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Der
gemachte Anfang Festansprache
beim 150-Jahr-Jubiläum der
Benediktinerinnen vom Hlst. Sakrament in Osnabrück Kürzlich
fuhr ich nach Süddeutschland. Sonst fahre ich gern mit dem Auto, aber weil es
da an einem Nachmittag hin und am nächsten Abend zurück ging, bin ich mit dem
Zug gefahren. Mit dem Auto fährt man immer an den Städten vorbei, so aber kam
ich von Köln bis Regensburg durch einige Städte. Da sieht man Kirchen,
Kuppeln, Straßen, Geschäftspassagen und mehr, Altes und Neues. Überall
Menschen und Betrieb. Und ich fragte mich: Was fangen die denn alle an? All die
Menschen in ihren Städten, was haben die wohl heute angefangen? Wenn
wir hier heute so festlich zusammengekommen sind, dann weil wir einen Anfang
feiern. Vor 150 Jahren fingen hier in Osnabrück einige Benediktinerinnen ein klösterliches
Leben an. Das Evangelium wurde schon durch Jahrtausende getragen damals. Seit
1300 Jahren begannen Menschen in Klöstern ihren Weg mit der Regel des
Ordensvaters Benedikt. Unsere monastische Tradition der Benediktinerinnen von
der Ewigen Anbetung (oder: des Heiligsten Sakraments, wie wir heute sagen) hatte
damals vor schon 200 Jahren ihren Anfang genommen. Was die Schwestern vor 150
Jahren in Osnabrück begannen, war ein Anfang, der auf vielen früheren Anfängen
aufbaute. Dieser
Anfang und alle, die darauf aufbauten, hatte nun wohl nie das ganz und gar
Reine, das Makellose, das Maria aus Gottes zuvorkommender Gnade von Anfang an
gekennzeichnet hat, wie wir es im Geheimnis des heutigen Festes feiern.
Menschliche Schwäche und Schuld war immer mit eingemischt. Aber wenn von dem
und Ihnen auch nicht gilt, was die Texte der heutigen Liturgie uns im Blick auf
Maria singen lassen: "Ganz schön bist du, Maria, kein Makel der Sünde war
in dir", so würde ich doch im Blick auf Euch und die Geschichte gern
singen: "Ganz schön seid Ihr, ganz schön, was Gott in all Euren
menschlichen Grenzen mit Euch anfangen konnte". Daran
anschließend scheint mir wichtig zu sein: Wir fangen etwas an, bauen Anfang auf
Anfang, aber wir vollenden so gut wie nichts, wir brauchen auch nicht die
Vollendung schaffen, hinkriegen oder sogar stemmen. Die Vollendung unserer Anfänge
und Stückwerke überlassen wir Gott, erwarten wir von Seiner Gnade, wie es Ihm
gefällt und wann Er will. Was wir tun, ist kein Leistungskurs sondern ein
Glaubensleben am hellen Tag und auch noch in den Nächten. Im
Schlußkapitel seiner Ordensregel, legt Benedikt von Nursia im 6. Jahrhundert
seine Weisungen ganz besonders den Anfängern ans Herz. Er hat seine Regel für
Anfänger geschrieben. (RB 73) Ich meine das im doppelten Sinn. Natürlich können
wir nicht am Nullpunkt anfangen. Natürlich können wir nicht anfangen, wie am
ersten Tag unseres Lebens Aber wir
können heute anfangen wie noch nie! Wie, das sagt Benedikt, mit dem Wort aus
Psalm 95: "Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet euer Herz
nicht." (RB Prol 10) Anfangen heißt: Immer heute hören, aktuell hören,
aktuell reagieren. Immer sollen wir in der Gegenwart Gottes unsern Weg gehen und
alles Nötige tun (RB 4,49; 7,14-33 u.a.m.). Bei allem Sinn für Geschichte, es
ist immer die Gegenwart, in der Gott zu uns sprechen, uns lieben will und unsere
