Dokumentation
 

Erzabt Jeremias Schröder (St. Ottilien) predigt zu den Mißbrauchsfällen
28. Februar 2010
 

Liebe Brüder und Schwestern,

fast alle von Ihnen werden mich kennen, aber denjenigen, die heute vielleicht zum ersten Mal hier bei uns sind, oder die der Internetübertragung dieses Gottesdienstes zuhören, denen möche ich mich zunächst vorstellen. Ich bin Erzabt Jeremias und seit knapp zehn Jahren der Vorsteher dieser großen Klostergemeinschaft, die hier in St. Ottilien lebt, und in zwei abhängigen kleinen Klöstern im Rheinland und in Spanien.

Ich habe beschlossen, im heutigen Gottesdienst zu Ihnen zu sprechen, weil ich glaube, daß die meisten von Ihnen erwarten, heute in St. Ottilien auch ein Wort darüber zu hören, was hier seit einigen Tagen rings um unser Kloster geschehen ist, und vielleicht auch darüber, was in vergangenen Jahren und Jahrzehnten bei uns losgewesen ist. Es geht um die Vorwürfe sexuellen Mißbrauchs von Kindern und Jugendlichen, die seit vergangenem Mittwoch in wachsender Zahl vorgebracht werden. Vielleicht sind auch einige wenige von Ihnen hier, weil sie heute nichts über dieses Thema hören wollten? Dann bitte ich Sie um Nachsicht. Aber wovon das Herz voll ist, davon geht der Mund über, und natürlich haben die Vorwürfe direkt in unsere Herzen getroffen.  

Das erste Wort, das ich in den Raum stellen möchte, ist Dankbarkeit. Wie bitte? werden Sie denken. Dankbarkeit? Ja. Und zwar die Dankbarkeit gegenüber allen denen, die sich in diesen Tagen melden und etwas beizutragen haben zu dem Bild, das sich allmählich ergibt über Vorgänge in unserem früheren Seminar und späteren Internat. Diese Regung der Dankbarkeit kommt nicht spontan oder als allererstes. Die natürliche quasi spontane erste Reaktion in so einer Klostergemeinschaft ist, die Reihen zu schließen, weil man sich bedroht und verfolgt fühlt. Ich verstehe auch das, und war auch angerührt von dem starken und echten Gemeinschaftsgeist, der in diesen Tagen spürbar ist. Aber wir lesen eben nun auch die ersten Zeugnisse und Beschuldigungen. Das sind Briefe oder Berichte, die gar nicht hetztend oder fordernd auftreten, in denen aber eine sehr tiefe Verletzung zu spüren ist, ein Schmerz, der für manche seit vielen Jahrzehnten andauert. Einige solcher Briefe gibt es bisher, ein Gedicht war auch dabei. Sie haben mir beim Lesen die Tränen in die Augen getrieben. Um meine Tränen geht es freilich nicht. Es geht um die tiefen Verwundungen, die da zur Sprache kommen. Manche berichten schon jetzt auch von der Erleichterung, die entsteht, weil einer endlich sagen kann, was jahrzehntelang verborgen in der Seele genagt und geschwelt hat. Deshalb, wegen dieses tiefen Schmerzes und der Hoffnung auf Erleichterung und Heilung, müssen wir dankbar sein für alle, die jetzt helfen, diese Geschichte aufzuklären.

Nicht alle, die sich bislang an uns gewandt haben, kommen mit dem gleichen persönlichen Leidensdruck. Und sicher gibt es gelegentlich kleine oder größere Beimischungen anderer Motive: ein bißchen Sich-Wichtigmachen, vielleicht auch einmal das Begleichen einer offenen Rechnung. Aber in meinem ersten Überblick über das, was bisher bei uns eingegangen ist, sind das eben allenfalls Beimischungen. Auch aus einem der anonymen Schreiben, mit denen wir uns natürlich schwerer tun, spricht echter Schmerz. Ich bin inzwischen davon überzeugt, daß ehrliche Hinweise der Heilung dienen, und ich sage es hier schon einmal ganz deutlich: Wenn es etwas zu klären gibt, dann helfen Sie uns bitte in diesen Tagen und Wochen, dies zu tun. Wir sind niemandem böse, und wir lernen, dafür dankbar zu sein.

