|
Infirmarentagung
in Herstelle 12.
bis 16. Februar 2007 Die
6. Infirmarentagung der Beuroner Kongregation fand vom 12. bis 16. Februar im Gästehaus
St. Scholastika der Abtei zum Hl. Kreuz in Herstelle statt. Die Vorbereitung lag
wieder in Händen von Äbtissin Sophia Schwede (Herstelle), die diesmal an der
Tagung selbst auch teilnehmen konnte, und von Br. Matthäus Weber (Gerleve).
Insgesamt 17 Infirmarinnen und Infirmare (12 Benediktinerinnen und 5
Benediktiner) waren zur fachlichen Fortbildung und zum Erfahrungsaustausch
zusammengekommen. Die Verbundenheit, in demselben Dienst in der je eigenen
Gemeinschaft zu stehen, und das fröhliche Miteinander waren für diese Tage
wieder eine spürbare Erfahrung und halfen mit zum zwanglosen Austausch und zu
offener Atmosphäre. Der
erste Seminarteil „Alte Menschen verstehen lernen“ wurde durchgeführt von
Herrn Dr. Helmut Dorra, dem Leiter der Akademie für Gerontopsychologie in
Quickborn bei Hamburg. Dr. Dorra ist evangelischer Theologe, Psychotherapeut,
Existenzanalytiker, Logotherapeut und Lebensberater. Er ist tätig als
Supervisor und Dozent in der Gesundheitsbildung sowie in der Fortbildung für
Angehörige der pflegerischen Berufe. In
seinen Vorträgen wurde die Arbeit in der Seniorenbetreuung und Krankenpflege
als Beziehungsprozeß herausgestellt, zu dem nicht allein fachliche
Professionalität, sondern auch personale Fähigkeiten Voraussetzung sind.
„Wir
pflegen Menschen, nicht Betten!“ – ein provozierender Titel für die erste
Arbeitseinheit. In der Pflege haben wir es mit Menschen zu tun, hier geht es
nicht allein um praktische Funktionen, die wir ausüben, sondern immer auch um
Personen, für die wir sorgen und denen wir als Personen gegenüber sind. Der
Mensch in seiner Einmaligkeit und Individualität, in seinem So-sein und
Geworden-sein, in seinem Erleben
und Erleiden steht im Mittelpunkt, nicht vorrangig Diagnosen, Defizite oder
funktionale Fähigkeiten, die ihn als „Pflegefall“ definieren. Dabei
stellt sich zunächst die Frage nach unserem Pflegeleitbild: Ist Wohlbefinden
der höchste Wert? Steht nicht die Menschenwürde noch über körperlichem und
seelischem Gesundsein? Gerade vom Ansatz der Logotherapie her wird verständlich,
daß der Mensch nicht an sich selbst genug hat, er lebt nicht für sich selber,
er lebt für andere, für eine größere Aufgabe, auf etwas hin, letztlich auf
eine Person hin, in der Selbsttranszendens seiner eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten.
Eine rein bedürfnisorientierte Pflege reduziert den Menschen nur auf seine körperlichen
Funktionen und das leibliche Wohlbefinden, ausschließlich versorgende,
somatische Pflege richtet sich nur auf die leiblichen Belange des Menschen.
Damit sind aber seine Gefühle und Empfindungen, seine geistigen und geistlichen
Fähigkeiten noch nicht im Blick. Vom Gedanken der Schöpfung her, von der
Erschaffung des Menschen und seiner Ergänzung im Anderen her, wird dies
deutlich, weil es wörtlich in der hebräischen Sprache der Genesis heißt:
„Ich will ihm ein Angesicht schaffen, das ihm gegenüber ist.“ Darin liegt
eine Wesensbestimmung des Menschen, die der Philosoph Martin Buber so unübertrefflich
formuliert hat: „Das Ich wird zum Ich erst am Du.“ An dieser
geistig-personalen Dimension des Menschen wird auch durch körperliche oder
geistige Schwäche oder Krankheit nichts grundsätzlich oder qualitativ geändert.