Antwort erfragt. Wo wir das Gegenwärtige verfehlen, verfehlen wir auch den
lebendigen Gott. Der
"Wandel in der Gegenwart Gottes" ist eine wichtige Übung in der
christlichen Spiritualität. Auch die Anbetung in unserer Tradition hängt eng
damit zusammen. Anbetung muß von ihrem innersten Wesen her immer aktuell sein,
ganze Zuwendung des Menschen zum ganz zugewandten Gott, das Hinhalten meiner
Gegenwart ins Geheimnis seiner Liebe, der bei uns bleibenden Gegenwart in den
Gestalten der Eucharistie. Ich
glaube, man übt diese Anbetung und dieses Gegenwärtigsein mindestens so sehr
im alltäglichen Leben wie in der Kirche, verbunden den Realitäten unserer
Gemeinschaften, Städte, Menschen, der heutigen Zeit mit ihren Fragen, Nöten
und Möglichkeiten. Diese Gegenwart, die mir zu Herzen geht, nehme ich mir zu
Herzen und lege sie Gott ans Herz. Gebet, das in diesem Sinn nicht zeitgebunden
ist, kann m.E. kein echtes Gebet und geistliches Leben sein und nicht zur
Anbetung werden, die Gott gebührt. Ich
möchte Ihnen zwei Texte von M. Mechtilde de Bar aus dem 17. Jahrhundert
vortragen, der Gründerin der monastischen Tradition der Benediktinerinnen vom
Heiligsten Sakrament, von der ich in dieser Hinsicht mit am meisten gelernt
habe, die ausgezeichnet die geistliche wie praktische Dimension des Gesagten
verdeutlichen: "Machen
wir in Furcht Gebrauch vom gegenwärtigen Augenblick, weil die Zukunft uns nicht
gehört. Das ist für das innere Leben von großer Wichtigkeit. Aufmerksam sein
auf den gegenwärtigen Augenblick, da fehlen die meisten Seelen, weil unser natürliches
Denken, von der Versuchung angeregt, hinzielt auf das, was wir nicht besitzen,
um dem auszuweichen, was die Vorsehung für den Augenblick anbietet. Schauen wir
also, was unser Herr jetzt von uns will, seien wir in seiner heiligen Gegenwart
mit Ehrfurcht, Liebe und Unterwerfung. Verlassen wir nie seine Gegenwart unter
dem Vorwand, uns mit etwas Besserem beschäftigen zu wollen." (2438,
Recherchen IV, S.19) "Ich
schaue nur auf den gegenwärtigen Augenblick und hüte mich davor, mich mit dem
folgenden zu beschäftigen. Ihn überlasse ich Gott. Der Grund dafür ist, daß
ich sonst nicht nur die Gnade des gegenwärtigen Augenblicks verlieren würde,
weil ich sie nicht nütze, sondern mich tausenderlei Beunruhigungen,
Verlegenheiten und Zerstreuungen aussetzen würde. Zu guter Letzt würde ich nur
noch im Geist der Welt handeln, und das wäre ein großes Unglück. Es ist natürlich
nicht so, daß es für mich keine Ablenkung gäbe von dem, was ich zu tun habe,
aber ich entferne mich geschickt davon und gehe ganz allmählich wieder davon
weg, wie jemand, der sich aus einer großen Menschenmenge zurückzieht. Und da
ich alles Gott überlasse, sehe ich alles in ihm und lasse ihn alles nach seinem
Willen lenken. Das zu tun, ist ein großes Geheimnis im inneren Leben. Wenn man
es anders macht, verliert man seinen Frieden und die Gnade, die der gegenwärtige
Augenblick und die anstehende Tätigkeit enthält, kurz gesagt - man schafft
nichts Rechtes." (1021, Recherchen IV, S.20) Von
solchen Menschen, die ganz in der Gegenwart leben, wurde und wird in aufbauender
Weise Geschichte gemacht - im 6. Jahrhundert z. B. von Benedikt, im 17.
