt, vor der Vorsorge für das Alter warnt, d.h. davor, materielle Dinge anzuhäufen. In der berühmten Ep. 22, eigentlich ein asketischer Traktat über die Jungfräulichkeit, läßt er sie gleichsam fiktiv als Gegenargument zu seiner Aufforderung zur Arbeit sagen: „Du aber sagst: Ich bin ein zartes Mädchen, ich kann mit meinen Händen nicht arbeiten (puella sum delicata et quae meis manibus laborare non possum). Werde ich einmal alt, überkommt mich eine Krankheit, wer wird sich dann meiner erbarmen?“[6]. Hier meint delicatus ganz klar die Unfähigkeit zu körperlicher oder grober Arbeit. Der Grund dafür liegt in einer vornehmen Herkunft und Erziehung. Man hatte seine Sklaven und Bediensteten, die alle Arbeiten verrichteten. Im römischen Verständnis gilt der als arm, der sich seinen Lebensunterhalt durch Arbeit verdienen muß. Das bedeutet nicht unbedingt, mittellos oder ohne Vermögen zu sein, sondern daß man sich nicht ausschließlich der Muße widmen kann.

Andererseits zeigt sich Hieronymus rücksichtsvoll, wenn er in dem für die Frühformen des Mönchtums ebenfalls wichtigen Brief an Demetrias, eine vornehme junge Römerin, die auch von Pelagius und Augustinus Briefe für die Gestaltung ihres asketisches Leben bekam, darauf hinweist, daß übertriebenes Fasten und maßlose Enthaltsamkeit in der Nahrung „leicht zarte Körper gefährden kann (quibus statim corpora delicata franguntur), so daß sie zu kränkeln beginnen“[7].

Auch biblische Gestalten werden von Hieronymus mit dem Prädikat delicatus charakterisiert. So bezeichnet er Jakob als den von seiner Mutter Rebecca äußerst verzärtelten Sohn[8].

Bei Hieronymus läßt sich durchweg eine polemische Verwendung des Begriffs erkennen. Er benutzt ihn in den allermeisten Fällen in einem negativen oder ironischen Kontext. Meistens steht er für Verweichlichung, Arbeitsscheu und Schlemmerei, als Ursache von Verführung, Unzucht und schlechter Lebensführung[9]. Er bezieht ihn auf Menschen, die aus seiner Sicht verwöhnt und verzärtelt sind, so daß sie für ein asketisches Leben ungeeignet sind oder davor zurückscheuen. Die Wertung, die bei ihm deutlich wird, läßt wenig Verständnis erkennen für Menschen, die in luxuriösen und verwöhnten Verhältnissen großgeworden sind und sich nur schwer an die Forderungen einer asketischen Lebensführung gewöhnen können oder wollen. 

Einen ganz anderen Klang hat das Wort bei Augustinus. Er gebraucht es in seinen monastischen Schrifttum und setzt offensichtlich die Verwendung des Begriffs in der Überlieferung sowie seine Bedeutung voraus. In seiner Klostergemeinschaft in Hippo gibt es unterschiedliche Menschen, was die Herkunft, Belastbarkeit und die Rücksichtnahme anbelangt ebenso wie die Frage nach den Ausnahmen, die sie brauchen. Das betrifft die Nahrung und die Kleidung, aber auch die Arbeit. In diesem Zusammenhang verwendet er den Begriff delicatus und kennzeichnet damit die Herkunft von Brüdern aus der gesellschaftlichen Oberschicht. Einige waren vor ihrem Klostereintritt eine verweichlichtere Lebensführung gewohnt (ex moribus delicatioribus) und erhalten deswegen etwas mehr an Speise und Kleidung, ein besseres Bett oder zusätzliche Bettdecken[10]“. Es kann jedoch nicht bedeuten, daß die Robusteren – im Kontext bei Augustinus stammen sie aus den unteren Schichten – dieselben Vergünstigungen erhalten wie die delicati, was man bei einem egalitären Gerechtigkeitsverständnis erwarten könnte. Augustinus argumentiert: Andernfalls würde sich im Kloster der widersinnige Mißstand ergeben, daß jene, die aus reichen Verhältnissen stammen, alle möglichen Anstrengungen auf sich zu nehmen hätten, während die aus armen Verhältnissen kommen, ein verweichlichtes Leben führen (fiant pauperes delicati)[11].

