100 Jahre Benediktinerabtei Gerleve - Festtag der Benediktiner am 15. Oktober  

Am 19. September 1899 begannen Mönche  aus der Erzabtei Beuron auf dem Hof der Geschwister Wermelt in der Bauerschaft Gerleve das benediktinische Klosterleben. 

Nach den ersten Jahren des Aufbaus konnte am Herz-Jesu-Fest 1904 die junge Neugründung als Abtei errichtet werden. Im Laufe des letzten Jahrhunderts hat sich das Kloster zu einem geistlichen Zentrum im Münsterland entwickelt. In diesem "saeculum" hat die Abtei Gerleve die Höhen und Tiefen der kirchlichen Entwicklung, aber auch der deutschen Geschichte miterlebt und miterlitten.

Das 100-jährige Jubiläum haben wir Mönche zum Anlaß genommen, an einigen "Feier-Tagen" der eigenen Geschichte dankbar zu gedenken und uns an jene Menschen und Ereignisse zu erinnern, die für unser Kloster prägend gewesen sind.

Begleitet wurden die Jubiläumsfeiern durch Konzerte, Vorträge und besonders gestaltete Gottesdienste im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Forum Gerleve" sowie durch eine Ausstellung an der Klosterpforte, die über das Selbstverständnis der Benediktiner und über die 100-jährige Geschichte der Abtei Gerleve in Bild und Text informiert.     

Den Auftakt bildete die Altarweihe am 2. Februar als Abschluß der Kirchenrenovierung. Es folgte ein Tag der Angehörigen am 1. Mai, an dem die Verwandten die Gelegenheit hatten, den nichtöffentlichen Bereich des Klosters zu besichtigen. Höhepunkt war das Herz-Jesu-Fest am 18. Juni, der eigentliche Jubiläumstag, den Bischof Reinhard Lettmann mit uns beging. Tags darauf waren die Nachbarpfarrer und Nachbarn des Klosters bei uns zu Gast. 

Ein zweiter Höhepunkt neben dem Herz-Jesu-Fest war der "Festtag der Benediktiner" (und Benediktinerinnen) am 15. Oktober. Eingeladen hatten wir Vertreter jener Klöster, mit denen wir uns besonders verbunden fühlen. Der Tag war zudem der Abschluß der Beuroner Äbtekonferenz, die in diesem Jahr in Gerleve getagt hatte. Unter den weit mehr als 100 Gästen waren Abtprimas Notker Wolf (Rom), Abtpräses Anno Schoenen (Maria Laach), Erzabt Theodor Hogg (Beuron), Abt Benno Malfèr (Muri-Gries), Präses der Schweizer Kongregation und derzeit Vorsitzender der Salzburger Äbtekonferenz sowie Stellvertreter des Abtprimas, und Abt Bernard Lorent (Maredsous).     

Anstatt den Verlauf des Tages (Hochamt, Empfang, Mittagessen usw.) zu schildern, geben wir an dieser Stelle die Festpredigt von Abtprimas Notker Wolf wieder:

Lieber Vater Abt Pius,
liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

In diesen Jahren begehen wir an vielen Orten Jahrhundertjubiläen: Varensell hat gefeiert, wir haben letzte Woche in Schweiklberg gefeiert, Sant' Anselmo hat im Jahr 2000 die Jahrhundertfeier der Kirchweihe begangen und damit auch der Einweihung des ganzen Klosters. Wenn ich diese Jahrhundertfeiern bedenke - auch den heutigen Tag, zu dem ich Euch, liebe Mitbrüder von Gerleve, besonders gratulieren möchte -, wenn ich diese Feiern bedenke und mich zurückversetze in die damalige Zeit, in die ganze zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts und an den Beginn des 20. Jahrhunderts, stelle ich fest: Es war eine Zeit, da trotz aller äußerlichen Schwierigkeiten - es war ja Kulturkampf - Männer und Frauen mit einem unheimlichen Glauben, mit einer Vision und einem Mut auftraten und Klöster errichteten, Gemeinschaften begannen oder auch wiederherstellten. Es war eine unglaublich lebendige Zeit. Wenn ich an die Brüder Wolter denke oder an einen Hildebrand de Hemptinne, der eine solche Vision wie Sant' Anselmo verwirklichte, einen solchen Bau dort oben hinzustellen: Wer von uns - Hand auf's Herz - hätte eigentlich den Mut zu so etwas? Oder die Mitbrüder, die auszogen, um Gerleve zu gründen! Ich überlege mir immer wieder: Was ging in diesen Menschen vor? Und haben wir nach 100 Jahren noch etwas von diesem Eifer, dieser Phantasie, diesem Mut, dieser Christusbegeisterung und dieser Vision?     

