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GEISTLICHE
BEGLEITUNG VON STERBENDEN Priorin
Bernharda Wichmann (Kreitz) thematisierte im Oktober auf der Tagung der VBD die
geistliche Begleitung von Gemeinschaften, die sich im Prozeß der Auflösung
befinden. Diese Thematik betrifft inzwischen nicht nur die sog. tätigen
Ordensgemeinschaften, sondern auch die benediktinischen Klöster in Deutschland
und darüber hinaus. Die
Phasen des Sterbens nach E. Kübler-Ross sind
bekanntermaßen: 1.
Phase: Nichtwahrhabenwollen und Isolierung Jede
dieser Phasen läßt sich - wiederum nach Kübler-Ross - leicht auf eine
Klostergemeinschaft übersetzen. Aus ihnen ergeben sich konkrete Fragen für die
Begleitung Sterbender aber auch von Gemeinschaften, die vor der Auflösung
stehen: -
Was können wir noch tun, wenn das Sterben unmittelbar bevorsteht? Es
wird deutlich, wie viel innere Arbeit ein Konvent zu leisten hat in dieser
Situation - und das, obwohl die Auflösung ja gerade deswegen bevorsteht, weil
man keine Kräfte mehr hat. Es gilt in dieser Notzeit nicht nur, den Alltag
"irgendwie" geschafft zu bekommen; es ist daneben auch die
Auseinandersetzung mit der Realität der kleiner werdenden Gemeinschaft, der Überalterung,
der einem "über den Kopf wachsenden Arbeit und Verantwortung" und der
Gestaltung der Zukunft zu führen. Es gilt dies nicht nur auf der Sachebene
anzugehen (Wohin sollen wir gehen, was wird mit den Betrieben, was mit den
Angestellten? Was, wenn einem das Haus gehört, wer hilft ausräumen, wohin mit
dem Archiv, für das im Altenheim auf keinen Fall Platz ist etc.), es ist
ebenfalls mindestens genauso wichtig, wenn nicht sogar das allerwichtigste, sich
mit den Schwestern auf einen inneren Prozeß zu begeben, mit Berücksichtigung
der "Eigenart einer jeden" (vgl. RB), es gilt, den Weg geistlich
"zu durchbeten" und zu deuten (vgl. RB: ut in omnibus glorificetur
Deum), zu schauen, daß die geistliche Verarbeitung nicht nur aus nichtssagenden
frommen Worten besteht, sondern daß so viele der Schwestern wie möglich diese
Entscheidung als das annehmen können, was Gott in dieser Situation von der
Gemeinschaft will. Wir
dürfen nicht die Augen davor verschließen, daß die meisten unserer Schwestern
beim Ablegen der Profeß das Gelübde der stabilitas als stabilitas loci aufgefaßt
haben, und es zu der damaligen Zeit niemandem in den Sinn kam darüber
nachzudenken, was dieses Gelübde bedeutet, wenn die Gemeinschaft an diesem
konkreten Ort nicht mehr leben kann. Wenn überhaupt, dann wurde ein Ortswechsel
wegen äußerer Gegebenheiten in Erwägung gezogen. Dies bedeutete dann aber, daß
die Gemeinschaft als ganze an einen anderen Ort zog und dort ihr Leben so
weiterführte wie sie es vorher tat. Einen
Wechsel aus personellen Gründen, ein Auflösen in eine andere bestehende
Gemeinschaft hinein oder sogar einen Umzug in ein Altersheim mit der ganz klaren
Ausrichtung, dort als Gemeinschaft aussterben zu "wollen", dies hat
wohl niemand bei seiner Profeß überhaupt bedacht. Realistisch gedacht müssen
wir nun eigentlich sagen, daß an diesem Punkt keinerlei Übereinstimmung mit
den Sterbephasen eines Menschen zu finden ist. Denn jeder Mensch weiß (!), daß
er sterben muß. Aber: Gerade wir in den hochindustrialisierten Ländern sind
"Weltmeister" im Verdrängen dieser Tatsache. Von daher ist die
Parallele "Sterben eines Menschen - Sterben einer Gemeinschaft" doch
wieder gegeben. 2.
Geistliche Begleitung einer Gemeinschaft in dem Prozeß der Auflösung 1.
Phase: Nichtwahrhabenwollen und Isolierung 2.
Phase: Zorn 3.
Phase: Verhandeln 4.
Phase: Depression 5.
Phase: Zustimmung Das
Annehmen bedeutet auch, daß jetzt die vorhandenen Energien nicht mehr in
Abwehrmechanismen gesteckt werden sondern in das Gehen des neuen Weges. Man
darf nicht der Illusion verfallen, die Phasen könnten sozusagen sauber
abgearbeitet werden. Sie gehen fließend ineinander über, eine schon längst überwunden
geglaubte Phase taucht plötzlich in der folgenden oder übernächsten wieder
auf und muß nochmals durchgearbeitet, durchlebt und durchlitten werden. Es
ist immer wieder erfahren worden, daß das Wichtigste bei der Begleitung
Sterbender das "Bei-ihm-Bleiben" ist, das Aushalten in seiner Nähe.
