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Der
Karfreitag, den keiner vergessen wird Die
Nachricht von der Brandkatastrophe in Waewan in der Nacht vom 5. zum 6. April
hat die Klöster schnell erreicht. Der folgende Bericht zeichnet ein lebendiges
bild von den Eindrücken in den ersten Tagen nach dem Brand, vom Ausmaß der Schäden,
der Dankbarkeit für die Verschonung von Menschenleben und dem Mut zum
Wiederaufbau. (Anm. der Redaktion) P.
Raphael stönt leise auf und zieht aus dem verkohlten Schutt einen langen
Stofffetzen. Erst als er ihn um seine Schultern legt, erkennen wir, dass er
seine Priesterstola gefunden hat. Einen Moment lang ringt er um Fassung, dann
gehen wir weiter auf unserem ernüchternden Erkundungsgang. Es ist der Mittwoch
nach Ostern. Seit dem frühen Morgen stapfe ich mit drei koreanischen Mitbrüdern
durch die Ruinen der Abtei Waegwan, die am Karfreitag abgebrannt ist. Auf den
Gesichtern der Mitbrüder liegt Müdigkeit, auch noch eine Ahnung der Erschütterung
dieser unvergesslichen Ostertage. Fünf
Stunden lang kämpft die Feuerwehr gemeinsam mit den Mönchen um das brennende
Kloster. Im Nordflügel kann das Feuer gestoppt werden, bevor es das Erdgeschoß
erreicht. Die Kirche bleibt unversehrt, auch Archiv und Bibliothek werden vom
Feuer nicht erreicht, aber hier und anderswo beschädigt das Löschwasser, was
vom Feuer nicht erreicht wurde. Ein besonderer Kampf gilt dem Büro von Abt
Simon. Die Unterlagen der Klosterleitung können gerettet werden, während im
danebenliegenden Schlafzimmer alles zerstört wird. Die
meisten Mönche verlieren an diesem Tag alles, was ihnen in Jahren und
Jahrzehnten ihres Klosterlebens nützlich oder wichtig war. P. Thomas Timpte,
Missionsbenediktiner aus Meschede und seit 40 Jahren in Korea, betrauert die
ungezählten Artikel und Vorträge, die er in diesen Jahrzehnten erarbeitet und
gehalten hat. „Aber ich bin alt, bei mir macht das nicht mehr so viel.
Schlimmer ist es doch mit P. Sabbas.“ Der ist seit kurzem Novizenmeister, aber
im ganzen Land als Exeget bekannt. Die Frucht von 15 Jahren Studien- und
Forschungszeit ist verloren: eine über Jahre aufgebaute Gelehrtenbibliothek,
Unterlagen für bedeutende Veröffentlichungsprojekte, der Computer mit Nützlichem
und Wichtigem – alles ein Raub der Flammen. P. Sabbas, der mit den Novizen
direkt unter dem Brandherd wohnte, hatte zunächst noch mit dem Feuerlöscher
versucht, das Feuer aufzuhalten. Jetzt ist ihm eine geschwärzte Bücherreihe im
Regal geblieben – Holzkohle, die beim Herausnehmen zerbirst. Solche
persönlichen Verlust- und Opfergeschichten gibt es viele an diesem Karfreitag.
Aber bei allen überwiegt anderen Tags die Dankbarkeit darüber, daß niemand im
Brand umgekommen ist, ja nicht einmal Verletzte beklagt werden mußten. Und auch
auf die Werkstätten unmittelbar neben dem Konventbau griff das Feuer nicht über.
Selbst das große Holzlager der Schreinerei – Koreas größte Kichenmöbelfabrikation
–, das nicht einmal einen Steinwurf entfernt liegt, nimmt keinen Schaden.
„Zum Glück“ war es eine windstille Nacht. An
diesem Karfreitag, während die Trümmer noch rauchen, müssen Entscheidungen
getroffen werden. Wohin mit den obdachlos gewordenen Mönchen? Über der Straße
steht das Exerzitienhaus der Abtei mit reichlich Zimmern. Die Ostergäste der
Abtei könnten heimgeschickt werden – sicher hätte jeder Verständnis. Aber
Abt Simon entscheidet anders: da wo die Mönche jetzt hingehen, werden sie wohl
1 ½ Jahre lang einquartiert bleiben. Das Exerzitienhaus ist wichtig für die
Arbeit des Klosters – als Missionsbenediktiner hat die Gemeinschaft schließlich
eine Sendung zu erfüllen. Abt Simon lädt die Gäste ein zu bleiben, und läßt
seine Mönche ins alte Schüler-Seminar einziehen, das teilweise leersteht. Da
wo zuletzt die Postulanten und Novizen und einige Gäste untergekommen waren,
wird jetzt ein Notquartier für die Mitbrüder geschaffen, das wohl geraume Zeit
ausreichen muß. In
den Morgenstunden dieses Karfreitag erlischt das Feuer allmählich. Seit dem
Anbruch des Tageslichts werden die Feuerwehrleute von einem Helikopter unterstützt.