Vor allem in seiner Schrift „Über die Handarbeit der Mönche“ wird die gesellschaftliche und soziale Dimension des Begriffs delicatus deutlich. Auch ohne daß zunächst das Wort fällt, gibt Augustinus eine klare Beschreibung des Phänomens, das in den klösterlichen Gemeinschaften deutlich hervortritt. Er konstatiert: „Wenn einzelne etwas in der Welt besaßen, von dem sie, ohne selbst mit den Händen zu arbeiten, ihr gutes Auskommen hatten, und wenn sie nach ihrer Bekehrung zu Gott (d.h. dem Eintritt in den Mönchsstand) ihre Habe unter die Bedürftigen verteilt haben, dann soll man ihrer Schwäche Glauben schenken und sie ertragen. Denn solche Menschen, die nicht, wie viele meinen, in besseren, sondern tatsächlich in verweichlichteren Verhältnissen groß geworden sind, sind in der Regel den Anstrengungen körperlicher Arbeit nicht gewachsen“[12].

Der Begriff delicatus fällt in diesem Zusammenhang nicht. Aber die Umschreibung der Situation dieser Mönche, die Augustinus gibt, trifft genau den Sachverhalt, um den es geht. Es sind Brüder, die aus vermögenden Verhältnissen stammen und es bisher nicht nötig hatten, ihren Lebensunterhalt mit ihrer Hände Arbeit zu verdienen oder überhaupt irgendeine körperliche Arbeit zu verrichten. Bei der allgemeinen Forderung des Mönchtums, die vom unaufgebbaren Grundsatz der Arbeit zum Erwerb des Lebensunterhaltes durch jeden Mönch ausgeht, ergibt sich ein Problem. Für Augustinus ist dieser Grundsatz unaufgebbar, andererseits akzeptiert er die Situation dieser Menschen. Dennoch stellt er auch sie unter das Gesetz der Arbeit. Allerdings vermerkt er: „Deshalb sollen auch jene, die ihr mehr oder weniger ansehnliches Vermögen aufgegeben oder verteilt haben und in frommer und heilsamer Demut in die Schar der Armen Christi eingereiht werden wollten, Handarbeit verrichten, wenn sie dazu die körperliche Kraft besitzen“[13]. Er sieht zwar ihren Vermögensverzicht zugunsten der klösterlichen Gemeinschaft als so einschneidend an, daß ihnen „eigentlich die Gemeinschaft und die brüderliche Liebe als Gegenleistung den Lebensunterhalt schuldet“[14], und er die Frage stellt: „Wer sollte es wagen, sie zu zwingen, wenn sie dazu nicht bereit sind?“, aber sofort weitergeht: „Doch muß man im Kloster auch für diese Leute Arbeiten finden, die zwar weniger körperliche Anstrengung fordern, dafür aber mit Sorgfalt und Aufmerksamkeit verrichtet werden müssen. Nicht einmal sie sollen ihr Brot umsonst essen“[15]. Keinesfalls soll diesen Brüdern aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung und sozialen Herkunft alle Arbeit abgenommen werden. Andererseits ist darauf Rücksicht zu nehmen, daß sie durch ihre bisherige Lebensweise nicht in der Lage sind, bestimmte Arbeiten zu verrichten.

Die Probleme, die sich für eine Gemeinschaft daraus ergeben, werden bei Augustinus klar ausgesprochen, wenn er darauf eingeht, daß offensichtlich Mitglieder der klösterlichen Gemeinschaft, die aus ärmeren Verhältnissen stammen, diese Dispensen für sich ebenfalls erreichen wollen. „Was aber jene betrifft, die schon vor ihrem Eintritt in die heilige Gemeinschaft von körperlicher Arbeit lebten    die Mehrzahl derer, die ins Kloster gehen gehören zu dieser Klasse, die ja auch den größeren Teil der menschlichen Gemeinschaft ausmacht  – so sollen sie, wenn sie nicht arbeiten wollen, auch nicht essen“ (vgl. 2 Thess 3,10). Damit ist eine Umkehrung der sozialen Situation abgewehrt. In diesem Zusammenhang verwendet er ähnlich wie in Praec. 3,4 den Begriff delicatus. „Es darf ja wohl keinesfalls sein, daß in einer Lebensform, in der Senatoren mit ihren Händen arbeiten, Handwerker sich dem Müßiggang hingeben; und daß dort, wo frühere Gutsherren nach ihrem Eintritt auf gewohnte Lebensgenüpsse verzichten, einfache Bauern verweichlichen (ibi sint rustici delicati) [16].

