GEISTLICHE BEGLEITUNG VON STERBENDEN
UND STERBENDEN GEMEINSCHAFTEN
 

Priorin Bernharda Wichmann (Kreitz) thematisierte im Oktober auf der Tagung der VBD die geistliche Begleitung von Gemeinschaften, die sich im Prozeß der Auflösung befinden. Diese Thematik betrifft inzwischen nicht nur die sog. tätigen Ordensgemeinschaften, sondern auch die benediktinischen Klöster in Deutschland und darüber hinaus.
Wir dokumentieren den Beitrag leicht gekürzt.

1. Stichworte zum Thema "Sterben"
Beim Meditieren über das, was ich Ihnen heute sagen möchte, kam mir immer wieder die Parallele zwischen dem Sterben eines Menschen und dem Sterben einer Gemeinschaft in den Sinn. Beides hat so manches Gleiche, beides hat gemeinsame Schwierigkeiten, beides hat gemeinsame Entwicklungsschritte, die gegangen werden müssen, die man nicht überspringen oder ignorieren darf.  

Die Phasen des Sterbens nach E. Kübler-Ross sind  bekanntermaßen:

1. Phase: Nichtwahrhabenwollen und Isolierung
2. Phase: Zorn
3. Phase: Verhandeln
4. Phase: Depression
5. Phase: Zustimmung
 

Jede dieser Phasen läßt sich - wiederum nach Kübler-Ross - leicht auf eine Klostergemeinschaft übersetzen. Aus ihnen ergeben sich konkrete Fragen für die Begleitung Sterbender aber auch von Gemeinschaften, die vor der Auflösung stehen:

- Was können wir noch tun, wenn das Sterben unmittelbar bevorsteht?
- Soll man dem Todkranken die Wahrheit sagen?
- Was antwortet man auf seine verzweifelte Frage: Warum gerade ich?
- Soll man sein Leben künstlich verlängern?
- Welche Unterschiede bestehen zwischen dem plötzlichen Tod in jungen Jahren und dem Tod im hohen Alter? 

Es wird deutlich, wie viel innere Arbeit ein Konvent zu leisten hat in dieser Situation - und das, obwohl die Auflösung ja gerade deswegen bevorsteht, weil man keine Kräfte mehr hat. Es gilt in dieser Notzeit nicht nur, den Alltag "irgendwie" geschafft zu bekommen; es ist daneben auch die Auseinandersetzung mit der Realität der kleiner werdenden Gemeinschaft, der Überalterung, der einem "über den Kopf wachsenden Arbeit und Verantwortung" und der Gestaltung der Zukunft zu führen. Es gilt dies nicht nur auf der Sachebene anzugehen (Wohin sollen wir gehen, was wird mit den Betrieben, was mit den Angestellten? Was, wenn einem das Haus gehört, wer hilft ausräumen, wohin mit dem Archiv, für das im Altenheim auf keinen Fall Platz ist etc.), es ist ebenfalls mindestens genauso wichtig, wenn nicht sogar das allerwichtigste, sich mit den Schwestern auf einen inneren Prozeß zu begeben, mit Berücksichtigung der "Eigenart einer jeden" (vgl. RB), es gilt, den Weg geistlich "zu durchbeten" und zu deuten (vgl. RB: ut in omnibus glorificetur Deum), zu schauen, daß die geistliche Verarbeitung nicht nur aus nichtssagenden frommen Worten besteht, sondern daß so viele der Schwestern wie möglich diese Entscheidung als das annehmen können, was Gott in dieser Situation von der Gemeinschaft will.  

Wir dürfen nicht die Augen davor verschließen, daß die meisten unserer Schwestern beim Ablegen der Profeß das Gelübde der stabilitas als stabilitas loci aufgefaßt haben, und es zu der damaligen Zeit niemandem in den Sinn kam darüber nachzudenken, was dieses Gelübde bedeutet, wenn die Gemeinschaft an diesem konkreten Ort nicht mehr leben kann. Wenn überhaupt, dann wurde ein Ortswechsel wegen äußerer Gegebenheiten in Erwägung gezogen. Dies bedeutete dann aber, daß die Gemeinschaft als ganze an einen anderen Ort zog und dort ihr Leben so weiterführte wie sie es vorher tat. 