Es ist ganz klar, daß wir die Begeisterung, die Faszination des Anfangs - ein Anfang hat ja auch seine Faszination - nicht ohne weiteres durchhalten und durchtragen können. Es gibt die Zeiten der Müdigkeit, in der die Kräfte nachlassen. Es gibt auch die Zeiten anderer Schwierigkeiten: Wenn ich an den Ersten und den Zweiten Weltkrieg denke, besonderes an den Zweiten Weltkrieg mit der Aufhebung des Klosters Gerleve und der anderen Klöster, wird mir klar: So gut und großartig es sein mag, ein Kloster zu gründen, so verdienstvoll ist es ebenso, in Treue ein solches begonnenes Werk weiterzutragen von Generation zu Generation. 

Und doch haben sich Dinge geändert und ändern sich immer noch: Wir leben in einer Zeit des Umbruchs, und vieles ist so umgebrochen, daß wir trotz allen guten Beispiels des Anfangs nicht mehr so ohne weiteres dorthin zurückkehren können. Der Anfang war geprägt durch die Romantik, durch die Vision eines romantischen Mönchtums, einer Ästhetik (wir würden heute vieles davon als Ästhetizismus bezeichnen). Ich denke noch daran, wie wir Mönche früher in die Kirche hineingewallt sind: Das hat sehr würdig ausgeschaut, aber wir als jüngere Mönche haben doch etwas geschmunzelt. Oder denken wir an viele Formen in der Liturgie: Es durfte nichts danebengehen. Sie hatten, liebe Mitbrüder von Gerleve, einen, der hieß Adalhard Heitmann. Wir mochten ihn ganz gerne in Sant' Anselmo. Er war Zeremoniar. Aber wenn nur das Kleinste danebenging, wurde sein Nacken rot und dann auch sein ganzes Gesicht, was uns als Studenten gerne dazu verleitet hat, bewußt etwas verkehrt zu machen, damit wir dieses Schauspiel wieder erleben konnten. Heute würde das überhaupt keinen mehr reizen.

Was früher Formen waren, wird heute gerne als Formalismus angesehen. Was als Gesetz galt, wird heute eher als Legalismus betrachtet. Es hat sich sehr vieles geändert. Wir können nicht einfach umkehren und das Rad der Geschichte zurückdrehen, wie es manche Traditionalisten gerne täten. Ich frage mich natürlich: Wie soll es weitergehen? 

Wir brauchen, liebe Schwestern und Brüder, genau so eine Vision wie unsere Brüder und Schwestern damals. Und eine ist ur-benediktinisch, sie steht im ersten Satz des ersten Kapitels der Regel: "In brüderlicher Gemeinschaft leben". Ich muß gestehen: Für mich ist es eine Freude, in einer solchen Gemeinschaft zu leben, auch jetzt in Sant' Anselmo, wo jedes Jahr sich die Gemeinschaft ändert, wo ich nicht einmal eine stabile Einbindung habe. Aber in Gemeinschaft zu leben, kann etwas Faszinierendes sein, wo wir einander stützen, einander Mut machen, einander das gute und anerkennende Wort geben.

Es gibt auch das andere: daß wir aufeinander herumhacken. Ich habe das auch erlebt, daß wir uns gegenseitig beobachten und einander sofort die Fehler vorhalten, da wir correctio fraterna verwechseln mit Sich-Einmischen und Beherrschen-Wollen. Versuchen wir doch einmal, wieder aus Christus als der Mitte unserer Gemeinschaft heraus Gemeinschaft so zu gestalten, daß andere uns darum beneiden, daß für uns das Wort gelte: Seht, wie sie einander lieben! 