In der Beziehungspflege ist ein Verhalten gefordert, das anregend oder
beruhigend, stützend und bestätigend auf die jeweilige Situation eingeht und
dem Gegenüber im Sinne des dialogischen Prinzips in einer persönlichen
Begegnung helfen möchte. Dies kann sich im alltäglichen pflegerischen Tun äußern
in der gemeinsamen Ausrichtung auf etwas anderes hin, was nicht der kranke oder
alte Mensch und sein Befinden selbst ist: ein Gesprächsthema, die Ausrichtung
auf die Zukunft, ein fröhliches Gesicht, Interesse an biographischen Themen ...
Dies
gilt in besonderer Weise für den Umgang mit demenzkranken Menschen, die ja oft
auf verbalem Wege nicht mehr erreichbar sind, die jedoch in einer frühen Phase
ihrer eigenen Biographie leben können und auch dort anzusprechen sind, wenn es
gelingt, diese Ebene zu entdecken. Psychobiographische Pflege möchte über die
somatischen Bedürfnisse hinaus die seelische Dimension unseres menschlichen
Daseins in die Pflegearbeit einbeziehen. Wir fragen danach, was einen Menschen
in seinem Innersten bewegt und versuchen, ihn in seinem jeweils subjektiven
Erleben und Erleiden zu verstehen. An
diesem Punkt der Ausführungen von Herrn Dorra kam es zu einem lebhaften
Austausch über die Frage: Haben wir in unseren Gemeinschaften Räume für
solche personale Begegnung? Wo und wie können wir biographischen Einblick
nehmen in das Leben unserer Mitschwestern oder Mitbrüder? Welche Möglichkeiten
gibt es, die Kindheit, die Berufungsgeschichte, die Jahre im Kloster einander
mitzuteilen und so Interesse am Leben des Anderen zu bezeugen, einander
teilnehmen lassen an der je eigenen Biographie und Erlebniswelt? Es
wurde klar, daß es ein Spannungsfeld gibt zwischen Schweigen und Kommunikation,
zwischen Strukturen des klösterlichen Lebens und persönlichen Bedürfnissen.
Aus einer konkreten Gemeinschaft wurde ein ermutigendes Beispiel vorgestellt: Um
einen solchen „Raum“ für Kommunikation und Begegnung zu schaffen, wurde ein
eigener Raum eingerichtet, der Bethanien – Haus der Liebe genannt wird und in
dem die Erlaubnis und Möglichkeit gegeben ist, sich zum Gespräch und Austausch
zu treffen. Nach anfänglichem Zögern wurde diese Chance angenommen und hat
sich dies als sehr hilfreich erwiesen, besonders für den Umgang mit
demenzkranken und unruhigen Mitgliedern der Gemeinschaft. Von
den meisten Infirmaren wird die Forderung nach personaler intensiver und
interessierter Begegnung als hoher Anspruch empfunden, auch was den zeitlichen
Einsatz betrifft. Zeit haben für jemanden mißt sich aber nicht nur nach der
Uhr, wie Herr Dorra aus seiner eigenen Erfahrung zu berichten wußte und mit
Beispielen belegte: Gemessene und erlebte Zeit gehen oft in der persönlichen
Erfahrung weit auseinander, im Anschauen, Zuhören, Dasein für einen Einzelnen,
im intensiven Gegenüber-sein, im Dabei-Präsent-Sein wird auch ein innerer
Wertbezug erfahren, welcher wiederum neue Kraft gibt und für die kommenden
Aufgaben motiviert. Unter