Die differenzierte Bewertung des Augustinus findet sich weitgehend in der Nonnenregel des Caesarius v. Arles († 542), ungefähr zeitgleich zur Benediktusregel. Er hat seine Regel in vielem auf die Grundlage des Regelwerkes des Augustinus gestellt, so daß auch in diesem Punkt dessen Beurteilung zu finden ist. Allerdings wird man sehen müssen, daß Caesarius selber eine kluge und moderate Einschätzung des monastischen Lebens besaß und ein hohes Maß an discretio in seine Regel einbrachte. Er verwendet den Begriff delicatus im Zusammenhang der Frage nach dem Wein, die er auf eine im Vergleich mit der Benediktusregel erstaunliche Weise regelt. „Wenn es vorkommt, daß im Keller des Klosters kein guter Wein vorhanden ist, dann gehört es zur Fürsorgepflicht der heiligen Äbtissin, daß solcher Wein beschafft wird“[17]. Die Begründung, die Caesarius gibt, ist ebenso  ungewöhnlich wie großzügig: „... damit er den Kranken und jenen, die vornehmer erzogen worden sind (aut illae quae sunt delicatius nutritae) gut tut“[18]. Der Begriff hat durchaus den Beiklang[19] von‚weichlicher, verweichlichter, verwöhnter erzogen’. Auch wenn es um das Fasten geht, darf diese Gruppe derjenigen, die verwöhnter großgezogen wurden[20], in der Gemeinschaft auf Verständnis rechnen. Das läßt darauf schließen, daß viele Adelige im Kloster in Arles lebten.

Dieselbe gesellschaftliche Komponente des Begriffs wird bereits deutlich bei Sulpicius Severus, allerdings in umgekehrter Weise. Die Mönche, die sich um Martin von Tours scharen, sind unterschiedlicher Herkunft. Die damalige politische und religiöse Situation im Kontext des Zusammenbruchs des römischen Reiches – ein lange währender Vorgang bis zur Eroberung Roms bringt ein Erstarken der asketischen Bewegung mit sich, die stark von der Oberschicht getragen ist. Das spiegelt sich auch bei den Martinsmönchen wider. Sulpicius Severus gibt eine kurze Darstellung, der streng asketischen Ausrichtung der Gemeinschaft Martins, wenn er das Fasten und den Weinverzicht hervorhebt. Die Kleidung der meisten bestand aus Kamelhaar[21]. An dieser Stelle unterstreicht der Verfasser dies als besonders bemerkenswert: „Das ist deswegen um so mehr zu bewundern, da viele unter ihnen von vornehmem Stand waren“[22]. Er erläutert dann mit einer ähnlichen Wendung wie das besprochene delicatus, was darunter zu verstehen ist: „Obwohl sie lange Zeit ganz anders erzogen worden waren, hatten sie sich freiwillig zu solcher Niedrigkeit und Duldsamkeit verpflichtet[23]“ Was bei Benedikt mit delicatus bezeichnet wird, bringt Sulpicius Severus auf den Punkt, wenn er angesichts der streng asketischen Ausrichtung auf die so vornehme Herkunft und Erziehung vieler Mönche aufmerksam macht, die sich dennoch der Härte unterziehen.

Wie sehr die ursprüngliche Bedeutung „von vornehmer Abstammung“ zur Zeit Benedikts noch geläufig ist, zeigt die Bemerkung des Ferrandus über Fulgentius, dessen Nobilität ausführlich geschildert wird.

Seine asketische Lebensführung schon vor seinem Eintritt in den Mönchsstand wird von allen bestaunt als „die bewundernswerte Bedürfnislosigkeit eines vornehmen Mannes“ (delicati viri mirabilem parcimoniam). 

