AUS DER PRAXIS

Bei der Redaktionssitzung der MI im Herbst letzten Jahres wurde, angeregt vom Aufsatz „Das Kloster als pastoraler Ort“[1], beschlossen, verschiedene Klöster einzuladen, über Erfahrungen als „pastorale Orte“ zu berichten.

Ein erster Beitrag kommt aus Stift Admont. Weitere sollen in den nächsten Ausgaben der MI folgen.

 

 

Erwarte das Unerwartete!

Zeitgenössische Kunst im Kloster

 

„Das kann mein Kind auch!“, sagen die einen. „Das hätte ich hier nun wirklich nicht erwartet!“, sagen die anderen. Gemeint ist die Sammlung zeitgenössischer Kunst im Benediktinerstift Admont, die seit 1997 auf- und ausgebaut wird.

 

Warum engagiert sich ein Kloster in diesem Bereich? 1997 faßte der Admonter Konvent den Beschluß, sein Museum umzugestalten. Eine alte und doch aktuelle Botschaft sollte mit modernen Mitteln präsentiert werden – das Evangelium im Spiegel der Kunst vor dem Hintergrund einer über 900-jährigen benediktinischen Tradition. Ein schwieriges Unterfangen, wie sich bald herausstellte. Die Jahrhunderte, vor allem aber der Klosterbrand von 1865 und die Wirtschaftskrise der 1930er Jahre, hatten große Lücken in die Kunstbestände gerissen. Auch war seit Mitte des 19. Jahrhunderts kaum Neues angekauft worden. Letztlich gab es nur zwei Möglichkeiten der Museumserweiterung: den Erwerb alter Meister – oder das Sammeln zeitgenössischer Kunst.

 

Über Geschmack läßt sich bekanntlich streiten. Unser Stift entschied sich für den zweiten Weg, obwohl diese Alternative durchaus nicht unumstritten war und ist. Verschiedene Gründe sprachen jedoch dafür. Es besteht die Gelegenheit, mit zeitgenössischen Künstlern ins Gespräch zu kommen, sich gegenseitig kennen zu lernen und so Vorurteile abzubauen. Kunstwerke können in Auftrag gegeben werden, die einen direkten Bezug zum Kloster zeigen. Und nicht zuletzt lassen sich Besuchergruppen ansprechen, die keinen Kontakt (mehr) zur Kirche haben, gewollt oder ungewollt. Der Grazer Bischof Egon Kapellari formuliert dazu: „In Kunst und Literatur kommen Herztöne einer Epoche zu Gehör. Wer sie überhört, der bezahlt bewußt oder ahnungslos einen hohen Preis. (…) Eine Kirche, die mit der ‚Zu-Mutung’, neue Sprachen in Bild und Musik zu lernen, rasch, weil abweisend fertig wird, verweigert sich einer der Gaben des Heiligen Geistes.“[2]

 

Die Sammlung zeitgenössischer Kunst in Admont fordert von allen Seiten – ob Mönch, Künstler oder Besucher – zunächst das Schauen und Zuhören:

Das Zuhören von uns Mönchen auf das, was Gegenwartskünstler sagen wollen und zu sagen haben, selbst wenn es ab und zu unbequem ist. Und auf das, was die Besucher bewegt, positiv wie negativ. Dies gilt vor allem für Kirchenferne. Ihnen muß besondere Aufmerksamkeit gelten, denn Christus erteilte unwiderruflich den Auftrag, allen Menschen den Glauben zu verkünden.

Das Zuhören der Künstler und Besucher auf die Botschaft des Klosters. Letztlich dient unser Beten und Arbeiten – und auch das Museum mit allen seinen Beständen, Ausstellungen und Veranstaltungen – nur einem Zweck: der Verherrlichung Gottes.

Unser Museum und die zeitgenössische Sammlung haben keinen rein spirituell – missionarischen Auftrag. Vielmehr soll auch Kunst als solche vermittelt werden. Ein schwieriges Unterfangen, denn die Moderne verlangt ein hohes Maß an Auseinandersetzung. Ebenso wenig aber erschließt sich die Ikonographie alter Meister von selbst.

 

Überwogen zunächst Atelier- und Galerieankäufe, so geben wir heute Kunstwerke oft direkt unter dem Titel „MADE FOR ADMONT“ in Auftrag. Künstler erhalten die Möglichkeit, für einige Zeit im Kloster zu leben („artist in residence“) und ihre Arbeiten im intensiven Gespräch mit Mitbrüdern zu entwickeln. Teilweise stehen sogar Mönche als Modelle zur Verfügung. Ein weiterer Schwerpunkt bildet die einzigartige Sammlung der „Sinneskunst“. Ursprünglich für Sehbehinderte erdacht, spricht sie verschiedene Sinne an – auch bei Sehenden. „Bitte berühren!“, lautet die für Museen ungewohnte Aufforderung.

 

Mittlerweile hat das Admonter Stiftsmuseum mit den verschiedensten Sammlungsgebieten einen festen Platz in der Kulturlandschaft erobert. 2005 erhielten wir den österreichischen Museumspreis verliehen, getreu dem Motto: „Erwarte das Unerwartete!“

 

P. Winfried Schwab, Admont

 

[1] B.A. Eckerstorfer Das Kloster als pastoraler Ort. Die Bedeutung des benediktinischen

Lebenszeugnisses, in: GuL 82/5 (2009), 321–335.

[2] Kapellari, Egon: Geduld haben mit Bildern. In: Und haben fast die Sprache verloren. Fragen zwischen Kunst und Kirche. Graz, Wien, Köln 1995, S. 129-134, bes. S. 129-130.