Beda Müller, Benedikt und Europa. Durchblicke und Einblicke - Erinnerungen und Erfahrungen, Fe-Medienverlag, Kisslegg 2004. 159 Seiten, gebunden, ca. € 7,80; ISBN 3-928929-68-2. 

Nach seinen jetzt über 90 Lebens- und 70 Klosterjahren darf man als Leser Zeuge werden, wie Pater Beda das Kompendium seiner Themen zu Papier gebracht hat - mit der Überschrift "Benedikt und Europa". Dieser Titel läßt an das nun vierzigjährige Patronat Benedikts für Europa denken, woran der Neresheimer Mönch auch im Vorwort erinnert in Verbindung mit der aktuellen Aufnahme der zehn neuen Mitgliedsstaaten in die EU. Dazu wird der Heilige aus Nursia als "Ahnherr Europas" spekuliert, zu dem man aufschauen soll. Das paßt zum Umschlagbild des Buches, das im Ausschnitt des Neresheimer Kuppelfreskos den von barocken Engeln umgebenen Mönchsvater zeigt - mit offenen, agilen Armen und Händen, die nach Arbeit und Alter ausschauen, mit rosa Bäckchen und langem Bart, mit devotem Blick eines langen verdienstvollen Lebens.

Es geht also um Benedikt und sein Erbe, welches sein darin gereifter Sprößling kennt und ohne Ausschweife schnell vorstellen kann. Man freut sich als junger Leser einen alten Erfahrenen das sagen zu hören, was man erst frisch im Noviziat und im Studium gelernt hat. Es ist kein neues, sondern ein weitergegebenes und von Müller im Überblick gefaßtes und kommentiertes Wissen benediktinischer Kulturgeschichte. Er nennt das im Untertitel sehr vielgestaltig "Durchblicke und Einblicke - Erinnerungen und Erfahrungen". In dieser Breite werden dann auch verschiedene Genres der Reflexion durchschritten. Man merkt, wie einer das schon viele Jahre lang in Gruppen oder Einzelgesprächen, in Predigten oder in lockerer Runde Gesagte über unsern Orden jetzt niederschrieb. Der Versuchung, daß die Kapitel aus Stichwortverbindungen aneinandergereiht unsystematisch wirken, hat der Senior widerstanden, indem intern auf die verschiedenen Abschnitte verwiesen wird und am Anfang eher die klassischen Themen bearbeitet sind. Ab "Blick auf die Neuzeit - Wie ging es mit dem Benediktinerorden weiter?" stehen abbruchartig Meinungen und Neresheimer Erfahrungen hintan. Einige Bilder sind an entsprechender Stelle eingefügt.

Das Florilegium zeigt seine wohl schönsten Erscheinungen, wenn P. Beda versteht, kurz und knapp eine Sachfrage abzuhandeln, um wieder selbst in Frage zu stellen - aus seinem eigenen Erleben, dem Erleben eines Jahrhunderts mit zwei Weltkriegen, fünf verschiedenen deutschen Staaten und einer sehr gewandelten Kirche. Da ist einerseits herausragend die Geschichte "Benedikt und die Eimer - Ein persönlicher Exkurs" als eine eigene Geschichte, die, bewußt fromm und einfältig geschrieben, deshalb wirkt und anhand der die Erzählung des Goten bei Benedikt neu erzählt ist. Andererseits schafft es der Benediktinermönch im treffenden, zuweilen verkürzenden Predigtstil oder thomistisch mit Contra und Pro eine persönliche Auseinandersetzung und Fragestellung zu evozieren. Beispielhaft sind dafür die Abschnitte "Gehorsam und Freiheit" und "Gebet und Arbeit - ora et labora". Letzteres Kapitel klingt wie eine banale Pflichtaufgabe, aber die Einseitigkeit des Beuroner Paters zum Thema Arbeit erlaubt ihm die geistliche Aussage, daß Benedikt das Gebet an die erste Stelle gesetzt hat, und warnt vor einer arbeitsseligen Immanenz: "Erst das Leben im Angesicht der Ewigkeit gibt die letzte Aufgeschlossenheit für die Zeit" (S. 52). Hier findet das Widmungswort der Gertrud von Le Fort ihren deutlichsten Widerhall im Buch.

Informativ darüberhinaus sind seine Einsichten in klösterliche Lebenswelten, bei denen er auch anderen Klöstern mehr Platz einräumt: Plankstetten mit seinem eigenen Arbeitsanspruch, St. Matthias (Trier) als weltoffenes Kloster seiner Heimatstadt, Niederaltaich wird in Sachen Ökumene mehr erwähnt, und St. Bonifaz (München) mit der Obdachlosenhilfe. Das alles dient zu einem geistlich in verständlicher Sprache gehaltenen Buch für Menschen, die sich eine persönliche Meinung zum Benediktinischen machen oder während sie Freunde der benediktinischen Klöster, gar Oblaten werden wollen.

Darüber hinaus hätte Beda Müller ein zweites Buch - noch mehr auf seine Person mit seinem Leben in Neresheim bezogen - herausgeben können. Dieser Mann scheint die Jahre der Jugendseelsorge und als Gastpater so viele Kontakte zu geistlichen Gruppen und Bewegungen gemacht zu haben, daß es bei ihm zu einem Porträt mit seinem Hauptwunsch unter dem Titel "Der Weg zur Mitte" weiter reichen würde. Innerhalb dieser ökumenischen Fragestellung erlaubt er sich manch katholische Seitenhiebe, die man ihm sicher verzeiht, wenn sie nicht sogar die Würze seiner confessio ad altarem als Mönch ausmachen - als einem, dem viele begegnet sind und der sie alle mit zu Gott führen will. 

Fr. Thaddäus Schreiber, Wechselburg