Nr. 131 - Literatur

Michaela Puzicha (Hg.), und Texte zur Benediktusregel,  Lateinisch-deutsch. Eos Verlag, St. Ottilien 2007, 656 S. gebunden, 45.00 €; ISBN 3-8306-7278-0.

Das Osterfest dieses Jahres brachte für alle, die sich mit der Benediktusregel befassen, ein Geschenk: den Textband zur Benediktusregel, herausgegeben von Schwester Michaela Puzicha (Varensell Salzburg). Dieses Werk stellt eine neue Gattung unter den Hilfsmitteln bei der Auslegung der Regel Benedikts dar.
Seit der Regelausgabe von Cuthbert Butler 1912 war es zwar üblich, in Fußnoten oder Exkursen auf sprachliche Parallelen in der patristischen Literatur hinzuweisen. Um deren Bedeutung im einzelnen zu erfassen und zu bewerten, musste man aber dem Hinweis in den entsprechenden Schriften nachgehen. Das war allerdings bisweilen sehr mühsam und nicht immer ergiebig. Der vorliegende Band nun bringt die Texte in dem erforderlichen Zusammenhang und in einer sehr guten deutschen Übersetzung.

Die Leistung der Herausgeberin und der Mitwirkenden (Abt Johannes Gartner, Seckau und P. Plazidus Hungerbühler, Muri Gries), die besonders hervorzuheben ist, besteht in der Auswahl der Texte. Es geht nicht nur um sprachliche Parallelen. Es wird die antike Denk- und Sprechweise berücksichtigt, an bestimmten Worten einen Sinnzusammenhang aufleuchten zu lassen. Das ist die Art, wie Benedikt sich an der Überlieferung der Väter orientiert. So werden Texte geboten, die den spirituellen Raum erkennen lassen, in dem Weisungen der Regel gesagt worden sind. Mit Recht können solche Auszüge aus Schriften der Väter als Hintergrundtexte bezeichnet werden. Sie sind für einen, der heute den Sinngehalt der Regel zu erschließen sucht, von unschätzbarer Bedeutung, weil er häufig von sich aus diesen Hintergrund nicht wahrnimmt, es sei denn, er verfügte über Fachkenntnisse in patristischer Theologie.

Diese Textsammlung ist somit geradezu ein zweiter Band des bereits erschienenen Kommentars von Schwester Michaela. Sie lässt vielfach deutlich werden, dass die praktischen Anliegen, die Benedikt in seiner Regel vermittelt, in eine tiefgründige Christusfrömmigkeit eingebettet sind. Das ist vielleicht der bedeutendste Impuls, der von diesen Texten ausgeht.

Eine weitreichende Entscheidung der Herausgeberin war es, von Zitaten aus der Magisterregel abzusehen. Zu lange hat der Vergleich der RB mit der RM die Auslegung beherrscht. Die Magisterregel ist gut ediert und übersetzt und ist leicht zugänglich; der Vergleich wird durch Synopsen erleichtert. Durch den vorliegenden Textband wird jedoch die beträchtliche spirituelle Differenz der beiden Regeln erkennbar, die trotz der Gemeinsamkeit in der Annahme der Überlieferung der Väter offenkundig ist. Die Herausgeberin bestätigt zwar in der Einführung die Ergebnisse der Forschung, aber gerade die Auswahl des vorliegenden Textbandes lässt Zweifel daran aufkommen, dass Benedikt den gleichen Text der RM gelesen hat wie später Benedikt von Aniane. Benedikt wäre ein wortklaubender Redaktor mit Vorliebe für Kürzungen gewesen.

Besonders hilfreich ist die Art, wie im vorliegenden Werk die Texte zu RB 4 und RB 72 geboten werden. Dadurch, dass die Parallelen nicht zu jedem einzelnen Vers der RB aufgereiht werden, wird deutlich, inwiefern diese Kapitel in der Tradition der sogenannten Tugendkataloge der frühen Kirche stehen. Ihre Bedeutung für die Prägung des monastischen Alltags fällt unmittelbar ins Auge. Ähnliches gilt von den Texten zu RB 64 und von den Texten, die als Vorbemerkungen den Straf- und Bußkapiteln vorangestellt wurden.

Besonders dankbar kann der Leser für das Autoren- und Werkverzeichnis sein. Dass die Angaben verlässlich sind, sollte selbstverständlich sein. Die kommentierenden Hinweise aber verführen geradezu, sich mit der patristischen Theologie näher zu befassen.
So wird dieses Werk mit seinen 650 Seiten sicherlich Bewegung in die Auslegung der Benediktusregel bringen und damit entscheidend dazu beitragen, dass die benediktinische Tradition als Element der Lebensgestaltung mit Freude aufgenommen wird.

P. Athanasius Polag, Huysburg