Silja Walter, Ring und Regel. Betrachtung, Erfahrung, Paulusverlag, Freiburg Schweiz 2005, 96 S. broschiert, Fr. 22,-/ € 14,-; ISBN 3-7228-0669-0 

Die Frau mit dem Ring 

Fast gleichzeitig mit der zehnbändigen Werkausgabe erschien 2005 von Silja Walter das schmale Bändchen „Ring und Regel“. Das Buch hat einen konkreten Entstehungsgrund in der Geschichte der Benediktinerinnen von Fahr: Eine neue Priorin war gewählt, und Abt Martin Werlen, Abt der Klöster Einsiedeln und Fahr, stellte den Schwestern die Frage nach ihren „Visionen des zukünftigen Fahr“ (S.3).
Das zündete. Für Silja Walter, Schwester Maria Hedwig, wird dieser Impuls zur „Ring-Frage“ im Horizont ihres „Daseins im Kloster Fahr“. „Es scheint, die Zeit für dieses Betroffensein im Kern meiner Berufung ist da.“ Eine intensive Suche beginnt und mit ihr der Versuch, „die Zukunft des Fahr aus dem Geheimnis unseres Rings zu sehen, zu verstehen, aufzuschreiben und mitzuteilen“.  

Wo ist der Ring mit seinem Geheimnis, seiner Spiritualität in einem Leben nach der Regel Benedikts zu finden? Mit dem Eifer einer Musterschülerin (sind wir Benediktinerinnen doch in einer „Schule des Herrendienstes“)  macht sich die betagte Nonne auf die Antwortsuche – auf und ab durch Bibel und Regel, drinnen und draußen im monastischen Alltag mit „Höhle“ und „Bahnhof“. Sie schont sich nicht, gibt viel von sich preis; der Mensch Silja Walter zeigt sich ungeschützt. Das macht diese Sinnsuche sehr persönlich; das macht sie auch spannend, denn die Autorin ist erfinderisch: Ungewöhnliche Bilder, hartnäckige Fragen, weiterdrängende Worte – das geht bis an die Grenze der Überforderung für Leserinnen und Leser, die von der Ringfrage nicht im gleichen Maß fasziniert sind. An manchen Stellen drängt sich der Gedanke auf, daß Suche auch zur Ver-Suchung werden kann.
Einige Bilder schrammen knapp am Banalen vorbei, wenn z.B. der Ring sich im Brotteig (S.13) verliert oder in die Nähe eines anzunähenden Vorhangrings (S.19) gerät. Befremdlich liest sich heutzutage auch eine Wendung wie „kirchlich offiziell mit Jesus Christus verlobt“ (S.9).  

Das Geheimnis des Rings kommt da zum Leuchten, wo es in biblischen Bildern entdeckt wird. Eindrücklich ist der „Ring als Zeichen der Heimkehr“ (S.19). Die Rückkehr zu einem gütigen Vater (RB, Prolog 2) als Mitte monastischer Berufung stellt Mönche und Nonnen auf den Heimkehrweg des verlorenen Sohns (Lk 15) – der Ring wird zum Zeichen barmherziger Vaterliebe. Conversatio als Lebensaufgabe, das ist auch der cantus firmus in Silja Walters Sinnsuche im Zeichen des Rings. Darum findet sie „den Ring in der Regel“ (S.95). Mutig sind die oftmaligen Bekenntnisse „jetzt verstehe ich“, „jetzt weiß ich es“, der Entschluß, „jetzt meine Berufung zum kontemplativen Leben endgültig konkret zu leben“ (S.47).  

Das Buch kann als Zeugnis einer benediktinischen Coversatio gelesen werden, die bis zum Schluß spannend bleibt und noch im hohen Alter mit neuen Einsichten konfrontiert und beherzte Entschlüsse fordert.

Die Rezensentin fragte sich mehrmals bei der Lektüre: Wie, wenn Silja Walter aus ihren um den Ring kreisenden Gedanken ein Gedicht gemacht hätte? In dieser ver-dichteten Sprache, die so leicht und überzeugend ihre Bilder findet; etwa drei oder fünf Strophen, leuchtend und klingend wie ihre Hymnen, die wir so lieben. Eine verlockende Vorstellung! – Vielleicht bekommen wir noch dieses Gedicht.                    

Sr. Charis Doepgen, Kellenried