Joan Chittister, Erie (USA)

Gebet und Lectio
Die Mitte und Zentrifuge des Lebens
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Wenn wir mächtigen Menschen etwas unterbreiten wollen, wagen wir es nur in Demut und Ehrfurcht. Um wieviel mehr müssen wir zum Herrn, dem Gott des Weltalls, mit aller Demut und lauterer Hingabe flehen. Wir sollen wissen, daß wir nicht erhört werden, wenn wir viele Worte machen, sondern wenn wir in Lauterkeit des Herzens und mit Tränen der Reue beten. Deshalb sei das Gebet kurz und lauter; nur wenn die göttliche Gnade uns erfaßt und bewegt, soll es länger dauern. 

In der Sonntags- und Feiertags-Vigil füllt sich unsere Klosterkapelle mit Weihrauch, während die Gemeinschaft betet. Der Weihrauch hüllt die Akoluthen ein, die den Weihrauch feierlich durch den Raum tragen, wenn die Vesper beginnt. Er steigt aus dem Schiffchen vor dem Altar auf, wenn die Psalmen gesungen werden. Er umgibt die Kerzen, wenn aus der Schrift gelesen wird. Am Ende des Gebetes entschwindet er still im Gewölbe der Kathedrale und wenn die Gemeinschaft das Magnificat singt, ist dieser Duft  ganz verschwunden. Man riecht kaum mehr etwas. Warum immer auch Weihrauch verwendet wurde – sein Werk ist getan. Fertig.  

Gebet als „Lebensraum“ 

Was hat all der Weihrauch zu bedeuten? Bestimmt nicht Mystifizierung: Die Kapelle  bleibt die Kapelle, mit oder ohne Inzens. Nicht Wärme: Die Kohlen, die den Weihrauch zum Duften bringen, wärmen nur diesen. Nicht Altertum: Wir leben in einer zu modernen Welt, als daß wir uns einreden könnten, wir lebten im gleichen Stil und in der gleichen Umwelt wie die Ordensleute vor 1500 Jahren. Nein, der Weihrauch, den wir an Fest- und Sonntagen verwenden, muß etwas anderes bedeuten.

Der Weihrauch, der die Gemeinschaft einmal in der Woche mit schweren Wolken einhüllt ist ein besondere Weise, daran zu erinnern, daß das Gebet mit dem der „anderen Seite“ zu tun hat. Gebet, das sagt der Weihrauch, ist nicht eine Rezitations-Übung. Gebet ist das Filter, durch das wir unsere Welten betrachten. Gebet fordert uns auf, das Leben um uns herum auf frische, neue Weise zu betrachten. Gebet ist das, was vom Leben übrig bleibt, wenn der Weihrauch entschwunden ist. Die alten Mönche sagten das so: 

„Hilf uns Gott zu finden“, baten die Schüler den Alten.
„Niemand kann euch dabei helfen“, sagte der Alte.
„Warum nicht?“, fragten die Schüler erstaunt.
„Aus dem gleichen Grund, aus dem niemand den Fischen helfen kann den Ozean zu finden.“  

Beten contra Arbeiten? 

Benediktinisches Gebet will Menschen nicht aus der Welt herausnehmen, damit sie Gott finden. Benediktinisches Gebet will sie befähigen zu realisieren, daß Gott in der Welt ist, die sie umgibt.

Wie der Weihrauch in der Klosterkapelle, so will das Gebet uns zum Wissen und Bewußtsein zurückrufen, daß Gott hier und jetzt da ist; es will aus Gott nicht eine Art private Flucht vor dem Leben machen. Gebet in der benediktinischen Überlieferung ist ein Tun der Gemeinschaft und eine Sache des gemeinschaftlichen Bewußtseins.

Benediktinisches Gebet hat seine Wurzeln in den Psalmen und anderen Schrifttexten, es nimmt uns aus uns heraus, um in uns eine Vision vom Leben zu formen, die viel weiter ist als die, die wir uns aufgrund unseres Lebens selber zurechtlegen könnten. Benediktinisches Gebet bringt uns zugleich in Kontakt mit Vergangenheit und Zukunft, so daß die Gegenwart klarer und die Zukunft möglich wird.

