„Im Haus unserer Pilgerschaft“ ( Psalm 119)
Weltjugendtag bei den Benediktinerinnen in Köln
 

Wie unsere Gemeinschaft den Weltjugendtag erlebt hat? Im Folgenden soll berichtet werden über die Zeit, die wir bei uns im Kloster, in einem Begegnungszentrum der benediktinischen Jugend der Welt, mit den Jugendlichen und den Brüdern und Schwestern aus Münsterschwarzach, Meschede, Marienstatt, Glattburg (Schweiz), Seligenthal, Kreitz, Tegelen (Holland) und Oss ( Holland) erleben durften. 

Erste Schritte

Im Zugehen auf den Weltjugendtag stellten wir uns im Konvent des öfteren die Frage, wie wir als Gemeinschaft diese Tage der internationalen Begegnung mitgestalten und dort präsent sein könnten. Es gab Anfragen an das Bistum nach Möglichkeiten, sich als Ordensgemeinschaft zu beteiligen. Doch uns wurde deutlich gemacht, daß am Weltjugendtag mehr die aktive Teilnahme der Gemeinden gefragt sei und die Klöster lediglich und gerne als Unterkunftmöglichkeiten genutzt würden. Auf diese Auskunft hin, legten wir das Thema erst einmal wieder zu Seite. Immer wieder kamen Anfragen aus Gemeinden, ob sie mit ihren Gruppen bei uns schlafen könnten, jedoch nicht nur wegen unserer begrenzten Zimmer waren wir uns alle einig, daß diese Form von Beherbergungen nicht ganz das war, was zu uns paßte. So sagten wir den Gemeinden ab und suchten mit ihnen nach neuen Unterkünften.

Im Juni 2004 erreichte Sr. Johanna dann eine Anfrage von P. Jonathan aus Münsterschwarzach, ob unsere Gemeinschaft bereit sei, ihr Grundstück für ein Begegnungszentrum der benediktinischen und zisterziensischen Jugend, die sich schon im Vorfeld auf der Tibyc (Third International Benedictine Youth Congress) in Meschede treffen würde, zur Verfügung zu stellen. Sr. Johanna sagte P. Jonathan, ganz gegen unsere Gewohnheiten ohne vorherige Absprache mit dem Konvent zu. Sie wußte nicht, wie das für uns alle und speziell für unsere Gemeinschaft aussehen könnte. Als wir davon erfuhren, hatten wir alle sofort das Gefühl, daß das etwas sei, was zu uns passen könnte.

Im Juni 2004 traf sich eine Gruppe unserer Schwestern mit Brüdern aus Meschede, Münsterschwarzach und Marienstatt zu einem ersten Treffen bei uns im Kloster. Wir tauschten Ideen aus, und im Fragen der Brüder und im „Miteinander Weiterspinnen“ der Idee wurde uns mehr und mehr deutlich, was für uns als Gemeinschaft gehen könnte und was unvorstellbar wäre. Am Ende dieses Tages war uns klar, wir wollten die Pilger mit herzlicher Gastfreundschaft empfangen, unsere Tore öffnen, ohne den Schwestern ihren, für unser Leben so notwendigen Rückzugsraum zu nehmen. Die Pilger sollten hier einen Raum für Gebet und Austausch und einen Ort zum Ausruhen vorfinden.

Die ersten Ideen wurden den Schwestern in einem Kapitel vorgestellt, und sie konnten eigene Vorstellungen einbringen. Alle Schwestern, ob jung oder alt, nahmen die Ideen der Gruppe sehr interessiert und offen auf, und sofort erklärten sich Schwestern bereit, entweder bei Gesprächen und Impulsen, oder auch als Entlastung in den Alltagsdingen im Hintergrund in der Gemeinschaft mitzuwirken und so zum Gelingen dieses Treffens beizutragen.

Um eine effektivere Zusammenarbeit mit Brüdern aus Marienstatt, Meschede und Münsterschwarzach zu ermöglichen, löste sich die Gruppe der Schwestern, die an dem ersten Treffen teilgenommen hatte, auf, und Sr. Johanna beauftragte Schwester Cornelia und mich mit der Planung. Das war eine neue Erfahrung für uns, denn bisher war es eher üblich, in Entscheidungsprozessen, die die ganze Gemeinschaft betrafen, Arbeitsgruppen zu bilden. Jetzt wurden die Informationen lediglich in Abständen im Kapitel vorgestellt, und nur noch Details wurden in der ganzen Gemeinschaft abgestimmt. Es war ein großes Geschenk, zu erfahren, wie viel Vertrauen uns die Schwestern entgegenbrachten und wie sie uns immer wieder mit ihrer Kreativität weiterhalfen, wo uns die Ideen ausgingen.