Gut gemeinte Worte und Ratschläge, auch fromme Worte sind meist fehl am Platz.
Nach der Regel Benedikts sollen wir uns "den Tod täglich vor Augen
halten". Wer sich in "gesunden Tagen" mit diesem Thema
auseinander setzt, kann unbefangen einüben, wie Sterben geht. Und er kann
vertrauen, daß dieses Eingeübte Hilfe sein wird, wenn es "akut"
wird, wenn er es braucht. Geistliche
Begleitung heißt für mich dementsprechend auch: Betonen, daß ich auch dann
noch Ordensfrau bin, wenn ich nicht mehr in meinem Kloster lebe, sondern in
einem Altenheim, daß ich auch dann noch meine Berufung lebe, auch wenn ich in
einem kleinen Häuschen auf eine ganz neue Art und Weise mit den Mitschwestern
"Leben unter Regel und Abt" (vgl. RB) einübe etc. Es
ist nützlich, sich offen damit auseinander zu setzen, was Ordensleben heißt,
was unverzichtbar für unser monastisches Leben ist, worauf wir nicht verzichten
möchten etc. Aber: Was eine Gemeinschaft heute dazu zusammenträgt, das ist
nicht mehr ein für allemal gültig. Immer wieder einmal sollte man darüber
nachdenken, worum es eigentlich geht. Und es ist leichter darüber zu sprechen,
wenn noch keine Entscheidung ansteht. Im
Prozeß der Begleitung ist es wichtig, zu signalisieren, daß alles, was man
sagt oder tut, von Herzen kommt, daß man helfen will. Nicht die eigenen
Einsichten und die eigene Geschwindigkeit im Prozeß sind maßgebend. Lassen wir
die betroffene Gemeinschaft ihre Geschwindigkeit suchen und leben - aber nur
dann, wenn wir erkennen, daß wirklich ein Weg gegangen wird! Große Toleranz
bedeutet nicht "laissez-faire-Stil", sondern einen tiefen Respekt vor
der Eigenart einer jeden und vor der Eigenart einer jeden Gemeinschaft. Dies
erfordert viel Mut, viel Geduld, viel "Sich-zurücknehmen". Und
man muß ein waches Auge auf die Jüngeren haben, die noch ein langes Leben vor
sich haben. Man darf nicht sagen: Die kommen überall gut unter. Nein, wie ein
solcher Prozeß auch von ihnen erlebt und durchlitten wird, dies prägt ihr noch
langes Leben. Und sie werden vielleicht ein schweres Erbe mit sich herumtragen müssen,
wenn wir sie nicht besonders betrachten. Sie
gehören, weil wir sie zur Profeß zugelassen haben, zur Gemeinschaft. Daher
sind wir für sie verantwortlich. Warnen möchte ich aber davor, sie sozusagen
"auszusondern", sie nur noch mit Dingen außerhalb unseres
gemeinschaftlichen Lebens zu beschäftigen. Dadurch sind sie am Ende zwar noch
laut Statistik Mitglied unserer Gemeinschaft, aber im Tiefsten sind sie nicht
bei uns zu Hause. Sie sind anders betroffen von einer Auflösung und haben
deshalb sicher ein Recht darauf, anders behandelt zu werden als die jetzt Älteren.
Aber es ist auch notwendig, daß sie mit bestimmten Tätigkeiten,
Verantwortungen etc. mitten in der Gemeinschaft präsent sind. 3.
Wie erhält man Zuversicht und Freude an der Berufung wach und lebendig, auch
wenn über lange Jahre keine neue Schwester mehr dazu gekommen ist? Grundsätzlich
meine ich, daß es ganz wichtig ist, sich immer wieder die Frage zu stellen, wie
sie nach seiner Vita dem hl. Bernhard von Christus gestellt wurde. "Wozu
bist du gekommen?", wurde Bernhard einmal gefragt, als ihm alles zuviel war
und er sich nur noch über die Mitbrüder ärgerte. Wozu sind wir / bin ich
hierher gekommen? Was war im Anfang? Es
geht nicht um Erinnerung, um ins Schwärmen zu geraten über die "gute alte
Zeit", oder sich mit Phantasien und Wunschträumen zu befassen und damit
der Realität auszuweichen. Erinnerung schenkt neue Kraft, den einmal als
richtig erkannten Weg wieder neu zu bejahen und zu gehen. Aus
unserem Glauben heraus heißt Sterben: Eingehen in das ewige Leben. Es ist also
kein Versagen, kein Verlieren, sondern Gewinn. Dies muß man in allen Phasen -
und auch nach der Schließung eines Klosters - immer wieder ins Wort bringen.
Denn: Sterben ist Vollendung durch Gott. |