IN WEISHEIT LEITEN
aus der Sicht einer amerikanischen Priorin

Communio Internationalis Benedictinarum
Rom September 2006

Cecilia Dwyer, St. Benedict monastery, Bristow (USA)

Einführung

Es ist eine Ehre für mich, zu Ihnen über ein Thema sprechen zu dürfen, das unserem Herzen so nahe geht wie der monastische Leitungsdienst.

Ich hatte das Privileg meiner Gemeinschaft fast 16 gesegnete Jahre als Priorin zu dienen und möchte mit Ihnen teilen, was ich in diesen Jahren gelernt habe, was mich meine Schwestern, mit denen ich diesen Weg gegangen bin, gelehrt haben. 

Weil ich in gewisser Weise hier anstelle von Sr. Ruth Fox OSB stehe, scheint es mir nur fair zu sein, Ihnen auch die Hauptpunkte ihres wunderbar hilfreichen Buches „Wisdom Leadership“ weiterzugeben. Ruth beginnt damit, dass sie aufzeigt, wie Jesus Christus die weibliche Weisheit Gottes verkörpert. Sie führt das fort und sagt: „Wenn Jesus Gottes Weisheit ist, und die Priorin die Stelle Christi innehat, dann repräsentiert die Priorin Gottes Weisheit im Kloster“.[1] Kapitel um Kapitel werden uns dann die praktischen Aspekte monastischer Leitung in einer Frauengemeinschaft nahegebracht und es wird gezeigt, was sie in einem weisen Leitungsdienst bedeuten. Ich kann es Ihnen als Leitfaden nur weiterempfehlen. Aber weil mir die Aufgabe gestellt wurde, meine eigenen Erfahrungen einzubringen, will ich Ihnen eben nur empfehlen, Ruths Buch zu lesen, und in meinen eigenen Worten zu Ihnen sprechen. 

Mission / Vision und Tagesgeschäft

Vielleicht ist es die größte Herausforderung für die Priorin eines nichtklausurierten Klosters, die Balance zu finden zwischen der Sendung und dem, was aufrechtzuerhalten ist. Weil unsere Nordamerikanischen Gemeinschaften älter werden und wir an Zahl abnehmen, finden wir uns als Leitung mehr und mehr mit der Aufrechterhaltung der Dinge des Gemeinschaftslebens befasst: Wer kann diesen Dienst fortführen? Wer kann Sr. X zu ihrem Arzttermin bringen? Wie lange können die älteren Schwestern den Abwasch machen? Wie viel Hüte kann eine Person tragen?

Wenn dann noch vielleicht an einem kritischen Arbeitsplatz jemand ausfällt, kann die Belastung einer Gemeinschaft wirklich enorm sein, bis eine andere Lösung gefunden ist. Wie sollen wir ein neues Dach finanzieren oder einen neuen Weg? Können wir eine erfolgreiche Geldbeschaffungskampagne starten, um das nötige Kapital zusammenzubekommen für einen neuen Anbau an der Schule? Immer weniger Schwestern stehen in einem Lohnverhältnis und dabei wird unser Budget zunehmend enger.

Das Härteste und das, was am meisten Zeit braucht, sind die Themen, die mit schwierigen Menschen in unseren Gemeinschaften zu tun haben – zerbrochene, zerrüttete Menschen, die den Löwenanteil an Aufmerksamkeit seitens der Priorin brauchen. Es ist schwer mit diesen Lasten, die jeden Tag auf uns zukommen, das Licht einer Vision wahrzunehmen und doch müssen wir uns dafür einsetzen. Wir müssen den Sinn für die Sendung lebendig halten, ständig arbeiten an unserer Präsenz als Benediktinerinnen in unserem Umfeld und unserer Gesellschaft. Wir müssen unserem Träumen bewusst näher kommen wollen, weil unsere Gemeinschaften sonst, ohne eine Berechtigung bestehen zu bleiben, sicher untergehen. 

Um das Charisma lebendig zu halten, verfassen wir philosophische, missionarische, visionäre Stellungnahmen – sie alle drücken unsere benediktinischen Werte in Beziehung zu unserer Kultur, unserer Welt, unserer je eigenen Zeit und unserem je eigenen Ort auf dieser Erde aus. Anders gesagt, wir haben es gelernt, in einer guten Weise weiterzugehen, aber wir müssen sorgfältig darauf achten, dass dies ein verinnerlichter Prozess ist und nicht bloß eine Übung, der wir uns von Zeit zu Zeit unterziehen und deren Ergebnisse man an ein Brett klemmt.

