Der gemachte Anfang

Festansprache beim  150-Jahr-Jubiläum der Benediktinerinnen vom Hlst. Sakrament in Osnabrück
am 8. Dezember 2004  

Kürzlich fuhr ich nach Süddeutschland. Sonst fahre ich gern mit dem Auto, aber weil es da an einem Nachmittag hin und am nächsten Abend zurück ging, bin ich mit dem Zug gefahren. Mit dem Auto fährt man immer an den Städten vorbei, so aber kam ich von Köln bis Regensburg durch einige Städte. Da sieht man Kirchen, Kuppeln, Straßen, Geschäftspassagen und mehr, Altes und Neues. Überall Menschen und Betrieb. Und ich fragte mich: Was fangen die denn alle an? All die Menschen in ihren Städten, was haben die wohl heute angefangen? 

Wenn wir hier heute so festlich zusammengekommen sind, dann weil wir einen Anfang feiern. Vor 150 Jahren fingen hier in Osnabrück einige Benediktinerinnen ein klösterliches Leben an. Das Evangelium wurde schon durch Jahrtausende getragen damals. Seit 1300 Jahren begannen Menschen in Klöstern ihren Weg mit der Regel des Ordensvaters Benedikt. Unsere monastische Tradition der Benediktinerinnen von der Ewigen Anbetung (oder: des Heiligsten Sakraments, wie wir heute sagen) hatte damals vor schon 200 Jahren ihren Anfang genommen. Was die Schwestern vor 150 Jahren in Osnabrück begannen, war ein Anfang, der auf vielen früheren Anfängen aufbaute.

Dieser Anfang und alle, die darauf aufbauten, hatte nun wohl nie das ganz und gar Reine, das Makellose, das Maria aus Gottes zuvorkommender Gnade von Anfang an gekennzeichnet hat, wie wir es im Geheimnis des heutigen Festes feiern. Menschliche Schwäche und Schuld war immer mit eingemischt. Aber wenn von dem und Ihnen auch nicht gilt, was die Texte der heutigen Liturgie uns im Blick auf Maria singen lassen: "Ganz schön bist du, Maria, kein Makel der Sünde war in dir", so würde ich doch im Blick auf Euch und die Geschichte gern singen: "Ganz schön seid Ihr, ganz schön, was Gott in all Euren menschlichen Grenzen mit Euch anfangen konnte".

Daran anschließend scheint mir wichtig zu sein: Wir fangen etwas an, bauen Anfang auf Anfang, aber wir vollenden so gut wie nichts, wir brauchen auch nicht die Vollendung schaffen, hinkriegen oder sogar stemmen. Die Vollendung unserer Anfänge und Stückwerke überlassen wir Gott, erwarten wir von Seiner Gnade, wie es Ihm gefällt und wann Er will. Was wir tun, ist kein Leistungskurs sondern ein Glaubensleben am hellen Tag und auch noch in den Nächten. 

Im Schlußkapitel seiner Ordensregel, legt Benedikt von Nursia im 6. Jahrhundert seine Weisungen ganz besonders den Anfängern ans Herz. Er hat seine Regel für Anfänger geschrieben. (RB 73) Ich meine das im doppelten Sinn. Natürlich können wir nicht am Nullpunkt anfangen. Natürlich können wir nicht anfangen, wie am ersten Tag unseres Lebens  Aber wir können heute anfangen wie noch nie! Wie, das sagt Benedikt, mit dem Wort aus Psalm 95: "Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet euer Herz nicht." (RB Prol 10) Anfangen heißt: Immer heute hören, aktuell hören, aktuell reagieren. Immer sollen wir in der Gegenwart Gottes unsern Weg gehen und alles Nötige tun (RB 4,49; 7,14-33 u.a.m.). Bei allem Sinn für Geschichte, es ist immer die Gegenwart, in der Gott zu uns sprechen, uns lieben will und unsere Antwort erfragt. Wo wir das Gegenwärtige verfehlen, verfehlen wir auch den lebendigen Gott. 

