Der Karfreitag, den keiner vergessen wird
Feuersbrunst in Korea 

Die Nachricht von der Brandkatastrophe in Waewan in der Nacht vom 5. zum 6. April hat die Klöster schnell erreicht. Der folgende Bericht zeichnet ein lebendiges bild von den Eindrücken in den ersten Tagen nach dem Brand, vom Ausmaß der Schäden, der Dankbarkeit für die Verschonung von Menschenleben und dem Mut zum Wiederaufbau. (Anm. der Redaktion) 

P. Raphael stönt leise auf und zieht aus dem verkohlten Schutt einen langen Stofffetzen. Erst als er ihn um seine Schultern legt, erkennen wir, dass er seine Priesterstola gefunden hat. Einen Moment lang ringt er um Fassung, dann gehen wir weiter auf unserem ernüchternden Erkundungsgang. Es ist der Mittwoch nach Ostern. Seit dem frühen Morgen stapfe ich mit drei koreanischen Mitbrüdern durch die Ruinen der Abtei Waegwan, die am Karfreitag abgebrannt ist. Auf den Gesichtern der Mitbrüder liegt Müdigkeit, auch noch eine Ahnung der Erschütterung dieser unvergesslichen Ostertage.

Wohl gegen 1 Uhr nachts war das Feuer im Dachstuhl des ältesten Gebäudeteils ausgebrochen. Zum Glück war es die Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag, in der in unseren Klöstern viele betend beim „Heiligen Grab“ verweilen. Als Subprior Br. Andreas von der Anbetung zurückkehrte, sah er den Feuerschein über dem Südflügel des Klosters. Erst glaubte er noch, die Flammen schlügen aus der dahinterliegenden Schule, bis ihm klar wurde, daß es das eigene Kloster war, das da brannte. Er rief die Feuerwehr und läutete dann die Mitbrüder aus den Betten. Mancher glaubte erst nicht an den Alarm, aber die nahenden Sirenen und das Chaos der beginnenden Evakuierung brachten dann rasch alle aus ihren Zimmern. Und wieder so ein Glücksfall, von dem es in dieser Nacht noch manche geben sollte: das Feuer begann dort, wo die jüngsten und beweglichsten Mitbrüder der Gemeinschaft ihre Zellen hatten.
Nicht auszudenken was geschehen wäre, wenn der Brand bei den Alten und Kranken begonnen hätte …

Fünf Stunden lang kämpft die Feuerwehr gemeinsam mit den Mönchen um das brennende Kloster. Im Nordflügel kann das Feuer gestoppt werden, bevor es das Erdgeschoß erreicht. Die Kirche bleibt unversehrt, auch Archiv und Bibliothek werden vom Feuer nicht erreicht, aber hier und anderswo beschädigt das Löschwasser, was vom Feuer nicht erreicht wurde. Ein besonderer Kampf gilt dem Büro von Abt Simon. Die Unterlagen der Klosterleitung können gerettet werden, während im danebenliegenden Schlafzimmer alles zerstört wird.

Die meisten Mönche verlieren an diesem Tag alles, was ihnen in Jahren und Jahrzehnten ihres Klosterlebens nützlich oder wichtig war. P. Thomas Timpte, Missionsbenediktiner aus Meschede und seit 40 Jahren in Korea, betrauert die ungezählten Artikel und Vorträge, die er in diesen Jahrzehnten erarbeitet und gehalten hat. „Aber ich bin alt, bei mir macht das nicht mehr so viel. Schlimmer ist es doch mit P. Sabbas.“ Der ist seit kurzem Novizenmeister, aber im ganzen Land als Exeget bekannt. Die Frucht von 15 Jahren Studien- und Forschungszeit ist verloren: eine über Jahre aufgebaute Gelehrtenbibliothek, Unterlagen für bedeutende Veröffentlichungsprojekte, der Computer mit Nützlichem und Wichtigem – alles ein Raub der Flammen. P. Sabbas, der mit den Novizen direkt unter dem Brandherd wohnte, hatte zunächst noch mit dem Feuerlöscher versucht, das Feuer aufzuhalten. Jetzt ist ihm eine geschwärzte Bücherreihe im Regal geblieben – Holzkohle, die beim Herausnehmen zerbirst.

