Jahrestagung 2005 des Abt-Herwegen-Instituts in Maria Laach

Die Jahrestagung des Abt-Herwegen-Instituts in Maria Laach beschäftigte sich mit dem Thema „Hat Liturgie Zukunft?“ Sie stand noch ganz unter dem Eindruck der großen liturgischen Feierlichkeiten zur Beisetzung des verstorbenen Papstes Johannes Paul II. und zur Einführung des neuen Papstes Benedikt XVI., aber auch des Weltjugendtags in Köln. Abt Benedikt Müntnich fragte daher bei seiner Begrüßung, ob man angesichts einer weltweiten Anteilnahme und rund einer Milliarde Fernsehzuschauern Sorge um die Liturgie zu haben braucht. Die Frage ist, ob Liturgie im Alltag trägt, ob sie anziehend ist und das Leben in der Kirche befruchtet. Der Vorsitzende des Instituts, Prof. Werner Weidenfeld, Politikwissenschaftler an der Universität München und Leiter des „Centrum für angewandte Politikforschung“, der für die ARD live aus Rom das Requiem für Johannes Paul II., das Konklave zur Papstwahl und die Inthronisation von Benedikt XVI. kommentiert hat, stellte bei seiner Begrüßung fest, daß wir heute viel freischwebende Religiosität erfahren, jenseits organisatorischer Bindungen. Doch habe die in Jahrhunderten gereifte Formensprache der Liturgie ihre Wirkung getan. Vielen sei die Liturgie heute fremd geworden, daher sollte man sich ihr wieder nähern wie einer Fremdsprache. 

Liturgie und „Kirchenkundschaft“ heute 

Die Referate eröffnete Martin Brüske  (Freiburg im Breisgau) mit einer wissenssoziologischen Untersuchung über die Stellung der „Religion in der Kultur unserer Gesellschaft“. Alljährlich verläßt heute eine Großstadt das Kirchenschiff. Nicht Glaubenskrise oder die „Amtskirche“ seien die Gründe, sondern eine Kirchen-Apathie. Was als „Kirchenkunden“ bleibt, einschließlich der „Dominicantenquote“ (Anteil der Christen, die sonntags regelmäßig den Gottesdienst besuchen), stellt sich als eine Fülle von Mitgliedschaftstypen dar, die die innerkirchliche Pluralisierung widerspiegelt. Brüskes wissenssoziologische Zwischenbemerkung vom „Karma in der Sonntagsmesse“ und seine Ausführungen über eigensinnige Synkretismusbildungen, die mittlerweile (beinahe) der Normalfall seien und bis in die Kerngemeinden reichten, ließen aufhorchen. Die Antwort auf die drängende Frage, wie Glaube heute plausibel wird, sieht der Referent in der Freiheitsorientierung aus dem Wesen des Christentums (Kirche der freien Gefolgschaft), in der Einsichtsorientierung aus der Kraft des Arguments (der Vernunft des Glaubens trauen) und in einer Existenzorientierung aus der Verheißung des Evangeliums (die Frage nach dem eigenen, gelingenden, glückenden und guten Leben pflegen).

Die Liturgie hat eine zentrale Bedeutung für die Einübung der Lebensform „christlicher Glaube“. In ihr vollzieht sich die Einheit der Grundelemente religiöser Sprachspiele, die Einheit von Mythos, Ethos und Kultus. Leben aus der Liturgie ist aber zugleich zentraler Ermöglichungsgrund christlicher Existenz. Wie christliche Existenz unter den Bedingungen der entfalteten Moderne als „eigenes Leben“ möglich ist, entscheidet über die Zukunftsfähigkeit des Christentums. Die Liturgie mit ihrer Fähigkeit, in zitierender Rollenübernahme die eigene Biographie einzubergen, mit der Fähigkeit, in der „acclamatio nominis“ die eigene Identität in ihrer Fragilität immer wieder neu zu finden, in ihrer Fähigkeit zur Unterbrechung und Neustrukturierung einer Zeit, die unter den Bedingungen der Moderne immer noch knapper zu werden scheint, hat hier, recht gefeiert, ein entscheidendes Wort mitzureden. 