Der "Wandel in der Gegenwart Gottes" ist eine wichtige Übung in der christlichen Spiritualität. Auch die Anbetung in unserer Tradition hängt eng damit zusammen. Anbetung muß von ihrem innersten Wesen her immer aktuell sein, ganze Zuwendung des Menschen zum ganz zugewandten Gott, das Hinhalten meiner Gegenwart ins Geheimnis seiner Liebe, der bei uns bleibenden Gegenwart in den Gestalten der Eucharistie.

Ich glaube, man übt diese Anbetung und dieses Gegenwärtigsein mindestens so sehr im alltäglichen Leben wie in der Kirche, verbunden den Realitäten unserer Gemeinschaften, Städte, Menschen, der heutigen Zeit mit ihren Fragen, Nöten und Möglichkeiten. Diese Gegenwart, die mir zu Herzen geht, nehme ich mir zu Herzen und lege sie Gott ans Herz. Gebet, das in diesem Sinn nicht zeitgebunden ist, kann m.E. kein echtes Gebet und geistliches Leben sein und nicht zur Anbetung werden, die Gott gebührt. 

Ich möchte Ihnen zwei Texte von M. Mechtilde de Bar aus dem 17. Jahrhundert vortragen, der Gründerin der monastischen Tradition der Benediktinerinnen vom Heiligsten Sakrament, von der ich in dieser Hinsicht mit am meisten gelernt habe, die ausgezeichnet die geistliche wie praktische Dimension des Gesagten verdeutlichen: 

"Machen wir in Furcht Gebrauch vom gegenwärtigen Augenblick, weil die Zukunft uns nicht gehört. Das ist für das innere Leben von großer Wichtigkeit. Aufmerksam sein auf den gegenwärtigen Augenblick, da fehlen die meisten Seelen, weil unser natürliches Denken, von der Versuchung angeregt, hinzielt auf das, was wir nicht besitzen, um dem auszuweichen, was die Vorsehung für den Augenblick anbietet. Schauen wir also, was unser Herr jetzt von uns will, seien wir in seiner heiligen Gegenwart mit Ehrfurcht, Liebe und Unterwerfung. Verlassen wir nie seine Gegenwart unter dem Vorwand, uns mit etwas Besserem beschäftigen zu wollen." (2438, Recherchen IV, S.19) 

"Ich schaue nur auf den gegenwärtigen Augenblick und hüte mich davor, mich mit dem folgenden zu beschäftigen. Ihn überlasse ich Gott. Der Grund dafür ist, daß ich sonst nicht nur die Gnade des gegenwärtigen Augenblicks verlieren würde, weil ich sie nicht nütze, sondern mich tausenderlei Beunruhigungen, Verlegenheiten und Zerstreuungen aussetzen würde. Zu guter Letzt würde ich nur noch im Geist der Welt handeln, und das wäre ein großes Unglück. Es ist natürlich nicht so, daß es für mich keine Ablenkung gäbe von dem, was ich zu tun habe, aber ich entferne mich geschickt davon und gehe ganz allmählich wieder davon weg, wie jemand, der sich aus einer großen Menschenmenge zurückzieht. Und da ich alles Gott überlasse, sehe ich alles in ihm und lasse ihn alles nach seinem Willen lenken. Das zu tun, ist ein großes Geheimnis im inneren Leben. Wenn man es anders macht, verliert man seinen Frieden und die Gnade, die der gegenwärtige Augenblick und die anstehende Tätigkeit enthält, kurz gesagt - man schafft nichts Rechtes." (1021, Recherchen IV, S.20) 

Von solchen Menschen, die ganz in der Gegenwart leben, wurde und wird in aufbauender Weise Geschichte gemacht - im 6. Jahrhundert z. B. von Benedikt, im 17. Jahrhundert z. B. von Mechtilde de Bar, im 19. Jahrhundert z. B. von denen, die hier  an der Klostergründung beteiligt waren, im 21. Jahrhundert z. B. vielleicht von uns ... Seien wir von Herzen dankbar für Menschen und Anfänger dieser Art, Anfänger mit der Hilfe Christi, wie Benedikt sagt (RB 73), und heute besonders für die, die hier angefangen haben, und die, die heute auf deren Anfängen neue Anfänge aufbauen!