Als junger Ordensfrau schien mir das Gebet eine lange und langweilige Unterbrechung des Lebens. Es war nicht das, was die geistlichen Bücher und Biographien versprachen. Es war nicht süß. Es gab mir keinen persönlichen Trost. Es stopfte den Tag vielmehr mit langweiligen Ablenkungen voll. Meine Arbeit mit den Studenten war für mich viel wichtiger als zum gemeinsamen Verrichten von Gebeten, die mit mir und mit dem, was ich gerade tat, überhaupt nichts zu tun hatten in die Kapelle hinein- und wieder herauszurennen. Wo waren die Lichter? Wo war das Verständnis? Wo waren da die lieblichen Gottes-Visionen, die man von den Heiligen erzählte und die von den geistlich Unreifen erwartet wurden? Erst allmählich begann ich zu lernen.

Benediktinisches Gebet hat verschiedene Merkmale; sie haben mehr mit einer Spiritualität des Bewußt-Seins als des Trostes zu tun.  Das Gebet ist etwas Regelmäßiges. Es ist universal. Es ist ein Gebet der Umkehr. Es ist meditativ. Und es ist gemeinschaftlich. Aus diesen Qualitäten wird neues Leben und die Menschen ändern sich. Nicht so wie ein Tornado Dinge ändert, kaum, sondern so, wie der Sand in einer Auster verändernd wirkt.

Regelmäßiges Gebet bringt die eigene Wichtigkeit und die Pläne der Welt durcheinander. Gute Menschen verwechseln so leicht ihre eigene Arbeit mit dem Werk der Schöpfung. Es fällt so leicht zu glauben, daß das, was wir tun, viel wichtiger ist als das, was wir sind. Es ist leicht so beschäftigt zu sein, daß wir nicht wachsen. Es ist  leicht, uns ganz für das Verlangen nach Produkten und Aktionen unserer Zeit einzusetzen, bis diese Produkte uns vereinnahmen und das Tun uns erschöpft und wir nicht einmal mehr daran denken, warum wir uns eingesetzt haben und warum sie für uns Priorität haben.

Doch Regelmäßigkeit im Gebet heilt das alles. Sie macht uns bereit für unsern Platz im Universum. Morgen und Abend, Jahreszeit um Jahreszeit, Jahr für Jahr sehen wir die Sonne auf- und untergehen, das tägliche Sterben und Auferstehen, Anfang und Ende folgen mit aller Selbstverständlichkeit aufeinander. Es wird uns bewußt, daß wir bloß kleine Teile einer weitergehenden Schöpfung sind, und das gibt uns Hoffnung, Trost und Perspektiven. Wenn die Welt nur darin besteht, diesen Vertrag abzuschließen; wenn das Waschen der Schulkleider der Kinder Mitte und Höhepunkt meines Lebens ist; wenn dieses Treffen oder diese Beförderung oder dieses Geld alles ist, auf was sich mein Leben konzentriert und was meine ganze Lebenszeit ausfüllt, dann  bin ich zu einer Sache geworden und keine Person mehr, und das Leben geht ganz an mir vorbei. Oder ich gehe am Leben vorbei. 

Spiritualität des Alltags 

Benedikt will das Gebet in regelmäßigen Abständen des Tages, inmitten einer Arbeit, die offenbar dringend und wichtig ist. Die Botschaft ist unzweideutig. Niemand soll vergessen, worum es wirklich geht. Niemand soll vergessen, warum er / sie dieses Leben gewählt hat. Niemand soll vergessen, was der Sinn des Lebens ist. Niemand soll die Erinnerung vergessen. Nie. Benediktinische Spiritualität ist eine Spiritualität, die die Zeit mit dem Wissen um die Gegenwart Gottes füllt.

„Bete allezeit“, sagt die Schrift. “Gar nichts dem Gottesdienst vorziehen“ (RB 43,3), betont die Regel. „Unmöglich“, wenden wir ein. Und doch, wenn unsere Seele sich an das Wissen um Gott bindet, wie die Regel das darstellt, trotz vieler Dinge, die offensichtlich einen größeren und unmittelbareren Wert haben, dann wird das Wissen um Gott eine Tatsache. Und das Wissen / Bewußtsein von Gott ist unablässiges Gebet.

Inmitten des Weltlich-Profanen zu beten, bedeutet, einfach und deutlich darauf hinzuweisen, daß dieser ganz gewöhnliche und mühsame Tag heilig ist und daß die gewöhnliche Arbeit für mich der Ort von Gottes rettender Gegenwart ist. Einfach deswegen zu beten, weil es Zeit ist zum Beten, ist kein kleiner Akt des „Eintauchens“ in den Gott, der auf uns wartet, bis wir uns bewußt werden, bis wir bereit sind und willig, unser Leben zu erneuern.

