Äbtekongreß in Rom, 18. bis 28. September 2004
Mönchtum in einer globalisierten Welt
 

"Die Oberen der Klöster kommen zusammen zum Erfahrungs- und Meinungsaustausch und um das Wohl der gesamten Konföderation zu fördern": Mit diesen Worten beschreibt die Lex propria, das Grundgesetz der Benediktinischen Konföderation, Sinn und Zweck des Äbtekongresses, der alle vier Jahre stattfindet. So konnte Abt Primas Notker Wolf in der zweiten Septemberhälfte fast 300 Personen aus allen Erdteilen auf dem Aventin begrüßen. 220 Abtpräsides und Äbte, Prior-Administratoren und Prioren selbständiger Klöster aus den 21 Kongregationen und den dem Abt Primas unmittelbar unterstellten Häusern bildeten als Mitglieder mit vollem Stimmrecht den Kern des Kongresses. Aus S. Anselmo nahmen Rektor und Prior sowie drei weitere Mitbrüder als Vertreter des Athenäums und des Kollegs teil. Die Benediktinerinnen, seit 2001 zur Communio Internationalis Benedictinarum (CIB) zusammengeschlossen, hatten ihre Präsidentin, Äbtissin Máire Hickey von Dinklage sowie 22 Delegierte aus allen Kontinenten zum Kongreß entsandt. Vier Obere von Klöstern, die nach der Regel Benedikts leben, aber nicht zur Konföderation gehören, sowie vier orthodoxe Mönche und zwei Äbte der anglikanischen Benediktiner waren als Gäste eingeladen worden. Drei Brüder und Schwestern vertraten die Konföderationsinitiativen AIM und DIM. Die organisatorische Verantwortung lag bei P. Henry O'Shea (Glenstal), dem Sekretär des Abt Primas; über 30 Helfer (Sekretäre, 12 Dolmetscher, Offizialen und 15 Studenten von S. Anselmo) sorgten für einen guten Ablauf des Kongresses, und die Angestellten des Kollegs in Haus und Küche zeigten sich von ihrer besten Seite. 

Die Vielfalt der Konföderation wird bereits an der unterschiedlichen Größe und Struktur der insgesamt 21 Kongregationen sichtbar. Die drei größten von ihnen stellten gemeinsam über ein Drittel der teinehmenden Oberen: die in Provinzen aufgeteilte und als einzige in allen fünf Erdteilen präsente Kongregation von Subiaco (42 Teilnehmer), die amerikanisch-kassinesische Kongregation (20) und die Kongregation der Missionsbenediktiner von St. Ottilien (17). Die ungarische und die slawische Kongregation sowie die Vallumbrosaner waren mit jeweils 2 Teilnehmern vertreten. Die kleine, 1969 gegründete niederländische Kongregation hat sich angesichts ihrer Überalterung und ausbleibenden Nachwuchses dazu entschlossen, mit ihren Kommunitäten Anschluß bei zwei anderen Kongregationen zu suchen. Die meisten Kongregationen werden von regierenden Äbten geleitet; in sechs Fällen versieht ein ehemaliger Abt dieses Amt. 

Eine Vorbereitungsgruppe hatte frischen Wind in die Gestaltung des Kongresses gebracht: Drei Moderatoren (Erzabt Jeremias Schröder von St. Ottilien, Abt-Präses Richard Yeo von Downside und Abt Jean-Pierre Longeat von Ligugé) sorgten für eine sinnvolle Aufteilung der Programm-punkte und einen zielstrebigen Verlauf. Die Zahl der Plenumssitzungen wurde verringert zugunsten von Arbeitsgruppen, für die drei Halbtage vorgesehen waren. Die Ausflüge nach Norcia, Subiaco und Montecassino sowie ein Besuch der Ausgrabungen unter der Peterskirche fanden am gleichen Tag statt, was sich durch den kleineren Umfang der jeweiligen Gruppen als atmosphärischer Gewinn herausstellte. Die Äbte und Prioren, die zum ersten Mal am Äbtekongreß teilnahmen, konnten bei einem Einführungstag Aufbau und Arbeitsweise der Konföderation, des Kollegs und der Hochschule kennenlernen. Hier wie auch im Plenum erwies sich ein Dossier, das in Text, Statistik und Bild den Auftrag und die Entwicklung, die Fruchtbarkeit und die Zukunftsperspektiven von S. Anselmo präsentierte, als nützliches Instrument und beredtes Dokument. 