dem Motto: „Verwirrt nicht die Verwirrten!“ ging Herr Dorra dann speziell
auf den Umgang mit dementen Menschen ein. Jeder Mensch hat seine je eigenen
Lebensweisen und Gewohnheiten. Darum werden die Verhaltensweisen der Erkrankten
in der verstehenden Pflege nicht aus der Perspektive einer Störung betrachtet,
sondern als Ausdruck einer individuellen Normalität, die sich aus der persönlichen
und zeitgeschichtlichen Biographie heraus verstehen läßt. Menschen, die ihre
eigenen Gewohnheiten und Lebensweisen haben und immer schon hatten, reagieren
zwangsläufig mit Verwirrtheit, wenn sie sich an die Regeln einer ihnen fremden
Umwelt (z.B. bei einem Krankenhaus-Aufenthalt) anpassen sollen. Ihnen möchten
wir durch eine angemessene Milieugestaltung ein Daheim-Gefühl schaffen und eine
vertraute Umgebung, in der sie sich aufgehoben und geborgen fühlen. Meist ist
z.B. das „Hallo“-Rufen Zeichen der Suche nach der eigenen Identität, die
innere Ausrichtung ist verloren gegangen und wird gesucht, die Resonanz des
eigenen Ich. Die Suche nach dem eigenen Zimmer drückt oft eigene innere Unruhe
und Weltverlust aus, Ich-verlust äußert sich in stetig suchendem, unruhigen
Blick, im wahnhaften Suchen nach verlorenen Dingen ... Hier gilt es, durch
ruhiges stabiles Präsent-sein Halt zu geben, die Mauer des Schweigens zu
durchbrechen, sich fühlbar zu machen im Körperkontakt. Auch dies ist für uns
und unsere Gemeinschaften als Herausforderung zu sehen, neue Wege und Möglichkeiten
zu suchen, um dem Ich- und Welt-verlust das Angebot einer inneren Ortung und
Haltung anzubieten. Verstehende Pflege müht sich, intervenierende Antwort auf
die Verhaltensweisen des Kranken zu geben, nicht nur auf „Fehlverhalten“ zu
reagieren. Dahinter steht die Frage: Was geht in einem Menschen vor, der um
Hilfe bittet, sei es verbal oder nonverbal durch sein Verhalten? Wenn in diesem
psychobiographischen Konzept die Beziehung in den Mittelpunkt pflegerischer
Arbeit gestellt wird, ist die Voraussetzung für die Beziehungspflege die
Selbstpflege! Mein Eigenverhältnis wird sich auswirken in meiner Umgehensweise
mit anderen. Allem voran steht nicht das Handeln, sondern die eigene Haltung,
die der Pflegende den zu betreuenden Menschen gegenüber einnimmt. Jeder
Pflegende ist selbst gefragt und herausgefordert, seinem eigenen Gewissen und
seinen Wertvorstellungen zu folgen. Es geht darum, das eigenen Erleben und
Empfinden wahrzunehmen, sich der Frage zu stellen: Was bewirkt diese Situation
in mir? Was löst der Andere in mir aus? Was macht das, was ich erlebe, mit mir?
Dr. Dorra zitierte in diesem Zusammenhang Romano Guardini: „Den Menschen kennt
nur, wer von Gott weiß.“ Die Haltung anderen gegenüber geht pflegerischen
Handlungen voraus. Ich pflege als der, der ich bin. Die Beziehung zu mir selbst
prägt die Beziehung zu anderen. Zusammenfassend
gab Dr. Dorra eine Übersicht über die Grundmotive, die einen Menschen bewegen: 1.
Dasein-können 2.
Wertsein-wollen 3.
Sosein-dürfen 4.
