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Joan Chittister, Erie (USA) Gebet und Lectio Wenn
wir mächtigen Menschen etwas unterbreiten wollen, wagen wir es nur in Demut und
Ehrfurcht. Um wieviel mehr müssen wir zum Herrn, dem Gott des Weltalls, mit
aller Demut und lauterer Hingabe flehen. Wir sollen wissen, daß wir nicht erhört
werden, wenn wir viele Worte machen, sondern wenn wir in Lauterkeit des Herzens
und mit Tränen der Reue beten. Deshalb sei das Gebet kurz und lauter; nur wenn
die göttliche Gnade uns erfaßt und bewegt, soll es länger dauern. In der
Sonntags- und Feiertags-Vigil füllt sich unsere Klosterkapelle mit Weihrauch, während
die Gemeinschaft betet. Der Weihrauch hüllt die Akoluthen ein, die den
Weihrauch feierlich durch den Raum tragen, wenn die Vesper beginnt. Er steigt
aus dem Schiffchen vor dem Altar auf, wenn die Psalmen gesungen werden. Er
umgibt die Kerzen, wenn aus der Schrift gelesen wird. Am Ende des Gebetes
entschwindet er still im Gewölbe der Kathedrale und wenn die Gemeinschaft das
Magnificat singt, ist dieser Duft ganz
verschwunden. Man riecht kaum mehr etwas. Warum immer auch Weihrauch verwendet
wurde – sein Werk ist getan. Fertig. Gebet
als „Lebensraum“ Was hat
all der Weihrauch zu bedeuten? Bestimmt nicht Mystifizierung: Die Kapelle
bleibt die Kapelle, mit oder ohne Inzens. Nicht Wärme: Die Kohlen, die
den Weihrauch zum Duften bringen, wärmen nur diesen. Nicht Altertum: Wir leben
in einer zu modernen Welt, als daß wir uns einreden könnten, wir lebten im
gleichen Stil und in der gleichen Umwelt wie die Ordensleute vor 1500 Jahren.
Nein, der Weihrauch, den wir an Fest- und Sonntagen verwenden, muß etwas
anderes bedeuten. Der
Weihrauch, der die Gemeinschaft einmal in der Woche mit schweren Wolken einhüllt
ist ein besondere Weise, daran zu erinnern, daß das Gebet mit dem der
„anderen Seite“ zu tun hat. Gebet, das sagt der Weihrauch, ist nicht eine
Rezitations-Übung. Gebet ist das Filter, durch das wir unsere Welten
betrachten. Gebet fordert uns auf, das Leben um uns herum auf frische, neue
Weise zu betrachten. Gebet ist das, was vom Leben übrig bleibt, wenn der
Weihrauch entschwunden ist. Die alten Mönche sagten das so: „Hilf
uns Gott zu finden“, baten die Schüler den Alten. Beten
contra Arbeiten? Benediktinisches
Gebet will Menschen nicht aus der Welt herausnehmen, damit sie Gott finden.
Benediktinisches Gebet will sie befähigen zu realisieren, daß Gott in der Welt
ist, die sie umgibt. Wie der
Weihrauch in der Klosterkapelle, so will das Gebet uns zum Wissen und Bewußtsein
zurückrufen, daß Gott hier und jetzt da ist; es will aus Gott nicht eine Art
private Flucht vor dem Leben machen. Gebet in der benediktinischen Überlieferung
ist ein Tun der Gemeinschaft und eine Sache des gemeinschaftlichen Bewußtseins.
Benediktinisches
Gebet hat seine Wurzeln in den Psalmen und anderen Schrifttexten, es nimmt uns
aus uns heraus, um in uns eine Vision vom Leben zu formen, die viel weiter ist
als die, die wir uns aufgrund unseres Lebens selber zurechtlegen könnten.
Benediktinisches Gebet bringt uns zugleich in Kontakt mit Vergangenheit und
Zukunft, so daß die Gegenwart klarer und die Zukunft möglich wird. Als junger
Ordensfrau schien mir das Gebet eine lange und langweilige Unterbrechung des
Lebens. Es war nicht das, was die geistlichen Bücher und Biographien
versprachen. Es war nicht süß. Es gab mir keinen persönlichen Trost. Es
stopfte den Tag vielmehr mit langweiligen Ablenkungen voll. Meine Arbeit mit den
Studenten war für mich viel wichtiger als zum gemeinsamen Verrichten von
Gebeten, die mit mir und mit dem, was ich gerade tat, überhaupt nichts zu tun
hatten in die Kapelle hinein- und wieder herauszurennen. Wo waren die Lichter?
