Andechser Jubiläumsjahr 2005

Kloster Andechs wurde 1455 von Herzog Albrecht III. als Benediktinerkloster gestiftet und von Mönchen aus dem Kloster Tegernsee besiedelt. Herzog Albrecht III. schuf mit der Klostergründung die Grundlage für eine dauerhafte Betreuung der Wallfahrt zum Andechser Heiltumsschatz. Ihre Anfänge reichen zurück in die Zeit der Grafen von Andechs, die an der Stelle der heutigen Kirche eine Burg hatten. Nach der Zerstörung der Burg 1246 blieb der Schatz verschwunden, bis er 1388 unter dem Altar der erhalten gebliebenen Burgkapelle wieder gefunden wurde.

Der heute noch bestehende Kirchenbau wurde unter Herzog Ernst ab 1420 erbaut. Von ihm stammt auch der Name „Heiliger Berg“ als Hinweis auf den Reliquienschatz. 1755, zum 300-jährigen Jubiläum des Klosters, ließ Abt Bernhard Schütz der Kirche durch Johann Baptist Zimmermann ein spätbarockes Festkleid im Stil des Rokoko anlegen. Nach der Säkularisation 1803 kaufte König Ludwig I. 1846 das Kloster und wies es 1850 der Benediktinerabtei Sankt Bonifaz in München als Wirtschaftsgut zu. 

Das Andechser Jubiläumsjahr wurde geprägt durch drei Höhepunkte: Die Weihe der neuen Jann- Orgel in der Wallfahrtskirche, das Dreihostienfest und die Festwoche.

Am 24. April fand die Orgelweihe in der Wallfahrtskirche statt. Altabt Dr. Odilo Lechner weihte die Jann-Orgel im Rahmen eines Festgottesdienstes. Über 20 Jahre hinweg hatten sich die Verantwortlichen um eine neue Orgel bemüht. Nun fanden diese Anstrengungen einen krönenden Abschluß. Das über 500.000 Euro teure Instrument wurde zu fast zwei Dritteln aus Spendengeldern finanziert. Auch Konvent und Wirtschaftsbetriebe schulterten einen bedeutenden Kostenanteil.
Das Orgelwerk mit 31 Registern, drei Manualen und über 2.000 Pfeifen hat seinen Platz im historischen Prospekt gefunden und bezieht die Klangfarben süddeutscher Barockinstrumente mit ein. Die Setzerelektronik ermöglicht es, 5000 verschiedene Registerkombinationen abzuspeichern. In vielen Orgelkonzerten hat die Jann-Orgel im Jubiläumsjahr mit der Vielfalt ihrer Klangvarianten ein großes Publikum begeistert.

Zum Dreihostienfest am Sonntag, dem 12. Juni, feierte Friedrich Kardinal Wetter in der Andechser Wallfahrtskirche ein festliches Pontifikalamt. In seiner Predigt betonte der Münchner Kardinal, daß jeder einzelne und die ganze Kirche von Jesus Christus lebe. Wer vor Christus knie, könne vor jedem anderen Menschen aufrecht stehen, so der Kardinal.
Zum Gottesdienst hatten sich mehrere Hundert Pilger und Besucher aus der ganzen Region in der frisch renovierten Andechser Wallfahrtskirche versammelt. Viele Sternwallfahrer hatten sich von mehreren Orten aus auf den Weg zum Heiligen Berg gemacht, um am Höhepunkt des diesjährigen Dreihostienfestes teilzunehmen. Zahlreiche Fahnenabordnungen umrahmten den festlichen Gottesdienst.
Im Anschluß folgte rund um die Wallfahrtskirche die Dreihostienprozession. Zwei große Stationsaltäre säumten den Weg der Prozession bevor der zweieinhalbstündige Gottesdienst mit dem sakramentalen Segen in der Wallfahrtskirche seinen Abschluß fand. Es war die erste Prozession seit dem Jahr 2000. Seither konnte sie aufgrund der umfangreichen Renovierungsarbeiten in der Wallfahrtskirche nicht stattfinden.

Die große Festwoche vom 1. bis 9. Oktober war Höhepunkt und Abschluß des Jubiläumsjahres. Klostermarkt, Familientag, der Andechser Musikherbst, Rock-, und Jubiläumskonzert und das Erntedankfest erwiesen sich als Publikumsmagneten. „Und wann setzt das Kloster solche Veranstaltungen fort?“ war eine der häufig gestellten Fragen an Mönche und Mitarbeiter des Heiligen Berges.
Ein Festgottesdienst mit Abt Johannes eröffnete am 1. Oktober die Festwoche. In seiner Predigt bezeichnete er Kloster Andechs als „Gasthaus Gottes auf dem Pilgerweg des Lebens“ und umriß damit das Motto der Festwoche. Im Anschluß eröffnete er den Klostermarkt. Bis zum 3. Oktober boten Klöster, die Partner des Klosters Andechs, sowie die Klosterbrennerei ihre Produkte an.

