Markus W. Hämmerle: Den Weg heute gehen. 150 Jahre Zisterzienser in der Mehrerau
Verlag der Abtei Wettingen-Mehrerau. Mehrerauer Grüsse Neue Folge 82, 2004
211 Seiten, gebunden, zahlreiche Abbildungen
ISBN 3-200-00200-X HLW. 

Es war eine kleine Gruppe von Mönchen aus dem Kloster Wettingen im Kanton Aargau in der Schweiz, die es wagte, in der ehemaligen Benediktinerabtei Mehrerau in Bregenz Zuflucht zu suchen. Allerdings mußten sie nicht ganz von vorne anfangen, denn sie betraten uralten monastischen Boden. Das im Bregenzer Wald gegründete und um 1098 in die "Auen" am Bodensee verlegte und mit Mönchen aus dem Benediktinerkloster Petershausen in Konstanz besiedelte Kloster sollte eine wichtige Rolle für die Gegend spielen. Das "Kloster Bregenz, die Au am See, das Kloster in der Au, wie die Mehrerau bis ins 17. Jahrhundert genannt wurde, machte das Land fruchtbar, kultivierte, rodete, baute Kirchen und gründete Siedlungen". (S. 21). In der Reformationszeit durfte es sogar dem vertriebenen Abt von St. Gallen und etlichen Mönchen Zuflucht bieten. Im 17. und 18. Jahrhundert wurde "St. Peter in der Au" auch berühmt durch eine Reihe hervorragender Künstler und Wissenschaftler. Knapp vor der Mitte des 18. Jahrhunderts begann man mit dem Bau einer neuen Klosterkirche und den dazugehörigen repräsentativen Klosterbauten. Diese Pracht sollte aber nur noch ein paar Jahrzehnte erhalten bleiben. 1806 erging das königliche bayerische Aufhebungsedikt. Der Kirchturm wurde von den bayerischen Besatzern gesprengt, die Kirche abgetragen. Es wurde alles verkauft, was geeignet erschien und die verbleibenden Gebäude wurden anderen Zweckbestimmungen zugeführt.

Das klösterliche Leben im Kloster Wettingen im Kanton Aargau fand ein Ende, als der Kanton seine desolaten Finanzen sanieren mußte. Da entdeckte man die Klöster. So wurden verschiedene Klöster im Kanton Aargau aufgehoben, gingen unter oder fanden - wie das Kloster Muri im südtirolerischen Gries - eine neue Heimat. 1841 traf nun Wettingen dieses Schicksal. Dem Vorbild Muris folgend sah man sich nach einem neuen Ort um. Nachdem auch noch andere Interessenten für das ehemalige Benediktinerkloster Mehrerau vorhanden waren (so die Schwestern von Sacré Coeur) kam es am 21. März 1854 zur Unterzeichung des Kaufvertrags. Nach 13 Jahren der "Diaspora" konnten die Zisterzienser im Juni 1854 in die Mehrerau ziehen und wurden von der Bevölkerung begeistert empfangen. Ihnen fehlte nur etwas Zentrales: die Klosterkirche. Der Bau wurde aber sofort ins Auge gefaßt, ebenso die baldmöglichste Eröffnung einer Schule.

An diesem Punkt fängt nun die Geschichte des Klosters der Zisterzienser von Wettingen-Mehrerau, wie sich das Kloster offiziell nennt, an. Diesen vergangenen 150 Jahren wird in verschiedenen Beiträgen von verschiedenen Autoren innerhalb und außerhalb des Klosters Rechnung getragen. Es ist eine spannende Geschichte mit Hochs und Tiefs, mit Krisen und Erfolgen, mit Freud und Leid, mit Zweifeln und Vertrauen. Dazu gehören finanzielle Probleme und Engpässe, aber auch personelle Schwierigkeiten (Nachwuchssorgen), persönliche Probleme und Schwächen, drohende Gefahren von innen und außen. (So drohte der Gemeinschaft über längere Zeit hinaus eine Autobahn, die ganz nahe vorbeiführen sollte.) Da ist aber auch der je persönliche Lebens-Einsatz so vieler Mitbrüder, aber auch die Hilfe und der Beistand vieler Menschen, und nicht zuletzt die Vorsehung und der Segen Gottes. Nichts davon wird verschwiegen.

Ein Beitrag ist der Zisterzienserkongregation von Mehrerau gewidmet, die eine von 13 Kongregationen des Ordens ist, und die sich als Nachfolgerin der ehemaligen Oberdeutschen und Schweizer Kongregation versteht, und zu der heute weltweit 9 Männer- und 13 Frauenklöster gehören.

Mehrere Beiträge, die übrigens alle wohltuend kurz gefaßt sind, setzen sich mit der Mehrerau heute auseinander. Äußerst beeindruckend ist die persönliche Betrachtung des jetzigen Abtes Dr. Kassian Lauterer, der offen und ohne Beschönigung den Blick in die Vergangenheit, in die Gegenwart und in die Zukunft richtet.

Dem Gotteslob und der Musik, sowie den Orgeln sind zwei Artikel gewidmet. Mit dem Bereich der Seelsorge befassen sich die folgen Beiträge, die sich mit der Jugendseelsorge am Collegium, der Marianischen Kongregation, der Pastoral an der Klosterpforte und dem Seelsorgedienst des Wallfahrtspriorates Birnau am Bodensee auseinandersetzen. Einen überzeugenden Dienst leisten die Zisterzienser von Wettingen-Mehrerau an den jungen Menschen an der Klosterschule, dem Collegium Sti. Bernardi, den sie zeitgemäß, aber doch verwurzelt in der christlichen Tradition klösterlicher Schulen gestalten. Im Sanatorium "Maria, Heil der Kranken", wird bewußt ein Gegenpol gesetzt zu der Anonymität in modernen Krankenhäusern. Es wird aber nicht verschwiegen, daß dieses Sanatorium immer wieder auch ein Sorgenkind war.

Ein Kloster ist immer auch ein Wirtschaftsfaktor und muß versuchen, im knallharten "Geschäft" mitzuhalten. Dazu werden in einem Beitrag Gedanken gemacht, was ein Kloster in dieser Beziehung in Verantwortung gegenüber der Schöpfung tun kann und bereits tut. Grund und Boden haben und dazu Sorge zu tragen, Land zu erwerben und Land zu veräußern, ist eine alte klösterliche Tradition, die in der Mehrerau bewußt gepflegt und wahrgenommen wird. So zeigt der Blick vom Pfänder, dem Hausberg von Bregenz, daß die Mehrerau die größte geschlossene und weitgehend unbebaute Fläche der Landeshauptstadt Bregenz ist, die in ein noch weitgehend unberührtes natürliches Augebiet übergeht.

All diese Werte werden uns in diesem Buch nahegebracht, kurz und prägnant, interessant und sympathisch. Nach dem Lesen dieser Beiträge bleibt der Wunsch: Möge die Geschichte der Mehrerau, die in den vergangenen 150 Jahren so abwechslungsreich und spannend war, auch in Zukunft - trotz aller Sorgen und Fragen - eine gesegnete Geschichte sein.  

P. Armin Russi, Mariastein