Benediktinische Spiritualität zeigt, daß das Gebet nicht eine Sache der Stimmung ist. Nur dann zu beten, wenn wir in der entsprechenden Verfassung sind, bedeutet nicht so sehr die Umkehr zu riskieren, als vielmehr Trost zu Suchen. Nur dann zu beten, wenn es uns paßt, heißt Gott unsere Bedingungen zu diktieren. Nur dann zu beten, wenn es uns paßt, bedeutet, auf einer großen Liste mit vielen Dingen dem Leben mit Gott nur eine geringe Priorität einzuräumen. Nur dann zu beten, wenn es uns gut tut, bedeutet, gerade dann die Leere vorzuziehen, wenn wir spüren, daß wir die Fülle bräuchten. Wir müssen uns Zeit nehmen. Es gibt immer etwas Wichtigeres zu tun, Dinge, denen wir uns mehr widmen zu müssen glauben als einem Gebet, das offensichtlich nichts bringt und leer ist. Wenn diese Haltung überhandnimmt, dann haben wir den letzten Gang auf einem sehr kurzen Weg begonnen, denn ohne Gebet geht die Energie für den Rest des Lebens aus. Der Treibstoff geht aus. Wir werden selber unsere ärgsten Feinde: Wir sagen, wir seien zu müde und zu beschäftigt, um zu beten, dabei sind wir tatsächlich zu müde und zu beschäftigt, um nicht zu beten. Irgendwann drückt uns die Last des Tages nieder und wir können uns nicht mehr erinnern, warum wir das tun, was wir tun wollten: Für dieses Projekt arbeiten, diese Frau heiraten, diese Kinder haben, uns an diesem Platz einsetzen. Und wenn ich nicht mehr weiß, warum ich mich entschieden habe das zu tun, kann ich mir auch nicht mehr vorstellen, wie es weitergehen soll. Ich bin müde, und meine Vision wird schwach und schwächer.

Anderseits: Zu beten, wenn wir nicht können, heißt Gott unser Gebet sein zu lassen. Die Spiritualität der Regelmäßigkeit erfordert, daß wir unser verletztes, blutendes, zerstückeltes und unaufmerksames Selbst der Möglichkeit der Umkehr entgegenhalten, in Erinnerung und Hoffnung, in guten und schlechten Zeiten, Tag um Tag, am Morgen und am Abend, dieses Jahr und das kommende.  

Eingebunden in Schöpfung und Geschichte 

Aber nicht nur die Regelmäßigkeit des benediktinischen Gebetes ruft uns zum Anderssein. Wie der Weihrauch bei der feierlichen Vesper aus unseren Händen aufsteigt, so verschwindet das Verständnis vom Gebet als einer privaten Übung schnell, wenn wir für einige Zeit die benediktinische Spiritualität gelebt haben. Benediktinisches Gebet besteht vor allem aus Psalmen und Schrifttexten. „Gehen wir diesen Weg“, sagt die Regel, „mit dem Evangelium als unserem Führer“ (RB prol 9). In der Folge hat das benediktinische Gebet seine Mitte nicht in den Bedürfnissen, Wünschen und Einsichten dessen, der betet. Es ist in den Bedürfnissen, Wünschen und Einsichten des gesamten Universums verankert. Benediktinisches Gebet holt mich aus mir selbst heraus und führt mich über mich hinaus, so daß ich irgendwann, vielleicht, mich selber ganz sein kann.

Die Schrifttexte rufen uns auf, uns den Geist Christi zu eigen zu machen. Das Psalmengebet steigt aus den Nöten der Psalmisten auf, auf der Suche nach Gott, es kommt aus den Kämpfen eines Volkes, das auf der Suche nach Leben ist, und aus dem Wissen um Welt und Schöpfung. Wenn ich Psalmen und Schrifttexte bete, dann schaue ich mit den Augen Christi, dann feiere ich Gott in der Schöpfung, dann kämpfe ich wie der Psalmist mit meiner emotionalen Unreife und gebe mich in die Kämpfe und Mühen des ganzen Gottesvolkes hinein.