Liturgie in der Gemeinde – Erfahrungen und Perspektiven 

Über „Die Situation in unseren Gemeinden und Liturgie“ referierte Prof. Martin Klöckener von der Universität Fribourg (Schweiz). Er sah hier viele positive Zeichen als Ergebnis der konziliaren Liturgiereform. Da wären zu nennen: Eine theologische Vertiefung der Liturgie, die Betonung der Liturgie als Nahrung für das geistliche Leben der Gläubigen, die tätige Teilnahme aller Getauften an der Liturgie, die Vielfalt der liturgischen Dienste, die Verkündigung der Heiligen Schrift in der Liturgie, die Revision der rituellen Gestalt in der Liturgie, die Neubewertung der Kirchenmusik als liturgischer Musik. Defizite sieht Klöckener in einem pastoralliturgischen Pragmatismus statt einer Liturgietheologie, in unreflektierter Routine statt „geistlicher Nachhaltigkeit“, in einer Verkatechetisierung der Liturgie statt Verkündigung des Wortes Gottes, in der Arbeit mit „Materialbüchern aus der Ideenkiste“ statt konzeptioneller liturgischer Bildung, in übertätigem Aktivismus und untätiger Passivität statt „tätiger Teilnahme“, auch in verschlossenen Kirchen und Gebetsnot statt lebendiger Tagzeitenliturgie der Gemeinde. Doch wird die Liturgie Zukunft haben, weil die Kirche Zukunft hat. Die Wege dorthin allerdings müssen beschritten werden; der Referent sieht sie u.a. in der Qualitätspflege der Liturgie, in täglichem Gottesdienst in allen Kirchen bei Wiedergewinnung der Vielfalt an Gottesdiensten, in einer Verbesserung der liturgischen Bildung, in der Entwicklung einer Pastoral von der Liturgie her und in einer Fortschreibung der liturgischen Primärquellen. Notwendig sei auch Bildung und Seelsorge für Seelsorger. 

Liturgie im Alltag 

Den Gedanken der Freiheit der persönlichen Lebensgestaltung griff P. Angelus Häußling (Maria Laach) in seinem Referat „Die Liturgie der Kirche – heute und morgen“ auf.

Antwort auf die Frage „Wo ist Freiheit?“ findet er in Mt 6,5 ff.: Dort in der „Kammer“, wo der Mensch betet, nicht genötigt durch irgendein Brauchtum, dort ist der Mensch frei im Gebet. Anders das Gebet in der öffentlichen Liturgie. Dort fordert der Vorsteher zum Gebet auf und die Menschen tun mit, entweder mit Worten oder mit Schweigen (z.B. beim Vaterunser, wenn es still gebetet wird – so die Forderung des hl. Augustinus wegen der Ehrfurcht vor dem Herrengebet). Die Liturgie allerdings ist geschichtlich geprägt, geprägt vom Menschen. Daher müsse eine Liturgie, die von einer Gruppe täglich gefeiert wird, für das Heute erträgliche Formen haben. Hochformen der Liturgie hätten natürlich ihre Berechtigung, aber man müsse sich den Zugang dazu verschaffen. Der moderne Mensch sei hier schnell überfordert. Daher fragte Häußling nach einfachen Zeichen (nicht billigeren), die eine Einheit von Praxis und Wort ausdrücken. Solche elementaren Zeichen sieht er z.B. im Kreuzzeichen, dem Bekenntnis zum dreifaltigen Gott, oder im von Papst Paul VI. eingeführten Anamneseruf nach der Wandlung, ein Bekenntnis zu Jesus Christus, dem Gekreuzigten, aber jetzt erhöhten Herrn und schließlich im Friedensgruß. Er besiegelt das Gebet, denn das Wort des Gebetes ist nur lauter, wenn es zum Frieden in der Gemeinde führt. Heutige Liturgie habe die Aufgabe, das Uralte, von den Vätern Ererbte noch einmal auf innerliche Weise zu verkünden. 

Nach lebhafter Podiumsdiskussion schloß die gut besuchte Jahrestagung mit der Vesper in der Abteikirche. Die nächste Jahrestagung findet am 23.09.2006 in Maria Laach statt und wird sich dem  Thema: „Die neuen geistlichen Gemeinschaften und das alte Mönchtum“ widmen. 

Detlef Jankowski