Einen Wechsel aus personellen Gründen, ein Auflösen in eine andere bestehende Gemeinschaft hinein oder sogar einen Umzug in ein Altersheim mit der ganz klaren Ausrichtung, dort als Gemeinschaft aussterben zu "wollen", dies hat wohl niemand bei seiner Profeß überhaupt bedacht. Realistisch gedacht müssen wir nun eigentlich sagen, daß an diesem Punkt keinerlei Übereinstimmung mit den Sterbephasen eines Menschen zu finden ist. Denn jeder Mensch weiß (!), daß er sterben muß. Aber: Gerade wir in den hochindustrialisierten Ländern sind "Weltmeister" im Verdrängen dieser Tatsache. Von daher ist die Parallele "Sterben eines Menschen - Sterben einer Gemeinschaft" doch wieder gegeben.

2. Geistliche Begleitung einer Gemeinschaft in dem Prozeß der Auflösung
in Parallele zur Begleitung beim Sterben eines Menschen

1. Phase: Nichtwahrhabenwollen und Isolierung
In dieser Phase stehen m.E. heute viele Gemeinschaften. Denn es gibt ja keine genauen  Kriterien, ab wann es "objektiv" richtig ist, aufzulösen.
"Wir doch nicht; uns geht es doch gut."
"Nur nicht zu viel darüber sprechen und nicht zu viel Kontakt suchen zu Gemeinschaften, die älter sind als wir - Ansteckungsgefahr?!."
"Nicht zu viel darüber reden, denn dadurch kommt doch kein Nachwuchs."

2. Phase: Zorn
Es wird nach Schuldigen gesucht, die dafür verantwortlich sind, daß niemand eintritt, daß niemand bleibt. Es sind bestimmte Mitschwestern, es ist "die Jugend", die nicht bindungsfähig ist etc.

3. Phase: Verhandeln
Man versucht mit Gott (oder mit bestimmten Heiligen) zu handeln: Wir verrichten zusätzliche Gebete, machen Wallfahrten, übernehmen bestimmte Opferübungen etc. und versuchen sozusagen, Gott zu überreden.

4. Phase: Depression
"Es nutzt doch alles nichts." In dieser Phase wünschen manche Schwestern, die Auflösung möge erst kommen, wenn man selber gestorben ist. Es macht sich eine Lähmung in der Kommunität breit, Antriebsschwäche, alle Arbeit wird zur unüberwindlichen Last.

5. Phase: Zustimmung
Es wird zugestimmt, daß die Auflösung / Verlegung o. ä. die einzige jetzt anstehende Möglichkeit für die Zukunft ist.

Das Annehmen bedeutet auch, daß jetzt die vorhandenen Energien nicht mehr in Abwehrmechanismen gesteckt werden sondern in das Gehen des neuen Weges.

Man darf nicht der Illusion verfallen, die Phasen könnten sozusagen sauber abgearbeitet werden. Sie gehen fließend ineinander über, eine schon längst überwunden geglaubte Phase taucht plötzlich in der folgenden oder übernächsten wieder auf und muß nochmals durchgearbeitet, durchlebt und durchlitten werden.

Es ist immer wieder erfahren worden, daß das Wichtigste bei der Begleitung Sterbender das "Bei-ihm-Bleiben" ist, das Aushalten in seiner Nähe. Gut gemeinte Worte und Ratschläge, auch fromme Worte sind meist fehl am Platz. Nach der Regel Benedikts sollen wir uns "den Tod täglich vor Augen halten". Wer sich in "gesunden Tagen" mit diesem Thema auseinander setzt, kann unbefangen einüben, wie Sterben geht. Und er kann vertrauen, daß dieses Eingeübte Hilfe sein wird, wenn es "akut" wird, wenn er es braucht.

Geistliche Begleitung heißt für mich dementsprechend auch: Betonen, daß ich auch dann noch Ordensfrau bin, wenn ich nicht mehr in meinem Kloster lebe, sondern in einem Altenheim, daß ich auch dann noch meine Berufung lebe, auch wenn ich in einem kleinen Häuschen auf eine ganz neue Art und Weise mit den Mitschwestern "Leben unter Regel und Abt" (vgl. RB) einübe etc.