In diesem hellen Licht des erweiterten menschlichen Bewußtseins merke ich, daß ich nicht die Mitte des Universums bin, daß ich vielmehr aus seinem Stoff gemacht bin, an seinen Mühen teilhabe und seine Versprechen bekommen habe. Ich lerne, daß das Gebet meinen Horizont erweitert und ihn nicht einengt. Ich merke, daß ich nicht einfach die Laune des Moments in das Gebet mitbringe, sondern die lebenslängliche Aufgabe, ganz Mensch zu werden. Eine benediktinische Spiritualität, die in der Schrift  verwurzelt ist, taucht uns in die Gefühle und Kräfte des ganzen Kosmos ein und macht uns größer, als wir selber sind. 

„Heilige Muße“

Benediktinisches Gebet ist nicht nur biblisch und regelmäßig, es ist auch meditativ. Es will, daß wir uns im Licht des Evangeliums über unser Leben Rechenschaft geben. Es ist nicht Rezitation um ihrer willen. Es bringt den Geist Christi in den Bruchstücken unseres Lebens zum Tragen. Es erfordert eine ständigen Kampf mit dem Wort Gottes. Es braucht Zeit und sein Wert hängt nicht von der Menge des Gebetes ab.

Aber vor noch nicht so langer Zeit begann eine Gebetsmühlen-Mentalität das geistliche Leben der monastischen Gemeinschaften zu beeinflussen. Wie in der industrialisierten Welt, in der sie leben, Förderbänder zum Modell menschlicher Arbeit wurden, kam in den Kirchen und Klöstern immer mehr die Ansicht auf, mehr sei besser. Novenen folgten auf Feiertage, diese folgten auf die liturgischen Zeiten der Kirche, diese folgten auf die privaten Frömmigkeitsübungen und diese auf die Menge der Eucharistiefeiern. Wir beteten Gebete und beteten Gebete  ...

Der bäuerlichen Kultur von Zeit und Jahreszeiten fügten wir die industrielle Kultur von nicht-endenwollender Schicht-Arbeit und unermüdlicher Produktion hinzu. Schon bald waren die sieben täglichen Gebetszeiten von einer ganzen Anzahl von umfangreichen Andachten überfrachtet. Das Gebet wurde immer länger und schneller und mechanischer. Benedikt hatte in einer einfachen Gesellschaft regelmäßige Gebetszeiten festgelegt und diese sollten durch ausgedehnte Zeiten heiliger Lesung und ein entsprechendes Maß von sinnvoller Arbeit unterbrochen sein. Unsere Kultur hat das geistliche Leben jedoch zu einer „mehr ist besser“-Sache gemacht und den Sinn für den Wert der einzelnen Elemente verloren.

Gebet, Arbeit und heilige Muße sind die drei Beine, auf denen das benediktinische geistliche Leben steht. Jedes soll die anderen ergänzen. Keines der drei darf aufgegeben werden. Gebet macht uns die Gegenwart Gottes bewußt, die Arbeit macht uns zu Mit-Schöpfern des Reiches, die heilige Muße gibt uns Zeit für das meditative Lesen der Schrift; so wird dann das Gebet zu einer wirklichen Erfahrung und ist nicht ein Herunterbeten von Formeln. Das meditative Lesen der Schrift zieht mich in den Text hinein und den Text in mein Leben. Beim Ausloten des Textes entdecke ich, daß ich selber wie das auserwählte Volk auf einem Exodus gewesen bin, daß ich vor Gott meine eigenen Fragen aufgeworfen habe, daß ich selber über meine Lebensumstände gemurrt habe und vor Götzenbildern getanzt bin: Vor meiner Karriere oder meinem Selbst oder meinen Wünschen. Wie Eli habe ich das Böse in der Welt zugelassen und kein Wort gesagt. Wie Esther habe ich mir eingeredet, daß ich für die Zerstörung ganzer Völker durch meine Regierung nicht verantwortlich sei. Die benediktinische Tradition der lectio, oder des meditativen Lesens der heiligen Bücher fordert mich auf, inmitten all dieser Figuren, die gerufen waren, ihr Heil zu wirken, meinen eigenen Platz einzunehmen; so wie ich bin, in einer Welt, die darauf wartet, daß jemand sie an den ewigen Willen Gottes erinnert.

Benediktinisches Gebet will mehr als nur Gebetszeiten; es will Aufmerksamkeit für die Schrift. Mehr als nur Worte will es eine Änderung von Geist und Werten. Es will intensive Meditation, nicht nur ein Ritual. Es will mehr als nur das Beten von Gebeten; ich muß mein Herz auf die Geschichte mit Gott in der Geschichte ausrichten.  

