„Tragt das Feuer in die ganze Welt“. Erster Weltkongreß der Benediktineroblaten
vom 19. bis 25. September in Rom

Zu einer ganz besonderen Erfahrung der Gemeinschaft mit Gott und der benediktinischen Gemeinschaft weltweit wurde der erste Weltkongreß der Benediktinertoblaten, der vom 19. bis 25. September in Rom stattfand. Rund 300 Vertreter der Oblatengemeinschaften (davon ca. 240 Oblaten und 60 Ordensleute) aus 35 Ländern trafen sich eine Woche lang im Salesianum in Rom zum Thema „Gemeinschaft mit Gott – Gemeinschaft mit der Welt“. Derzeit gibt es weltweit mindestens 25000 Oblaten. Von den schätzungsweise 2500 Oblaten im deutschsprachigen Raum waren 19 in Rom vertreten. 

Idee und Initiative zu diesem Kongreß gingen von Abtprimas Notker Wolf aus. Bei seinen Besuchen der Klöster in aller Welt war ihm  immer stärker bewußt geworden, wie viele Oblaten es in der ganzen Welt gibt, und wie stark deren Zahl gerade in den letzten Jahren im Steigen begriffen ist. Sein Bestreben war es, daß die vielen Oblatinnen und Oblaten mehr voneinander erfahren, sich kennen lernen und begegnen können. Es war sein Anliegen – so sagte er in der Eröffnungsrede –  „daß hier einerseits Menschen so vieler verschiedener Kulturen zusammen kommen und andererseits ... daß wir hier erleben können, daß unser benediktinisches Leben viel stärker ist, als wir dies gewöhnlich denken, wenn wir in unseren Klöstern sind.“ 

Die  Realisierung des Kongresses ist besonders der Arbeit und der unermüdlichen Ausdauer und Geduld von Pater Luigi Bertocchi OSB und den anderen Kommissionsmitgliedern zu verdanken.

Liturgie und Sendung 

Vor allem die liturgische Feiern waren es, die dem gesamten Kongreß einen unvergeßlichen Festcharakter verliehen. Jeder Tag war geprägt durch die gemeinsame Feier der Laudes, der Vesper und durch der Eucharistie. Mehreren liturgischen Feiern standen  hochrangige Vertreter der Römischen Kurie vor, unter ihnen der Präfekt der Kongregation für die Gesellschaften apostolischen Lebens, Erzbischof Franc Rodè; der Präfekt für die Kongregation für die Evangelisierung der Völker, Crescenzio Kardinal Sepe; der Präsident des Päpstlichen Rates für die Laien, Erzbischof Stanislaw Rylko und der päpstliche Zeremonienmeister, Erzbischof Marini. 

Sie alle würdigten auf ihre je eigene Weise die Lebensform der Oblaten und formulierten auch deutliche Aufträge für deren Sendung:

1. In Zeiten der Krise der Kirche, die besonders auch eine Krise der Teilnahme an der Liturgie der Kirche ist, setzen Oblaten deutliche Zeichen, in dem sie Gott die Zeit der Liturgie schenken, nach Seinem Willen fragen, und nach Gemeinschaft mit Gott suchen.  

2. Die Sendung der Oblaten ist es, als Mitglieder der Kirche und der benediktinischen Familie zu leben, zu wirken und geheiligt zu werden. Es geht um ein ausgewogenes Leben der Kontemplation und der Aktion. 

3. Der benediktinischen Berufung, Christus nichts vorzuziehen, versuchen Oblaten bewußt zu folgen. Dies ist eine immer neue Berufung und eine ständige Aufgabe, die die Verantwortung, die jeder Christ mit der Taufe eingegangen ist, bewußt leben will.  

4. Der heilige Benedikt hat Menschen von heute vieles zu sagen. Die Botschaft Benedikts hat ihr Leben verändert – das verbindet die Oblaten untereinander und miteinander. Das Charisma ihrer gemeinsamen Berufung ist Gnade.