Das Problem ergibt sich bereits in den Anfängen des Mönchtums. Auch ohne den Gebrauch des Terminus findet sich die Situation von Menschen, die aufgrund ihrer vornehmen Herkunft bestimmte Härten nicht auf sich nehmen können, bereits in der frühen Überlieferung des ägyptischen Mönchtums. Ihnen wird häufig Unverständnis oder grobe Kritik entgegengebracht und Unglaubwürdigkeit in der asketischen Lebensführung unterstellt. Die Väter sind darauf bedacht, im Sinn der Gerechtigkeit und im Geist der Unterscheidung, ihre Situation zu erläutern und die heftigen Kritiker zurechtzuweisen. „Man erzählte vom Altvater Arsenios: Als er einmal in der Sketis krank wurde, kam der Priester, führte ihn in die Kirche, lagerte ihn auf einem Teppich und legte ein kleines Kissen unter seinen Nacken. Da kam einer von den Altvätern, um ihn zu besuchen, und wie er ihn auf dem Teppich sah, mit dem Kissen darunter, nahm er Anstoß und sagte: ‚Das also ist der Altvater Arsenios! Und darauf liegt er!’ Da nahm ihn der Priester beiseite und fragte: ‚Was war deine Beschäftigung in deinem Dorf? Er antwortete: Ich war Hirte. – Und wie verbrachtest du dein Leben? – In großer Mühsal! – Und er sprach weiter zu ihm: Siehst du da den Altvater Arsenios? Ein Vater von Kaisern war er, als er in der Welt war, Tausende von Dieners umstanden ihn mit goldenen Gürteln und alle trugen Geschmeide und Seidengewänder. Kostbare Teppiche hatte er unter sich. Du aber warst ein Hirte. Du hattest in der Welt nicht die Bequemlichkeit, die du jetzt hast. Arsenios aber hat den Überfluß, den er in der Welt hatte, hier nicht. Siehe, du hast jetzt Ruhe, und er wird gequält. – Als der Bruder das hörte, ging er in sich, warf sich zu Boden und sagte: Verzeih mir, Vater! Ich habe gesündigt. Wahrhaftig, das ist der rechte Weg, weil er zur Demut kam, ich aber zur Bequemlichkeit. – Und mit großem Gewinn ging der Bruder fort“[24]. Diese Menschen tun, was sie vermögen und das ist das einzig Entscheidende.  

Die monastische Literatur gibt durch die durchgängige Verwendung des Begriffs delicatus oder ähnlicher Wendungen einen umfassenden Einblick in den Gebrauch des Terminus bei Benedikt. Wenn Benedikt von den fratres delicati, den empfindlichen Brüdern spricht (48,24) ist damit eine schwierige und konfliktträchtige Situation zum Ausdruck gebracht. Es geht um Menschen, die aufgrund ihrer körperlichen Verfassung durchaus in der Lage sind, Arbeit zu verrichten und Dienste zu übernehmen, aber durch ihre gesellschaftliche Herkunft und Erziehung so verzärtelt und nicht an körperliche Arbeit gewöhnt sind, daß sie glauben, sich vor jedem Einsatz und jeder Arbeit schützen zu müssen oder sie mangels Übung und Erfahrung tatsächlich nicht leisten können. Sie haben nie gelernt mit ihren Händen zu arbeiten und sind offensichtlich kaum oder gar nicht in der Lage, körperliche Anstrengung auf sich zu nehmen. Sie erwecken den Eindruck, als würden sie es den andern überlassen, den Alltag zu bewältigen und für sich selber den Weg der geringsten Anstrengung zu suchen. Es sind „Brüder mit zu zarten Händen“    so kann man mit der monastischen Literatur sagen. 