Jahrhundert z. B. von Mechtilde de Bar, im 19. Jahrhundert z. B. von denen, die
hier an der Klostergründung
beteiligt waren, im 21. Jahrhundert z. B. vielleicht von uns ... Seien wir von
Herzen dankbar für Menschen und Anfänger dieser Art, Anfänger mit der Hilfe
Christi, wie Benedikt sagt (RB 73), und heute besonders für die, die hier
angefangen haben, und die, die heute auf deren Anfängen neue Anfänge aufbauen! Die
Danklitanei, die Ihr vorhin gebetet habt, zeigt den Horizont, vor dem unsere
Dankbarkeit geschieht und in uns wächst. Und ich danke Euch, daß Ihr uns das
habt mit Euch beten lassen! Noch
einen Gedanken möchte ich anschließen. Viel von dem, was wir alle Tage
anfangen, tun und lassen, ist vorläufig und vergeht. Das geht immer einher mit
allem Gegenwärtig-, Zeitnah- und Zeitgebundensein. Gottes ewige Liebe, die in
alles Leben einfließt und es tränkt, fließt in und durch unsere Vorläufigkeit.
Als im September dieses Jahres die Priorinnen unserer Föderation zu einer
Nachfeier des 150-Jahr-Jubiläums ins Trierer Kloster eingeladen waren, wurde
das an einer Stelle kraß deutlich. In der Tageslesung, die die Schwestern für
die Festmesse ausgewählt hatten, hörten wir den alttestamentlichen Prediger,
der uns zurief: "Windhauch, Windhauch, alles ist Windhauch....". Viele
von Ihnen werden dieses Text kennen. Alles Windhauch? Innerlich kam in mir dabei
eine "ja-aber-Einsicht", die ich gerne noch mit Ihnen teilen möchte.
Von der Sache her mag das stimmen. Aber die personale Form von Windhauch heißt
Atemzug. Und dann öffnet sich eine andere Perspektive auf das Gleiche. Atemzug
für Atemzug leben wir unser Leben, unsere Berufung, antworten wir auf Gott in
allem, was kommt, beten wir, singen wir, Atemzug für Atemzug. Daß Ihr das
bisher getan habt und alle, die vor Euch hier waren, dafür danke ich Euch als
Schwester und auch im Namen unserer Föderation. Daß Ihr das weitermacht, bis
zum je letzten Atemzug, darum bitte ich Euch. Die menschliche Weise von
Windhauch ist unser Atemzug. Er ist das immer neue Maß unserer Hingabe ans
Leben und in seiner Unauffälligkeit kostbar und groß. Braucht
Ihr noch eine Rat für den Weg nach dem Jubiläum? Wenn ja, könnte ich einen
weitergeben, den ich selbst von einer Schwester bekam, der ihr per Mail
zugeschickt wurde. Dabei wird erstklassig deutlich, wie unsere alten
Traditionen uns immer neu inspirieren können. Inspiration ist, was uns hilft,
geistesgegenwärtig zu sein. Also, es geht um die Arche Noachs: Alles
was ich wissen muß, habe ich von
der Arche Noachs gelernt... Erstens:
Verpaß das Boot nicht! Zweitens
Denk daran, wir sind alle im selben Boot. Drittens:
Denk voraus! Es regnete noch nicht, als Noach die Arche baute. Viertens:
Halte dich fit. Es könnte sein, daß, wenn du 600 Jahre alt bist, jemand dich
um eine wirklich große Sache bittet. Fünftens:
Höre nicht auf Kritik; mach weiter, was du zu tun hast. Sechstens:
Bau deine Zukunft auf hohem Grund. Siebtens:
Um der Sicherheit willen, reist paarweise! Achtens:
Schnelligkeit ist nicht immer ein Vorteil. Die Schnecken waren zusammen mit den
Geparden an Bord. Neuntens:
Wenn du erschöpft bist, schwimm eine Weile. Zehntens:
Denk daran, die Arche wurde von Amateuren gebaut, die Titanic von Professionals. Elftens:
Der Sturm macht nichts aus. Wenn du mit Gott bist, wird immer irgendwo ein
Regenbogen auf dich warten. Ist ein guter Rat, nicht wahr?! In diesem Sinn wünsche ich Euch und allen, die Sie zum Mitfeiern gekommen sind, einen frohen Tag und in allem Gottes Segen. Beten wir füreinander, daß Er vollende, was Er in uns begonnen hat. Sr.
Johanna Domek, Köln |