Wo war das Verständnis? Wo waren da die lieblichen Gottes-Visionen, die man von
den Heiligen erzählte und die von den geistlich Unreifen erwartet wurden? Erst
allmählich begann ich zu lernen. Benediktinisches
Gebet hat verschiedene Merkmale; sie haben mehr mit einer Spiritualität des
Bewußt-Seins als des Trostes zu tun. Das
Gebet ist etwas Regelmäßiges. Es ist universal. Es ist ein Gebet der Umkehr.
Es ist meditativ. Und es ist gemeinschaftlich. Aus diesen Qualitäten wird neues
Leben und die Menschen ändern sich. Nicht so wie ein Tornado Dinge ändert,
kaum, sondern so, wie der Sand in einer Auster verändernd wirkt. Regelmäßiges
Gebet bringt die eigene Wichtigkeit und die Pläne der Welt durcheinander. Gute
Menschen verwechseln so leicht ihre eigene Arbeit mit dem Werk der Schöpfung.
Es fällt so leicht zu glauben, daß das, was wir tun, viel wichtiger ist als
das, was wir sind. Es ist leicht so beschäftigt zu sein, daß wir nicht
wachsen. Es ist leicht, uns ganz für
das Verlangen nach Produkten und Aktionen unserer Zeit einzusetzen, bis diese
Produkte uns vereinnahmen und das Tun uns erschöpft und wir nicht einmal mehr
daran denken, warum wir uns eingesetzt haben und warum sie für uns Priorität
haben. Doch
Regelmäßigkeit im Gebet heilt das alles. Sie macht uns bereit für unsern
Platz im Universum. Morgen und Abend, Jahreszeit um Jahreszeit, Jahr für Jahr
sehen wir die Sonne auf- und untergehen, das tägliche Sterben und Auferstehen,
Anfang und Ende folgen mit aller Selbstverständlichkeit aufeinander. Es wird
uns bewußt, daß wir bloß kleine Teile einer weitergehenden Schöpfung sind,
und das gibt uns Hoffnung, Trost und Perspektiven. Wenn die Welt nur darin
besteht, diesen Vertrag abzuschließen; wenn das Waschen der Schulkleider der
Kinder Mitte und Höhepunkt meines Lebens ist; wenn dieses Treffen oder diese
Beförderung oder dieses Geld alles ist, auf was sich mein Leben konzentriert
und was meine ganze Lebenszeit ausfüllt, dann
bin ich zu einer Sache geworden und keine Person mehr, und das Leben geht
ganz an mir vorbei. Oder ich gehe am Leben vorbei. Spiritualität
des Alltags Benedikt
will das Gebet in regelmäßigen Abständen des Tages, inmitten einer Arbeit,
die offenbar dringend und wichtig ist. Die Botschaft ist unzweideutig. Niemand
soll vergessen, worum es wirklich geht. Niemand soll vergessen, warum er / sie
dieses Leben gewählt hat. Niemand soll vergessen, was der Sinn des Lebens ist.
Niemand soll die Erinnerung vergessen. Nie. Benediktinische Spiritualität ist
eine Spiritualität, die die Zeit mit dem Wissen um die Gegenwart Gottes füllt.
„Bete
allezeit“, sagt die Schrift. “Gar nichts dem Gottesdienst vorziehen“ (RB
43,3), betont die Regel. „Unmöglich“, wenden wir ein. Und doch, wenn unsere
Seele sich an das Wissen um Gott bindet, wie die Regel das darstellt, trotz
vieler Dinge, die offensichtlich einen größeren und unmittelbareren Wert
haben, dann wird das Wissen um Gott eine Tatsache. Und das Wissen / Bewußtsein
von Gott ist unablässiges Gebet. Inmitten
des Weltlich-Profanen zu beten, bedeutet, einfach und deutlich darauf
hinzuweisen, daß dieser ganz gewöhnliche und mühsame Tag heilig ist und daß
die gewöhnliche Arbeit für mich der Ort von Gottes rettender Gegenwart ist.