Solche persönlichen Verlust- und Opfergeschichten gibt es viele an diesem Karfreitag. Aber bei allen überwiegt anderen Tags die Dankbarkeit darüber, daß niemand im Brand umgekommen ist, ja nicht einmal Verletzte beklagt werden mußten. Und auch auf die Werkstätten unmittelbar neben dem Konventbau griff das Feuer nicht über. Selbst das große Holzlager der Schreinerei – Koreas größte Kichenmöbelfabrikation –, das nicht einmal einen Steinwurf entfernt liegt, nimmt keinen Schaden. „Zum Glück“ war es eine windstille Nacht.

An diesem Karfreitag, während die Trümmer noch rauchen, müssen Entscheidungen getroffen werden. Wohin mit den obdachlos gewordenen Mönchen? Über der Straße steht das Exerzitienhaus der Abtei mit reichlich Zimmern. Die Ostergäste der Abtei könnten heimgeschickt werden – sicher hätte jeder Verständnis. Aber Abt Simon entscheidet anders: da wo die Mönche jetzt hingehen, werden sie wohl 1 ½ Jahre lang einquartiert bleiben. Das Exerzitienhaus ist wichtig für die Arbeit des Klosters – als Missionsbenediktiner hat die Gemeinschaft schließlich eine Sendung zu erfüllen. Abt Simon lädt die Gäste ein zu bleiben, und läßt seine Mönche ins alte Schüler-Seminar einziehen, das teilweise leersteht. Da wo zuletzt die Postulanten und Novizen und einige Gäste untergekommen waren, wird jetzt ein Notquartier für die Mitbrüder geschaffen, das wohl geraume Zeit ausreichen muß.

In den Morgenstunden dieses Karfreitag erlischt das Feuer allmählich. Seit dem Anbruch des Tageslichts werden die Feuerwehrleute von einem Helikopter unterstützt. Der Wassernachschub ist schwierig. Schließlich helfen auch die Amerikaner der benachbarten Kaserne mit ihren Tankfahrzeugen aus. Als das Dach des Kapitelsaals birst und das kleine Glockentürmchen von einer gewaltigen Feuer- und Rauchsäule verschlungen wird, liegt das Feuer anderswo schon in den letzten Zügen.

Die Trauermetten dieses Karfreitags fallen den Löscharbeiten zum Opfer. Aber am Mittag dieses Freitags versammelt sich die Gemeinschaft bereits wieder zum Chorgebet in der unversehrten Abteikirche, wenige Meter von den rauchenden und stinkenden Ruinen entfernt. Nur einen Moment lang hat der Herzschlag der Gemeinschaft, der Rhythmus des Stundengebets ausgesetzt, jetzt erklingt wieder das Lob, das seit 1952 an dieser Stelle ohne Unterlass gebetet wurde. Viele werden später sagen, daß sie noch nie ein Osterfest so intensiv erlebt haben wie dieses.

Inzwischen hat ein langer Zug von Besuchern eingesetzt. Bald schon steht der Erzbischof aus dem nahen Daegu vor der Tür, um sich nach dem Befinden der Gemeinschaft zu erkundigen. Viele Freunde der Abtei bringen Decken und Wäsche vorbei, und Notrationen des Koreanischen Roten Kreuzes. Auch die Oberinnen der Schwesternklöster der Umgebung machen kurze Besuche, und keine geht, ohne etwas dagelassen zu haben. Sogar eine warme Suppe kommt auf diese Weise ins Haus – Fleischsuppe am Karfreitag? Der Skrupel flackert nur eine Sekunde lang auf, dann läßt Abt Simon die Suppe zum Abendessen reichen. Die Entsagung dieses Karfreitags ist anderswo erbracht worden.

Auch die Journalisten haben sich eingefunden. Viele beschäftigt eine Frage. Wo ist das kostbare Album, von dessen Existenz die koreanische Öffentlichkeit vor einigen Monaten erfahren hatte? Es enthält Seidenmalereien des bedeutenden koreanischen Künstlers Chong-Son und war von der Erzabtei St. Ottilien, wo es über 80 Jahre lang im Safe schlummerte, vor kurzem an die Abtei Waegwan zurückgegeben worden. „Ein Stück von Koreas Seele kehrt in die Heimat zurück“, hieß es damals in den Zeitungen. Ist dieses  Stück Seele nun verbrannt? Zum Glück nicht. Prior P. Clemens ließ den Archivraum, in dem es verwahrt war, aufbrechen und brachte das kostbare Album in Sicherheit. Noch in der Brandnacht wurde es an einen ungenannten Ort in Seoul verbracht.

