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Honorare omnes homines
Allen Menschen in Ehrfurcht begegnen
Gedanken und Überlegungen zu einem Grundwort Benedikts
„Alle
Menschen ehren“ (RB 4,8),
ist ein zentrales geistliches Anliegen Benedikts, das er seinen Brüdern als
Weisung ans Herz legt. Damit weicht Benedikt in einem für ihn wesentlichen
Punkt von seiner Vorlage – der Regula Magistri – ab, die schreibt: „Vater
und Mutter ehren“ (RM 3,8),
und deutet dieses biblische Gebot in einem universalen Sinne um. So fordert es
dazu heraus, jedem Menschen in Ehrfurcht zu begegnen, wer immer er auch sei.
Abgrenzung zur Regula Magistri
Die kritische Sinnspitze dieser erweiterten Fassung des biblischen Gebots
richtet sich in erster Linie gegen die Regel des Magisters, deren Einstellung
und Haltung gegenüber Außenstehenden und Fremden von Argwohn und Mißtrauen
geprägt ist. Sie schreibt „einen großen Unterschied vor zwischen dem Empfang
von auswärtigen Brüdern, die man ehrfürchtig und mit Gebet aufnimmt und denen
man die Füße wäscht (RM 71-72; 65), und dem von Fremden, denen man nur mit Mißtrauen
begegnet (78-79; vgl. 95)“.
Ganz anders Benedikt: Nicht nur Kleriker und fremde Mönche heißt er
willkommen, sondern „alle Fremden“, die an die Klosterpforte anklopfen und
um Gastaufnahme bitten, sollen wie Christus aufgenommen werden (vgl. RB 53,1).
Ehrfurcht für die Fremden
Benedikt begegnet dem Fremden nicht mit negativen Gefühlen und Vorurteilen,
sondern, im Gegenteil, mit vorbehaltloser Offenheit und entgegenkommender Liebe,
die die Fremdheit überwindet und zur Freundschaft einlädt. Er spricht den
Armen und Fremden wie überhaupt jeden Menschen an als ein Bild und Gleichnis
Gottes, in dem Christus verborgen gegenwärtig ist. Benedikt ist allen Menschen
gastfreundlich zugetan, ohne auf ihre soziale oder kulturelle Herkunft zu
schauen und darauf, ob sie ein verdienstvolles Leben führen oder nicht.
Ob jemand arm oder reich, vornehm oder niedrig ist, gebildet oder ungebildet,
tugendhaft oder unbeständig – Benedikt begegnet allen mit der gleichen
Aufmerksamkeit und Liebe, als wäre es Christus, den er aufnimmt. Seine Brüder
weist er an, allen Gästen die ihnen angemessene Ehre zu erweisen (vgl. RB
53,2), allen in Demut zu begegnen (vgl. V.6) und allen die Füße zu waschen
(V.13). Vom Abt und den Brüdern erwartet er, daß sie dem Gast „voll
dienstbereiter Liebe entgegeneilen“ (V.3) und sich seiner „mit aller
Aufmerksamkeit“ (V.9) gastfreundlich annehmen. In seinen Augen ist jeder Gast,
der dem Kloster gemeldet wird, ein Anlaß zur Freude und zum Dank, ja ein Segen,
besonders wenn es ein Armer und Fremder ist, denn in den Armen und Fremden –
so Benedikt – wird „Christus (besonders) aufgenommen“ (V.15). Er empfiehlt
sie deshalb der besonderen Aufmerksamkeit und Fürsorge der Brüder. Ein Wort
des heiligen Hieronymus aufgreifend, könnte man die Einstellung Benedikts
treffend so beschreiben: „Uns im Kloster ist die Gastfreundschaft ein
Herzensanliegen. Alle, die zu uns kommen, nehmen wir mit dem freundlichen Blick
der Menschlichkeit auf".
Bruderliebe in der klösterlichen
Gemeinschaft
Benedikt hat aber nicht nur die Außenstehenden und Fremden im Blick, wenn er
dazu auffordert, alle Menschen zu ehren. Er versteht diese Weisung auch als
Mahnung und Forderung an die eigene Gemeinschaft, sich im Umgang miteinander vom
Geist der Ehrfurcht leiten zu lassen und einander wie Christus anzunehmen. Der
achtungsvolle und ehrfürchtige Umgang mit den Gästen, die offene Herzlichkeit
und fürsorgliche Liebe zu allen, die kommen, soll erst recht das Handeln und
Verhalten innerhalb der Gemeinschaft bestimmen und sie zu einem Ort der
Toleranz- und Verständigungsbereitschaft machen, wo das Humanum in all seinen
Dimensionen bewahrt und gepflegt wird.