Um den Sinn für die Sendung lebendig zu halten, und um bei unseren Hoffnungen, Träumen, den Notwendigkeiten und allen Angelegenheiten in richtiger Weise Prioritäten zu setzen, beschäftigen wir uns mit langfristigen Planungen, entwickeln Strategien, legen Richtungen fest. Normalerweise geschieht das im Kontext einer Priorinnenwahl und mit Hilfe einer von außen kommenden Prozessbegleitung. Weil unsere Wahlen regelmäßig in vier- bis sechsjährigen Abständen stattfinden, gibt es bei uns immer eine neue oder erneuerte Kraft in der Leitung und einen regelmäßigen Kreislauf in den Planungen, die uns nach vorne schauen und „gut vorankommen“ lassen.

Ebenfalls haben wir regelmäßige Visitationen und Generalkapitel der Föderation. Diese geben Richtungen vor, halten uns auf dem Weg und helfen uns, die Qualität unserer benediktinischen Lebenserfahrung zu überprüfen. Ganz sicher muss man die Realität der eigenen Situation in Betracht ziehen, und ermitteln wie es jeweils um die Durchführbarkeit steht und dies auch regelmäßig überprüfen. 

Die Verwaltungsanteil in der monastischen Leitung

Die Stellung der Priorin ist mit mehr und mehr verwaltungsmäßiger Verantwortung angefüllt worden. Ich erinnere mich, als ich mir einmal Visitenkarten machen ließ, hätte ich beinahe statt „Priorin der Gemeinschaft“ „President of the Cooperation“ angegeben! Da gibt es Landfragen, Baufragen, Gesetzesfragen und -behauptungen mit denen man sich befassen muss, ebenso wie die verwaltungsmäßigen Einzelheiten im Kontext der Werke der Gemeinschaft.

In meiner eigenen Gemeinschaft haben wir fünf dazugehörige Werke und eines, das wir finanziell sponsern. Jedes von ihnen hat seinen eigenen Laienvorstand. Ich muss persönlich mit sechs Vorständen Schritt halten, und dabei habe ich den örtlichen Schwesternrat, diözesane Beratungsgremien oder solche auf der Ebenen der nationalen Bischofskonferenz und andere Organisationen, denen ich angehöre oder in die ich berufen wurde, noch nicht mitgezählt.

Eine monastische Leitungsrolle kann eine sehr intensive und zeitaufwendige Beschäftigung sein. Dazu braucht es Wissen, das Sich-auf-dem-Laufenden-Halten, was Entwicklungen angeht, wie auch das Wissen um die eigenen Grenzen. Die große Herausforderung bei all dem ist, sich von all diesen verwaltungsmäßigen Pflichten nicht überrollen und die geistliche Seite des Führens nicht ganz davon überschatten zu lassen. Zeit für eine Schwester zu haben, kann sich für eine betriebsame Verwalterin wie eine Unterbrechung anfühlen, statt ein Geschenk für die monastische Leitungsperson zu sein. 

Aufgrund unserer äußeren Werke, der Gastfreundschaft mit der wir Gäste willkommen heißen, und dem Angebot spiritueller Programme für Laien, stehen wir Schwesterngemeinschaften in unseren Diözesen sehr öffentlich da. Bei der zunehmenden Tendenz zum Konservativismus in unserer Kirche finden wir uns selbst oft im Konflikt mit unseren Ortsbischöfen und dem Klerus. Wenn wir Glück haben, fallen wir nicht auf, aber oft werden wir von unseren diözesanen Offizialen ignoriert und gemieden und als eine Bedrohung der Kirche angesehen, statt als der geistliche Schatz wertgeschätzt zu werden, der wir sind. Als monastische Leitungsfiguren versuchen wir unablässig Verständnisbrücken zu unserer Ortskirche zu bauen und irgendeine Art von Beziehungen zu unseren Ortsbischöfen zu schaffen und arbeiten daran Bereiche eines gemeinsamen Verstehens  aufzubauen, während wir in der Tat sowohl in der Theologie wie in der Praxis auseinander wachsen.  

