Bericht über die Tagung der Union des Bénédictines  Belges (UBB)

5.-11. November 2004 in Brügge

Schon öfters wurde S. Lucia Wagner, Priorin der Kommunität Venio (München), eingeladen, an der Jahrestagung der Belgischen Benediktinerinnen  (UBB) in Brügge teilzunehmen. Die UBB umgreift die Klöster der Benediktinerinnen in Belgien, wie unsere VBD den deutschsprachigen  Raum umfaßt. Die Klöster in Bossut, Brügge, Ermeton, Hurtebise, Liège, Loppem, Louvain-La-Neuve, Maredret, Quevy, Rixensart, Schoten waren vertreten. Für die Jahrestagung kamen als Eingeladene hinzu die Klöster Brou, Herstelle, Oosterhout, Peppingen, Peruwelz, Stanbrook und Venio. S. Lucia nahm die Einladung an und flog in Begleitung von  S. Hagia Witzenrath, die nach dem Ende ihrer Amtszeit einige Zeit im Venio weilt, nach Brüssel. Dort wurden  wir am Flughafen von S. Marie-Thérèse Hautier, der Priorin von Rixensart, erwartet und in das nahe gelegene Kloster Rixensart gebracht. Das Kloster ist ein in den 60er Jahren entworfener Betonbau auf weiträumigen Gelände. Eine sachkundige Führung durch Kloster und Gästehaus zeigte eine überzeugende Kombination von  Funktionalität und Humanisierung. Wir sangen mit der Kommunität die Vesper in französischer Sprache. Die Begegnung mit den Schwestern am Abend und die Verständigung französisch-deutsch war offen und herzlich. Am nächsten Tag fuhren wir mit S. Marie-Thérèse zunächst nach Loppem, wo uns  M. Christel, die Priorin von Béthanie, begrüßte und zum Mittagsgebet einlud. In Loppem wird die Liturgie in flämischer Sprache gesungen. Ein neu erstelltes Offizium gibt den einzelnen Klöstern die Möglichkeit für den Gebrauch der flämischen Sprache in der Liturgie. Die Sprache war für die Schwestern in Rixensart, wo die Liturgie französisch gefeiert wird, der Grund gewesen, sich von dem flämisch sprechenden Mutterkloster Béthanie zu trennen. Schon hier wurde deutlich, wie tief die Sprache die Menschen, auch Kommunitäten, prägt. Die Sprache erfährt zudem durch ihre Träger, vor allem in der so komplexen  politischen Geschichte des Landes, eine Wertung. Die Schwierigkeiten, die sich hier festmachen, sind bis heute nicht ganz überwunden. Die Kommunitäten, denen wir in Belgien begegnet sind, werden zunehmend international. Die daraus resultierende erste Fremdheit wird u.U. leichter überwunden als die aus leidvoller Geschichte erfahrenen sprachlichen Unterschiede im eigenen Land. Auf der Fahrt nach Brügge sahen wir von weitem den Hügel von Waterloo. In Brügge trafen wir M. Christel wieder. Brügge, das kleine Venedig des Nordens, mit seinen Grachten, den hohen schmalen Häusern und der imponierenden Kathedrale, wurde von Touristen auch in dieser schon späten Jahreszeit in großer Zahl besucht. Vom Boot aus oder in der Pferdekutsche besichtigten sie die reizvolle mittelalterliche Stadt.

Die Tagung der UBB selbst fand in der sog. Béguinage, dem einst von Beginen bewohnten umfriedeten reizvollen Komplex statt. Die Béguinage wurde 1927 von Benediktinerinnen von La Vigne neu besiedelt. Sie feiern mit M. Odile-Marie, der Priorin von La Vigne, die Liturgie in lateinischer Sprache. Das Choralamt am Sonntag war lebendig und sehr besucht. In einem der kleinen Häuser der Béguinage fanden wir Unterkunft. Dort fanden auch die Vorträge und die Gespräche statt. Philipp Robert, ausgewiesener Musikologe und Liturgiker im frankophonen Raum, war als Animateur und Conferencier geladen. In fünf Vorträgen sprach er über "Die monastische Liturgie im Herzen der Welt". Er sprach zunächst über die grundsätzliche Bedeutung der Liturgie.

