„Klosterschreibstube“ im Stift Fiecht 

Die Benediktinerabtei St. Georgenberg-Fiecht hat in ihrer 1000-jährigen Geschichte nicht nur seelsorglich gewirkt, sondern ist auch durch alle Jahrhunderte hindurch bis in die Gegenwart ein bedeutender Kulturträger im Unterinntal. Die Errichtung und Erhaltung von Kirchen und Kapellen, Erziehung und Bildung junger Menschen, Pflege von Musik und Malerei, die fachgerechte Aufbewahrung und Präsentation von Kunstschätzen, Dokumenten und Urkunden sprechen von der Wertschätzung der Mönche für alles Gute, Wahre und Schöne.  

Die besondere Aufmerksamkeit der Mönche galt allem Geschriebenen, vor allem dem Buch. In den Klosterschreibstuben (Skriptorien) wurden die Bücher des Alten und Neuen Testaments abgeschrieben, ebenso die griechischen und lateinischen Klassiker übertragen. Schon früh sammelten sich in den Klosterbibliotheken die Werke der Kirchenväter und die Lebensbeschreibungen der ersten Mönche, aber auch viele andere theologische, philosophische und medizinische Werke. Die liturgischen Bücher wurden reich verziert, die Einbände kunstvoll in Leder gebunden und mit  Edelsteinen besetzt.  

Die Abtei St. Georgenberg-Fiecht besitzt zahlreiche Handschriften und Inkunabeln, so genannte Wiegendrucke aus der Zeit zwischen 1450 und 1500. Diese frühen Drucke und weitere wertvolle Bücher blieben der Gemeinschaft trotz Klosterbränden und Aufhebungen erhalten. Sie werden in der für die Öffentlichkeit nicht zugänglichen Bibliothek aufbewahrt. 

Die Gemeinschaft hat sich nunmehr entschlossen, vor allem jungen Menschen die Möglichkeit anzubieten, eine Art Klosterschreibstube zu erleben. Architekt und DI Michael Schwärzler übernahm Planung und Begleitung der Arbeiten. Das Werk ist nun fertig.
In Regalen und Vitrinen können die wertvollen Produkte mittelalterlicher Buchherstellung betrachtet werden. Überdies kann der interessierte Besucher sogar in einem Faksimile-Werk mit Texten über den hl. Benedikt aus dem 12. Jahrhundert blättern. Das Original befindet sich in der Vatikanischen Bibliothek. Ein Kurzfilm von 12 Minuten („Mittelalterliche Buchherstellung“, Süddeutscher Rundfunk) zeigt die Herstellung von Handschriften und Büchern im Mittelalter; wie z.B. die Haut von Schafen oder Kälbern präpariert wird, wie man die frischen Farben für die Buchmalereien herstellt oder den Federkiel spitzt und die Seiten zum Buchblock an einander heftet. Höhepunkt der Begegnung mit den Büchern in Fiecht ist schließlich die Anfertigung und Bemalung eines Anfangsbuchstabens (Initiale). Junge Leute, die sonst  mit PC und Handy umgehen, malen jetzt  mit großem Eifer den ersten Buchstaben ihres Namens – an Stehpulten, wie einst die Mönche  im Mittelalter.  

Für überschaubare Projektgruppen von etwa acht SchülerInnen verschiedenster Schulzweige bietet sich in der Fiechter Klosterschreibstube eine einmalige Gelegenheit, die besondere kulturelle Leistung der Mönche, das Bücherschreiben, kennen zu lernen. Die Fächer Religion, Geschichte und Kunsterziehung finden in Fiecht Anschauungsmaterial, das in Tirol wohl einzigartig angeboten wird. Auch die Musik in Gestalt des gregorianischen Chorals oder in den Kompositionen Fiechter Patres aus dem 18. und 19. Jahrhundert hat im erlebnispädagogischen Angebot unseres Klosters ihren Platz.  

Hat die Schülergruppe genügend Zeit, läßt sich das Angebot der Klosterschreibstube  ausweiten zu einer Führung durch das Klostermuseum oder den Informationsgang (mit Exponaten aus Afrika und Asien). Die jungen Leute sollen auch Gelegenheit haben, mit einem Pater ins Gespräch über das benediktinische Ordensleben zu kommen.   

Abt Anselm Zeller, St. Georgenberg-Fiecht