Überall dienen wir dem einen Herrn (RB 61,10)
Besuch der benediktinischen Klöster in Litauen
 

Die schon seit vielen Jahren bestehenden Kontakte zwischen unserer Gemeinschaft und den Benediktinerinnen in Litauen konnten in diesem Jahr durch einen Ferienaufenthalt im April / Mai vertieft werden. Grund des Besuches war außerdem die Bitte der Priorin und Subpriorin des Kaunasser Konventes, die im vergangenen Jahr bei uns zu Gast waren, eine praktische Hinführung und Ermutigung zum Choralgesang zu erhalten. 

Kaunas 

In Kaunas leben zur Zeit 23 Benediktinerinnen in ihrem in der Innenstadt gelegenen Kloster des hl. Nikolaus, das 1624 gegründet wurde und dessen Kommunität allen Kriegen und Besatzungszeiten standhielt. 1948 wurde das Kloster von den sowjetischen Behörden geschlossen und die gotische Kirche in ein Bibliotheksmagazin umgewandelt.

Vor mehr als zehn Jahren konnten die Schwestern wieder in ihr Kloster einziehen. Jedoch stehen ihnen bis heute noch nicht alle Gebäude zur Nutzung zur Verfügung. In der über 40 Jahre währenden Zeit der Aufhebung des Klosters lebten sie einzeln über das ganze Land zerstreut wie Mitglieder eines Säkularinstituts. Gemeinsame Treffen und auch Aufnahmen waren nur im Geheimen möglich, so daß die Neueintretenden nie ein reguläres Klosterleben kennenlernen konnten. Aus diesem Grund wohnt noch heute etwa die Hälfte der Kommunität außerhalb von Kaunas, bis hohes Alter oder Krankheit eine Rückkehr notwendig werden lassen. Die in der Gemeinschaft lebenden Schwestern versuchen, ihr monastisches Leben mit einer Berufstätigkeit in der Stadt zu verbinden, ähnlich der Lebensform der Kommunität Venio (München). In den jetzt bewohnten Räumlichkeiten besteht keine Möglichkeit, innerklösterliche Werkstätten zum Erwerb des Lebensunterhaltes einzurichten. Es ist jedoch geplant, ein Nebengebäude, in dem zur Zeit noch ein städtisches Kinderheim untergebracht ist, als Gästehaus umzubauen. Die veränderte politische Situation wird dankbar genutzt, wobei jedoch die Schwestern auch die Schattenseiten des westlichen Wirtschaftssystems, wie beispielsweise hohe Arbeitslosigkeit oder menschenunwürdige Arbeitsbedingungen für Angestellte einer großen Kaufhauskette, kritisch wahrnehmen.

In den letzten Jahren konnten viele neue Mitglieder aufgenommen werden, und man bemüht sich sehr um eine gute Ausbildung der jungen Schwestern. Die Theologische Fakultät ist nur wenige Meter vom Klostergelände entfernt, dort studieren mehrere Schwestern. Zwei Schwestern konnten an der benediktinischen Hochschule S. Anselmo ein Aufbaustudium in den Fächern Liturgik bzw. Monastica anschließen. Zur Zeit gehören drei Schwestern mit zeitlicher Profeß, eine Novizin und eine Postulantin zum Juvenat.

Da die Klosterkirche zugleich Pfarrkirche ist, besteht eine enge Verbindung zur Gemeinde. So bereiten z.B. zwei Schwestern die Kinder der Pfarrei auf die Erstkommunion vor und führen teilweise Vorbereitungskurse für die Eltern durch. Auch die Eucharistiefeiern sind sehr „gemeindenah“ gestaltet, meist mit mehrstimmigen traditionellen oder neuen geistlichen Liedern, und werden vollständig in litauischer Sprache gehalten. Ob in der Zukunft der gregorianische Choral mehr Bedeutung gewinnen wird, bleibt abzuwarten – eine große Schwierigkeit auf diesem Weg stellt sicher die lateinische Sprache dar. Neben Tagzeitengebet und Eucharistiefeier haben auch Gebetsformen der Volksfrömmigkeit ihren festen Platz, wie z.B. im Monat Mai die täglich gesungene Lauretanische Litanei.