Einfach deswegen zu beten, weil es Zeit ist zum Beten, ist kein kleiner Akt des
„Eintauchens“ in den Gott, der auf uns wartet, bis wir uns bewußt werden,
bis wir bereit sind und willig, unser Leben zu erneuern. Benediktinische
Spiritualität zeigt, daß das Gebet nicht eine Sache der Stimmung ist. Nur dann
zu beten, wenn wir in der entsprechenden Verfassung sind, bedeutet nicht so sehr
die Umkehr zu riskieren, als vielmehr Trost zu Suchen. Nur dann zu beten, wenn
es uns paßt, heißt Gott unsere Bedingungen zu diktieren. Nur dann zu beten,
wenn es uns paßt, bedeutet, auf einer großen Liste mit vielen Dingen dem Leben
mit Gott nur eine geringe Priorität einzuräumen. Nur dann zu beten, wenn es
uns gut tut, bedeutet, gerade dann die Leere vorzuziehen, wenn wir spüren, daß
wir die Fülle bräuchten. Wir müssen uns Zeit nehmen. Es gibt immer etwas
Wichtigeres zu tun, Dinge, denen wir uns mehr widmen zu müssen glauben als
einem Gebet, das offensichtlich nichts bringt und leer ist. Wenn diese Haltung
überhandnimmt, dann haben wir den letzten Gang auf einem sehr kurzen Weg
begonnen, denn ohne Gebet geht die Energie für den Rest des Lebens aus. Der
Treibstoff geht aus. Wir werden selber unsere ärgsten Feinde: Wir sagen, wir
seien zu müde und zu beschäftigt, um zu beten, dabei sind wir tatsächlich zu
müde und zu beschäftigt, um nicht zu beten. Irgendwann drückt uns die Last
des Tages nieder und wir können uns nicht mehr erinnern, warum wir das tun, was
wir tun wollten: Für dieses Projekt arbeiten, diese Frau heiraten, diese Kinder
haben, uns an diesem Platz einsetzen. Und wenn ich nicht mehr weiß, warum ich
mich entschieden habe das zu tun, kann ich mir auch nicht mehr vorstellen, wie
es weitergehen soll. Ich bin müde, und meine Vision wird schwach und schwächer.
Anderseits:
Zu beten, wenn wir nicht können, heißt Gott unser Gebet sein zu lassen. Die
Spiritualität der Regelmäßigkeit erfordert, daß wir unser verletztes,
blutendes, zerstückeltes und unaufmerksames Selbst der Möglichkeit der Umkehr
entgegenhalten, in Erinnerung und Hoffnung, in guten und schlechten Zeiten, Tag
um Tag, am Morgen und am Abend, dieses Jahr und das kommende. Eingebunden
in Schöpfung und Geschichte Aber nicht
nur die Regelmäßigkeit des benediktinischen Gebetes ruft uns zum Anderssein.
Wie der Weihrauch bei der feierlichen Vesper aus unseren Händen aufsteigt, so
verschwindet das Verständnis vom Gebet als einer privaten Übung schnell, wenn
wir für einige Zeit die benediktinische Spiritualität gelebt haben.
