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Mystik-Tagung im Kloster St.
Marien zu Helfta „Wer wird mir Flügel geben?“ Gertrud von Helfta – Ihre Geistlichen Übungen
Am 6. Januar 2006 hatte sich
zum 750. Mal der Geburtstag der hI. Gertrud von Helfta gejährt. Der Bischof von
Magdeburg, Dr. Gerhard Feige, eröffnete daraufhin in seinem Bistum ein
Gedenkjahr der großen Frau. Im Rahmen dieses Gedenkjahres wurde die oben
genannte Mystik‑Tagung konzepiert. In ihrem Mittelpunkt stand das zweite
Hauptwerk Gertruds, die „Exercitia spiritualia“ (Geistliche Übungen), die
in einer neuen Übersetzung kommentiert von Dr. Siegfried Ringler vorliegen.[1]
Der „rote Faden“ des Programms: Methodisch wurde das Werk erschlossen in Vorträgen und Workshops, in der Exkursion, in der Feier der Liturgie, im Abiente des Klosters Helfta („Lebendiges Labyrinth“, Klosterteich). Am Vorabend der Tagung wurden
die Teilnehmer auf das Thema beeindruckend eingestimmt mit Psalmenvertonungen
und Texten aus dem 5. Exercitium „Die göttliche Liebe“. Referate Frau Äbtissin Assumpta Schenkl OCist. eröffnete die Vortragsreihe zum Thema: „Sieh her auf mich“ Die Botschaft vom liebenden Gott. Am Beginn ihrer Darlegungen stand die Frage: Ist es Gott, der den Menschen anruft, ihn anzuschauen, oder ist es der Mensch, der Gott bittet, sich ihm zu zuwenden? Die Referentin zeigte am Leben und Werk Gertruds auf, daß beides zutrifft. Wegen der Fülle der Aussagen dieser Art in den Exercitia spiritualia beschränkte sie sich auf das 5. Kapitel: „Die göttliche Liebe“. In der Mitte dieses Kapitels bietet Gertrud verschiedenste Bilder für die menschliche Sehnsucht, z.B.: - das Bild der lebendigen Quelle, aus der sie schöpfen und trunken werden will; - das Bild des Hungers, der nach Sättigung verlangt; - das Bild der Verbannung: „O, wer, wer wird mich aus dem Leibe befreien.“ Am Ende des Kapitels bedient
sich Gertrud eines Bildes aus dem militärischen Bereich. An diesen Bildern von
Kampf, Schwert und Waffenrüstung wird deutlich, daß Gott, wenngleich er das
Wesentliche wirkt, unseren Einsatz verlangt. Herr Dr. Siegfried Ringler hielt seinen Vortrag zum Thema: „Sprache des Heils. Die Exercitia spiritualia Gertruds von Helfta als Exerzitienbuch.“[2] Die „Exercitia spiritualia“ sind ein Text, der sich von allen
anderen Schriftzeugnissen der Frauenmystik des 13. und 14. Jahrhunderts deutlich
abhebt. Im Gegensatz zur Visions‑ und Offenbarungsliteratur ihrer Zeit
schildert Gertrud hier keine Einzelerlebnisse, sondern ein einziges Erleben, das
dann auch die zentrale Botschaft dieser Schrift ist: die Erfahrung Gottes als amor
deus, als Gott‑Liebe. Es gibt wohl selten ein theologisches Werk, das
sich so radikal wie die „Exercitia“ auf diese Botschaft von Gott, der die
Liebe ist, ausrichtet. Dabei ist zu beachten: Gertrud schreibt die
„Exercitia“ mit ihrer lichtvollen Botschaft in einer dunklen Zeit des
Verfalls kirchlicher und staatlicher Autorität, in einer Zeit eschatologischer
Ängste angesichts des Untergangs aller Ordnungen. In den „Exercitia“ geht es im Wesentlichen nicht um einzelne Übungen,
sondern um die Umwandlung des ganzen Menschen, um eine Auferstehung. Herr Prof. Bardo Weiß sprach über
„Die Trinität in den Exercitia spiritualia Gertruds der Großen“.