Anstelle der Totenvigil für eine verstorbene Schwester erlebte ich ein traditionelles litauisches Totengebet von etwa 90 min Dauer, das 15 Stationen aus dem Leben Jesu mit Anrufungen für die Verstorbene sowie Lobgebeten verbindet. Durch ihren Epiphaniecharakter und die Ausrichtung auf die himmlische Liturgie beeindruckte mich diese – musikalisch an russisch-orthodoxe Gesänge erinnernde – Andacht sehr.

Die Schwestern halten den Tag über Eucharistische Anbetung, wobei sich auch Frauen aus der Gemeinde beteiligen. Die Tagzeitenliturgie betet die Gemeinschaft vollständig in Litauisch entsprechend der Liturgia Horarum, jedoch ohne Lesehore – die beiden Lesungen werden im Anschluß an die Laudes gelesen. Ein nicht zu unterschätzendes Problem für den Vollzug ist das Fehlen vollständiger muttersprachlicher Bücher. Bis heute ist leider nur ein Band der LitHor ohne Vertonung erstellt worden. Er enthält den Vier-Wochen-Psalter, Hymnen für die Zeit im Jahreskreis und die geprägten Zeiten, ein kleines Commune für die Heiligenfeste sowie die Totenliturgie. Auch ein Lektionar ist noch nicht erschienen. Das bedeutet, daß die Schwestern – im Austausch mit anderen Ordensleuten im Land – alles selbst übersetzen und dann mit Blättern bzw. Heften das Fehlende ergänzen. Da es noch keine Vertonungen gibt, werden die Antiphonen gesprochen, aber Psalmen, Hymnen u.a. meist gesungen. Eine Schwester mit kirchenmusikalischer Ausbildung kann vielleicht nach und nach Antiphonen selbst vertonen, Anfänge dazu existieren schon.

Viele Voraussetzungen, die heute in unseren deutschen Klöstern selbstverständlich gegeben sind – etwa ausreichende Gemeinschaftsräume, häufiger Austausch der Verantwortlichen der unterschiedlichen innerklösterlichen Arbeitsbereiche, oder die Möglichkeit, verschiedene Klöster im eigenen Land zu besuchen, um einfach kennenzulernen, wie andere als Benediktinerinnen leben – fehlen in Litauen. Um so mehr verdient das Bemühen der Schwestern dort Hochachtung und Unterstützung, ein monastisches Leben aufzubauen, das sich sowohl der Tradition des Mönchtums verpflichtet weiß, als auch eigenes Erbe und die heutige Lebenskultur junger Menschen in Litauen integrieren möchte. 

Palendriai 

Natürlich zeigten mir die Schwestern ihr schönes Heimatland, wobei uns ein Ausflug in das etwa 150 km nördlich von Kaunas gelegene Palendriai führte. Dort besuchten wir das 1998 von Solesmes gegründete Priorat des hl. Benedikt, das schon von weitem durch seine eindrucksvollen Gebäude den Blick auf sich zieht. Zur Kommunität gehören derzeit 12 Mitglieder, darunter auch vier Litauer. Entsprechend den Idealen des alten Mönchtums konzentriert sich die Gemeinschaft auf Tätigkeiten innerhalb des Klosters und ist offen für Gäste, die Stille oder geistliche Begleitung wünschen. Größere Gruppen von Gästen können in einem separat liegenden Gästehaus aufgenommen werden, das von litauischen Ordensfrauen betreut wird. Einmal jährlich besucht der Abt von Solesmes das Priorat. Dabei lernte er auch schon die Schwestern in Vilnius und Kaunas kennen. Im letzten Jahr trafen sich Mitglieder aller drei Gemeinschaften in Palendriai, um auf 600 Jahre benediktinisches Leben in Litauen zurückzuschauen und gemeinsam um Gottes Segen für die Zukunft zu bitten.

