Benedikt Müntnich, Ein weites Herz gewinnen. Geistlich leben nach der Regel des hl. Benedikt, Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz 2004, 146 Seiten, gebunden, ca. € 13,80; ISBN 3-7867-2514-4.

Mit den richtungsweisenden Worten "Ein weites Herz gewinnen" des hl. Benedikt (RB Prol 49) als Titel und einem eindrucksstarken, mittelalterlicher Buchmalerei nachgestalteten Bild als Buchdeckel, weckt ein handliches Büchlein das Interesse des Betrachters. Durch Wort und Bild spricht der Autor, Abt Benedikt Müntnich (Maria Laach), Menschen unserer Zeit an. Sein Ziel: Seinen Lesern die Regel Benedikts zu erschließen und sie zu einem vertieften geistlichen Verständnis zu führen.

Farbenfroh zeichnet das Titelbild Zeit und Ort der Übergabe der Regula Benedcti durch den Mönchsvater an einen jungen Abt Johannes. Ein Schüler oder Novize lauscht vertrauensvoll und intensiv den Worten des Meisters. Das Bild symbolisiert den ersten Vers des Prologs der Regel: "Höre, mein Sohn auf die Weisung des Meisters ..." Die Szene lädt zum verweilenden Betrachten ein und schafft so einen unmittelbaren Übergang zum Text des Autors.

Das Buch enthält 17 Betrachtungen zu Schwerpunkten der Benediktsregel, die unter Stichworten als relativ selbständige Abschnitte dargestellt sind. Die thematische Geschlossenheit der einzelnen Beiträge reflektiert die Entstehung des Buches aus überarbeiteten Vorträgen des Autors vor Schwestern und Brüdern in benediktinischen Klöstern (Vorwort, S. 7). Aus ihrer Zusammenstellung ergeben sich für den Leser vier - wenn auch nicht gekennzeichnete, so doch inhaltlich stärker miteinander verbundene - spirituelle Erfahrungsbereiche beim Verstehen und Befolgen der Benediktsregel. Sie können zugleich als Wegmarken für das eigene geistliche Leben und das Wachsen in der Gottesliebe dienen:  

1. Sich für Gott öffnen: Hören, Aufstehen, Aufbrechen, Ausziehen (Umkehren), Zurückkehren (Buße) - S. 9-43

2. Gott suchen: Sehnsucht nach Gott, Gott suchen, Weite des Herzens, Weg zum Leben - S. 44-74

3. Wege der Nachfolge: Enge und Weite, Gehorchen, Gott dienen, Gott fürchten, Widerwärtiges ertragen - S. 75-109

4. Mit Christus leben lernen: Die Stimme Christi, Berufen zur Heiligkeit, Leben mit dem Tod - S. 110-143 

Die offene Abfolge der Stichworte im stufenweisen Fortschreiten von Anforderung und Annahme der Regel - ohne strukturierendes Kapitelverzeichnis - läßt dem Leser die Freiheit, einzelne Betrachtungen den eigenen Anliegen folgend auszuwählen.

Die Worte und Weisungen Benedikts wollen auch nach 1500 Jahren Menschen im Herzen ansprechen, sie nachdenklich machen auf Gott und die Mitmenschen hin (Vorwort, S. 7). Sie entfalten ihre Kraft in der Textinterpretation des Autors und die von ihm in profunder Quellenkenntnis angeführten Zitate und Beispiele aus dem Alten und Neuen Testament, Kirchenvätern und Heiligen, Schriften moderner Theologen und Worten der Päpste.

Zentral für die Regel Benedikts ist das in der Bibel und vom Mönchsvater gebrauchte Bild von der "Weite des Herzens", die das Merkmal des in der Liebe Gottes wachsenden Menschen ist. In einem der feinsinnigsten Abschnitte des Buches bezieht es der Autor sowohl auf Anfänger im geistlichen Leben wie auch auf den im Glauben reif gewordenen Menschen (S. 67f).

Der Gehalt des Buches erschöpft sich nicht im ersten, üblicherweise zügigen Durch-Lesen. Seine wesentlichen Aussagen und die meditative Darstellungsweise bieten Anregungen für Zeiten der Besinnung.

Der Autor wendet sich vorwiegend an Leser mit klösterlichem Umfeld. Er spricht aber auch ausdrücklich Menschen an, die als Christen in Familie und Beruf leben. Auch ihnen bietet die Benediktsregel Hilfe zum Leben nach dem Evangelium im Alltag (Vorwort, S. 7). Für gelebte benediktinische Spiritualität mit dieser für unsere Zeit so wichtigen Zielsetzung ist dem Buch eine breite Wirkung und kraftvolle Rezeption zu wünschen. 

Erika Ising, Oblatin von Alexanderdorf