Benediktinisches Gebet besteht vor allem aus Psalmen und Schrifttexten. „Gehen
wir diesen Weg“, sagt die Regel, „mit dem Evangelium als unserem Führer“
(RB prol 9). In der Folge hat das benediktinische Gebet seine Mitte nicht in den
Bedürfnissen, Wünschen und Einsichten dessen, der betet. Es ist in den Bedürfnissen,
Wünschen und Einsichten des gesamten Universums verankert. Benediktinisches
Gebet holt mich aus mir selbst heraus und führt mich über mich hinaus, so daß
ich irgendwann, vielleicht, mich selber ganz sein kann. Die
Schrifttexte rufen uns auf, uns den Geist Christi zu eigen zu machen. Das
Psalmengebet steigt aus den Nöten der Psalmisten auf, auf der Suche nach Gott,
es kommt aus den Kämpfen eines Volkes, das auf der Suche nach Leben ist, und
aus dem Wissen um Welt und Schöpfung. Wenn ich Psalmen und Schrifttexte bete,
dann schaue ich mit den Augen Christi, dann feiere ich Gott in der Schöpfung,
dann kämpfe ich wie der Psalmist mit meiner emotionalen Unreife und gebe mich
in die Kämpfe und Mühen des ganzen Gottesvolkes hinein. In diesem
hellen Licht des erweiterten menschlichen Bewußtseins merke ich, daß ich nicht
die Mitte des Universums bin, daß ich vielmehr aus seinem Stoff gemacht bin, an
seinen Mühen teilhabe und seine Versprechen bekommen habe. Ich lerne, daß das
Gebet meinen Horizont erweitert und ihn nicht einengt. Ich merke, daß ich nicht
einfach die Laune des Moments in das Gebet mitbringe, sondern die lebenslängliche
Aufgabe, ganz Mensch zu werden. Eine benediktinische Spiritualität, die in der
Schrift verwurzelt ist, taucht uns
in die Gefühle und Kräfte des ganzen Kosmos ein und macht uns größer, als
wir selber sind. „Heilige
Muße“ Benediktinisches
Gebet ist nicht nur biblisch und regelmäßig, es ist auch meditativ. Es will,
daß wir uns im Licht des Evangeliums über unser Leben Rechenschaft geben. Es
ist nicht Rezitation um ihrer willen. Es bringt den Geist Christi in den Bruchstücken
unseres Lebens zum Tragen. Es erfordert eine ständigen Kampf mit dem Wort
Gottes. Es braucht Zeit und sein Wert hängt nicht von der Menge des Gebetes ab.
Aber vor
noch nicht so langer Zeit begann eine Gebetsmühlen-Mentalität das geistliche
Leben der monastischen Gemeinschaften zu beeinflussen. Wie in der
industrialisierten Welt, in der sie leben, Förderbänder zum Modell
menschlicher Arbeit wurden, kam in den Kirchen und Klöstern immer mehr die
Ansicht auf, mehr sei besser. Novenen folgten auf Feiertage, diese folgten auf
die liturgischen Zeiten der Kirche, diese folgten auf die privaten Frömmigkeitsübungen
und diese auf die Menge der Eucharistiefeiern. Wir beteten Gebete und beteten
Gebete ... Der bäuerlichen
Kultur von Zeit und Jahreszeiten fügten wir die industrielle Kultur von
nicht-endenwollender Schicht-Arbeit und unermüdlicher Produktion hinzu. Schon
bald waren die sieben täglichen Gebetszeiten von einer ganzen Anzahl von
umfangreichen Andachten überfrachtet. Das Gebet wurde immer länger und
schneller und mechanischer. Benedikt hatte in einer einfachen Gesellschaft
regelmäßige Gebetszeiten festgelegt und diese sollten durch ausgedehnte Zeiten
heiliger Lesung und ein entsprechendes Maß von sinnvoller Arbeit unterbrochen
sein. Unsere Kultur hat das geistliche Leben jedoch zu einer „mehr ist
besser“-Sache gemacht und den Sinn für den Wert der einzelnen Elemente
verloren. Gebet,
Arbeit und heilige Muße sind die drei Beine, auf denen das benediktinische
geistliche Leben steht. Jedes soll die anderen ergänzen. Keines der drei darf
aufgegeben werden. Gebet macht uns die Gegenwart Gottes bewußt, die Arbeit
macht uns zu Mit-Schöpfern des Reiches, die heilige Muße gibt uns Zeit für
das meditative Lesen der Schrift; so wird dann das Gebet zu einer wirklichen
Erfahrung und ist nicht ein Herunterbeten von Formeln. Das meditative Lesen der
Schrift zieht mich in den Text hinein und den Text in mein Leben. Beim Ausloten
des Textes entdecke ich, daß ich selber wie das auserwählte Volk auf einem
Exodus gewesen bin, daß ich vor Gott meine eigenen Fragen aufgeworfen habe, daß
ich selber über meine Lebensumstände gemurrt habe und vor Götzenbildern
getanzt bin: Vor meiner Karriere oder meinem Selbst oder meinen Wünschen. Wie
Eli habe ich das Böse in der Welt zugelassen und kein Wort gesagt. Wie Esther
habe ich mir eingeredet, daß ich für die Zerstörung ganzer Völker durch
meine Regierung nicht verantwortlich sei. Die benediktinische Tradition der
lectio, oder des meditativen Lesens der heiligen Bücher fordert mich auf,
inmitten all dieser Figuren, die gerufen waren, ihr Heil zu wirken, meinen
eigenen Platz einzunehmen; so wie ich bin, in einer Welt, die darauf wartet, daß
jemand sie an den ewigen Willen Gottes erinnert. Benediktinisches
Gebet will mehr als nur Gebetszeiten; es will Aufmerksamkeit für die Schrift.