Zahlreiche Gebote und Verbote der Regel weisen in diese Richtung und lassen
erkennen, wie sehr es Benedikt darum geht, dem Ethos der Bruderliebe Ansehen und
Geltung zu verschaffen. Die Mahnung: „Kommt einander in gegenseitiger Achtung
zuvor“ im 63. und 72. Kapitel bringt das Anliegen genau auf den Punkt. Mit
dieser Weisung knüpft Benedikt an ein Wort aus dem Römerbrief (12,10) an, in
welchem Paulus die Gemeinde zu gegenseitiger Achtung und Ehrerbietung aufruft:
„Seid einander in brüderlicher Liebe zugetan, übertrefft euch in
gegenseitiger Achtung!“
Benedikt trägt dafür Sorge, indem er der Gemeinschaft eine werterfüllte
Ordnung gibt, die alles Plumpe, Taktlose, Ungebundene, alles Rücksichtslose,
Gemeine, Demütigende und Verletzende verbietet und dazu motiviert, frei von
jeder Willkür aufeinander zu achten; einander mit Verständnis und Wohlwollen
zu begegnen; aufeinander zu hören; ernst zu nehmen, was man einander zu sagen
hat; berechtigte Kritik anzuerkennen und zu tun, was angemessen ist.
Bei
der Bruderliebe geht es also nicht um ein euphorisches Gefühl. Sie ist eine
innere Einstellung, die Bereitschaft, dem Bruder gerecht zu werden; ihn nicht
nur gelten zu lassen, sondern ihm gut zu wollen. Sie wendet sich ihm helfend,
mitfühlend, verständnisvoll zu, und zwar so, daß der Impuls der Zuwendung
nicht von Stimmung und Zufall abhängt, sondern sich an den Erfordernissen der
Situation orientiert. Sie trägt nur dann die Züge tugendhafter Gesinnung, wenn
sie sich von guten Beweggründen motivieren läßt, z.B. von dem Wunsch des
Bruders nach Nähe und Zuwendung. Wo aber jemand sich einem anderen nur deshalb
zuwendet, um einen guten Ruf zu erwerben oder um sich Gegenleistungen zu sichern
oder weil er sonst mit Sanktionen zu rechnen hat, wird er von falschen Motiven
geleitet. Er verwirklicht also nicht die selbstlose Liebe, wie Benedikt sie sich
vorstellt.
Ehrfurcht als Ausdruck der Liebe
Es ist kein Zufall, daß Benedikt nicht formuliert: „Alle Menschen lieben“,
sondern: „Alle Menschen ehren“. Und zwar nicht nur deshalb – so die
Vermutung – weil es unmöglich ist, alle Menschen in gleicher Weise zu lieben,
sondern, weil sich mit der Ehrfurcht eine Haltung verbindet, die sein Anliegen
– den Wert, die Würde und die Freiheit des anderen zu achten – eindeutiger
und profilierter zum Ausdruck bringt als die Liebe. Sie ist immer in Gefahr, den
anderen zu vereinnahmen und sich seiner zu bemächtigen. Liebe gleitet leicht in
verletzende Zudringlichkeit ab. Die Ehrfurcht hingegen ist bei aller Suche nach
Nähe, die die Liebe intendiert, jene Haltung, die Abstand hält, die das
Anderssein des anderen ernst nimmt und zur Geltung bringt. Sie wahrt den Bereich
seiner Intimität, seiner Integrität und Unantastbarkeit, seines für ihn
notwendigen freien Raumes, frei von bedrängender Nähe, die ihm die Luft zum
Atmen nehmen könnte. Sie schützt das Geheimnis, das der Mensch ist und läßt
nicht zu, daß er zu einem verfügbaren und manipulierbaren Gegenstand herabgewürdigt
wird.
Ehrfurcht und Gottesfurcht
Indem nun Benedikt zur Ehrfurcht ermahnt, geht es ihm um den Menschen: Nicht um
den Menschen in seinen kognitiven, seelischen und charakterlichen Eigenschaften,
die es freilich auch zu würdigen gilt, sondern um den Menschen als Person, als
Stätte Gottes und Abbild seines Wesens. Mit dieser Aufforderung erinnert uns
Benedikt an das „Heilige“ im Menschen bzw. vergegenwärtigt uns damit, daß
uns im Menschen etwas Größeres begegnet als er selbst ist, an dem er teilhat
und auf das er wesensmäßig bezogen ist: Gott und das Göttliche.
Die Motivation, den Menschen zu ehren, speist sich also bei Benedikt nicht aus
einer allgemeinen, diffusen Menschenliebe, sondern aus dem Glauben, daß der
Mensch, und zwar jeder Mensch, einen Wert und eine Würde in sich hat, die göttlichen
Ursprungs ist. Diese Würde, die in seinem Gottesverhältnis begründet ist,
hebt den Menschen über alles Irdische hinaus und hüllt ihn in ein Geheimnis,
das gebietet, ihm mit Achtung und Ehrfurcht zu begegnen, gleichgültig ob er uns
sympathisch ist oder nicht, ob wir ihn liebenswert finden oder nicht. Die
Begegnung mit ihm verlangt meine Anerkennung seiner ihm verliehenen Schöpferwürde.