Zum Rahmenthema des Kongresses "Das Phänomen der Globalisierung - Chancen und Herausforderungen" waren zwei Gastredner geladen, Norbert Walter von der Deutschen Bank in Frankfurt und Andrea Riccardi, Mitbegründer der Gemeinschaft von S. Egidio. Ein weiteres Thema im Plenum war S. Anselmo selbst, das Papst Leo XIII. der Benediktinischen Konföderation als ganzer anvertraut hat. Die personelle und finanzielle Situation des Hauses und das Leben und die Anliegen seiner drei Bereiche - Kurie des Abt Primas, Hochschule und Kolleg - stehen daher auf der Tagesordnung jedes Äbtekongresses. Der bauliche Zustand der Gebäude fordert umgehende und umfassende Maßnahmen; dank der Solidarität des Ordens und der Großherzigkeit vor allem deutschsprachiger Kongregationen und Klöster kommt nun eine schrittweise Erneuerung in Gang, zu der auch die gezielte Suche nach Drittmitteln beitragen soll.

Der internationale Zusammenschluß der Benediktinerinnen fand seinen Niederschlag in Veränderungen in der Lex propria, die vom Kongreß beschlossen wurden; als danach die Vorsitzende der CIB, begleitet vom Applaus der Versammlung, am Präsidiumstisch neben dem Abt Primas Platz nahm, wurde ein historischer Umbruch und Aufbruch berührend sichtbar. Das Plenum war auch der Ort für Berichte über großräumige Zusammenschlüsse und Zusammenkünfte, bei denen nicht selten auch Brüder und Schwestern aus dem Zisterzienser- und Trappistenorden beteiligt sind (Lateinamerika, Afrika, Indien, Ostasien mit Ozeanien). Die Generaläbte dieser beiden Orden besuchten den Kongreß. Der Schluß des Grußworts von Generalabt Bernardo Olivera OCSO fand ein waches Echo: "Im Fegefeuer befinden sich mehr Mönche, die durch sklavische Treue zur Tradition gesündigt haben, als solche, die schuldig wurden bei dem schöpferischen Wagnis, diese Tradition anzureichern und weiterzugeben."

Auch bei der AIM (Alliance Inter-Monastères), die viele Gemeinschaften außerhalb Europas und Nordamerikas unterstützt, und bei einem Kurs für in der Ausbildung tätige Männer und Frauen aus benediktinischen und trappistischen Gemeinschaften, der seit 2002 in Rom in englischer Sprache angeboten wird, trägt die Zusammenarbeit reiche Frucht. Der interreligiöse Dialog innerhalb des Mönchtums (DIM), dem sich engagierte Brüder und Schwestern widmen, und die China-Kommission der Konföderation richten ihren Blick vor allem auf Asien.

Ein weltweites Netz ist zwischen den Leitern der benediktinischen Schulen mit insgesamt über 120.000 Schülern im Entstehen; vor dem Weltjugendtag in Köln 2005 wird in Meschede ein weiterer Jugendkongreß dieser Schulen stattfinden. Ein lokales Projekt der Konföderation mit ökumenischen Hoffnungen und internationalen Perspektiven ist das Engagement für die Neubelebung der Abtei St. Paul vor den Mauern in Rom; der Kongreß feierte am Grab des Völkerapostels Vesper und Eucharistie.  

Die Themen der Arbeitsgruppen, unter denen die Teilnehmer wählen konnten, spiegeln die vielfältigen Erfahrungen, Hoffnungen und Sorgen, welche die Benediktiner heute bewegen, wider: Ausbildung, Leitungsamt (einschließlich der Frage von Äbten ohne Priesterweihe), Laienkommunitäten und -bewegungen, Macht- und sexueller Mißbrauch; liturgische Fragen, Tradition und Kreativität, neue monastische Gemeinschaften, Kommunitäten in Schwierigkeiten (z.B. wegen Überalterung), finanzielles Management, Ökologie, Kongregationen mit Männer- und Frauenklöstern, Oblaten, Ökumene, interreligiöser Dialog. 

Bei und neben der Arbeit des Kongresses ergaben sich eine Fülle von Kontakten, sowohl der Teilnehmer untereinander wie auch außerhalb von S. Anselmo. Vatikanbotschafter Gerd Westdickenberg lud die Kongreßteilnehmer aus Deutschland zu einem spätsommerlichen Abend in seine Residenz. Einen geistlichen und gastlichen Abend verbrachte der Kongreß bei der Comunità di S. Egidio in Trastevere. Die Begegnung mit Papst Johannes Paul II. in Castelgandolfo beeindruckte durch ihre fast intime Atmosphäre. 

Die abschließende Eucharistie am 28. September - die Dominikaner hatten ihren benediktinischen Nachbarn wieder ihre herrliche Basilika S. Sabina für die Meßfeiern zur Verfügung gestellt - war erfüllt von der Dankbarkeit für zahllose ermutigende Begegnungen und Anregungen während der zehn Tage des Äbtekongresses. Alle Wege hatten die Teilnehmer nach Rom geführt; im Vertrauen auf den Segen Gottes machten sie sich wieder auf den Weg, ihn in der globalisierten Welt des 3. Jahrtausends zu suchen. 

P. Albert Schmidt, Beuron / S. Anselmo