5. Beide Formen der Berufung, sowohl die innerhalb der Klöster, als auch die außerhalb der Klöster im Herzen der Welt, finden in der Regel des heiligen Benedikt eine sichere Richtschnur für ihren Lebensweg. Die Regel  ist dabei und Schule der Weisheit und der Heiligkeit. 

6. Das Leben des Oblaten trägt dazu bei, die Botschaft Christi in die Welt hinaus zu tragen und ist so Zeugnis und missionarische Aufgabe. 

Die Rolle der Oblaten in der Kirche von heute 

Dem benediktinischen Motto ora et labora folgend, fanden während des Kongresses verteilt über drei Tage sechs große Vortragseinheiten mit anschließender Diskussion statt.
Abt Alcuin Nyrenda OSB aus Rom eröffnete die Vortragsreihe mit Gedanken zum Thema „Das Kloster als Schule eines Oblaten“. Bereits in diesem ersten Vortrag finden wir Kerngedanken, die auf unterschiedliche Weise immer wieder während des Kongresses zur Sprache kamen. Abt Alcuin erläuterte, was ein Kloster einem  Oblaten im Bereich der Kontemplation und der Sendung anbieten kann und welche Rolle Oblaten in der Kirche von heute spielen: 

1.„Das Kloster ist der Ort, wo Gottes Liebe empfangen und in der Gemeinschaft sichtbar gemacht wird. Mehr als von äußeren Zeichen (Kirche, Konvent) wird ein Oblate vom geistlichen Leben der Mönche angezogen ... Hier ist das gemeinschaftliche und das private Gebetsleben gemeint, Schriftlesung (lectio divina), Meditation, Feier der Liturgie, Verhalten bei Verfehlungen, Exerzitien, Einkehr, Anbetung usw., besonders wenn er / sie zusammen mit den Mönchen und Nonnen an der Lesung und Betrachtung des Wortes Gottes, am Gesang des Breviers, an der Feier der Heiligen Messe und der Sakramente und den Meditationen teilnimmt ... 

2. „Das Kloster ist der Ort, wo Gottes Geist Menschen verwandelt“. Hier geht es um Wandlung, Verwandlung, Umkehr und Bekehrung, die Erfahrung des ganzen Lebens als Wandlung auf Christus hin. 

3. „Das Kloster ist ein Ort, wo Menschen zusammengebracht werden – in einem Eintracht und Gemeinschaft stiftenden Prozeß.“ 

4. „Das Kloster ist ein Ort der Hoffnung“ – hierbei geht es um das Erleben des Vorgeschmacks auf das, was Gott uns bereitet. Ist das Kloster und ist das Haus des Oblaten lebendiges Zeichen der Hoffnung? Ist es ein Vorgeschmack (eine Vorwegnahme) des Himmels? 

5. „Das Kloster wirkt als Ort des Gebets“. Abt Alcuin schließt mit den Worten: „Die Welt braucht echte Missionare, besonders wenn es immer weniger Mönche und Nonnen gibt, die ihrer Zahl und Fähigkeit nach dazu imstande sind. Die Oblaten können – als Sauerteig unter ihren eigenen Leuten – eine große Hilfe bei der Evangelisierung sein ... Die Oblaten werden von unseren Klöstern und von der Welt gebraucht. Die Mönche und Nonnen müssen sich der Existenz der Oblaten bewußt sein. Die Oblaten sollten den Mönchen und Nonnen auch durch ihr Gebet um Berufungen und durch entsprechende Ermutigung beistehen.“ 

Im anschließenden Vortrag betonte Francoise Melard  (Oblatin der Abtei Paix-Notre-Dame in Liège, nationale Koordinatorin für Frankreich, Luxemburg und Belgien) noch einmal die Rolle der benediktinischen Mission für die Welt. Die Lebensausrichtung auf Christus hin teilen Oblaten mit den Mönchen und Nonnen. Gemeinsam mit Mönchen und Nonnen sind Oblaten verwurzelt im Lobpreis. An vielen Orten verwirklichen Oblaten das brüderliche Leben durch Gebetstreffen am Ort oder durch ein Leben in Gemeinschaft. Auch für die Oblaten kann es eine Klausur geben, nur wird sie eher in ihr Herz verlegt sein. Sie bringen Gott in der Oblation das Kostbarste dar, was sie haben, sich selbst. Auch Francoise Melard erinnerte mit den Worten Papst Johannes Pauls II. (vom 27. Juni 2003) an unseren gemeinsamen christlichen Auftrag der Glaubensweitergabe: „Wenn Ihr seid, was Ihr sein sollt, tragt das Feuer in die ganze Welt!“ 