Das Miteinander mit den Laien

Ein äußerst segensreicher Aspekt unserer nichtklausurierten Gemeinschaften ist das hohe Maß von Miteinander mit und die Abhängigkeit von den Laien. Die Herausforderung, dass wir weniger werden, hat als Segen auch das mit sich gebracht, dass wir in unserer Fähigkeit, Laien in unsere Werke einzubeziehen, wirklich gewachsen sind. Vier unserer sechs Werken werden von Laien geleitet.  Wir arbeiten hart an dem, was wir „Wirksamkeit  der Sendung“ (mission effectiveness) nennen, was bedeutet, unser benediktinisches Charisma in unseren Werken lebendig zu erhalten, selbst wenn wir nicht persönlich darin präsent sind. Es ist eine Herausforderung, aber eine sehr aufregende. Ich glaube, dass wir die Rolle der Laien in unserer Kirche stärken, indem wir ihnen die benediktinsiche Spiritualität für ihre persönliche Bildung und noch soviel mehr nahe bringen. Das kann eine wunderbare Beziehung und Partnerschaft sein. 

Wir haben ein wachsendes Oblatenprogramm, das meiner Einschätzung nach seine Quelle in verschiedenen kulturellen Phänomenen hat:

– der Tatsache, dass Laien in unsere Werke einbezogen sind  und durch die mission-effectiveness-Programme von der benediktinsichen Spiritualität lernen,

– der großen Gastfreundschaft, die wir üblicherweise anbieten, besonders in unserer Offenheit für Laien, die an unseren Gebeten und Eucharistiefeiern teilnehmen,

– der Verbreitung von Büchern, die jetzt sowohl von Oblaten wir von benediktinschen Ordensleuten zur Regel Benedikts geschrieben werden,

– der Verfügbarkeit von Informationen auf unseren Websites. 

Wegen unseres Miteinanders mit Laien ist die Priorin verpflichtet, sich aktiv im Erkennen und Ausformen der Botschaft, die wir unser Laienpartnern anvertrauen, zu engagieren. Es ist ein kritischer Bereich für ein Leiten in Weisheit: immer im Dienst  und sich der Art bewusst zu sein, wie wir das benediktinische Charisma ausdrücken. 

Die geistliche Seite monastischer Leitung

Im Juni 2000 wurde eine der begabtesten benediktinischen Leitungsgestalten unserer Zeit durch einen Verkehrsunfall aus unserer Mitte gerissen – Sr. Helen Lombard, die frühere Generalpriorin der Good Samaritan Sisters in Australien. In der Homilie bei ihrem Begräbnis sagte Michael Casey über Helen, dass: „in der Leitung, die sie als Obere wahrnahm, die Sorge um eine tiefere Verbundenheit mit dem Wort Gottes von größter Wichtigkeit war. So viel von dem, was sie tat,  war ausgerichtet auf ein authentisches Wachstum in dieser inneren Jüngerschaft, die man Weisheit nennt. Helens Vision des religiösen Lebens war ein Kreis von Jüngern – engagierten Erwachsenen, die sich um das Wort herum versammeln ... Jedes Mitglied der Gemeinschaft war nicht nur berufen, das Wort Gottes zu empfangen, sondern auch das Wort Gottes anderen getreu weiterzugeben. Sie sah diese gemeinsame Jüngerschaft als primäre Quelle der Einheit an und als eine Kraft, die Absichten zu vollenden, um deretwillen es das religiöse Leben gibt....“[2]

Man musste mit Helen nur kurze Zeit zusammen gewesen sein, um zu wissen,  das Michael Casey’s Worte den richtigen Klang getroffen haben. Für mich ist sie lange das Beispiel einer monastischen Führerin und eines großen Herzens gewesen, ein Beispiel der Weisheit und der Hingabe an das Wort. Wir benediktinsichen Frauen in nichtklausurierten Gemeinschaften werten unsere kontemplative Tradition sehr hoch. Unsere Kontemplation fließt aus dem Gebet und der Arbeit, aus der Liturgie und dem Wort – aus einer alles umfassenden Achtsamkeit. Für mich bedeutet monastische Achtsamkeit, Gottes Gegenwart und Wirken in allem wahrzunehmen, auf allen Wegen, in jeder Person, die das Leben mir zuführt. Es ist meine Pflicht als monastische Frau vor allem andern im Gebet und der Lectio treu zu sein, so dass ich offen sein kann für Gottes Stimme und mit meinem ganzen Sein dieser Stimme in den Mitgliedern meiner Gemeinschaft zuhöre. 

