Honorare omnes homines
Allen Menschen in Ehrfurcht begegnen
Gedanken und Überlegungen zu einem Grundwort Benedikts
 

„Alle Menschen ehren“ (RB 4,8[1]), ist ein zentrales geistliches Anlie­gen Benedikts, das er seinen Brüdern als Weisung ans Herz legt. Damit weicht Benedikt in einem für ihn wesentlichen Punkt von seiner Vorlage – der Regula Magistri – ab, die schreibt: „Vater und Mutter ehren“ (RM 3,8[2]), und deutet dieses biblische Gebot in einem universalen Sinne um. So fordert es dazu heraus, jedem Menschen in Ehrfurcht zu begegnen, wer immer er auch sei. 

Abgrenzung zur Regula Magistri
Die kritische Sinnspitze dieser erweiterten Fassung des biblischen Gebots richtet sich in erster Linie gegen die Regel des Magisters, deren Einstellung und Haltung gegenüber Außenstehenden und Fremden von Argwohn und Mißtrauen geprägt ist. Sie schreibt „einen großen Unterschied vor zwischen dem Empfang von auswärtigen Brüdern, die man ehrfürchtig und mit Gebet aufnimmt und denen man die Füße wäscht (RM 71-72; 65), und dem von Fremden, denen man nur mit Mißtrauen begegnet (78-79; vgl. 95)“[3]. Ganz anders Benedikt: Nicht nur Kleriker und fremde Mönche heißt er willkommen, sondern „alle Fremden“, die an die Klosterpforte anklopfen und um Gastaufnahme bitten, sollen wie Chri­stus aufgenommen werden (vgl. RB 53,1). 

Ehrfurcht für die Fremden
Benedikt begegnet dem Fremden nicht mit negativen Gefühlen und Vorurteilen, sondern, im Gegenteil, mit vorbehaltloser Offenheit und entgegenkommender Liebe, die die Fremdheit überwindet und zur Freundschaft einlädt. Er spricht den Armen und Fremden wie überhaupt jeden Menschen an als ein Bild und Gleichnis Gottes, in dem Christus verborgen gegenwärtig ist. Benedikt ist allen Menschen gastfreundlich zugetan, ohne auf ihre soziale oder kulturelle Herkunft zu schauen und darauf, ob sie ein verdienstvolles Leben führen oder nicht.
Ob jemand arm oder reich, vornehm oder niedrig ist, gebildet oder ungebildet, tugendhaft oder unbeständig – Benedikt begegnet allen mit der gleichen Aufmerksamkeit und Liebe, als wäre es Christus, den er aufnimmt. Seine Brüder weist er an, allen Gästen die ihnen angemessene Ehre zu erweisen (vgl. RB 53,2), allen in Demut zu begegnen (vgl. V.6) und allen die Füße zu waschen (V.13). Vom Abt und den Brüdern erwartet er, daß sie dem Gast „voll dienstbereiter Liebe entgegeneilen“ (V.3) und sich seiner „mit aller Aufmerksamkeit“ (V.9) gastfreundlich annehmen. In seinen Augen ist jeder Gast, der dem Kloster gemeldet wird, ein Anlaß zur Freude und zum Dank, ja ein Segen[4], besonders wenn es ein Armer und Fremder ist, denn in den Armen und Fremden – so Benedikt – wird „Christus (besonders) aufgenommen“ (V.15). Er empfiehlt sie deshalb der besonderen Aufmerksamkeit und Fürsorge der Brüder. Ein Wort des heiligen Hieronymus aufgreifend, könnte man die Einstellung Benedikts treffend so beschreiben: „Uns im Kloster ist die Gastfreundschaft ein Herzensanliegen. Alle, die zu uns kommen, nehmen wir mit dem freundlichen Blick der Menschlichkeit auf"[5].

Bruderliebe in der klösterlichen Gemeinschaft
Benedikt hat aber nicht nur die Außenstehenden und Fremden im Blick, wenn er dazu auffordert, alle Menschen zu ehren. Er versteht diese Weisung auch als Mahnung und Forderung an die eigene Gemeinschaft, sich im Umgang miteinander vom Geist der Ehrfurcht leiten zu lassen und einander wie Christus anzunehmen. Der achtungsvolle und ehrfürchtige Umgang mit den Gästen, die offene Herzlichkeit und fürsorgliche Liebe zu allen, die kommen, soll erst recht das Handeln und Verhalten innerhalb der Gemeinschaft bestimmen und sie zu einem Ort der Toleranz- und Verständigungsbereitschaft machen, wo das Humanum in all seinen Dimensionen bewahrt und gepflegt wird.
Zahlreiche Gebote und Verbote der Regel weisen in diese Richtung und lassen erkennen, wie sehr es Benedikt darum geht, dem Ethos der Bruderliebe Ansehen und Geltung zu verschaffen. Die Mahnung: „Kommt einander in gegenseitiger Achtung zuvor“ im 63. und 72. Kapitel bringt das Anliegen genau auf den Punkt. Mit dieser Weisung knüpft Benedikt an ein Wort aus dem Römerbrief (12,10) an, in welchem Paulus die Gemeinde zu gegenseitiger Achtung und Ehrerbietung aufruft: „Seid einander in brüderlicher Liebe zugetan, übertrefft euch in gegenseitiger Achtung!“
Benedikt trägt dafür Sorge, indem er der Gemeinschaft eine werterfüllte Ordnung gibt, die alles Plumpe, Taktlose, Ungebundene, alles Rücksichtslose, Gemeine, Demütigende und Verletzende verbietet und dazu motiviert, frei von jeder Willkür aufeinander zu achten; einander mit Verständnis und Wohlwollen zu begegnen; aufeinander zu hören; ernst zu nehmen, was man einander zu sagen hat; berechtigte Kritik anzuerkennen und zu tun, was angemessen ist.