Gebet als Lebens-Kraft 

Das Gebetsleben, das sich aus Regelmäßigkeit, Meditation und einem Sinn für die Welt ergibt, verändert uns sehr schnell. Die Funktion des Gebetes ist zweifellos nicht, Gott zu überreden, er solle uns von uns selber befreien. „Bitte, Herr, laß uns nicht in einem Atomkrieg sterben“, das ist kein wahres Gebet. Wir können einen Atomkrieg selber stoppen, indem wir die Herstellung von Atomwaffen stoppen. Menschliche Wesen haben sie gemacht, sie können sie auch zerstören. Nein, das Gebet hat nichts mit Magie zu tun.  Es ist nicht der Sinn des Gebets, den Ewigen zu gefügig zu machen. Es ist nicht Aufgabe des Gebetes, Gottes Geist zu ändern, wo es um Entscheidungen geht, die wir selber schon getroffen haben.

Das Gebet will meinen eigenen Geist ändern; es will mir helfen, den Geist Christi zu übernehmen; der Gnade zu erlauben, in mich einzubrechen. Wenn das Gebet privatisierte Religion in Reinkultur ist, ist es kein Gebet. Kontemplatives Gebet, Gebet der Umkehr, ist ein Gebet, das die ganze Welt durch den Weihrauch hindurch sieht – ein heiliger Ort, ein Ort, wo das Heilige wohnt, ein Ort, der durch die Betenden zu einem anderen Ort werden soll, ein Ort, wo Gott mit der Schönheit des Lebens das Leben gut macht. Kontemplatives Gebet ist ein Gebet, das uns hilft, unsere Welt mit den Augen Gottes zu sehen. Es öffnet unsere Ohren, damit wir die Armut der Witwen hören, die Verlassenheit der Witwer, den Schrei von Frauen, die Verletzlichkeit von Kindern, den Kampf der Menschen am Rande, die Menschlichkeit von Feinden, die Einsichten der Ungebildeten, die Spannungen der Bürokraten, die Angst der Regierenden, die Weisheit der Heiligen, die Macht der Machtlosen.

Das Gebet führt uns, es ist Sauerteig, es erleuchtet uns. Und es ändert uns. Es macht uns größer, als wir sind.  

Umfassende Gemeinschaft 

Schließlich ist benediktinisches Gebet gemeinschaftlich. Benediktinisches Gebet ist Gebet mit einer Gemeinschaft und für eine Gemeinschaft und als Gemeinschaft. Es ist Einsatz für ein pilgerndes Volk, dessen Einsichten im Laufe der Zeit wachsen und dessen Bedürfnisse auch die unsrigen sind. Gemeinschaftsgebet in der benediktinischen Tradition erinnert uns ständig daran, daß wir nicht nur unsretwegen zur Kirche gehen. Das auserwählte Volk, das Menschengeschlecht, eine Gruppe von Glaubenden, die einander bezeugen, daß Gott Gott ist. Das heißt nicht, daß für das eigene Selbst kein Platz ist. Das Selbst wächst vielmehr, wenn es ihm nicht um es selber geht. Wenn wir sagen „Mein Gebetsleben ist gut, ich muß nicht zur Kirche gehen“, oder „Das Gebet gibt mir nichts“, bekennen wir unser Ungenügen/Versagen auf der Ebene der Gemeinschaft oder des persönlichen Lebens.

Das Problem mag tatsächlich darin bestehen, daß wir als Kirche in der unmittelbaren Vergangenheit zu viel Wert auf private Eucharistiefeiern und zu wenig auf das gemeinschaftliche Gebet gelegt haben. Die Zeit der Gemeinde-Vespern und der Gemeinde-Exerzitien und -Missionen ist vorbei. Der Individualismus hat sogar die Kirchen infiziert. Wir können Gott allein finden und so bilden wir uns Gott nach unserem eigenen Bild. Und dann treffen wir unsere Lebensentscheidungen ebenso. Wir tun, was gut ist für uns, als Einzelne, als Geschäftsleute, als Nationen. Und wir beten für das, was gut ist für uns, und übersehen das Zeugnis und die Not der Behin-derten, der Armen und der Rechtlosen und der Ausgegrenzten und der Entfremdeten und der Einsamen.  