Ein weites Feld der Sorge für eine monastische Leiterin einer nichtklausurierten Gemeinschaft ist es, die Balance von Gebet und Arbeit für sich selbst und für die einzelnen Schwestern zu finden. Wenn eine Schwester einen 8-Stunden-Job außerhalb hat, muss sie ihren eigenen Rhythmus von Gebet, Mußezeiten und Gemeinschaftszeiten finden. Das ist sehr schwierig. Jedes Jahr überdenken wir unseren Tagesplan, damit er zu den Zeitplänen der Schwestern passt.  Das Morgengebet haben wir so früh, wie es für die Schwester, die zuerst das Haus verlässt, nötig ist. Zur Zeit heißt das, dass der Tag der Gemeinschaft um 6 Uhr beginnt. Wir halten das Abendgebet nach dem Abendessen, damit mehr Schwestern die Möglichkeit haben, von der Arbeit zurück zu sein. Wir haben es gelernt, in einem Geist dankbarer Flexibilität zu leben und ändern unseren Zeitplan an den Wochenenden, in den Ferien, an Schneetagen, und lassen uns, wenn es geht, im Sommer etwas mehr Zeit zum Ruhen. Eine gute Praxis, die zu entwickeln ich meine Schwestern ermutige, ist es, einen, wie wir es nennen „Wüstentag“ oder Einkehrtag für sich selbst zu nehmen, so dass sie etwas Alleinsein und Ruhe in ihrem betriebsamen Leben finden können. 

Alles, was wir als Leiterinnen und Einzelne tun, muss unsere Sendung widerspiegeln, dass wir unter der Führung des Evangeliums gehen und das heilige Wort in die Welt tragen durch die Werke und die Gastfreundschaft, durch das Zeugnis der Gemeinschaft und die Treue zum Gebet. 

Die Priorin als Gemeinschaftsbauerin

Als Priorin trage ich dafür Sorge, dass das Leben der Gemeinschaft, Gebet und Präsenz in der Gemeinschaft vor den apostolischen Werken Vorrang behalten und den Lebensstil prägen. Wir müssen einen Gutteil Zeit dafür aufbringen, die Gemeinschaft und das Netzwerk von Beziehungen in ihr aufzubauen. Ich glaube, dass unsere Präsenz in Gemeinschaft ein Sakrament ist, basierend auf der Bindung, die in unserer monastischen Profess zum Ausdruck kommt.  

In „Wisdom Leadership“, spricht Ruth Fox sehr ausführlich von der lehrenden Rolle der Priorin, indem sie durch Wort und Beispiel Führung wahrnimmt.  Im Abschnitt „Lehren durch Beispiel“[3] – „Teaching by Example“, in dem sie die Wirkung des Beispiels, das die Priorin gibt, untersucht, sagt Ruth, dass die Priorin „der Rolle des Lehrers nicht entkommen kann, weil sie die ganze Zeit über lehrt durch ihre Art zu leben. Die Art,  in der die Priorin ihren Schwestern antwortet ...die ihre Aufmerksamkeit suchen, offenbart ihre Liebe, ihren Respekt, ihre Sorge um jede Schwester. Ihre frohe, konsequente Teilnahme an der Liturgie, den Mahlzeiten, den Treffen und der Rekreation lehrt ihre Schwestern, wie eine monastische Frau sich freut und teilnimmt am Gemeinschaftsleben. Ihre Freundlichkeit und Geduld in schwierigen Situationen zeigt die Güte Christi. Ihre Reaktion auf Unterbrechungen und Anfragen lehrt die Gemeinschaft, wie sie liebevoll aufeinander reagieren sollten. Jedes kleine Wort, jede winzige Tat ist wie ein kleines bisschen Hefe im ganzen Mehl der Gemeinschaft.“[4]  Ich interpretiere Ruths Worte in dem Sinn, dass der Glaube der Priorin den Glauben der Gemeinschaft nährt. 

In der Praxis hält die Priorin die Mitglieder bei allen nötigen Zusammenkünften der Gemeinschaft zu einer engagierten Präsenz an – physisch, geistig und gefühlsmäßig.

