Michaela Puzicha, Benedikt von Nursia begegnen
Sankt Ulrich Verlag, Augsburg 2004, 173 Seiten
€ 11,90
ISBN 3-936484-38-4.
 

Seit die katholischen Christen am 19. April mit Erstaunen den Namen - Benedikt XVI. - des neugewählten Papstes hörten, ist auch der Heilige dieses Namens für viele neu in den Blick gerückt. Zwar ist der "Vater des abendländischen Mönchtums" und "Patron Europas" wahrlich kein Unbekannter, aber es fügt sich doch sehr gut, daß kurz zuvor in der Reihe "Zeugen des Glaubens" von Michaela Puzicha der Band "Benedikt von Nursia begegnen" erschienen ist.

Walter Nigg hat von Benedikt einmal gesagt: "Benedikt ist eine verhüllte Gestalt. Er trat hinter seinem Werk zurück. Man weiß wenig von ihm, jedenfalls nicht so viel, wie wir gerne wissen möchten." Wer sich mit der Autorin Michaela Puzicha dem Heiligen nähert, erlebt eine Denkmalenthüllung - und weiß hinterher sehr viel.

Es hat in den vergangenen Jahren (eigentlich seit dem Jubiläumsjahr 1980) nicht an Veröffentlichungen zur benediktinischen Spiritualität gefehlt. Die Frage, was uns Benedikt heute zu sagen hat, wird häufig gestellt - sogar in Kreisen der Wirtschaft und des Management. Alle, die so fragen, können in diesem Buch Antworten finden, der primäre Ansatz ist aber ein anderer: Es geht um Begegnung mit einem Glaubenszeugen.

Statt mit einem Vorwort beginnt das Buch mit einem "ersten Blick auf Benedikt von Nursia". Dieser "Blick" macht gleich zu Beginn deutlich, daß die Gestalt Benedikts nur über ihre Wirkungsgeschichte erschlossen werden kann. Benedikt begegnen, heißt seiner Mönchsregel zu begegnen und dem Lebensbild, das Papst Gregor der Große im II. Buch der Dialoge von ihm entwirft. Beide Zeugnisse erschließt Michaela Puzicha aus profunder Kenntnis der Dokumente und ihres geistigen Umfelds. Sehr zu begrüßen ist, daß diese Fachkompetenz in dem nach Umfang und Preis vielen zugänglichen Buch, nicht nur - wie vermutlich weitgehend bei ihrem Regelkommentar - der monastischen Familie Benedikts zu gute kommt, sondern einem breiteren Kreis von Interessierten. Dennoch ist das Buch auch für Mönche und Nonnen (und alle, die es werden wollen) ein großer Gewinn.

Der erste Teil des Buches erschießt das Leben Benedikts nach der vita Gregors und macht in einem "geistlichen Porträt" den Menschen sichtbar. Benedikt begegnet uns als Suchender auf einem Umkehrweg, als Jünger Jesu, der aus dem Geist der Bergpredigt handelt, als Beter, der unter dem Auge Gottes lebt - kurz: "Für Gregor verkörpert Benedikt den Menschen, der nach dem Evangelium lebt, sich ausrichtet an den Weisungen der Bergpredigt und das Grundgebot der Liebe in vorbildlicher Weise erfüllt" (S. 63).

Der zweite Teil des Buches, in dem die "geistliche Wegweisung" der Regel dargestellt wird, zeigt, wie eng Leben und Regel zusammengehören und sich gegenseitig erhellen. Was Benedikt lebte, faßt seine regula in geistliche Grundsätze. Nach der Darstellung, was eine "Regel" ist und wie das klösterliche Umfeld zur Zeit Benedikts beschaffen war, werden die verschiedenen Themen monastischen Lebens in Längsschnitten durch die Regel aufgezeigt, u.a. die "Führungsrolle der Bibel", Gemeinschaft, Leitung, monastische Grundhaltungen, "discretio", die Christuszentriertheit der Benediktregel. Bei diesem letzten Punkt wird die mystische Dimension einer über weite Strecken nüchternen Lebensordnung berührt. "Das Christusverständnis und die Christusbeziehung Benedikts sind getragen von der offenkundig persönlichen Erfahrung eines Menschen, der diesen Herrn (Christus) zum Mittelpunkt seines Lebens gemacht hat" (S. 157). Hier kommt Benedikt modernen Gotsuchern besonders nahe.

Das letzte Kapitel befaßt sich mit der "unendlichen Wirkungsgeschichte" Benedikts und zeichnet komprimiert die Geschichte der Benediktiner nach bis in die Zeit nach dem II. Vat. Konzil. Wer sich fragt, welche Kraft das benediktinische Mönchtum über 1500 Jahre lebendig erhalten hat, findet hier alle Fakten für eine überzeugende Antwort.

Wenn sich das zusammenwachsende Europa auf die Werte besinnt, die es geprägt haben, kommt es an der gestaltenden Kraft des Mönchtums nicht vorbei. Im Bewußtsein der Öffentlichkeit sind eher die späteren Epochen, etwa die Klosterlandschaft des Barock, oder auch Erscheinungen des Niedergangs vor der Reformation oder der Säkularisation präsent. Die Kenntnis der charismatischen Persönlichkeit Benedikts und der Benediktusregel - dazu verhilft das Buch von Michaela Puzicha - machen einsichtig, daß die monastische Lebensform auch heute noch ein "gerader Weg" ist, auf dem der Mensch zu "seinem Schöpfer gelangen" kann - und das nicht nur im Kloster. 

Sr. Charis Doepgen, Kellenried