„Alles in allem ist die Regel Benedikts für gewöhnliche Leute geschrieben, die ein gewöhnliches Leben führen. Sie ist nicht für Priester oder Mystiker oder Eremiten oder Aszeten bestimmt; sie ist von einem Laien für Laien geschrieben, als Modell für die geistliche Entwicklung eines durchschnittli-chen Menschen gedacht, der mehr als ein oberflächliches, unbelastetes Leben leben möche...“ (Wisdom, 4). 

Sinn des Gemeinschaftsgebetes ist es aber, uns miteinander zu verbinden und unseren Horizont auf die Nöte der Welt hin zu öffnen, uns Modelle zu geben für die Führung (des Lebens), und Freunde, die uns helfen, ermutigen und es uns möglich machen, voranzugehen. Die betende Gemeinschaft wird zum Träger meiner eigenen Treue. Weil die anderen da sind und beten, gehe ich zum Gebet. Und weil sie immer da sind, schaffe ich in meinem Leben Raum für sie und für Gott. Und weil sie immer wieder da sind, kann ich sie und ihre Nöte nicht aus mir heraushalten. Das private Gebet, sagt Benedikt, mag auf das gemeinschaftliche Gebet folgen, kann dieses aber nie ersetzen. Das Gebet formt den Geist der Gemeinschaft.  

Im Gebet die Welt wahrnehmen und gestalten 

Was aus diesen Merkmalen für eine zeitgenössische Spiritualität folgt, ist klar.

   Das Gespräch mit Gott im Wort muß täglich sein – nicht nur in besonderen von Gefühlen bestimmten Momenten –, bis das Evangelium in mir mehr und mehr zu wirken beginnt. Das Gebet muß biblisch, nicht nur persönlich sein.

   Für das Gebet muß eine Zeit bestimmt und eingehalten werden: Wenn die Kinder zur Schule gegangen sind, am Morgen vor dem Frühstück, auf dem auf dem Weg zur Arbeit im Wagen; wenn wir mit dem Bus heimkommen; abends vor dem Schlafengehen.

   Die Meditation der Schrift ist für unser Wachsen im Gebet und als Menschen grundlegend. Das Gebet ist ein Prozeß und macht uns zu etwas Neuem. Es ist nicht einfach eine Serie von Übungen.

   Das Verstehen des Gebetes ist wesentlich für das tatsächliche Beten. Formeln genügen nicht.

   Änderungen der (inneren) Haltung und im Benehmen sind direkte Folgen des Gebetes. Alles andere ist mehr therapeutische Massage als eine Auseinandersetzung mit Gott.

   Das Gespür für die Gemeinschaft ist Fundament und Höhepunkt des Gebetes. Ich bete, um ein besserer Mensch zu werden, nicht um besser beten zu lernen.  

„Es gibt drei Phasen der geistlichen Entwicklung“, sagte ein Meister. „Das Leibliche, das Geistliche und das Göttliche“.
„Was ist die leibliche Phase“, fragte ein Schüler.
„Das ist dann,“ sagte der Meister, wenn Bäume als Bäume und Berge als Berge wahrgenommen werden“.
 
„Und das Geistliche“, fragte der Schüler eifrig.
„Das ist, wenn wir tiefer in die Dinge hineinsehen. Dann sind Bäume nicht mehr Bäume und Berge sind nicht mehr Berge“, sagte der Meister.
„Und das Göttliche“, fragte der Schüler atemlos.
„Ja“, sagte der Meister lächelnd, „das ist die Erleuchtung – wenn die Bäume wieder zu Bäumen und die Berge wieder zu Bergen werden“.  

Wir beten, um das Leben zu sehen, wie es ist, um es zu verstehen, und um es besser zu machen, als es ist. Wir beten, damit die Wirklichkeit in unser Inneres einbrechen und uns das Bewußtsein von der göttlichen Gegenwart im Leben zurückgeben kann. Wir beten, um die Dinge zu verstehen, wie sie sind, nicht um sie zu übersehen, sie zu meiden und zu verleugnen.

Wir beten, damit wir sehen, daß die Welt auch dann heilig ist, wenn der Weihrauch entschwunden ist.


[1] Der Beitrag ist eine Übersetzung des dritten Kapitels aus Joan Chittister, Wisdom Distilled form the Daily. Living the Rule of St. Benedict Today, S. 27-38. Taschenbuch 224 Seiten, Harper San Francicso 1991.  ISBN: 0060613998. US-Preisempfehlung: $ 13.95, Amazon-Preis: € 12,50.
Der Text wurde übersetzt von P. Adelrich Staub, Uznach (Schweiz).