Der Wassernachschub ist schwierig. Schließlich helfen auch die Amerikaner der
benachbarten Kaserne mit ihren Tankfahrzeugen aus. Als das Dach des Kapitelsaals
birst und das kleine Glockentürmchen von einer gewaltigen Feuer- und Rauchsäule
verschlungen wird, liegt das Feuer anderswo schon in den letzten Zügen. Die
Trauermetten dieses Karfreitags fallen den Löscharbeiten zum Opfer. Aber am
Mittag dieses Freitags versammelt sich die Gemeinschaft bereits wieder zum
Chorgebet in der unversehrten Abteikirche, wenige Meter von den rauchenden und
stinkenden Ruinen entfernt. Nur einen Moment lang hat der Herzschlag der
Gemeinschaft, der Rhythmus des Stundengebets ausgesetzt, jetzt erklingt wieder
das Lob, das seit 1952 an dieser Stelle ohne Unterlass gebetet wurde. Viele
werden später sagen, daß sie noch nie ein Osterfest so intensiv erlebt haben
wie dieses. Inzwischen
hat ein langer Zug von Besuchern eingesetzt. Bald schon steht der Erzbischof aus
dem nahen Daegu vor der Tür, um sich nach dem Befinden der Gemeinschaft zu
erkundigen. Viele Freunde der Abtei bringen Decken und Wäsche vorbei, und
Notrationen des Koreanischen Roten Kreuzes. Auch die Oberinnen der Schwesternklöster
der Umgebung machen kurze Besuche, und keine geht, ohne etwas dagelassen zu
haben. Sogar eine warme Suppe kommt auf diese Weise ins Haus – Fleischsuppe am
Karfreitag? Der Skrupel flackert nur eine Sekunde lang auf, dann läßt Abt
Simon die Suppe zum Abendessen reichen. Die Entsagung dieses Karfreitags ist
anderswo erbracht worden. Nachdem
die erste Gefahr gebannt war, sollten auch die anderen Missionsbenediktiner von
der Katastrophe erfahren. Vom Kloster aus ging nichts mehr. Die Telefonzentrale
war ausgebrannt, nur mit dem Handy konnte die Aussenwelt erreicht werden. P.
Bartholomäus, Pfarrer in Naksang, 20 km vom Kloster entfernt, übernahm die
traurige Benachrichtigung. Wie kann man jemand schonend sagen: Unser Kloster ist
heute Nacht abgebrannt! Rings um die Welt wird die Nachricht mit Schock
aufgenommen; schnell zeigt sich die benediktinische Verbundenheit, auch weit über
die Missionsbenediktiner hinaus. Kondolenz-Schreiben aus Afrika, Asien, Amerika
treffen ein, und rührende erste Zeichen der Solidarität: eine kleine arme
Pfarrgemeinde in China, die von den Waegwaner Mönchen schon besucht worden war,
verspricht einen Beitrag zum Wiederaufbau. Auch die Missionsprokuratoren treten
in Aktion: wo Hilfe gebraucht wird, kann Waegwan auf die Mithilfe der Freunde
unserer Klöster rechnen. Ich
selber mache mich auf den Weg nach Südkorea. Waegwan ist das größte Kloster
unserer Kongregation, Mutterhaus von 7 kleineren Niederlassungen, deren jüngste
gerade erst vor einigen Monaten gegründet wurde. Mein Kurzbesuch soll zeigen,
dass die große Klosterfamilie der Missionsbenediktiner zu Waegwan steht. Welche
Unterstützung können wir gemeinsam leisten? Die erste Bitte ist die Rückkehr
eines Missionars mit jahrzehntelanger Bau-Erfahrung. Vor einem Jahr war er in
sein deutsches Heimtkloster zurückgekehrt. Jetzt wird er hier mehr als dringend
gebraucht. Kann der Erzabt helfen? Und
dann geht es natürlich auch ums Geld. Versichert ist das Gebäude – wie man
eben versichert, wenn man eigentlich auf die Vorsehung Gottes vertraut. Eine
Entschädigung wird es zwar geben, aber sie wird vermutlich kaum ein Fünftel
dessen ausmachen, was für einen sinnvollen Neubau veranschlagt werden muß. Die
koreanischen Freunde der Abtei werden sicher etwas beisteuern. Aber auch die Klöster
in Übersee werden versuchen zu helfen. Montecassino,
das Kloster des heiligen Benedikt, wurde vier Mal zerstört, zuletzt 1944 durch
alliierte Bomber. Aus dieser Erfahrung des immer wieder Neu-Beginnens hat sich
das Kloster ein inoffizielles Motto zugelegt: „Succisa virescit“ – der
abgeschlagene Baum treibt wieder aus. Die Gemeinschaft von Waegwan hat diesen
schweren Schlag mit großer Gefaßtheit aufgenommen und schon wenige Tage danach
mit den Vorbereitungen zum Wiederaufbau begonnen: eine Haltung von stoischer
Geduld und unerschütterlicher christlicher Zuversicht. Es ist ja nicht das
erste Mal, dass diese Gemeinschaft neu beginnt. Zur Ahnenreihe des Klosters gehören
über 30 Märtyrer, die zwischen 1946 und 1952 den Tod gefunden haben. Ein
kleines Häuflein wagte damals auf dem Hügel von Waegwan den Neuanfang, und in
50 Jahren ist daraus die größte Benediktinergemeinschaft Asiens geworden. Das
Karfreitagsfeuer 2007 hat diesen Geisteshaltung wieder herausgefordert. Ich
begegne in diesen Tagen überall Mönchen, die gefaßt sind. Keiner lamentiert,
alle machen sich still und mit großem Fleiß daran, wiederaufzubauen, was da
zerstört wurde. Es ist der benediktinische Weg Treue zu leben. Erzabt
Jeremias Schröder, St. Ottilien Spenden: |