Beim zweiten Treffen in Münsterschwarzach begann alles schon viel konkreter zu werden, es wurde allen beteiligten Erwachsenen klar, daß es erstrebenswert sei, auch die Schüler und Schülerinnen mit in die Vorbereitung einzubeziehen, damit es wirklich ein Ort der benediktinischen Jugend würde. Mehrere Treffen folgten, bei denen dann auch kleine Schülergruppen von Münsterschwarzach, Meschede, Marienstatt und Seligenthal mitwirkten. Die Fragen und Ideen der jungen Leute forderten uns heraus. Immer wieder hieß es „Warum“…, und wir waren gefordert, einzeln oder in Gemeinschaft eine Antwort zu geben oder wenigstens die Frage weiter mitzunehmen und darüber nachzudenken.

Es war den Jugendlichen ein Anliegen, den Menschen, die das Zentrum besuchen würden, „ihre“ Schwestern und Brüder und die Klöster ihrer Schwestern und Brüder vorzustellen, sie wollten die Besucher dazu bringen, nachzufragen und alte Vorurteile und Klischees zu hinterfragen.

So brachten wir vor allem die Ideen der SchülerInnen immer wieder in unsere Gemeinschaft ein, diskutierten sie und schauten gemeinsam, ob wir uns darauf einlassen konnten und es ausprobieren wollten. Dabei hatten wir sehr deutlich im Blick, daß in der Zeit auch unsere alltäglichen Dinge im Kloster getan werden mußten und wir waren darauf bedacht, nur so viel an Engagement zuzusagen, wie wir auch wirklich leisten konnten. Uns allen war bewußt, daß nur ein kleiner Bruchteil wirklich planbar und von uns ein hohes Maß an Flexibilität und spontaner Einsatzbereitschaft gefordert sein würde. 

Es wird ernst

Der Tag, an dem die ersten Helfer aus Meschede zum Vorbereiten kommen sollten, rückte immer näher, und in unserer Gemeinschaft wurde erledigt, was erledigt werden konnte, um die Woche wirklich so gut wie möglich von Arbeit freizuhalten. Wir hatten für die verschiedenen Stunden, in denen unser Begegnungszentrum geöffnet sein sollte, einen Plan erstellt, in dem sich die Schwestern stundenweise für Gespräche, Impulse oder auch für die Anbetung in der Kirche zur Verfügung stellen konnten. Die Stundengebetszeiten waren für alle verbindlich, wobei es für mich und Sr. Cornelia immer wieder hieß, flexibel zu sein und ggf. auch auf dem Hof zu bleiben und die Brüder und Schwestern aus den anderen Gemeinschaften zu unterstützen. Wir waren uns jedoch einig, daß das nur in Ausnahmen geschehen sollte, um in den Stundengebetszeiten mit  der ganzen Gemeinschaft zu beten und so deutlich zu machen, was den  Mittelpunkt unseres klösterlichen Lebens darstellt.

Am 13.8.2005 trafen die ersten Schüler zusammen mit den Lehrern ein und sie wurden von einigen Schwestern herzlich begrüßt. Verschiedene Schwestern hatten sich bereit erklärt, kleine Arbeitsgruppen zu übernehmen. So machten sich Sr. Anna und Sr. Gabriele mit jeweils einer Gruppe im Hof an die Arbeit. Da mußte gefegt und die Bierzeltgarnituren aufgestellt werden. Es hieß die Weide, auf der sonst unsere Rinder grasen und sich unsere Hunde tummeln, zu säubern und vieles mehr. Sr. Theresia bügelte mit zwei Schülerinnen die letzten Helfer-T-Shirts. Die Brüder aus Meschede stellten mit einer Gruppe die Zelte auf, und Sr. Cornelia und ich kümmerten uns um das Allerlei nebenbei: Da brauchte man hier eine Schere und da Uhu-Kleber …
Schon am frühen Abend war unser Hof ganz verändert. Die Schüler waren müde, und wir wußten schon nach dem ersten Tag, daß es in den kommenden Tagen darum gehen würde, unvorhersehbare Situationen gemeinsam zu meistern. Darin hatte unsere Gemeinschaft schon vor dem Weltjugendtag einige Erfahrungen.

Die meisten unserer Schwestern haben, im Gegensatz zu den Mönchen, nur selten mit so vielen jungen Menschen Kontaktmöglichkeiten. Immer wieder sagte die ein oder andere, wie positiv überrascht sie sei von dem Engagement der jungen Leute. Sich einen eigenen Eindruck verschaffen zu können, ist doch etwas anderes, als immer nur von Verwandten und Freunden erzählt zu bekommen, wie sich „die Kinder“ verhalten.