Es ist nützlich, sich offen damit auseinander zu setzen, was Ordensleben heißt, was unverzichtbar für unser monastisches Leben ist, worauf wir nicht verzichten möchten etc. Aber: Was eine Gemeinschaft heute dazu zusammenträgt, das ist nicht mehr ein für allemal gültig. Immer wieder einmal sollte man darüber nachdenken, worum es eigentlich geht. Und es ist leichter darüber zu sprechen, wenn noch keine Entscheidung ansteht.

Im Prozeß der Begleitung ist es wichtig, zu signalisieren, daß alles, was man sagt oder tut, von Herzen kommt, daß man helfen will. Nicht die eigenen Einsichten und die eigene Geschwindigkeit im Prozeß sind maßgebend. Lassen wir die betroffene Gemeinschaft ihre Geschwindigkeit suchen und leben - aber nur dann, wenn wir erkennen, daß wirklich ein Weg gegangen wird! Große Toleranz bedeutet nicht "laissez-faire-Stil", sondern einen tiefen Respekt vor der Eigenart einer jeden und vor der Eigenart einer jeden Gemeinschaft. Dies erfordert viel Mut, viel Geduld, viel "Sich-zurücknehmen".

Und man muß ein waches Auge auf die Jüngeren haben, die noch ein langes Leben vor sich haben. Man darf nicht sagen: Die kommen überall gut unter. Nein, wie ein solcher Prozeß auch von ihnen erlebt und durchlitten wird, dies prägt ihr noch langes Leben. Und sie werden vielleicht ein schweres Erbe mit sich herumtragen müssen, wenn wir sie nicht besonders betrachten.

Sie gehören, weil wir sie zur Profeß zugelassen haben, zur Gemeinschaft. Daher sind wir für sie verantwortlich. Warnen möchte ich aber davor, sie sozusagen "auszusondern", sie nur noch mit Dingen außerhalb unseres gemeinschaftlichen Lebens zu beschäftigen. Dadurch sind sie am Ende zwar noch laut Statistik Mitglied unserer Gemeinschaft, aber im Tiefsten sind sie nicht bei uns zu Hause. Sie sind anders betroffen von einer Auflösung und haben deshalb sicher ein Recht darauf, anders behandelt zu werden als die jetzt Älteren. Aber es ist auch notwendig, daß sie mit bestimmten Tätigkeiten, Verantwortungen etc. mitten in der Gemeinschaft präsent sind.

3. Wie erhält man Zuversicht und Freude an der Berufung wach und lebendig, auch wenn über lange Jahre keine neue Schwester mehr dazu gekommen ist?

Ich meine, dies ist die schwierigste Frage von allen. Es gibt kein Rezept, wie man Freude und Zuversicht erhalten kann. Jede reagiert anders, benötigt andere Impulse, damit sie ihre Grundberufung in sich lebendig hält.

Grundsätzlich meine ich, daß es ganz wichtig ist, sich immer wieder die Frage zu stellen, wie sie nach seiner Vita dem hl. Bernhard von Christus gestellt wurde. "Wozu bist du gekommen?", wurde Bernhard einmal gefragt, als ihm alles zuviel war und er sich nur noch über die Mitbrüder ärgerte. Wozu sind wir / bin ich hierher gekommen? Was war im Anfang?

Es geht nicht um Erinnerung, um ins Schwärmen zu geraten über die "gute alte Zeit", oder sich mit Phantasien und Wunschträumen zu befassen und damit der Realität auszuweichen. Erinnerung schenkt neue Kraft, den einmal als richtig erkannten Weg wieder neu zu bejahen und zu gehen.  

Aus unserem Glauben heraus heißt Sterben: Eingehen in das ewige Leben. Es ist also kein Versagen, kein Verlieren, sondern Gewinn. Dies muß man in allen Phasen - und auch nach der Schließung eines Klosters - immer wieder ins Wort bringen. Denn: Sterben ist Vollendung durch Gott.