Ich glaube, das ist eine Vision, die auch heute gültig ist, liebe Schwestern, liebe Brüder, wo wir einander tragen, so wie auch Eheleute einander tragen müssen in einer Familie. Wir sind dazu da, daß wir miteinander den Weg gehen. Mir bleibt immer als Modell das "pilgernde Gottesvolk" des II. Vaticanums im Kopf: als Abt wie ein Mose mit seinen Brüdern durch die Wüste dieser Zeit zu gehen. Die einen sterben, wir werden sie beerdigen, und neue kommen wieder. Aber es macht Freude, mit Brüdern unterwegs zu sein. Und damit auch wieder anderen Menschen zu begegnen, andere als Gäste einzuladen, anderen etwas von dem Reichtum mitzuteilen, von der Gottesbegegnung, die wir selber haben und die uns trägt.

Und es macht Freude, in dieser Gemeinschaft nicht nur zu leben, sondern auch zu beten, wieder die Schätze unseres schlichten, einfachen Betens zu erfahren in den Psalmen, die so ursprünglich und ansprechend unsere Lebenssituation aussprechen vor Gott, wo wir miteinander die Freuden und auch Nöte des Psalmisten singen, die auch unsere Freuden und Nöte sind. Wir gehen diesen Weg "unter Regel und Abt". Welch unendlich weite Interpretation der Regel erleben wir bei Benedikt! Ich möchte nur erinnern an ein Problem, das wir immer wieder erleben: Wenn wir etwas verändern wollen, brauchen wir heute die Genehmigung von Rom. Der heilige Benedikt sagt am Schluß des Kapitels über Verteilung der Psalmen auf die ganze Woche: "Wenn aber ein Abt meint, er habe eine bessere (Verteilung), dann soll er die nehmen." Wo bleibt uns diese Weite heute noch geschenkt? 

Liebe Schwestern und Brüder, versuchen wir wieder, eine Vision zu haben und zu leben, die uns Menschen froh und frei macht. Eine solche Vision hat einen Raphael Molitor und andere getragen und hat einen Familiensinn geschenkt und gestiftet. Ich muß Ihnen sagen, das hat mich bei meinen Gerlevenser Mitbrüdern in Rom immer gefreut: Sie hatten immer einen sehr starken Familiensinn und die Freude an der eigenen Gemeinschaft, wenn Abt Pius Buddenborg gelobt wurde als der Vater der Gemeinschaft und wenn die ganzen Erinnerungen gepflegt wurden. Diesen Familiensinn brauchen wir. Er ist ein Stück dieser Vision, daß wir letzten Endes von Jesus Christus getragen werden, begeistert sind von seiner Botschaft, die wir in der lectio divina als das Brot des Lebens in uns aufnehmen, wo wir sagen: Wir wollen eigentlich nichts anderes leben, als in Einheit mit Jesus Christus und darin mit unseren Brüdern hier vor Ort und so auch mit den anderen, die hier wohnen, mit den Menschen, die uns begegnen, schlicht den Weg in die Zukunft gehen in einer Freude und in einer Erfülltheit des Lebens, von der wir als Jugendliche nur träumen konnten.

Und so wünsche ich Euch, liebe Mitbrüder von Gerleve, aber auch Euch, liebe Mitbrüder und Mitschwestern der Beuroner Kongregation, einen guten Weg in die Zukunft, einen Weg in erneuter Faszination und Begeisterung für Jesus Christus, gebunden an ihn, der uns frei macht und Freude schenkt. Der heilige Benedikt lädt uns ein mit den Worten des Psalmisten: "Wer glücklich sein will und gute Tage zu sehen wünscht, der soll kommen." Versuchen wir, in unseren Tagen diese Vision wieder konkret und lebendig werden zu lassen: was es heißt, voll Freude in Gemeinschaft unter Regel und Abt zu dienen und den Weg miteinander zu gehen auf unsere endgültige Zukunft hin mit Jesus Christus und seinem Vater im Himmel. Amen.

P. Bartholomäus Denz, Gerleve