In der Vortragseinheit „Die Gemeinschaft in der Familie“ stellte das Ehepaar Paolo und Maria Aminti viele der bereits genannten Aspekte noch einmal  aus der Sicht verheirateter Oblaten dar. Sie machten die Chancen deutlich, die im liebenden Miteinander von Ehepartnern und im konkreten Alltag der Familie liegen, als Orte der Versöhnung und als kleine Schritte der weltweiten Hoffnung, Leben bringend im Hier und Jetzt, mit Verweis auf die ewige Herrlichkeit. 

Nicht Trennung von der Welt, sondern Nähe zu Gott und Pilgerschaft im Dialog 

Norvene Vest, Oblatin  und  im anglo-amerikanischen Raum bekannte Autorin für benediktinische Themen, führte in ihrem Referat über die „Gemeinschaft am Arbeitsplatz“ insbesondere zwei Gedanken aus: 

1.Oblaten tragen den benediktinischen Geist in die Welt hinaus. Sie verbreiten die benediktinische Spiritualität am Ort ihres Schaffens und gestalten durch die Herausforderung eines Lebens nach dem Evangelium die Welt und ihre Kulturen nach christlichen Werten um. Dabei wird das Ziel der Heiligkeit nicht in erster Linie als Trennung von der Welt gesehen, sondern als  Nähe zu Gott. 

2. Tragende Gemeinschaft, einerseits mit der Klostergemeinschaft, andererseits aber auch mit Menschen in der gleichen Situation – außerhalb der Klöster lebend und wirkend –  hilft den  Oblaten, sich den im Leben geforderten Aufgaben und Veränderungen zu stellen und den Weg der permanenten conversatio morum, mit Christus als Mitte, zu gehen. 

Ein weiterer Beitrag, der Vortrag „Pilger im Dialog“ von Priorin Iona Misquitta der Shanti Nilayam Abtei (Bangalore, Indien, Koordinatorin für den benediktinischen interreligiösen Dialog) stellte die Bedeutung des Dialogs unter den Religionen für das dritte Jahrtausend heraus. Sie rief die Oblaten auf, sich diesem Dialog zu widmen, mit dem Ziel der Versöhnung und des Friedens. Die Bedeutung dieses Dialogs wurde auch unterstrichen durch den Vortrag von Dr. Kamran Ahmad (Berater der Vereinten Nationen), der zum Thema „Islam und Sufismus“ referierte. 

Der letzte Vortrag von Prior Marcelo Barros aus Brasilien betonte insbesondere die Verantwortung der Oblaten für Gerechtigkeit und Frieden und die Bewahrung der Schöpfung. 

Kloster als Schule der Spiritualität 

Ein weiterer Schwerpunkt des Kongresses waren Treffen in Arbeitsgruppen nach Sprachgruppen. Dabei wurden folgende Ergebnisse festgehalten: 

1. Die Mehrzahl der Teilnehmer benennt das Kloster als die je eigene Schule der Spiritualität. 

2. Kontemplation ist die Quelle des Lebens nach dem Evangelium. 

3. Die Gemeinschaft mit der Familie und mit anderen Menschen ist weitgehend davon abhängig, ob diese Menschen den benediktinischen Weg teilen oder nicht. 

4. Grundlegend  für diese Beziehungen ist der Glaube an die Einzigartigkeit eines jeden Menschen als Geschöpf Gottes. 

5. Mönche, Nonnen und Oblaten können durch ein gebildetes Gewissen, orientiert an den Werten des Evangeliums, diese anderen vermitteln. 