Eine der Fragen, die im Zugehen auf dieses Symposium gestellt wurden, war die nach der Kommunikation zwischen Priorin, Seniorat und  Kapitel. Die Priorin muss für die Einzelnen verfügbar sein, dass sie Zugang zu ihr haben (das ist leichter gesagt in einer Gemeinschaft von 35 als in einer von mehreren hundert Schwestern). Senioratstreffen stehen regelmäßig auf dem Plan, in der in unserer Gemeinschaft üblichen Praxis ist das monatlich. Kapitelsversammlungen werden mindestens einmal jährlich und oft noch häufiger gehalten. Viele unserer Gemeinschaften haben regelmäßige Zusammenkünfte oder thematische Gemeinschaftstage zur Bereicherung und als Diskussionsforum der Gemeinschaft. Wo immer Treffen stattfinden, ist es die Rolle der monastischen Leitung, die Weisheit aller Mitglieder zu wecken. Vielleicht ist das Klima, das die Priorin für den Austausch von Gedanken und Meinungen schafft, der wichtigste Faktor bei der Ermutigung der Mitglieder.  

Eine weitere wichtige Aufgabe der Priorin ist es,  Führungsqualitäten in der Gemeinschaft zu entwickeln. Ich will dazu nicht viel sagen, Ihnen nur einen Gedanken anbieten – „monastischer Instinkt“. Zum ersten Mal habe ich diesen Begriff von Sr. Karen Joseph von den Benediktinerinnen von der Ewigen Anbetung gehört. Die Entwicklung von Führungsqualitäten in den Mitliedern der Gemeinschaft bringt mich zu Kapitel 21 der RB über „Die Dekane des Klosters“. Benedikt verwendet als Kriterium für die Dekane, die natürlichen Führungsgestalten in der Gemeinschaft, ein gutes, vorbildliches Leben. Einige würden das ‚den monastischen Instinkt’ nennen. Andere mögen um sie wissen, als Personen, die mit dem Heiligen Geist kooperieren – weise Gestalten im Kloster. Mögen sie alt sein oder jung, wir erkennen sie an der Wahl, die sie jeden Tag treffen, an diesem Instinkt, der sie so deutlich leitet. Diesen Menschen vertrauen wir verantwortliche Positionen an. 

Es ist an der Priorin, die Gemeinschaft immer wieder daran zu erinnern, dass die Treue einer jeden jeder anderen Schwester Mut macht auf dem monastischen Weg. Wir gehen da gemeinsam. 

Beziehungen pflegen

Wenn Sie mich fragen würden, was eine Schwester meiner Meinung nach sich mehr als alles sonst wünscht, würde ich sagen, dass eine jede meiner Schwestern das Verlangen danach hat, respektiert, geschätzt und gehört zu werden. Sie wollen darum wissen, dass ihre Meinungen zählen, dass ihre Person respektiert ist in all ihren Begabungen, dass sie gute Frauen sind, die ihr Leben in der ihnen bestmöglichen Weise leben, und über all das hinaus, dass sie von Herzen das Beste für die Gemeinschaft im Sinn haben. Ich bin überzeugt, dass das für alle Mitglieder meiner Gemeinschaft stimmt.  Es liegt an mir, in allem herauszuhören, wo die Gemeinschaft steht, welche Weisungen sie wirklich suchen,  sie zu motivieren, sie zu ermutigen, ihre Gaben und das Beste ihrer selbst hervorzubringen. 