Mehr als nur Worte will es eine Änderung von Geist und Werten. Es will
intensive Meditation, nicht nur ein Ritual. Es will mehr als nur das Beten von
Gebeten; ich muß mein Herz auf die Geschichte mit Gott in der Geschichte
ausrichten. Gebet
als Lebens-Kraft Das
Gebetsleben, das sich aus Regelmäßigkeit, Meditation und einem Sinn für die
Welt ergibt, verändert uns sehr schnell. Die Funktion des Gebetes ist
zweifellos nicht, Gott zu überreden, er solle uns von uns selber befreien.
„Bitte, Herr, laß uns nicht in einem Atomkrieg sterben“, das ist kein
wahres Gebet. Wir können einen Atomkrieg selber stoppen, indem wir die
Herstellung von Atomwaffen stoppen. Menschliche Wesen haben sie gemacht, sie können
sie auch zerstören. Nein, das Gebet hat nichts mit Magie zu tun.
Es ist nicht der Sinn des Gebets, den Ewigen zu gefügig zu machen. Es
ist nicht Aufgabe des Gebetes, Gottes Geist zu ändern, wo es um Entscheidungen
geht, die wir selber schon getroffen haben. Das Gebet
will meinen eigenen Geist ändern; es will mir helfen, den Geist Christi zu übernehmen;
der Gnade zu erlauben, in mich einzubrechen. Wenn das Gebet privatisierte
Religion in Reinkultur ist, ist es kein Gebet. Kontemplatives Gebet, Gebet der
Umkehr, ist ein Gebet, das die ganze Welt durch den Weihrauch hindurch sieht –
ein heiliger Ort, ein Ort, wo das Heilige wohnt, ein Ort, der durch die Betenden
zu einem anderen Ort werden soll, ein Ort, wo Gott mit der Schönheit des Lebens
das Leben gut macht. Kontemplatives Gebet ist ein Gebet, das uns hilft, unsere
Welt mit den Augen Gottes zu sehen. Es öffnet unsere Ohren, damit wir die Armut
der Witwen hören, die Verlassenheit der Witwer, den Schrei von Frauen, die
Verletzlichkeit von Kindern, den Kampf der Menschen am Rande, die Menschlichkeit
von Feinden, die Einsichten der Ungebildeten, die Spannungen der Bürokraten,
die Angst der Regierenden, die Weisheit der Heiligen, die Macht der Machtlosen. Das Gebet
führt uns, es ist Sauerteig, es erleuchtet uns. Und es ändert uns. Es macht
uns größer, als wir sind. Umfassende
Gemeinschaft Schließlich
ist benediktinisches Gebet gemeinschaftlich. Benediktinisches Gebet ist Gebet
mit einer Gemeinschaft und für eine Gemeinschaft und als Gemeinschaft. Es ist
Einsatz für ein pilgerndes Volk, dessen Einsichten im Laufe der Zeit wachsen
und dessen Bedürfnisse auch die unsrigen sind. Gemeinschaftsgebet in der
benediktinischen Tradition erinnert uns ständig daran, daß wir nicht nur
unsretwegen zur Kirche gehen. Das auserwählte Volk, das Menschengeschlecht,
eine Gruppe von Glaubenden, die einander bezeugen, daß Gott Gott ist. Das heißt
nicht, daß für das eigene Selbst kein Platz ist. Das Selbst wächst vielmehr,
wenn es ihm nicht um es selber geht. Wenn wir sagen „Mein Gebetsleben ist gut,
ich muß nicht zur Kirche gehen“, oder „Das Gebet gibt mir nichts“,
bekennen wir unser Ungenügen/Versagen auf der Ebene der Gemeinschaft oder des
persönlichen Lebens. Das
Problem mag tatsächlich darin bestehen, daß wir als Kirche in der
unmittelbaren Vergangenheit zu viel Wert auf private Eucharistiefeiern und zu
wenig auf das gemeinschaftliche Gebet gelegt haben. Die Zeit der
Gemeinde-Vespern und der Gemeinde-Exerzitien und -Missionen ist vorbei. Der
Individualismus hat sogar die Kirchen infiziert. Wir können Gott allein finden
und so bilden wir uns Gott nach unserem eigenen Bild. Und dann treffen wir