Kennzeichnend
für die Ehrfurcht ist, daß sie sorgsam auf die Würde des anderen achtet und
ihr zu ihrem Recht verhilft. Sie tut nichts, was den anderen verletzen oder in
seinem Ansehen beschädigen könnte. Sie läßt sich nicht verleiten, Böses mit
Bösem zu vergelten und sinnt nicht auf Rache. Sie führt keine Arglist im Sinn.
Sie verurteilt nicht, sondern versucht zu verstehen. Sie ist tolerant in dem
Sinne, daß sie Güte und Wohlwollen mit Gerechtigkeit und Wahrheit verbindet.
Sie nährt keine Ressentiments und macht dem anderen seine Art nicht zum
Vorwurf. Sie nimmt ihn in seinen Überzeugungen und in seinem Wertempfinden
ernst. Sie vermeidet alles Aufdringliche und wahrt eine wohltuende Distanz, die
sich vom rechten Gespür leiten läßt für das, was dem anderen in seiner
Situation hilfreich, nützlich und förderlich ist. Kälte und Gleichgültigkeit
sind ihr fern. Sie verschließt ihre Augen nicht vor dem, worunter Menschen
leiden. Das Unrecht, das Menschen einander antun, ist ihr ein Greuel. Sie weiß
sich solidarisch mit den Menschen in Leid, Not und Diffamierung und dazu
aufgerufen, der Menschlichkeit beizustehen, wo immer diese unterdrückt und
niedergehalten wird.
Ein Übungsweg
Benedikt will uns in diesen Geist der Ehrfurcht einführen. Nicht zuletzt für
den ehrfurchtsvollen Umgang mit dem Nächsten gibt uns Benedikt die „Werkzeuge
der geistlichen Kunst“ an die Hand. Denn die Ehrfurcht schulden wir auch den
Menschen, zu denen wir ein gespanntes Verhältnis haben; die uns auf die Nerven
gehen oder uns abstoßen. Der Umgang mit solchen Menschen macht uns bewußt, daß
es in der „Schule der Ehrfurcht“ manches zu lernen gibt: Wie kann ich einem
Menschen mit wohlwollendem Blick begegnen, der abschätzig von mir denkt? Oder:
Wie mich einem Menschen hilfreich zuwenden, der mich hintergeht und betrügt?
Wir können die anderen mit unserem Willen, mit unseren Wünschen nicht
leichthin ändern. Wir können aber lernen und daran arbeiten, uns von ihrem
Verhalten unabhängig zu machen und uns einzig davon bestimmen lassen, was die
jeweilige Situation erfordert, so wie es Benedikt uns nahe legt.
Ausblick
Ich schließe mit einigen Fragen, die wir uns heute stellen sollten, wenn wir
Benedikts Anstoß für das Leben in der Gegenwart fruchtbar machen wollen.
Wie
läßt sich die Dimension des „Heiligen“, die Ehrfurcht begründet, ohne die
Praxis von Gebet und liturgischem Gottesdienst in einer entchristlichten Kultur
offen halten?
Droht der Rückfall der „Kultur“ ins rein Zivilisatorisch-Funktionale,
Technisch-Machbare?
Wie kann in solchem Umfeld die religiöse Sprache davor bewahrt werden, unverständliches
Gruppenidiom zu werden und verhindert werden, daß die Ehrfurcht ihrer
Manifestation im Umgang miteinander entrückt wird?
Benötigen wir nicht die Ehrfurcht jedem Menschen gegenüber gerade in einer
Zeit, in der Nationalismen und Rassismen, politische Ideologien und religiöse
Fundamentalismen dazu verführen, eine scharfe Grenze zu ziehen zwischen denen,
die man als die eigenen „Bekenntnisgenossen“ ehrt und allen anderen?
Die
Ehrfurcht unter den Menschen läßt sich weder durch politischen Zwang noch
durch moralischen Druck sicher stellen. Wir dürfen aber hoffen, daß sie unter
den Menschen nicht ausstirbt, weil Gott selbst dafür sorgen wird, daß sein
Bildnis in seiner Schöpfung lebendig gehalten wird.
Br.
Amos Schmidt, Trier
Zit. nach Regula Benedicti. Die
Benediktusregel lateinisch / deutsch. Hrsg. im Auftrag der Salzburger Äbtekonferenz,
Beuron 1992.
Zit.
nach Puzicha, M., Kommentar zur Benediktusregel. Mit einer Einführung von
Christian Schütz. Im Auftrag der Salzburger Äbtekonferenz, St. Ottilien
2002, 105.
Böckmann, A., Perspektiven der
Regula Benedicti. Ein Kommentar zum Prolog und den Kapiteln 53, 58, 72, 73,
Münsterschwarzach 1986 219.
Vgl. Fischediek, T.K., Das
Gehorsamsverständnis der Regula Benedicti: Der Gehorsam als Grundlage für
ein exemplarisch christliches Gemeinschaftsleben. St. Ottilien 1993, 94.
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