Das zweite Wort, über das ich sprechen möchte, ist Enttäuschung. Ich fange ganz am Ende an, mit dem heutigen Tag, bei denen von Ihnen die heute hier nach St. Ottilien / Kaufbeuren gekommen sind. Sie hatten vielleicht gehofft, daß wir Ihnen mit Festigkeit und Seelenruhe erklären können, daß im Grund nichts vorliegt und daß hier nur eine Medienkampagne stattgefunden hat, daß harmlose Bagatellen völlig aufgebauscht wurden, daß wir Opfer eines Kulturkampfes sind. Ihnen muß ich heute diese enttäuschende Antwort geben: „Nein, so ist es nicht. Es hat schwere und traurige Fälle gegeben in St. Ottilien.“

Es sind bisher sehr wenige, und alles liegt weit, manchmal sehr weit zurück, nach dem, was wir heute wissen. Es liegt wohl auch jenseits der Reichweite des Strafgesetzes. Aber das alles mag allenfalls den Grad der Enttäuschung beeinflussen. Es bleibt doch wahr, daß bei Schülern, Eltern, Lehrern und Erziehern, bei Mitarbeitern, Wohltätern, bei unseren Freunden und Verwandten, ja gerade auch bei den „Fans von St. Ottilien“, die sich mir so oft geoffenbart haben, daß bei denen eine tiefe Enttäuschung da ist: „Das hätten wir von St. Ottilien nicht gedacht!“

Das haben auch wir nicht von St. Ottilien gedacht, und das ist vielleicht das einzige, was ich Ihnen heute sozusagen als Beteuerung von unserer Seite versichern möchte: wir wissen so vieles nicht! P. Matthias und ich, die wir momentan hier die Hauptlast dieser Vorgänge tragen, wir werden immer wieder überrascht. Einer schrieb mir: „Keiner kann mir weißmachen, daß nicht alle gewußt haben …“. Und ich muß sagen: Es ist aber so. Ich habe es nicht gewußt, und ganz viele nicht, vielleicht keiner. Wir werden uns auch fragen müssen, warum wir manches nicht wußten, und ob wir vielleicht auch nicht wissen wollten – aber diese Fragen und diese Antworten müssen noch etwas warten, bis das Bild vollständiger wird.

Und damit komme ich zum dritten Wort: Geduld. Es ist ein schwieriges Wort, weil es wie Aufschieben klingt, wie Verzögerung, und weil man dann auch schon wieder ans Vertuschen denkt. Aber es geht einfach nicht so, wie diejenigen meinen, die jetzt nach „Aufklärung sofort“ schreien. Am vergangenen Mittwoch hat sich zum ersten Mal ein Opfer gemeldet. Seitdem ist jeden Tag bei unseren offiziellen Ansprechpartnern oder auch bei mir wenigstens eine weitere Nachricht eingetroffen. Wir wissen nicht, ob das schon wieder zu Ende geht; ich glaube es kaum. Mit jedem Opfer und auch mit jedem, der nur etwa berichten will, wollen wir sprechen. Manche wohnen weit weg, sind vielleicht bereit, sich auf den Weg zu machen, aber natürlich nicht am gleichen Tag. Wir müssen dann auch dem Beschuldigten eine Gelegenheit zur allerersten Stellungnahme geben. Danach wissen wir – und das heißt vor allem – wissen die Fachleute, die mit uns zusammenarbeiten, darunter ein Jurist und eine freie Psychologin, ob es einen begründeten Verdacht gibt. Wenn der gegeben ist, dann erst beginnt die bei uns vorgeschriebene Voruntersuchung. Schon das Wort Voruntersuchung verrät, daß da noch nicht sofort ein endgültiges Ergebnis da sein kann. Diese Zeit, und auch diese Sorgfalt muß sein, anders geht es nicht, um aller betroffenen Menschen will. Wir verstehen, daß die Öffentlichkeit wissen möchte, was auftaucht und sich ergibt, und wir halten dieses Interesse auch für legitim. Deswegen informieren wir so professionell wie möglich. Aber wir können nicht jeden Tag einen Zwischenbericht geben. Das wird der Sache nicht gerecht, und das halten wir auch nicht aus. Auch unser Beraterteam - inzwischen sieben Personen - muß noch leben können, noch dazu, wo alle erst einmal aus anderen Aufgaben herauskommen mußten. Unsere Therapeutin sagte mir: wir müssen wieder eine menschliche Geschwindigkeit finden, denn die Anspannung der letzten vier Tage werden wir nicht lang ertragen können.