Zum Schutzengelfest, dem Patronatsfest der Bayerischen Benediktinerkongregation, feierte der Apostolische Nuntius in Deutschland, Erzbischof Dr. Erwin Josef Ender, am 2. Oktober ein Pontifikalamt in der Wallfahrtskirche. Der Nuntius ermutigte die Gläubigen, selbst Schutzengel für andere zu sein. Gottes Plan sei es, den Menschen Heil für Leib und Seele zu schenken. „Gott rechnet mit uns. Er läßt sich nicht an Großzügigkeit übertreffen, wenn wir Seine Pläne zu unseren Plänen machen“, so der Nuntius vor mehreren hundert Zuhörern.

Der Kinder- und Familientag am 3. Oktober bildete einen weiteren Höhepunkt in der Festwoche. Viele Kinderwagen und helles Lachen belebten die einzelnen Spielstationen. Parallel dazu fand im Fürstentrakt der Workshop „Familie leben“ statt. Peter Abel, Theologe und Vater von vier Kindern aus Hildesheim, gab Impulse zur Gestaltung des Familienlebens nach der Benediktsregel. Der Tag endete mit einem Gottesdienst in der Wallfahrtskirche, wo kleine und große Gottesdienstbesucher Bänke, Boden und die Altarstufen bevölkerten.

Auch musikalische Höhepunkte bot die Festwoche. Aus Rom kam Abtprimas Notker Wolf. Mit seiner Band „Feedback“ heizte er am 5. Oktober den Zuhörern im Florian-Stadl mit gutem altem Rock gehörig ein. Über 600 begeisterte Fans zwischen 15 und 85 zog dieses erste Rockkonzert am Heiligen Berg an. Fast ausverkauft waren die Aufführungen der IX. Symphonie von Ludwig van Beethoven am 8. und 9. Oktober im Florian-Stadl. Unter der Leitung von Anton Ludwig Pfell meisterten Solisten, Chor und Orchester den Aufstieg zu einem der Gipfel der Musikgeschichte mit Bravour und wurden mit großem Beifall belohnt.

Am „Tag der Wallfahrer“ Tag, dem 6. Oktober, folgten fast 400 Männer und Frauen aus den Wallfahrtsgemeinden der Einladung des Klosters. Nach einem Gottesdienst führten Mönche die Pilger durch die Chorkapelle, Refektorium und Kapitelzimmer. Führungen durch die Klosterbrauerei, die Klosterbrennerei und die Landwirtschaft ergänzten das Angebot, das den Pilgern einen Gesamteindruck vom „Heiligen Berg“ als Wallfahrtsort und Wirtschaftsgut der Abtei ermöglichte.

Am 8. Oktober veranstaltete Kloster Andechs zusammen mit der Evangelischen Akademie Tutzing ein Podiumsgespräch zum Thema: „Wallfahren – alte Bewegung mit neuer Dynamik“. Es diskutierten der evangelische Landesbischof Johannes Friedrich, der Weihbischof des Erzbistums München und Freising, Engelbert Siebler, und Abt Johannes. Für ihn hat Wallfahren eine ganz eigene Funktion: „Wallfahren ist ein Weg zur inneren Erneuerung der Kirche und überwindet konfessionelle Grenzen.“ Auch der evangelische Landesbischof sieht Wallfahrten positiv: „Menschen auf einem Pilgerweg machen spirituelle Erfahrungen. Das ist eine Chance für die Kirchen. Wir sollten sie nutzen.“ Der Münchner Weihbischof Siebler betonte neue Möglichkeiten für die Seelsorge. „Viele Menschen überwinden auf einer Wallfahrt Isolation und Einsamkeit und suchen ein seelsorgerliches Gespräch.“ Das Podiumsgespräch moderierte Dr. Friedemann Greiner, Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing. Es war ein deutliches Signal, daß die Kirchen bei Wallfahrten eine wichtige „ökumenische Lerngemeinschaft“ bilden können.

Sonnenschein und sommerliche Temperaturen belohnten die Organisatoren des Erntedankfestes am 9. Oktober. Den Schlußgottesdienst zelebrierte der langjährige Abtpräses Gregor Zasche aus der Benediktinerabtei Schäftlarn in der Wallfahrtskirche. Danach fand rund um den Florian–Stadl das Erntedankfest der klösterlichen Landwirtschaft statt.

Auch im Fernsehen war Kloster Andechs in der Festwoche präsent. Fast eine Million Zuschauer verfolgten deutschlandweit am 9. Oktober in der ARD den Film „Andechs – und das Land zu Füßen des Heiligen Berges“. Am Abend des gleichen Tages strahlte das Bayerische Fernsehen unter dem Titel „Brot – Zeit“ eine Erntedankmeditation mit Abt Johannes Eckert aus, die über 150. 000 Zuschauer erreichte. 

Festwoche und Jubiläumsjahr zeigten eindrucksvoll die Anziehungskraft und Verwurzelung des Benediktinerklosters Andechs im Fünf-Seenland und seine Attraktivität als Wallfahrtsort und Wirtschaftsgut der Abtei über die Landesgrenzen hinaus.
Der benediktinische Weg der Gottsuche bei Gebet und Arbeit wird sich auch in Zukunft in Andechs zu einem authentischen Ganzen verbinden.

P. Valentin Ziegler, Andechs; Martin Glaab