In den folgenden zwei Tagen wurden die Vorbereitungen abgeschlossen. Immer wieder begegneten uns Schüler und Schülerinnen, die in Begleitung einer Schwester etwas durch den Kreuzgang trugen. Es wirkte wie in einem Ameisenhaufen, sehr lebendig, aber doch auch organisiert. Solche Situationen, die sich einfach ergaben, konnten wir vorher nicht theoretisch durchspielen. Alle ließen sich darauf ein, und es war ein Geschenk, wahrzunehmen, wie respektvoll die Jugendlichen sich in unseren Lebensräumen bewegten und wie klar es ihnen war, daß uns diese Räume kostbar sind. Es war für sie keine Frage, daß das Betreten der Klausur in diesen Tagen eine Ausnahme darstellte.

Am Montag, dem 15. August, trafen die letzten Helfer aus den Schulen ein, zusätzlich zwei junge Frauen aus den Niederlanden, die uns als Volunteers zugeteilt worden waren. Am Dienstagmorgen begann unsere gemeinsame Arbeit mit einem Impuls in der Kapelle, an dem alle mitarbeitenden Schwestern, Brüder und Schüler teilnahmen. Bruder David hieß alle herzlich willkommen und lud uns mit den Worten der Regel Benedikts ein, den Menschen „entgegen zu laufen“, in ihnen Christus zu erkennen und sich Zeit zu nehmen. Er wies aber auch darauf hin, daß dies nur möglich sei, wenn auch wir uns Zeit zum Ausruhen und Auftanken vor Gott im Gebet nehmen würden. Er machte noch einmal deutlich, wie wichtig das stille Verweilen vor IHM in der Geschäftigkeit und in der bunten Vielfalt das Zentrum sei. 

Streiflichter von den Tagen der Begegnung
Unsere Kirche war zur Anbetung geöffnet, und zu den vollen Stunden gab es immer Impulse, die von Schwestern oder SchülerInnen vorbereitet worden waren. So waren auch unsere älteren Schwestern, die ihren Dienst in dieser Zeit hauptsächlich im Gebet in der Kirche versahen, am Geschehen beteiligt.
Durchgängig stellten sich Schwestern und Brüder zusammen mit den Jugendlichen auf dem Hof den Fragen der Menschen, die vorbei kamen. Auch wenn uns nicht die Mengen besuchten, die wir erhofft hatten, so kamen doch immer wieder Pilger, die sich unser Zentrum ganz bewußt im Programm ausgesucht hatten.

Es gab auch Menschen aus unserer Nachbarschaft, unserem Stadtteil, die unseren Hof das erste Mal betraten und den Kontakt suchten. Die Gespräche mit ihnen verschafften uns Schwestern neue Einblicke in die Alltagswelt und Lebensumstände unserer Nachbarn, und gleichzeitig ließen sie uns fragen, warum sie teilweise über 30 Jahre nicht gewagt hatten, bei uns zu klingeln. Was davon war unser Anteil, was war ihrer? Und: Wie wollen wir eigentlich präsent sein in unserer Stadt für diese Menschen?
Das Gespräch darüber und vielleicht eine Antwort auf diese Frage steht noch aus. Wir sind uns im Konvent einig, daß da deutlich ein Impuls für unsere Gemeinschaft gesetzt worden ist, den wir nicht einfach übergehen dürfen.

Wochenlang vor dem Weltjugendtag hing ein Banner mit der Aufschrift „Come in and find out“ (Komm herein und finde es heraus) an unserem Torgitter, Schülerinnen aus Meschede hatten es von vielen Bekannten in mehrere Sprachen übersetzen lassen. Wann immer wir vor der Klostertür an der Bushaltestelle warteten oder auch nur auf der Straße entlang gingen, hielten uns Menschen an, stellten uns Fragen oder teilten uns mit, daß sie vorbeikommen würden.
Eine der lustigsten Begegnungen war sicher die mit einem jungen Mann, der hier in Köln BWL studiert und der polnischen Sprache mächtig ist. Er hielt mit dem Fahrrad an, als er uns auf dem Bürgersteig stehen sah, und teilte uns lachend mit, daß der polnische Satz, der da geschrieben stand übersetzt hieße: „Komm herein und finde den Ausgang“.
An einem Morgen hatte jemand an dem Banner mit einer Sicherheitsnadel Papierseiten angeheftet. Nach genauerer Untersuchung stellte sich heraus, daß es sich um eine arabische Übersetzung unseres Satzes handelte. Davon waren die Schwestern sehr berührt. Wenn man bedenkt, daß unter der knapp eine Million Menschen in Köln etwa hunderttausend Muslim leben…