Diese Geduld ist vielleicht für unsere Mitbrüder am schwersten, die es natürlich fast zerreißt. Auch Euch, auch unserer Gemeinschaft muß ich sagen: um der Gerechtigkeit willen müssen wir uns mit Geduld wappnen, damit wir jedem Opfer, jedem Beschuldigten und auch jedem Täter gerecht werden.  

Die Skeptischen unter Ihnen werden sagen: und wer garantiert uns, daß bei dieser sogenannten „menschlichen Geschwindigkeit“ nicht wieder gemauschelt wird. Ich will heute kein Vertrauen von Ihnen verlangen, das wäre vermessen.Aber seit Freitag sind wir in Kontakt mit der Staatsanwaltschaft. Wir werden selbstverständlich alles offenlegen, was von dort angefragt wird, und Mitbrüder zur Selbstanzeige bewegen, oder notfalls selber melden, wo sich Strafbares ergeben sollte. Und wir werden informieren: nicht täglich, aber immer wieder, damit Sie erkennen können, wie die Verfahren voranschreiten. Wenn es endlich möglich ist, müssen wir auch Bilanz ziehen, und über Gründe nachdenken. Jetzt können wir das noch nicht, es wäre blanke Spekulation statt echter und zerknirschter Besinnung.

Ich ahne, daß manche von Ihnen jetzt endlich ein Wort der Entschuldigung bei den Opfern hören wollen. Ich zögere noch, und zwar aus zwei Gründen: „Entschuldigen“, das klingt so, als wolle man sich selber von der Schuld befreien, und das können wir gar nicht. Wir werden um Verzeihung bitten müssen. Es wäre zu billig, das schon heute hier und so allgemein ins Blaue zu tun. Benediktiner nehmen ihre gesprochenen Worte ernst. Ich werde jedes uns bekannte Opfer persönlich um Verzeihung bitten im Namen unseres Klosters, wenn wir wissen, was diesen Menschen angetan wurde. Und wenn sich Täter herausstellen, die noch leben und noch zu unserer Gemeinschaft gehören, dann werden wir alles daran setzen, auch die zu einer Verzeihungsbitte an ihre Opfer zu bewegen. Der Schmerz der Opfer ist der tiefste Beweggrund für alles, was wir in diesen Tagen unternehmen, nicht die Rettung unseres Ansehens, die Furcht vor Rücktrittsaufforderungen oder der Druck der Medien. Die echte Bitte um Verzeihung, und dann Hilfe bei der Bewältigung dieses Schmerzes, das ist jetzt unsere große Aufgabe.

Noch ein Wort zu den Tätern. Das eine haben Sie schon oft gehört: Beschuldigte müssen als unschuldig gelten, bis die Schuld erwiesen ist. Aber auch erwiesene Täter bleiben Menschen, Christen, Mitbrüder. In den USA haben die Bischöfe mit ihrer Zero-Tolerance-Policy verurteilte Kinderschänder einfach auf die Straße gesetzt. Das schützt sicher keine zukünftigen Opfer, und es entspricht auch nicht dem, was ein Mitbruder für uns bedeutet, selbst einer der sich versündigt hat. Wir wissen noch zu wenig, um konkrete Vorhersagen machen zu können, aber ich bin überzeugt, daß unsere Gemeinschaft ihre mitbrüderliche Verantwortung auch den Tätern gegenüber wahrnehmen wird.

Ich habe heute nicht über Religion gesprochen, nicht über Gott oder Jesus Christus. Aber wir leben auch diese schweren Tage vor Gottes Angesicht. „Die Wahrheit macht Euch frei“ ist ein Wort des Heiligen Paulus, das mir in dieser Fastenzeit ganz anders – viel eindrücklicher – auf der Seele liegt. Wenn ich darf, möchte ich Sie bitten, diesen schmerzlichen Weg zur Freiheit, den unsere Gemeinschaft in diesen Tagen geht, und mehr noch den schweren Weg der Heilung unserer Opfer, der ja auch ein Weg der Befreiung ist, mit ihrem Gebet zu unterstützen. Vielen Dank auch dafür!