Sinnvoll leben Am
Abend dieses ersten Seminartages gab es das Angebot, einen Film anzuschauen,
welches von allen wahrgenommen wurde: “We feed the world - was uns das Essen
wirklich kostet” von Erwin Wagenhofer. Diese
Dokumentation gab ein Bild der Nahrungsmittelherstellung, angefangen von
Saatgutproduktionsfirmen und Fischfangmöglichkeiten über Anbaumethoden und
Geflügelzucht bis hin zu riesigen Nahrungsmittelkonzernen ... Dies alles auf
Kosten der Menschen in der sogenannten Dritten Welt, wo angesichts der
Futtermittelproduktion für die Industrienationen Kinder verdursten und
verhungern. Ein entsetzlicher Einblick in die Verflechtung von Konsum und
wirtschaftlichen Prozessen, die für den Einzelnen kaum veränderbar erscheinen,
aber deren Folgen wir und die künftigen Generationen zu tragen haben werden. Der
Vormittag des folgenden Tages war für „Fragen – Austausch – Beratung“
vorgesehen. Es
kamen auch mehr praktische Fragen zur Diskussion und als Anregung für alle: Auch
am letzen Tag gab es noch einmal Möglichkeit zu kollegialem Austausch. Dabei
wurden Fragestellungen aus dem Grenzbereich monastisches Leben - Rücksicht auf
Alte und Kranke diskutiert: Wie kann das alltägliche Leben in der Gemeinschaft
für alle so geregelt werden, daß es die „Schwachen“ nicht überfordert und
die „Starken“ zu ihrem Recht kommen? Anpassung
der Tagesordnung an die Bedürfnisse der Älteren oder Jüngeren, Gestaltung der
Räume, Kleidung, Schweigen und Reden, Tischgewohnheiten, Freizeitgestaltung?
Verschiedene Anregungen und Erfahrungen zu all diesen Stichworten wurden
zusammengetragen und diskutiert. Der
zweite fachliche Schwerpunkt der Fortbildung stand unter dem Thema
„Notfallmedizin“. Frau Dr. Martina Krüger, (Bad Driburg) Fachärztin für
Physikalische und Rehabilitative Medizin, Fachärztin für Allgemeinmedizin,
Sportmedizin und Notfallmedizin hielt eine Schulung in Soforthilfe.
Zuerst gab sie eine Übersicht über verschiedene Arten und Ursachen von Bewußtlosigkeit.
Dann wurden die Sofortmaßnahmen erklärt und praktisch durchgeführt, bis hin
zur Herzmassage und zum Beatmen der Puppe. Bei den Ausführungen von Frau Dr. Krüger
wurde deutlich, wieviel Verantwortung die Ärzte und Rettungssanitäter übernehmen
und zu tragen haben und wie oft das Überleben eines Menschen sich in wenigen
Minuten entscheidet und von der spontanen Hilfe anderer abhängig ist. Vom
fachlichen gesehen war diese Schulung für alle eine willkommene Auffrischung,
da sich auch auf diesem Gebiet manche Grundsätze in den letzten Jahren geändert
haben. Auch hier war Gelegenheit, Fragen zu stellen und über die Notwendigkeit
und Problematik von Reanimation zu diskutieren. Für
den letzten Vormittag war ein Bildungsausflug nach Bursfelde vorgesehen, der
abends zuvor eingeleitet wurde durch einen Vortrag von Schwester Hanna Wand
(Herstelle): „Bursfelde und die Stoßkraft seiner Reform.“
Bursfelde,
im selben Jahr wie die Abtei Maria Laach 1093 gegründet, hat eine wechselvolle
Geschichte durchlebt, im 15. Jahrhundert unter Abt Dederot eine Reform im Geist
der Benediktusregel eingeleitet, der sich bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts
108 Männerklöster und 50 Frauenklöster angeschlossen hatten. Durch die Wirren
in der Reformationszeit wurde das Kloster zum Spielball der Landesherren, mit
dem Westfälischen Frieden von 1648 wurde das Kloster Bursfelde endgültig
evangelisch. Seit 1828 ist der Abt des Klosters jeweils einer der Professoren
der evangelischen theologischen Fakultät der Universität Göttingen, der vom
Professoren-Kollegium gewählt wird. Von den Klostergebäuden erhalten sind die
romanische Basilika und der Westflügel, der 1722 zum Gutshaus umgestaltet
wurde. Seit 1978 dient es als Einkehr- und Tagungshaus. Eine kleine
Hausgemeinschaft hält hier das Stundengebet und steht als Seelsorgs- und
Referententeam den Gästen zur Verfügung. Eine
besondere Erfahrung ökumenischer Begegnung war der Austausch mit dem Leiter des
Geistlichen Zentrums, Pfarrer Klaus Dettke, und der Bursfelder Segen, den er über
die benediktinischen Gäste sprach. Sr.
Benedikta Esser, Mariendonk |