Ein besonderer Meilenstein für alle Teilnehmer des Kongresses war die Pilgerfahrt nach Montecassino, zur Wiege des benediktinischen Mönchtums. Im Zentrum des Besuchs stand die Eucharistiefeier mit Abt Bernardo D`Onorio (Montecassino). In seiner Predigt sagte er: „Oblaten sollten Menschen sein, die das Evangelium ernst nehmen, und für die, unterstützt durch den heiligen Benedikt, nichts wertvoller ist als Christus – Männer und Frauen, die in ihrem alltäglichen Leben nach Heiligkeit streben.“ 

Abtprimas Notker Wolf OSB ermutigte alle Oblaten immer wieder in ihrer Lebensform und  ihrer Mission: „Ihr müßt in Gemeinschaft mit den Klöstern leben und beten und ihr werdet Christus näher kommen. Ihr werdet erfahren, was es bedeutet, von IHM geliebt zu sein ... Ihr werdet nicht einer Ideologie anhangen, aber Jesus wird euch befreien, und das ist unsere Zukunft  ... So unter den Menschen in unserer Welt zu leben ist ein kleiner, ein sehr kleiner, aber sehr wirkungsvoller Beitrag zum Frieden in unserer Welt und zur Verständigung unter den Kulturen und Nationen.“ (Predigt, Rom, 23.9.05).  Auch betonte Abtprimas Notker die Rolle, die Oblaten insbesondere in unserer westlichen Gesellschaft spielen: Das Problem der westlichen Gesellschaft bestehe darin, daß die Menschen hier ihr Leben nicht mehr Gott hingeben. Oblaten aber sind lebendige Beispiele dafür, welche Bereicherung in der Hingabe an Christus verborgen ist. Oblation bedeutet Ganzhingabe und selbstlose Liebe. 

In diesem ersten Weltkongreß der Benediktineroblaten sieht Abtprimas Notker den Beginn eines neuen Weges für die benediktinische Welt. Gemeinschaften und Länder können zusammen wachsen und sich gegenseitig stärken. Die Koordinatoren sollten zu Förderern der Verbreitung des benediktinischen Geistes und der Verbindung unter allen Klöstern der Welt werden. (Begrüßungsansprache  Rom 19.9.2005) 

Einheit leben im Geiste des hl. Benedikt und für die ganze Kirche 

In seiner Abschiedsansprache faßte Abtprimas Notker noch einmal seine Anliegen und seine Eindrücke vom Kongreß zusammen: „Im Geiste Benedikts versammelt haben wir die Einheit unserer weltweiten Kirche gespürt, die Einheit des Glaubens, wie es besonders auch Papst Johannes Paul II betont hat. Wir haben uns kennen gelernt ... Ich hoffe, daß die Bewegung, wie ich es nenne, wachsen wird, und daß die Menschen den Reichtum eines Lebens mit der Regel kennen lernen werden.“ 

Der Höhepunkt der Kongreßtage war ein Besuch in Castel Gandolfo zum Angelusgebet am Sonntag. Papst Benedikt XVI. sagte den versammelten Kongreßteilnehmern: „Durch das Beispiel des heiligen Benedikt, dem ich mein Pontifikat anvertraut habe, möget ihr stets in tiefer Freundschaft mit Christus leben und allen Menschen die Freundschaft bezeugen.“ 

Wer an dem Kongreß teilnehmen durfte, ob Oblate, Mönch oder Nonne, begreift im Rückblick, wie viel an Austausch und an Anregung während des Kongresses zu spüren war, und wie stark die weltweite Bewegung der Oblaten wahrgenommen werden konnte. Insbesondere die Oblaten selbst haben eine Bestärkung in ihrer Lebensform und in ihrer Mission der Verbreitung des Evangeliums erfahren dürfen. Vor allem die gemeinsamen Eucharistiefeiern haben Spuren in den Herzen der Teilnehmer hinterlassen. 

Gabriele Heitfeld-Panther, Oblatin des Klosters Langwaden
(Koordinatorin für die Oblatengemeinschaften im deutschsprachigen Raum)