Nr. 130 - Literatur

Leben im Kloster Hauterive
Fotos: Paul Joos

128 Seiten, 104 s/w Fotos (Duplex), fester Einband, Fadenheftung, Format: 27,6 x 23,6 cm
Deutsche Ausgabe: Paulusverlag, Freiburg (CH) 2006, Fr. 44,- / 29,- €; ISBN-10: 3-7228-0690-9. 

Das Leben im Kloster gehört immer noch zu den Themen, die faszinieren. Bücher, die darauf setzen, kommen manchmal etwas aufdringlich mit dem Zauberwort Stille daher, ohne die damit geweckten Erwartungen immer zu erfüllen. Störend schiebt sich oft eine verklärende Optik zwischen das Leben und seine Darstellung. Dieser Gefahr ist der Bildband „Leben im Kloster Hauterive“ nicht erlegen – jedenfalls weitgehend. Der Einband mit dem stimmungsvollen Bild der durch den Kreuzgang wandelnden Mönche – die sich vom Betrachter entfernen! – ist ästhetisch schön, bringt aber noch nicht zum Ausdruck, was dann im Schauen und Lesen immer mehr spürbar wird: Hier ist eine Mönchsgemeinschaft, die sehr bewußt das Gespräch mit den Menschen unserer Zeit sucht und sich nicht nur halbherzig bei einem Fototermin über die Schulter schauen läßt. 

Auf ca. 30 Seiten finden sich aus verschiedenen Perspektiven Zugänge zum Leben im Kloster Hauterive, die zudem kompakt und spirituell ein Bild des monastischen Lebens an sich zeichnen.

Nach einem kurzen Vorwort des Präsidenten der „Vereinigung der Freunde der Abtei Hauterive“, stellen acht Kapitel das Leben der Gemeinschaft mit den äußeren und inneren Voraussetzungen dar und die Geschichte des Klosters seit der Gründung 1138; fünf Beiträge sind von Mönchen verfaßt, zwei von langjährigen Gästen, einer von einer Kunsthistorikerin.

Gleich der erste Beitrag thematisiert das Anliegen der Gastfreundschaft. Das wirkt programmatisch. Der Weg mit suchenden Menschen heute ist den Mönchen „so wichtig, daß sie Menschen einladen … Darum gibt es das Kloster mit seinem Gästehaus.“ Von der Gottsuche der Mönche ist in späteren Kapiteln die Rede und sie ist ja auch das Erwartete unter diesem Titel; überraschend ist, daß sich dieser „Ort der Suche nach dem Leben“ zuerst als ein „Zu-Hause“ (nach einem Novalis-Zitat) für den Gast darstellt. In den beiden folgenden Beiträgen geben Gäste ein sehr persönliches Zeugnis. Originell sind die Parallelen, die ein Chirurg zum Leben eines Mönchs zieht – Verfügbarkeit ist eine – und wie ihn das Vorbild des monastischen Lebens in seinem Berufsethos als Arzt bestärkt. 

Von den allesamt interessanten Kapiteln sei nur noch aus der Darstellung des Priors das aktuelle Problem erwähnt, den Lebensunterhalt unter veränderten Bedingungen zu sichern. „Sinkende Rentabilität im Agrarsektor … zwingt die Mönche, ihren Erfindungsgeist zu üben … Unser Angebot beruht auf technischen, handwerklichen oder künstlerischen Sachkenntnissen, deren praktische Anwendung den Brüdern ein Gefühl der Zufriedenheit gibt. In dieser Hinsicht stellen also die neu entwickelten Produkte eine beachtliche Quelle menschlicher Entfaltung dar, die zugleich ein sicherer Garant für Qualität ist“ (S.18). 

Der Mensch steht im Mittelpunkt – diese Sicht vermitteln auch die Bilder. Ihre Themen wechseln in der Abfolge der 104 Fotos mehrmals zwischen Feier der Liturgie und alltäglichen Arbeitssituationen, zwischen Motiven, die den Vorrang der Einsamkeit zeigen, und Bildern gelebter Gemeinschaft. Das wirkt lebendig und schärft den Blick für die Spannungspole des monastischen Lebens. Auf einigen gegenüberliegenden Seiten sind diese Kontraste direkt betont: Brüderliches Gespräch – Abt im Kapitelsaal (S. 62/63), Mahlzeit im Schweigen – Besuchergruppe im Kreuzgang (S. 92/93), Mönche und Gäste beim gemeinsamen Kaffee – stille Lektüre in der Bibliothek (S. 120/121), um nur einige zu nennen. 

Die Fotos von Paul Joos sind informativ und künstlerisch auf hohem Niveau. Leider entsprechen die Bildunterschriften nicht immer dieser Qualität. Das asketische Schwarzweiß – wie sollte man Zisterzienser auch anders abbilden! – ist durch den Duplexdruck weich und nuancenreich; damit entspricht die formale Gestaltung ganz dem Anliegen einer differenzierten Darstellung mönchischen Existenz. Erwähnt werden müssen noch die sehr schönen Ansichten der Architektur und die Detailaufnahmen. Das Maßwerk mit seiner Strenge und Leichtigkeit erscheint wie das Symbol der Lebensform, die in diesem Buch „Leben im Kloster Hauterive“ faszinierend  sichtbar wird. 

Sr. Charis Doepgen, Kellenried