Bei der Bruderliebe geht es also nicht um ein euphorisches Gefühl. Sie ist eine innere Einstellung, die Bereitschaft, dem Bruder gerecht zu werden; ihn nicht nur gelten zu lassen, sondern ihm gut zu wollen. Sie wendet sich ihm helfend, mit­fühlend, verständnisvoll zu, und zwar so, daß der Impuls der Zuwendung nicht von Stimmung und Zufall abhängt, sondern sich an den Erfordernissen der Situation orientiert. Sie trägt nur dann die Züge tugendhafter Gesinnung, wenn sie sich von guten Beweggründen motivieren läßt, z.B. von dem Wunsch des Bruders nach Nähe und Zuwendung. Wo aber jemand sich einem anderen nur deshalb zuwendet, um einen guten Ruf zu erwerben oder um sich Gegenleistungen zu sichern oder weil er sonst mit Sanktionen zu rechnen hat, wird er von falschen Motiven geleitet. Er verwirklicht also nicht die selbstlose Liebe, wie Benedikt sie sich vorstellt. 

Ehrfurcht als Ausdruck der Liebe
Es ist kein Zufall, daß Benedikt nicht formuliert: „Alle Menschen lieben“, sondern: „Alle Menschen ehren“. Und zwar nicht nur deshalb – so die Vermutung – weil es unmöglich ist, alle Menschen in gleicher Weise zu lieben, sondern, weil sich mit der Ehrfurcht eine Haltung verbindet, die sein Anliegen – den Wert, die Würde und die Freiheit des anderen zu achten – eindeutiger und profilierter zum Ausdruck bringt als die Liebe. Sie ist immer in Gefahr, den anderen zu vereinnahmen und sich seiner zu bemächtigen. Liebe gleitet leicht in verletzende Zudringlichkeit ab. Die Ehrfurcht hingegen ist bei aller Suche nach Nähe, die die Liebe intendiert, jene Haltung, die Abstand hält, die das Anderssein des anderen ernst nimmt und zur Geltung bringt. Sie wahrt den Bereich seiner Intimität, seiner Integrität und Unantastbarkeit, seines für ihn notwendigen freien Raumes, frei von bedrängender Nähe, die ihm die Luft zum Atmen nehmen könnte. Sie schützt das Geheimnis, das der Mensch ist und läßt nicht zu, daß er zu einem verfügbaren und manipulierbaren Gegenstand herabgewürdigt wird. 

Ehrfurcht und Gottesfurcht
Indem nun Benedikt zur Ehrfurcht ermahnt, geht es ihm um den Menschen: Nicht um den Menschen in seinen kognitiven, seelischen und charakterlichen Eigenschaften, die es freilich auch zu würdigen gilt, sondern um den Menschen als Person, als Stätte Gottes und Abbild seines Wesens. Mit dieser Aufforderung erinnert uns Benedikt an das „Heilige“ im Menschen bzw. vergegenwärtigt uns damit, daß uns im Menschen etwas Größeres begegnet als er selbst ist, an dem er teilhat und auf das er wesensmäßig bezogen ist: Gott und das Göttliche.
Die Motivation, den Menschen zu ehren, speist sich also bei Benedikt nicht aus einer allgemeinen, diffusen Menschenliebe, sondern aus dem Glauben, daß der Mensch, und zwar jeder Mensch, einen Wert und eine Würde in sich hat, die göttlichen Ursprungs ist. Diese Würde, die in seinem Gottesverhältnis begründet ist, hebt den Menschen über alles Irdische hinaus und hüllt ihn in ein Geheimnis, das gebietet, ihm mit Achtung und Ehrfurcht zu begegnen, gleichgültig ob er uns sympathisch ist oder nicht, ob wir ihn liebenswert finden oder nicht. Die Begegnung mit ihm verlangt meine Anerkennung seiner ihm verliehenen Schöpferwürde.

