Theresia Heither / Christiana Reemts, Abraham. Biblische Gestalten bei den Kirchenvätern, Aschendorff Verlag, Münster 2005, 399 S. gebunden, € 39,-; ISBN 3-402-043885-8. 

Mit ihrem Buch über Abraham machen Theresia Heither und Christiana Reemts eine Grundoption der Väter deutlich. Nach deren Ansicht ist die beste Methode der Bibelauslegung, die Bibel aus der Bibel zu erklären. Die Väter fragen nach dem geistlichen Sinn der Schrift. Sie verstehen die Heilige Schrift als Offenbarung des lebendigen Gottes. Immer soll der geistliche Sinn Schrift und Hörer zu einer Begegnung führen. Das Schriftwort soll den Hörer erreichen und in ihm wirken. Die Exegese hat für die Väter deshalb nicht nur historische Bedeutung, sie hat vielmehr für die Kirche eine wegweisende Funktion. 

Theresia Heither legt im ersten Teil des Buches die gesamte Vätertradition zu Genesis 11 bis Genesis 25 vor. Sie untersucht auch die übrigen Textvorkommen über Abraham. Wer jetzt zu Abraham etwas nachschlagen möchte, kann im vorliegenden Buch wie auf einen Schatz zurückgreifen. Die ganze Abrahamgeschichte in der Genesis ist gründlich aufgearbeitet. Dabei wird deutlich, daß Abraham als Anfang der Geschichte Gottes mit der Menschheit und speziell mit dem Volk Gottes alles Folgende bestimmt und prägt. Mit Abraham beginnt die Geschichte des Segens, mit ihm beginnt auch die Geschichte der Erlösung und Errettung des Menschengeschlechtes. So lassen die Väter deutlich werden: Bevor der Mensch Gott sucht, sucht Gott ihn, indem er ihn anspricht. 

Der zweite Teil des Buches wurde von Christiana Reemts erstellt. Sie gestaltet ebenfalls in souveräner Weise die gesamte Vätertradition zu Abraham, aber ihre Vorgehensweise ist anders. Sie versucht, den Stoff zu systematisieren und Abraham als geschichtliche Gestalt darzustellen, ihn als Verehrer des wahren Gottes, als Freund Gottes, als Philosoph, Priester, König, Prophet darzustellen. Das ergänzt den ersten Teil und rundet das biblische Bild über Abraham ab.  

Obwohl ich in voller Anerkennung die gelungene Arbeit an diesem Projekt sehe und zu schätzen versuche, muß ich doch gleichzeitig hinzufügen, daß mir ein Aspekt fehlt: Kann man eine biblische Gestalt darstellen ohne einen Blick auf die heutige Exegese zu werfen? Oder können wir im Hinblick auf den jüdisch-christlichen Dialog alttestamentliche Texte von vornherein so christlich vereinnahmen, daß für das jüdische Verständnis kein Raum mehr da ist? Im neuen Herder-Kommentar zum Alten Testament ist es ganz selbstverständlich, daß auch jüdische Autoren als Verfasser der Kommentare zu alttestamentlichen Texten mitarbeiten.
Diese Anfragen sind keine Schmälerung der Arbeit an den Vätertexten über biblische Gestalten. Vielmehr bin ich überzeugt: Auch mit der Sicht der heutigen Exegese werden wir den geistlichen Sinn der Schrift, den die Väter zu entdecken suchten, für unsere Spiritualität zu integrieren und ganz neu zu schätzen wissen.  

Sr. Pia Luislampe, Dinklage