Gregor Baumhof, Gesänge der Stille. Mit dem Gregorianische Choral meditieren.
Ein Übungsbuch mit CD, Kösel-Verlag München 2006, 176 S. gebunden, 19,95 €;
ISBN 3466367212.

„Das Buch ist bestimmt für all jene, die ein Bedürfnis spüren, sich ihr geistliches Leben von der Kraftquelle des gregorianischen Chorals her vertiefen und bereichern zu lassen“. So beschreibt Fr. Gregor Baumhof OSB aus der Abtei Niederaltaich, mit welcher Absicht er sein Buch und die darin befindliche CD veröffentlichte. Es ist sicher als eine Frucht seiner engagierten Kurs- und Vortragstätigkeit zu sehen. 

In Notenschrift, hörbar gemacht, in Textdeutung und musikalischer Betrachtung werden Gesänge des Weihnachtsfestkreises an 10 Stationen vorgelegt. Meist beginnt eine solche Station mit einer Introitusantiphon gefolgt von einer einfachen Form wie einem kleinen Responsorium oder einer Antiphon des Stundengebetes. Manchmal schließt ein Hymnus eine Station ab. Die 5. Station ist ganz den O-Antiphonen gewidmet, die auch ins ganze Buch eingestreut auf farbigen Doppelseiten in Glasfenstern von Bernhard Schlagemann, mit Bezugstexten aus der Hl. Schrift und einer ausgeweiteten Übertragung des lateinischen Textes zu einer weiteren Betrachtung vorgelegt werden. Diese Seiten, das Format des Buches und die Typographie der Texte geben dem Buch eine besonderen ästhetischen Wert. 

Die Meditatio, die Übung, wie es im Werktitel des Buches heißt, soll so vonstatten gehen: In Stille soll das einzelne Stück ein- bis dreimal gehört und danach die Übersetzung gelesen werden. Dann kann wieder ein Hinhören erfolgen, dann die Lektüre der (fast) jedem Stück zugefügten „Textdeutung“ und die „musikalische Betrachtung“. Bei der Textdeutung bedient sich Fr. Gregor besonders der Erkenntnisse der tiefenpsychologischen Ausdeutung, in der Bilder und Symbole als allgemeine Sprache der menschlichen Tiefenschichten verstanden werden können. Hier wird dann auch die therapeutische Funktion von Text und Musik berührt. 

Den Introitusantiphonen und den Offiziumsanthiphonen fügt Fr. Gregor St. Galler Neumen (E121, H390/391) hinzu. Sie werden jedoch nicht als Interpretamente des Textes angesehen, die die „Lautung“ des Textes bezeugen und damit dem Sprecher (Sänger) und Hörer in ihrer pronuntiatorischen Funktion, in ihrer Sprechdynamik und Sprechmelodie, den Sinn des Textes erschließen. Textmeditation war in der Antike und im Mittelalter lautes Erlesen eines Textes.

Bei den Offiziumsantiphonen, deren Druckbild dem neuen Antiphonale Monasticum entnommen wurde, ist die Hinzufügung der Neumen darum besonders wertvoll. Aus ungeklärten Gründen wurden dort in der Quadratnotation die waagerechten Episeme eliminiert. So sind mit Hilfe der zugefügten Neumen, die episemierten Einzeltonneumen und Einzelgruppenneumen wieder zu erkennen. Auch die ebenso nicht begründete Einführung des Tones „b“ statt „h“ im AM hat Fr. Gregor bei den O-Antiphonen zwar im Druck übernommen, gesungen aber hat er im Hochpunkt der Antiphon doch das „h“. 

Das Buch wendet sich an Leser und Hörer ohne theoretische Vorkenntnisse. Diesen wird es einen Zugang zu den gregorianischen Gesängen eröffnen. Die Fachleute werden sich über manche gelesene oder gehörte Deutung zu Wort melden wollen. Auch das ist gut. Kann es doch ein Anstoß sein zu einem fruchtbaren Gespräch. 

P. Michael Hermes, Meschede