Mystik-Tagung im Kloster St. Marien zu Helfta

20. bis 23. September 2006

„Wer wird mir Flügel geben?“ Gertrud von Helfta – Ihre Geistlichen Übungen


Eine Gruppe von 45 Interessierten, Frauen und Männer im kirchlichen Dienst und Freunde des Klosters Helfta, Ordensleute und Priester aus Deutschland, Osterreich und der Schweiz trafen sich im Kloster Helfta zur Mystik-Tagung: „Wer wird mir Flügel geben“.

Am 6. Januar 2006 hatte sich zum 750. Mal der Geburtstag der hI. Gertrud von Helfta gejährt. Der Bischof von Magdeburg, Dr. Gerhard Feige, eröffnete daraufhin in seinem Bistum ein Gedenkjahr der großen Frau. Im Rahmen dieses Gedenkjahres wurde die oben genannte Mystik‑Tagung konzepiert. In ihrem Mittelpunkt stand das zweite Hauptwerk Gertruds, die „Exercitia spiritualia“ (Geistliche Übungen), die in einer neuen Übersetzung kommentiert von Dr. Siegfried Ringler vorliegen.[1] Der „rote Faden“ des Programms:
Gott sucht den Menschen
Der Mensch sucht Gott
Die Botschaft des liebenden Gottes
Die Botschaft des heilenden Gottes
Die Botschaft des dreifaltigen Gottes
Die Botschaft des erlösenden Gottes

Methodisch wurde das Werk erschlossen in Vorträgen und Workshops, in der Exkursion, in der Feier der Liturgie, im Abiente des Klosters Helfta („Lebendiges Labyrinth“, Klosterteich).

Am Vorabend der Tagung wurden die Teilnehmer auf das Thema beeindruckend eingestimmt mit Psalmenvertonungen und Texten aus dem 5. Exercitium „Die göttliche Liebe“. 

Referate

Frau Äbtissin Assumpta Schenkl OCist. eröffnete die Vortragsreihe zum Thema: „Sieh her auf mich“ Die Botschaft vom liebenden Gott. Am Beginn ihrer Darlegungen stand die Frage: Ist es Gott, der den Menschen anruft, ihn anzuschauen, oder ist es der Mensch, der Gott bittet, sich ihm zu zuwenden? Die Referentin zeigte am Leben und Werk Gertruds auf, daß beides zutrifft. Wegen der Fülle der Aussagen dieser Art in den Exercitia spiritualia beschränkte sie sich auf das 5. Kapitel: „Die göttliche Liebe“. In der Mitte dieses Kapitels bietet Gertrud verschiedenste Bilder für die menschliche Sehnsucht, z.B.:

- das Bild der lebendigen Quelle, aus der sie schöpfen und trunken werden will;

- das Bild des Hungers, der nach Sättigung verlangt;

- das Bild der Verbannung: „O, wer, wer wird mich aus dem Leibe befreien.“

Am Ende des Kapitels bedient sich Gertrud eines Bildes aus dem militärischen Bereich. An diesen Bildern von Kampf, Schwert und Waffenrüstung wird deutlich, daß Gott, wenngleich er das Wesentliche wirkt, unseren Einsatz verlangt. 

Herr Dr. Siegfried Ringler hielt seinen Vortrag zum Thema: „Sprache des Heils. Die Exercitia spiritualia Gertruds von Helfta als Exerzitienbuch.“[2]

Die „Exercitia spiritualia“ sind ein Text, der sich von allen anderen Schriftzeugnissen der Frauenmystik des 13. und 14. Jahrhunderts deutlich abhebt. Im Gegensatz zur Visions‑ und Offenbarungsliteratur ihrer Zeit schildert Gertrud hier keine Einzelerlebnisse, sondern ein einziges Erleben, das dann auch die zentrale Botschaft dieser Schrift ist: die Erfahrung Gottes als amor deus, als Gott‑Liebe. Es gibt wohl selten ein theologisches Werk, das sich so radikal wie die „Exercitia“ auf diese Botschaft von Gott, der die Liebe ist, ausrichtet. Dabei ist zu beachten: Gertrud schreibt die „Exercitia“ mit ihrer lichtvollen Botschaft in einer dunklen Zeit des Verfalls kirchlicher und staatlicher Autorität, in einer Zeit eschatologischer Ängste angesichts des Untergangs aller Ordnungen.

In den „Exercitia“ geht es im Wesentlichen nicht um einzelne Übungen, sondern um die Umwandlung des ganzen Menschen, um eine Auferstehung.  

Herr Prof. Bardo Weiß sprach über „Die Trinität in den Exercitia spiritualia Gertruds der Großen“. Einleitend stellte er das trinitätstheologische Verstehensmodell des Mittelalters vor und unterschied eine „psychologische“ und eine „soziale“ Trinitätstheologie. Gertrud verwendet den Trinitätsbegriff in ihren Übungen häufig, wobei sie die göttlichen Personen und ihre Allmacht, Güte und Liebe nie getrennt verstanden wissen will. 