Einleitend stellte er das trinitätstheologische Verstehensmodell des
Mittelalters vor und unterschied eine „psychologische“ und eine
„soziale“ Trinitätstheologie. Gertrud verwendet den Trinitätsbegriff in
ihren Übungen häufig, wobei sie die göttlichen Personen und ihre Allmacht, Güte
und Liebe nie getrennt verstanden wissen will. Unter dem Titel „Erhebe dich – Der erlöste Mensch“ fragte Herr Dr. Gotthard Fuchs: Wie lese ich mit meiner Biographie diese Texte heute? Dabei kamen die Unterschiede in Lebensauffassung zur Zeit Gertruds und in unserer Zeit zur Sprache: - Anstelle unserer Religion ist die partnerschaftliche Liebe getreten. Das von Gott erwartende Heil, wird vom Partner erwartet, z.B. die Sehnsucht, ganz zu sein. - Eine Weltspiritualität, die Leid und Tod ausblendet. Bei Gertrud gehören Leben und Tod zusammen. - Religiosität beschränkt sich auf das Gutsein. Wir haben ein Problem mit Gott, weil er uns nicht mehr imponiert. Was imponiert uns noch? - Wir sollten die Frage nach der Gewalt neu stellen. Wie lese ich auf diesem Hintergrund die Passionsmystik? - Gertrud spricht vom rituell
geordneten Kosmos. Wie lese ich als liturgieunfähig gewordener Mensch diese
Texte? Im abschließenden Referat sprach Frau Dr. S. Spitzley‑Marquard über „Das Herz als Erfahrungsraum Gottes in den Exercitia spiritualia“ Als Einstieg zeigte sie
Reklamebilder der gängigen „herzlichen Werbung“ – für Kaffee, Plüschtiere
usw. Der Zeitgeist benützt das Symbol Herz oberflächlich zur
Verkaufsstrategie. Gertrud hat Leser und Leserinnen vor Augen, die
„Liebhaber“ sind. „Herz“ ist der Mensch, der nicht anders kann als
lieben. Nach der Liturgie, von der sie sich in ihren Schriften leiten läßt,
braucht „Herz werden“ Zeit, Beharrlichkeit und Treue. Workshops Der Schwerpunkt der Tagung sollte nicht auf den Vorträgen liegen, vielmehr sollte die Tagung, mit Hilfe dieser Vorträge, hinführen zum gemeinsamen Lesen und Meditieren der Texte. Drei Workshops wurden angeboten und sehr gut angenommen. Sie fanden jeweils nach den Vorträgen statt. 1. „Texte Gertruds als Anregung für spirituelles Leben im 21. Jahrhundert“: Wie und wodurch bin ich Gertrud begegnet? Welcher Impuls war für mein geistliches Leben bedeutsam? Was hilft mir, an die Botschaft Gertruds heranzukommen, die in Sprache und Stil ihrer Zeit schreibt ? Für die Euchanstiefeier mit
Altbischof Nowak und das gemeinsame Morgenlob im „Lebendigen Labyrinth“
wurden Texte der hl. Gertrud vorbereitet 2. „Gott meines Lebens – Übung zu Lob und Danksagung als Anregung zum eigenen Dank“. In Einzelarbeit überlegten die Teilnehmer(Innen), wofür sie klagen und und wofür sie danken. Aus den Ergebnissen entstanden Fürbitten für die abschließende Eucharistiefeier mit dem Apostolischen Nuntius. In einer zweiten Arbeitseinheit
kamen die 64 Namen zur Sprache, die Gertrud im Gebet für Gott findet. 3. „Gertrud von Helfta als
Patronin von Lateinamerika“. Wer sich für diesen Workshop entschieden hatte,
machte sich anhand von Dias auf die Spurensuche nach Gertrud jenseits des
Atlantik. Das Programm wurde mit einer
Exkursion nach Mansfeld abgerundet, wo die erste Gründung von Helfta lag. Im
Stundengebet und in der Eucharistiefeier wurde lebendige Gemeinschaft mit den
Schwestern des „neuen“ Helfta erfahrbar. Ausblick Organisiert war die Tagung von
der „Mystik-Kommission“, gegründet vom damaligen Bischof von Magdeburg, Leo
Nowak, zur Erforschung und Verbreitung der Schriften der heiligen Frauen von
Helfta. Im Jahr 2007 wird ein Arbeitsband erscheinen, in den neben weiteren
Forschungsergebnissen, die Referate der Gertrud-Tagung aufgenommen werden. Für
September 2007 ist eine Mystiktagung zur hl. Mechthild in Planung. [1]
Gertrud von Helfta, Exercitia spiritualia. Geistliche
Übungen, lateinisch-deutsch, eingeleitet, ediert, übersetzt und
kommentiert von Siegfried Ringler, Humberg Buchverlag 2001, 397 S. gebunden,
27,50 €; ISBN 3980278867. [2]
Zum Thema erschien eine CD: Siegfried Ringler, Gertud von Helfta „Wer wird
mir Flügel geben wie eine Taube“. Die Botschaft von der Gott‑Liebe.
54 Texte und Betrachtungen aus den Geistlichen Übungen Exercitia
spiritualia der Gertrud von Helfta, ISBN 3938657006. |