Bei meinem Besuch Nach trafen wir uns,  nach dem mit Solesmenser Feierlichkeit zelebrierten lateinischen Choralamt (Lesungen und Fürbitten in litauischer Sprache), zu einem Gespräch mit P. Gérard. Er ist einer der sechs Mönchen, die vor acht Jahren auf ihrer Fahrt zur Neugründung in Alexanderdorf Station machten. Der Glaubensmut der Mönche, ihre französische Heimat weit hinter sich zu lassen, hatte meine Mitschwestern und mich damals sehr beeindruckt, und so war die Wiedersehensfreude groß. Es bleibt zu hoffen, daß auch diese mehr im Verborgenen lebende Gemeinschaft, in die Gesellschaft eines Landes ausstrahlen kann, in der über Jahrzehnte hin kirchliches Leben aus der Öffentlichkeit verbannt war. 

Vilnius 

Den letzten Tag meiner Reise konnte ich in der kleinen benediktinischen Kommunität in Vilnius verbringen. Die zur Zeit aus sieben Schwestern bestehende Gemeinschaft lebt seit 1998 in einem umgebauten Einfamilienhaus in einem ruhigen Stadtviertel der litauischen Hauptstadt. Auch dieser seit 1622 bestehende, polnisch geprägte Konvent blickt auf eine bewegte, leidvolle Geschichte zurück. Unterdrückung und Internierung erfuhren die Schwestern unter der Zarenherrschaft, von den deutschen Besatzern im zweiten Weltkrieg und zuletzt durch die Sowjetregierung. Ihr großes Kloster der hl. Katharina wurde 1948 enteignet und die Kommunität lebte – ebenso wie die Schwestern aus Kaunas – im Untergrund.

Bis heute bemüht sich die Gemeinschaft vergeblich um die Rückgabe von Kirche und Klostergebäuden, wobei jedoch die Frage offenbleibt, wie die kleine Kommunität die großen alten Gebäude nutzen und erhalten könnte. Nur den Garten ihres alten Klosters können die Schwestern inzwischen wieder selbst bewirtschaften. Die barocke Kirche wird derzeit restauriert und soll als Konzertsaal genutzt werden. Ihren Lebensunterhalt bezieht die Gemeinschaft aus den Renten der Schwestern und einer kleinen Hostienbäckerei. Eucharistiefeier und Tagzeitenliturgie feiern die Schwestern in der Kapelle ihres kleinen Klosters in polnischer Sprache, sonntags besuchen die Pfarrkirche des Stadtviertels. Die Kommunität hofft auch für die Zukunft auf Nachwuchs aus der polnischen Minderheit, die etwa 7% der litauischen Bevölkerung ausmacht und zumeist in Vilnius und Umgebung lebt.

Leider war der letzte halbe Tag viel zu kurz, um die Sehenswürdigkeiten der alten Stadt Vilnius, insbesondere die vielen Kirchen, näher in Augenschein zu nehmen. 

Die unkomplizierte Herzlichkeit, mit der ich trotz der Sprachschwierigkeiten überall aufgenommen wurde, das Erleben der tiefen Gläubigkeit alter und junger Menschen im Land und nicht zuletzt das gemeinsame Gotteslob mit den Mitschwestern und Mitbrüdern unseres Ordens ließen mich reich beschenkt und mit großer Dankbarkeit wieder die Heimreise antreten. Für den Monat Juli erwartet unsere Gemeinschaft den Gegenbesuch von zwei jungen Schwestern aus Kaunas. So hoffen wir, daß die Kontakte weiterhin fruchtbar sind für beide Seiten und uns bestärken auf dem gemeinsamen Weg benediktinischen Lebens, denn „überall dienen wir ja dem einen Herrn“ (RB 61,10). 

Sr. Beata Reime, Alexanderdorf