Innerhalb der Benediktusregel besteht ein enger Zusammenhang, wenn die Weisung in RB 58,8 hinzugenommen wird, daß bei der Erziehung der Novizen darauf zu achten ist, ob sie mit Eifer opprobria auf sich nehmen. Dabei muß beachtet werden, daß es an dieser Stelle nicht um Verdemütigungen oder Widerwärtigkeiten geht, sondern um die Erprobung der Novizen durch ungewohnte, vielleicht anstrengende Arbeit und einfache, niedrige Dienste, eben Sklaven- und Dienstbotenarbeit. Basilius gibt eine eindeutige Parallele: „Alle sollen auf eine bestimmte Art geprüft werden, ob sie zu jeder Demütigung bereit sind, ohne sich zu schämen, so daß sie auch die geringsten Arbeiten verrichten wollen, wenn vernünftige Überlegung sie als nützlich erkennen läßt ... Demjenigen aber, der aus einem vornehmeren Leben kommt, und nun in Demut nach dem Beispiel unseres Herrn Jesus Christus leben will, soll man vor allem Arbeiten auferlegen, die in den Augen der Weltleute schmachvoll sind; so soll man feststellen, ob er aus voller Überzeugung Gott dienen will, ohne sich zu schämen“[25].

Auch diesen Menschen läßt Benedikt die discretio widerfahren, die ihnen zukommt. Sie besteht allerdings nicht im Gewährenlassen und in der Übernahme aller Verantwortung durch die Gemeinschaft, sondern in der Zumutung, den Alltag zu bewältigen und sich für die Gemeinschaft einzusetzen, so weit es ihnen möglich ist. „Kranken oder empfindlichen Brüdern werde eine passende Beschäftigung oder ein geeignetes Handwerk zugewiesen“ (RB 48,24). Damit ist nicht nur Schonung und Rücksichtnahme ausgesprochen, sondern zugleich die Erwartung, daß sie ihren Teil des gemeinsamen Lebens und Arbeitens erfüllen. Auch sie stehen unter der Verpflichtung zur Verantwortung und müssen das übernehmen, was sie vermögen.



[1] RB 48,24: Fratribus infirmis aut delicatis talis opera aut ars iniungatur, ut nec otiosi sint nec violenti laboris opprimantur aut effugentur. Quorum inbecillitas ab abbate consideranda est.

[2] RM 50,75: Fratribus delicatis et infirmis talis labor iniungatur, ut nutriantur ad seruitium Dei, non occidantur.

[3] Hier., Ep. 14,1,1.

[4] Hier., Ep. 14,2,1.

[5] Hier., Ep. 14,10,4.

[6] Hier., Ep. 22,31,3.

[7] Hier., Ep. 130,11.

[8] Hier., Ep. 118,7: Iacob, qui delicatissime a Rebecca matre fuerat educatus.

[9] Hier., Vita Pauli 3: meretrix speciosa uenisset, coepit delicatis stringere colla complexibus.

[10] Aug., Praec. 3,4; 4 et si eis, qui uenerunt ex moribus delicatioribus ad monasterium, aliquid alimentorum, uestimentorum, stramentorum, operimentorum datur

[11] Ebd.: ... ne contingat detestanda peruersitas, ut in monasterio, ubi, quantum possunt, fiunt diuites laboriosi, fiant pauperes delicati.

[12] Aug., op. mon. 21,25: … Solent enim tales, non melius, sicut multi putant, sed quod est verum, languidius educati, laborem operum corporalium sustinere non posse.

[13] Aug., op. mon. 25,33.

[14] Ebd.

[15] Ebd.

[16] Ebd.: Nullo modo enim decet ut in ea vita ubi fiunt senatores laboriosi, ibi fiant opifices otiosi; et quo veniunt relictis deliciis suis qui fuerant praediorum domini, ibi sint rustici delicati.

[17] Caes., RV 30,7: ... Et quia solet fieri, ut cella monasterii non semper bonum vinum habeat, ad sanctae abbatissae curam pertinebit, ut tale vinum provideat, unde aut infirmae, aut illae quae sunt delicatius nutritae palpentur.

[18] Ebd.: …unde aut infirmae, aut illae quae sunt delicatius nutritae palpentur.

[19] Ferrand., Vita Fulg. 3,7 (2,8).

[20] Caes., RV 42,2: pro eo quod delicatius nutritae sunt.

[21] Sulp.Sev., VMart. 10,7.

[22] VMart 10,8: quod multi inter eos nobiles habebantur.

[23] Ebd. : Quod eo magis sit mirum necesse est qui longe aliter educati.

[24] AP 74; Arsen. 36.

[25] Bas., Reg. 6,5-11 = Reg.fus.tr. 10,2: … oportet ei iniungi quaedam laboriosa et quae videantur opprobrio haberi a saecularibus.