Unter dem Titel „Erhebe dich – Der erlöste Mensch“ fragte Herr Dr. Gotthard Fuchs: Wie lese ich mit meiner Biographie diese Texte heute? Dabei kamen die Unterschiede in Lebensauffassung zur Zeit Gertruds und in unserer Zeit zur Sprache:

- Anstelle unserer Religion ist die partnerschaftliche Liebe getreten. Das von Gott erwartende Heil, wird vom Partner erwartet, z.B. die Sehnsucht, ganz zu sein.

- Eine Weltspiritualität, die Leid und Tod ausblendet. Bei Gertrud gehören Leben und Tod zusammen.

- Religiosität beschränkt sich auf das Gutsein. Wir haben ein Problem mit Gott, weil er uns nicht mehr imponiert. Was imponiert uns noch?

- Wir sollten die Frage nach der Gewalt neu stellen. Wie lese ich auf diesem Hintergrund die Passionsmystik?

- Gertrud spricht vom rituell geordneten Kosmos. Wie lese ich als liturgieunfähig gewordener Mensch diese Texte? 

Im abschließenden Referat sprach Frau Dr. S. Spitzley‑Marquard über „Das Herz als Erfahrungsraum Gottes in den Exercitia spiritualia“

Als Einstieg zeigte sie Reklamebilder der gängigen „herzlichen Werbung“ – für Kaffee, Plüschtiere usw. Der Zeitgeist benützt das Symbol Herz oberflächlich zur Verkaufsstrategie. Gertrud hat Leser und Leserinnen vor Augen, die „Liebhaber“ sind. „Herz“ ist der Mensch, der nicht anders kann als lieben. Nach der Liturgie, von der sie sich in ihren Schriften leiten läßt, braucht „Herz werden“ Zeit, Beharrlichkeit und Treue. 

Workshops

Der Schwerpunkt der Tagung sollte nicht auf den Vorträgen liegen, vielmehr sollte die Tagung, mit Hilfe dieser Vorträge, hinführen zum gemeinsamen Lesen und Meditieren der Texte. Drei Workshops wurden angeboten und sehr gut angenommen. Sie fanden jeweils nach den Vorträgen statt.

1. „Texte Gertruds als Anregung für spirituelles Leben im 21. Jahrhundert“: Wie und wodurch bin ich Gertrud begegnet? Welcher Impuls war für mein geistliches Leben bedeutsam? Was hilft mir, an die Botschaft Gertruds heranzukommen, die in Sprache und Stil ihrer Zeit schreibt ?

Für die Euchanstiefeier mit Altbischof Nowak und das gemeinsame Morgenlob im „Lebendigen Labyrinth“ wurden Texte der hl. Gertrud vorbereitet 

2. „Gott meines Lebens – Übung zu Lob und Danksagung als Anregung zum eigenen Dank“. In Einzelarbeit überlegten die Teilnehmer(Innen), wofür sie klagen und und wofür sie danken. Aus den Ergebnissen entstanden Fürbitten für die abschließende Eucharistiefeier mit dem Apostolischen Nuntius.

In einer zweiten Arbeitseinheit kamen die 64 Namen zur Sprache, die Gertrud im Gebet für Gott findet. 

3. „Gertrud von Helfta als Patronin von Lateinamerika“. Wer sich für diesen Workshop entschieden hatte, machte sich anhand von Dias auf die Spurensuche nach Gertrud jenseits des Atlantik. 

Das Programm wurde mit einer Exkursion nach Mansfeld abgerundet, wo die erste Gründung von Helfta lag. Im Stundengebet und in der Eucharistiefeier wurde lebendige Gemeinschaft mit den Schwestern des „neuen“ Helfta erfahrbar. 

Ausblick

Organisiert war die Tagung von der „Mystik-Kommission“, gegründet vom damaligen Bischof von Magdeburg, Leo Nowak, zur Erforschung und Verbreitung der Schriften der heiligen Frauen von Helfta. Im Jahr 2007 wird ein Arbeitsband erscheinen, in den neben weiteren Forschungsergebnissen, die Referate der Gertrud-Tagung aufgenommen werden. Für September 2007 ist eine Mystiktagung zur hl. Mechthild in Planung.

Sr. Andrea Przywara, Fulda

 

[1] Gertrud von Helfta, Exercitia spiritualia. Geistliche Übungen, lateinisch-deutsch, eingeleitet, ediert, übersetzt und kommentiert von Siegfried Ringler, Humberg Buchverlag 2001, 397 S. gebunden, 27,50 €; ISBN 3980278867.

[2] Zum Thema erschien eine CD: Siegfried Ringler, Gertud von Helfta „Wer wird mir Flügel geben wie eine Taube“. Die Botschaft von der Gott‑Liebe. 54 Texte und Betrachtungen aus den Geistlichen Übungen Exercitia spiritualia der Gertrud von Helfta, ISBN 3938657006.