Worte zur Geschichte
Grußwort von Generalpriorin M. Irene Dabalus OSB zum Jubiläum in Tutzing

29. Juli 2004

Liebe Festgäste,

ich freue mich sehr, daß wir heute hier in Tutzing miteinander ein großes Fest begehen. Als Generalpriorin zähle ich zu den vielen geladenen Festgästen und ich darf sicher in Ihrer aller Namen sprechen, wenn ich sage: Wir sind sehr gerne gekommen, um mit den Schwestern hier in Tutzing zu feiern!

100 Jahre Kloster Tutzing! – so steht es auf der Einladungskarte. Doch reicht dieses Fest weit über das Kloster Tutzing hinaus: Gut 1.370 Schwestern aus 24 verschiedenen Nationen, die in 19 Ländern und 5 Kontinenten leben und arbeiten fühlen sich eng mit diesem Ortsnamen verbunden. Fragt man, wer sie sind, dann sagen sie: Wir sind Missions-Benediktinerinnen von Tutzing.
Warum ist uns dieser konkrete Ort Tutzing im Namen unserer Kongregation so wichtig?
Menschen brauchen eine Verwurzelung. Sie müssen wissen, woher sie kommen und wohin sie gehen – ein großes Thema, das im Leben von jedem Menschen von zentraler Bedeutung ist. Und ich finde es interessant zu sehen, daß die Bibel immer wieder konkrete Orte und konkrete Personen benennt und das nicht als Nebensächlichkeit behandelt oder gar wegläßt. Heilsgeschichte Gottes mit den Menschen hat offensichtlich mit konkreten Menschen und mit konkreten Orten zu tun. Das Handeln Gottes läßt sich an dem erkennen und schauen, was wir Geschichte nennen.

Gleich der Beginn der Geschichte der Missions-Benediktinerinnen zeugt ein wenig von Gottes Humor. Da ich in Deutschland studiert habe, kenne ich einige deutsche Besonderheiten, z.B. was die „Liebe“ zwischen Bayern und Preußen betrifft. Eine Gemeinschaft in Bayern bekommt ihre Initialzündung im Norden Deutschlands! Unser Gründer, P. Andreas Amrhein stellte im Jahr 1885 auf dem Katholikentag in Münster seine Idee einer benediktinischen Gemeinschaft für die Missionierung ausländischer Gebiete vor. Im Jahr zuvor hatte er ein Missionshaus für Männer in Reichenbach in der Oberpfalz gegründet. Er hegte – in dieser politisch so ordensfeindlichen Zeit – insgeheim den Traum, daß sich auch Frauen an solch einer Aufgabe beteiligen könnten. Der Funke sprang in Münster über und schon drei Wochen später machten sich die ersten vier Frauen – Westfälinnen – wagemutig auf den abenteuerlichen Weg in den Süden Deutschlands. Die Frauen wollten eigentlich nach Indien ausreisen – doch Gott schien anderes mit ihnen vorzuhaben.
Dann kamen die Anfänge in Reichenbach, die sehr hart waren. Die junge Gemeinschaft erfuhr viel Gegenwind, und Schwierigkeiten mannigfacher Art machte ein Verbleiben an diesem Ort schließlich unmöglich. All die anfänglichen Mühen in Reichenbach waren in den Sand gesetzt. Doch die Entwicklung sollte weitergehen. Die jungen Leute bekamen tatkräftige Helfer von anderer Seite. Dazu gehörten der damalige Bischof von Augsburg, Pankratius von Dinkel, und vor allem die Töchter Ringseis aus Tutzing, die P. Amrhein schon länger kannte. Sie haben die Gemeinschaften entscheidend unterstützt – viele weitere Förderer sollten ihnen bis heute folgen.
Bereits Ende November 1886 halfen die Töchter Ringseis, in Emming ein Schloßgut zu kaufen, das sich zum heute so bekannten St. Ottilien entwickeln sollte.
Die Töchter Ringseis waren aber auch sehr daran interessiert, in Tutzing einen Kindergarten unter Leitung der Schwestern einzurichten. Sie schenkten P. Amrhein ein Haus, in das im Juni 1887 vier Schwestern einzogen, zu einer Zeit, als die andern noch in Reichenbach waren. Es bildete sich eine kleine Schwesterngemeinschaft, die in sehr beengten, für ein Kloster unzureichenden Räumen leben mußte. Damit sollten die ersten „eigenen Gehversuche“ der Schwestern in die Wege geleitet werden, die aber sehr schnell zum Stolpern und Fallen führten. In der Gemeinschaft gab es noch keine erfahrene Ordensfrau, die die Leitung hätte übernehmen können. Zudem – das darf an diesem Festtag auch erwähnt werden – lehnte die Tutzinger Bevölkerung damals grundsätzlich Schwestern ab. Die Gemeinde versagte die Genehmigung für einen Kindergarten. Schon im März 1890 mußten die Schwestern wieder nach St. Ottilien zurückkehren. Doch zeigt unsere Geschichte, daß man nicht vorschnelle Schlüsse ziehen, sondern immer mit Spannung verfolgen sollte, wie sich Dinge weiterentwickeln.
In St. Ottilien begannen die Gemeinschaften aufzublühen. Sie hatten mit vielen Mühen zu kämpfen, lebten unter einfachsten und ärmlichen Verhältnissen und waren mit gewaltigen Aufgaben konfrontiert. Schon früh reisten die ersten Missionare und Missionarinnen ins damalige Tanganyika aus und begannen dort, Missionsstationen aufzubauen. Sie erlitten herbe Rückschläge. Krankheiten, die sie nicht kannten, rafften viele Brüder und Schwestern in jungen Jahren hinweg – der Friedhof nahe Dar es Salaam spricht eine beredete Sprache. 1889 wurde die erste Station in Pugu überfallen und Brüder und eine Schwester ermordet.
Doch hier in Deutschland traten trotz dieser Hiobsbotschaften viele junge Leute ein. Für sie galt es Raum zu schaffen, sie für ihre künftigen Aufgaben solide auszubilden, den Lebensunterhalt für so viele zu sichern – Anstrengungen, die die junge Gemeinschaft an den Rand ihrer Kräfte brachten. Doch sie kämpfte sich mit viel Gottvertrauen durch und wußte, daß Gott sie Wege führt, die sie sich nicht ausgesucht hatten und auf die sie sich deshalb vertrauensvoll einlassen wollten.