Die Danklitanei, die Ihr vorhin gebetet habt, zeigt den Horizont, vor dem unsere Dankbarkeit geschieht und in uns wächst. Und ich danke Euch, daß Ihr uns das habt mit Euch beten lassen!

Noch einen Gedanken möchte ich anschließen. Viel von dem, was wir alle Tage anfangen, tun und lassen, ist vorläufig und vergeht. Das geht immer einher mit allem Gegenwärtig-, Zeitnah- und Zeitgebundensein. Gottes ewige Liebe, die in alles Leben einfließt und es tränkt, fließt in und durch unsere Vorläufigkeit. Als im September dieses Jahres die Priorinnen unserer Föderation zu einer Nachfeier des 150-Jahr-Jubiläums ins Trierer Kloster eingeladen waren, wurde das an einer Stelle kraß deutlich. In der Tageslesung, die die Schwestern für die Festmesse ausgewählt hatten, hörten wir den alttestamentlichen Prediger, der uns zurief: "Windhauch, Windhauch, alles ist Windhauch....". Viele von Ihnen werden dieses Text kennen. Alles Windhauch? Innerlich kam in mir dabei eine "ja-aber-Einsicht", die ich gerne noch mit Ihnen teilen möchte. Von der Sache her mag das stimmen. Aber die personale Form von Windhauch heißt Atemzug. Und dann öffnet sich eine andere Perspektive auf das Gleiche. Atemzug für Atemzug leben wir unser Leben, unsere Berufung, antworten wir auf Gott in allem, was kommt, beten wir, singen wir, Atemzug für Atemzug. Daß Ihr das bisher getan habt und alle, die vor Euch hier waren, dafür danke ich Euch als Schwester und auch im Namen unserer Föderation. Daß Ihr das weitermacht, bis zum je letzten Atemzug, darum bitte ich Euch. Die menschliche Weise von Windhauch ist unser Atemzug. Er ist das immer neue Maß unserer Hingabe ans Leben und in seiner Unauffälligkeit kostbar und groß. 

Braucht Ihr noch eine Rat für den Weg nach dem Jubiläum? Wenn ja, könnte ich einen weitergeben, den ich selbst von einer Schwester bekam, der ihr per Mail zugeschickt wurde. Dabei wird erstklassig deutlich,  wie  unsere alten Traditionen uns immer neu inspirieren können. Inspiration ist, was uns hilft, geistesgegenwärtig zu sein. Also, es geht um die Arche Noachs: 

Alles was ich  wissen muß, habe ich von der Arche Noachs gelernt...

Erstens: Verpaß das Boot nicht!

Zweitens Denk daran, wir sind alle im selben Boot.

Drittens: Denk voraus! Es regnete noch nicht, als Noach die Arche baute.

Viertens: Halte dich fit. Es könnte sein, daß, wenn du 600 Jahre alt bist, jemand dich um eine wirklich große Sache bittet.

Fünftens: Höre nicht auf Kritik; mach weiter, was du zu tun hast.

Sechstens: Bau deine Zukunft auf hohem Grund.

Siebtens: Um der Sicherheit willen, reist paarweise!

Achtens: Schnelligkeit ist nicht immer ein Vorteil. Die Schnecken waren zusammen mit den Geparden an Bord.

Neuntens: Wenn du erschöpft bist, schwimm eine Weile.

Zehntens: Denk daran, die Arche wurde von Amateuren gebaut, die Titanic von Professionals.

Elftens: Der Sturm macht nichts aus. Wenn du mit Gott bist, wird immer irgendwo ein Regenbogen auf dich warten. 

Ist ein guter Rat, nicht wahr?! In diesem Sinn wünsche ich Euch und allen, die Sie zum Mitfeiern gekommen sind, einen frohen Tag und in allem Gottes Segen. Beten wir füreinander, daß Er vollende, was Er in uns begonnen hat.

Sr. Johanna Domek, Köln