unsere Lebensentscheidungen ebenso. Wir tun, was gut ist für uns, als Einzelne,
als Geschäftsleute, als Nationen. Und wir beten für das, was gut ist für uns,
und übersehen das Zeugnis und die Not der Behin-derten, der Armen und der
Rechtlosen und der Ausgegrenzten und der Entfremdeten und der Einsamen. „Alles in allem ist die Regel Benedikts für gewöhnliche
Leute geschrieben, die ein gewöhnliches Leben führen. Sie ist nicht für
Priester oder Mystiker oder Eremiten oder Aszeten bestimmt; sie ist von einem
Laien für Laien geschrieben, als Modell für die geistliche Entwicklung eines
durchschnittli-chen Menschen gedacht, der mehr als ein oberflächliches,
unbelastetes Leben leben möche...“ (Wisdom, 4). Sinn des
Gemeinschaftsgebetes ist es aber, uns miteinander zu verbinden und unseren
Horizont auf die Nöte der Welt hin zu öffnen, uns Modelle zu geben für die Führung
(des Lebens), und Freunde, die uns helfen, ermutigen und es uns möglich machen,
voranzugehen. Die betende Gemeinschaft wird zum Träger meiner eigenen Treue.
Weil die anderen da sind und beten, gehe ich zum Gebet. Und weil sie immer da
sind, schaffe ich in meinem Leben Raum für sie und für Gott. Und weil sie
immer wieder da sind, kann ich sie und ihre Nöte nicht aus mir heraushalten.
Das private Gebet, sagt Benedikt, mag auf das gemeinschaftliche Gebet folgen,
kann dieses aber nie ersetzen. Das Gebet formt den Geist der Gemeinschaft.
Im
Gebet die Welt wahrnehmen und gestalten Was aus
diesen Merkmalen für eine zeitgenössische Spiritualität folgt, ist klar. – Das Gespräch mit Gott im Wort muß täglich sein –
nicht nur in besonderen von Gefühlen bestimmten Momenten –, bis das
Evangelium in mir mehr und mehr zu wirken beginnt. Das Gebet muß biblisch,
nicht nur persönlich sein. – Für das Gebet muß eine Zeit bestimmt und eingehalten
werden: Wenn die Kinder zur Schule gegangen sind, am Morgen vor dem Frühstück,
auf dem auf dem Weg zur Arbeit im Wagen; wenn wir mit dem Bus heimkommen; abends
vor dem Schlafengehen. – Die Meditation der Schrift ist für unser Wachsen im
Gebet und als Menschen grundlegend. Das Gebet ist ein Prozeß und macht uns zu
etwas Neuem. Es ist nicht einfach eine Serie von Übungen. – Das Verstehen des Gebetes ist wesentlich für das tatsächliche
Beten. Formeln genügen nicht. – Änderungen der (inneren) Haltung und im Benehmen sind
direkte Folgen des Gebetes. Alles andere ist mehr therapeutische Massage als
eine Auseinandersetzung mit Gott. – Das Gespür für die Gemeinschaft ist Fundament und Höhepunkt
des Gebetes. Ich bete, um ein besserer Mensch zu werden, nicht um besser beten
zu lernen. „Es gibt
drei Phasen der geistlichen Entwicklung“, sagte ein Meister. „Das Leibliche,
das Geistliche und das Göttliche“. Wir beten,
um das Leben zu sehen, wie es ist, um es zu verstehen, und um es besser zu
machen, als es ist. Wir beten, damit die Wirklichkeit in unser Inneres
einbrechen und uns das Bewußtsein von der göttlichen Gegenwart im Leben zurückgeben
kann. Wir beten, um die Dinge zu verstehen, wie sie sind, nicht um sie zu übersehen,
sie zu meiden und zu verleugnen. Wir beten, damit wir sehen, daß die Welt auch dann heilig ist, wenn der Weihrauch entschwunden ist. [1]
Der Beitrag ist eine Übersetzung des
dritten Kapitels aus Joan Chittister, Wisdom Distilled form the Daily. Living the Rule of St. Benedict Today,
S. 27-38. Taschenbuch 224 Seiten, Harper San Francicso 1991. ISBN:
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