Immer wieder kamen Mütter und Väter mit ihren Kindern vorbei, entweder um bei uns in der Kirche zu beten, im Garten die Kühe auf der Wiese anzusehen und dabei an unserem Getränkestand eine Pause zu machen oder  auch nur, um einmal die Nonnen aus der Nähe zu sehen und mit ihnen zu sprechen. Manche kamen auch ganz gezielt zu unserem Trommelworkshop, der von Bruder Nikolas aus Münsterschwarzach an zwei Nachmittagen angeboten wurde. Die Brüder hatten 25 Trommeln aus der Mission mitgebracht. Alle gemeinsam getrommelt, lockten sie Menschen an, die sie noch unten am Rhein gehört hatten und ihnen bis zu uns gefolgt waren. Vor unserem Kloster angekommen, waren sie erstaunt über ein buntes Gemisch aus Brüdern, Kindern, Eltern, Lehrern und Schwestern, die gemeinsam sangen und sogar afrikanisch tanzten.

Die internationalen Besucher benediktinischer Schulen anderer Kontinente (Kanadier, Australier, Äthiopier ...) waren ganz in der Nähe unseres Klosters in einem Gymnasium untergebracht. Sie boten uns Schwestern eine gute Gelegenheit, unsere Sprachkenntnisse aufzufrischen und zu erfahren, wie benediktinisches Leben in anderen Ländern gelebt wird.

Wenn sich die Pilger des WJT  auch hauptsächlich innerhalb der Kölner Ringe tummelten, so kamen doch „unsere Schüler“ immer wieder vor dem Schlafengehen bei uns vorbei oder, wie sie sagten, „nach Hause“. Mal war es der Hunger und mal einfach die Fülle von Eindrücken, die sie zu uns führten. So wurde in den ersten Tagen am Abend in der Klosterküche alles aufgeboten, um noch ca. 30 hungrige Mägen von Schülern zu füllen, die einen ganzen Tag lang aufgrund von Organisationsproblemen nichts zu essen bekommen hatten.
Ein Herr, der täglich an unserer Pforte Essen erbittet, brachte in den folgenden Tagen einen Einkaufswagen voller Lebensmittel für die Jugendlichen vorbei, die er im Supermarkt erbeten hatte. Er hatte von dem Chaos an den Essenausgaben gehört und wollte uns nun auf diese Weise unterstützen.
Ein Bäcker stiftete zwei Autos voll Laugenbrezel und Quarkbällchen, die dann von einer Lehrerin aus Marienstatt und einem Volunteer den ganzen Nachmittag in unserer Klosterküche aufgebacken und am Abend an alle hungrigen Pilger verteilt wurden. 

Was bleibt?
Wir Brüder und Schwestern sprachen immer wieder über den Satz der Jugendlichen, die sagten: „Wir kommen nach Hause“, egal woher sie kamen. Sie kamen „nach Hause“, wenn sie abends in unser Kloster kamen. So mußte es etwas geben, was unsere Klöster verbindet, was uns tief gemeinsam ist und den Schülern das Gefühl von Vertrautheit gibt. Dieses Etwas konnte offensichtlich nicht in unserer Tätigkeit liegen, sondern hatte etwas zu tun mit unserer Spiritualität mit unserem BenediktinerInnen-Sein. Diese Erfahrung machte auch zwischen uns Brüdern und Schwestern ein Zusammengehörigkeitsgefühl erfahrbar, das wir so noch nicht kannten.
Wir waren uns einig: Es waren zwar nicht so viele Menschen gekommen, wie wir erwartet hatten, aber das eigentliche Ziel war erreicht worden, einen Ort zu schaffen, an dem die Jugendlichen sich treffen konnten, zu dem sie „nach Hause“ kommen konnten, einen Ort vorfanden, wo schon längst gebetet wurde und wo man eingeladen war, sich niederzulassen und mitzubeten.

Für uns Schwestern war es im Vorfeld wie auch in der Durchführung des Weltjugentages eine sehr gefüllte und aufregende Zeit, in der sich aber die Investition unsere Kräfte voll und ganz gelohnt hat. Wir haben viel gegeben, auf vieles verzichtet, was sonst fester Bestandteil in unserem Alltag ist. Wir durften jedoch neu erfahren, wie stark wir sind im Bewältigen von Aufgaben, die einfach auf uns zukommen und wie wir in solchen Momenten fähig sind, Dinge zu tun, die wir theoretisch nicht für möglich gehalten hätten. Wir waren be-geistert und haben viel geschenkt bekommen in Dingen, Menschen, Begegnungen, Begebenheiten und in dem stillen gemeinsamen Beten vor unsrem Gott, der unsere Mitte ist und bleiben wird, über diese Tage hinaus.

„Wir sind geblieben, um ihn anzubeten.“ Es bleibt eine tiefe Dankbarkeit für diese Tage, und unsere Gebete werden die Jugendlichen begleiten, wohin immer sie weitergehen.

Sr. Lucia Segler, Köln-Raderberg