Nachdem die erste Gefahr gebannt war, sollten auch die anderen Missionsbenediktiner von der Katastrophe erfahren. Vom Kloster aus ging nichts mehr. Die Telefonzentrale war ausgebrannt, nur mit dem Handy konnte die Aussenwelt erreicht werden. P. Bartholomäus, Pfarrer in Naksang, 20 km vom Kloster entfernt, übernahm die traurige Benachrichtigung. Wie kann man jemand schonend sagen: Unser Kloster ist heute Nacht abgebrannt! Rings um die Welt wird die Nachricht mit Schock aufgenommen; schnell zeigt sich die benediktinische Verbundenheit, auch weit über die Missionsbenediktiner hinaus. Kondolenz-Schreiben aus Afrika, Asien, Amerika treffen ein, und rührende erste Zeichen der Solidarität: eine kleine arme Pfarrgemeinde in China, die von den Waegwaner Mönchen schon besucht worden war, verspricht einen Beitrag zum Wiederaufbau. Auch die Missionsprokuratoren treten in Aktion: wo Hilfe gebraucht wird, kann Waegwan auf die Mithilfe der Freunde unserer Klöster rechnen.

Ich selber mache mich auf den Weg nach Südkorea. Waegwan ist das größte Kloster unserer Kongregation, Mutterhaus von 7 kleineren Niederlassungen, deren jüngste gerade erst vor einigen Monaten gegründet wurde. Mein Kurzbesuch soll zeigen, dass die große Klosterfamilie der Missionsbenediktiner zu Waegwan steht. Welche Unterstützung können wir gemeinsam leisten? Die erste Bitte ist die Rückkehr eines Missionars mit jahrzehntelanger Bau-Erfahrung. Vor einem Jahr war er in sein deutsches Heimtkloster zurückgekehrt. Jetzt wird er hier mehr als dringend gebraucht. Kann der Erzabt helfen?

Und dann geht es natürlich auch ums Geld. Versichert ist das Gebäude – wie man eben versichert, wenn man eigentlich auf die Vorsehung Gottes vertraut. Eine Entschädigung wird es zwar geben, aber sie wird vermutlich kaum ein Fünftel dessen ausmachen, was für einen sinnvollen Neubau veranschlagt werden muß. Die koreanischen Freunde der Abtei werden sicher etwas beisteuern. Aber auch die Klöster in Übersee werden versuchen zu helfen.

Montecassino, das Kloster des heiligen Benedikt, wurde vier Mal zerstört, zuletzt 1944 durch alliierte Bomber. Aus dieser Erfahrung des immer wieder Neu-Beginnens hat sich das Kloster ein inoffizielles Motto zugelegt: „Succisa virescit“ – der abgeschlagene Baum treibt wieder aus. Die Gemeinschaft von Waegwan hat diesen schweren Schlag mit großer Gefaßtheit aufgenommen und schon wenige Tage danach mit den Vorbereitungen zum Wiederaufbau begonnen: eine Haltung von stoischer Geduld und unerschütterlicher christlicher Zuversicht. Es ist ja nicht das erste Mal, dass diese Gemeinschaft neu beginnt. Zur Ahnenreihe des Klosters gehören über 30 Märtyrer, die zwischen 1946 und 1952 den Tod gefunden haben. Ein kleines Häuflein wagte damals auf dem Hügel von Waegwan den Neuanfang, und in 50 Jahren ist daraus die größte Benediktinergemeinschaft Asiens geworden. Das Karfreitagsfeuer 2007 hat diesen Geisteshaltung wieder herausgefordert. Ich begegne in diesen Tagen überall Mönchen, die gefaßt sind. Keiner lamentiert, alle machen sich still und mit großem Fleiß daran, wiederaufzubauen, was da zerstört wurde. Es ist der benediktinische Weg Treue zu leben.  

Erzabt Jeremias Schröder, St. Ottilien 

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Kennwort: „Waegwan“
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