Er bezog sich dabei mehrfach auf einen Brief der belgischen Bischöfe zum Thema: Wie treten wir in die Liturgie ein? Sodann suchte er das Besondere der monastischen Liturgie zu beschreiben. Er nannte die Kunst der Feier: Das bedeutet Qualität des Vollzugs, mit sorgsamer Vorbereitung in Wort und Gesang, Sorgsamkeit in der Gestik, kurz das savoir faire bei der Liturgie. In einem weiteren Schritt ging er auf die Beziehung von Liturgie und Welt - in beiden Richtungen - ein. Wie sieht die Liturgie die Welt, wie bezieht sie die Welt ein? Wir sollen nicht aus der Welt herausgehen, sondern sie umgestalten. Christus kam in die Welt, um sie zu erlösen. Fragen, die sich stellten, regten uns zum Gespräch an. Sodann sprach er über das Problem der Inkulturation, das, auf dem 2. Vaticanum angesprochen, im Jahr 1994 in einer römischen Instruktion thematisiert wurde. Inkulturation ist in beiden Richtungen zu verstehen: Es geht darum, das Evangelium in die Kulturen anderer Völker zu inkarnieren. Es geht ebenso darum, die Schätze dieser Völker in das Leben der Kirche einzubringen. Die Konferenzen mündeten in das Thema: "Die Inkulturation der monastischen Liturgie". Robert ging auf die veränderte Mentalität, auch in der religiösen Praxis, ein. Heute kommt man nicht mehr stetig in den Gottesdienst; man praktiziert vielmehr à la carte. Auch der Einfluß des Fernsehens kam ins Wort, der sich in der religiösen Praxis bemerkbar macht. Man sucht auch für die Liturgie den richtigen "Kanal", "die starke Zeit". Mit diesen Änderungen in der religiösen Landschaft müssen wir heute rechnen. Hier könnte uns die monastische Liturgie anregen, neue Wege auch für die Menschen zu finden, für die die Eucharistie wenig Bedeutung hat. Manches wurde mit französischer clarté pointiert formuliert, so etwa: Es geht nicht darum, in der Liturgie zu singen, sondern darum, die Liturgie zu singen. Oder die Bemerkung: Mit dem Übergang vom Lateinischen zum Französischen, verstand man, daß man nichts verstanden hatte. Es kam auch die heute verbreitete Tendenz zur Sprache, einem umfassenden Humanismus hohen Wert zuzuschreiben, der dem Gottesgedanken jedoch kaum noch Raum läßt.  Für die Zukunft der Liturgie verwies Robert noch einmal auf die Qualität beim liturgischen Vollzug.

Auf der Reise nach Belgien lernten wie neben Rixensart, Loppem, Brügge auch die Klöster in Schoten und Oosterhout kennen. So fuhren wir  nach Abschluß der Tagung auf Einladung von M. Erica van de Cauter nach Schotenhof. Die Begegnung mit der Kommunität war außerordentlich herzlich. Auch hier wurde die Liturgie flämisch gesungen. Ein feiner schwingender Gesang in der weichen flämischen Sprache nahm uns mit in das Gebet. Die weiträumige Kirche wird heute wenig besucht, da im Augenblick in Belgien noch ein antikirchliches Klima zu spüren ist. So fand die Liturgie in einer kleinen, künstlerisch wertvoll ausgestatteten Kapelle statt. Da Antwerpen in der Nähe liegt, konnten wir am folgenden Tag die Stadt, den Hafen mit dem weiten Blick auf die See (wie es dort heißt), vor allem aber die Liebfrauenkathedrale besuchen. Vier große Gemälde von P.P. Rubens im weiten und hohen Kirchenraum beeindruckten ungemein: Die Kreuzaufrichtung, das grandiose Bild der Kreuzabnahme und schließlich die Auferstehung, wo Rubens den Schritt des  Herrn in das Leben der Auferstehung darzustellen sucht. Ein großer Eindruck! Ein Kurzausflug führte uns noch nach Oosterhout in die Niederlande, wo wir herzlich von M. Benedicta, der Äbtissin von Oosterhout, und von M. Agnes, ihrer Amtsvorgängerin, begrüßt wurden. In der großen weiten Kirche sangen wir die Non mit dem großen Konvent in lateinischer Sprache. Eine Führung durch das Kloster zeigte uns das Neben- und Ineinander des Klostergebäudes im Stil des 19. Jh. und des neuen, funktional exzellent geplanten Teiles des Klosters mit Gästehaus.

Die Reise nach Belgien, die Tagung, die Begegnungen waren ungemein bereichernd. Freilich ließ der Blick auf die Geschicke des verhältnismäßig kleinen Landes, das im Lauf seiner Geschichte unter fremder Herrschaft stand und noch in unserm Jahrhundert im Krieg überrannt, von Kämpfen gezeichnet wurde (Ardennen) auch nachdenklich werden. So flogen wir am 11. November von Amsterdam über Brüssel nach München zurück. Wir hoffen, daß in Zukunft die Begegnung und der  Austausch mit den Gemeinschaften in Belgien, wie er früher bestand, intensiviert wird.

Äbtissin em. Hagia Witzenrath, Herstelle