Kennzeichnend für die Ehrfurcht ist, daß sie sorgsam auf die Würde des anderen achtet und ihr zu ihrem Recht verhilft. Sie tut nichts, was den anderen verletzen oder in seinem Ansehen beschädigen könnte. Sie läßt sich nicht verleiten, Böses mit Bösem zu vergelten und sinnt nicht auf Rache. Sie führt keine Arglist im Sinn. Sie verurteilt nicht, sondern versucht zu verstehen. Sie ist tolerant in dem Sinne, daß sie Güte und Wohlwollen mit Gerechtigkeit und Wahrheit verbindet. Sie nährt keine Ressentiments und macht dem anderen seine Art nicht zum Vorwurf. Sie nimmt ihn in seinen Überzeugungen und in seinem Wertempfinden ernst. Sie vermeidet alles Aufdringliche und wahrt eine wohltuende Distanz, die sich vom rechten Gespür leiten läßt für das, was dem anderen in seiner Situation hilfreich, nützlich und förderlich ist. Kälte und Gleichgültigkeit sind ihr fern. Sie verschließt ihre Augen nicht vor dem, worunter Menschen leiden. Das Unrecht, das Menschen einander antun, ist ihr ein Greuel. Sie weiß sich solidarisch mit den Menschen in Leid, Not und Diffamierung und dazu aufgerufen, der Menschlichkeit beizustehen, wo immer diese unterdrückt und niedergehalten wird. 

Ein Übungsweg
Benedikt will uns in diesen Geist der Ehrfurcht einführen. Nicht zuletzt für den ehrfurchtsvollen Umgang mit dem Nächsten gibt uns Benedikt die „Werkzeuge der geistlichen Kunst“ an die Hand. Denn die Ehrfurcht schulden wir auch den Menschen, zu denen wir ein gespanntes Verhältnis haben; die uns auf die Nerven gehen oder uns abstoßen. Der Umgang mit solchen Menschen macht uns bewußt, daß es in der „Schule der Ehrfurcht“ manches zu lernen gibt: Wie kann ich einem Menschen mit wohlwollendem Blick begegnen, der abschätzig von mir denkt? Oder: Wie mich einem Menschen hilfreich zuwenden, der mich hintergeht und betrügt? Wir können die anderen mit unserem Willen, mit unseren Wünschen nicht leichthin ändern. Wir können aber lernen und daran arbeiten, uns von ihrem Verhalten unabhängig zu machen und uns einzig davon bestimmen lassen, was die jeweilige Situation erfordert, so wie es Benedikt uns nahe legt. 

Ausblick
Ich schließe mit einigen Fragen, die wir uns heute stellen sollten, wenn wir Benedikts Anstoß für das Leben in der Gegenwart fruchtbar machen wollen.

Wie läßt sich die Dimension des „Heiligen“, die Ehrfurcht begründet, ohne die Praxis von Gebet und liturgischem Gottesdienst in einer entchristlichten Kultur offen halten?
Droht der Rückfall der „Kultur“ ins rein Zivilisatorisch-Funktionale, Technisch-Machbare?
Wie kann in solchem Umfeld die religiöse Sprache davor bewahrt werden, unverständliches Gruppenidiom zu werden und verhindert werden, daß die Ehrfurcht ihrer Manifestation im Umgang miteinander entrückt wird?
Benötigen wir nicht die Ehrfurcht jedem Menschen gegenüber gerade in einer Zeit, in der Nationalismen und Rassismen, politische Ideologien und religiöse Fundamentalismen dazu verführen, eine scharfe Grenze zu ziehen zwischen denen, die man als die eigenen „Bekenntnisgenossen“ ehrt und allen anderen? 

Die Ehrfurcht unter den Menschen läßt sich weder durch politischen Zwang noch durch moralischen Druck sicher stellen. Wir dürfen aber hoffen, daß sie unter den Menschen nicht ausstirbt, weil Gott selbst dafür sorgen wird, daß sein Bildnis in seiner Schöpfung lebendig gehalten wird. 

Br. Amos Schmidt, Trier


[1] Zit. nach Regula Benedicti. Die Benediktusregel lateinisch / deutsch. Hrsg. im Auftrag der Salzburger Äbtekonferenz, Beuron 1992. 
[2] Zit. nach Puzicha, M., Kommentar zur Benediktusregel. Mit einer Einführung von Christian Schütz. Im Auftrag der Salzburger Äbtekonferenz, St. Ottilien 2002, 105. 
[3] Böckmann, A., Perspektiven der Regula Benedicti. Ein Kommentar zum Prolog und den Kapiteln 53, 58, 72, 73, Münsterschwarzach 1986 219. 
[4] Vgl. Fischediek, T.K., Das Gehorsamsverständnis der Regula Benedicti: Der Gehorsam als Grundlage für ein exemplarisch christliches Gemeinschaftsleben. St. Ot­tilien 1993, 94. 
[5] Puzicha, 177.