Die Pflege von Beziehungen erfordert eine ständige Ermutigung der Gemeinschaft, ihr Leben in einer Haltung von Versöhnung und Vergebung zu leben. Um ein Wort aus Jesaja zu gebrauchen, ich muss ein „Maurer der die Risse ausbessert“ (Jes 58,12) sein und die Schwestern aufrütteln, einander Vergebung und Versöhnung anzubieten. Ich tue das aus meiner eigenen Verwundung und Verwundbarkeit heraus. Unsere Subpriorin, Sr. Glenna, sagte in einem Gespräch zur Gemeinschaft: „Wenn ich mich gerade zornig fühle, neidisch, verwirrt, selbstgerecht oder mich fürchte – und dann immer noch reagiere aus meiner eigenen Wahrheit heraus und mit Respekt – dann bin ich ein Maurer der Risse ausbessert. Was für ein Unterschied, wenn einer mit Respekt und Demut handelt! Was für eine Last ist gehoben, wenn ich meine eigenen Grenzen und meine eigenen Risse anerkenne.“[5] Ich glaube, dass ein paar Risse im Gefüge der Gemeinschaft, kleine Brechungen in persönlichen Beziehungen, wenn man sie unausgebessert lässt, sich möglicherweise ausweiten, bis die ganze Substanz morsch ist und auseinander fällt. Ich bin überzeugt, keine äußere Kraft ist imstande, eine Gemeinschaft zu zerreißen – nur von innen kann eine Gemeinschaft zerfallen. Wie wichtig ist es dann, um das Gefüge des Gemeinschaftslebens zu stärken, für die monastische Leitung, alle Quellen der Weisheit wachzurufen, den uns innewohnenden Geist zu erwecken, die Gnade ihres Amtes wachzuhalten, ihr eigenes Beispiel anzubieten. 

Meine Erfahrung lehrt mich, dass das größte Geschenk ist, das wir als monastische Leiterinnen unseren Gemeinschaften geben können, darin besteht, aus der Vorgabe zu handeln: Die Mitglieder lieben ihre Priorin und lieben einander. Wenn wir diesen Kreis des Liebens stärken können, so dass die Gemeinschaft sich selbst in diesem Bild wiederfindet, dann werden sie an ihre Fähigkeit zu lieben glauben und aus diesem Glauben heraus handeln. Ich persönlich versuche es so, indem ich immer die Beziehungen zu meinen Schwestern pflege. Ich habe mir die Namensliste der Mitglieder meiner Gemeinschaft eingeprägt, und jeden Tag – als ein Teil meiner Lectio – überschaue ich diese Liste und frage mich selbst, was ich denke, was jede Person macht, und ob meine Beziehung zu ihr Fortschritte macht. Wem müsste ich mehr Aufmerksamkeit geben?  Die lieben (und manchmal gar nicht so lieben) Gesichter meiner Schwestern sind mir immer vor Augen. 

Zum Abschluß

Zum Abschluss möchte ich vorschlagen, dass wir uns daran erinnern, dass wir Menschen sind und der Geist der Weisheit nur durch uns wirken kann, wenn wir unsere eigenen Gebrechlichkeit anerkennen. So sehr wir auch alles in unserer Gemeinschaft richtig ordnen wollen, müssen wir doch wissen, wie sehr das ein unmögliches Unterfangen ist, und wir sollten uns in unserer Amtszeit nicht darauf konzentrieren. Die Weisheit hat uns zur Leitung in genau dieser Zeit gerufen, weil die Gemeinschaft die Gaben braucht, die wir in dieses Amt einbringen, braucht. Wir tun, was wir tun können mit der Energie, dem Glauben, der Hoffnung, den Rat und der Vision, die uns gegeben ist. Während der ganzen Zeit die wir im Amt sind, versuchen wir soweit wir nur können, die besten Menschen zu sein als einfache Benediktinerinnen, denen es geschehen ist, Äbtissin oder Priorin zu werden, und die auch ihre ganz eigenen Nöte, Schwachheiten, geistlichen Sehnsüchte und die persönliche Gottsuche pflegen. 

Möge der Geist von Scholastika und Benedikt uns beseelen, möge der Geist der Weisheit uns führen, mögen die Mitglieder unserer eigenen Gemeinschaften uns Mut machen und uns eine Inspiration sein. 

Übersetzung: Priorin Johanna Domek, Köln-Raderberg


[1] Ruth Fox OSB, Wisdom Leadership: Reflexions on the Ministry of Monastic Leaders. 2003 Sacred Heart Monastery, Richardton, ND, S. 25.

[2] Michael Casey OCSO, Homilie in der St. Mary’s Cathedral, Sydney, Australien, beim Begräbnis von Sr. Helen Lombard SGS im Juni 2000.

[3] Ruth Fox, Wisdom Leadership. Kapitel 2,  “Wisdom Teacher”, S. 28-29.

[4] Ebenda S. 29.

[5] Gelnna Smith OSB, in einem Gespräch im St. Benedict’s Monastery, Bristow, Virginia, Juni 2006.