Nun wieder der Blick nach Tutzing: Kaum waren die Schwestern im März 1890 fortgezogen, genehmigte die Gemeinde den Kindergarten und die Töchter Ringseis bauten das Haus an, in dem die Schwestern gewohnt hatten. Sie errichteten darin auch eine Kapelle. Im Jahr 1891 zogen sechs Schwestern ein, und am 10. Juni 1891 weihte P. Amrhein Haus und Kirchlein ein unter dem Titel „U. L. Frau von der immerwährenden Hilfe“. Der Kindergarten konnte bald begonnen werden und die Tutzinger Bevölkerung bat die Schwestern, auch in der ambulanten Krankenpflege tätig zu werden. Neues Vertrauen der Bevölkerung von Tutzing und die Einsatz- und Hilfsbereitschaft der Schwestern brachte beide einander näher. Langsam aber stetig wuchs eine Gemeinschaft heran. Sie war zunächst eine kleine Filiale von St. Ottilien, doch stand ihr, wie wir heute wissen, eine große Zukunft bevor.
Viele junge Leute traten trotz der harten Bedingungen, die sie erwarteten, mit viel Gottvertrauen in die Gemeinschaften ein. Bereits 1896 zählten beide Gemeinschaften in St. Ottilien 16 Patres, 13 Kleriker, 46 Brüder und 71 Schwestern. Die Raumnot in St. Ottilien wurde immer drängender und die Schwestern schauten sich intensiv nach einem eigenen Mutterhaus um. Hinzu kamen Auflagen der Behörden, die eine rechtliche Anerkennung der beiden Zweige davon abhängig machten, daß sich der männliche und der weibliche Zweig räumlich trennten. Aus der Chronik kann man herauslesen, daß die Schwestern diesen Gedanken alles andere als sympathisch fanden.  
Doch der Generalsuperior, Abt Ildephons Schober von Beuron, der die Gemeinschaften in diesen schwierigen Jahren leitete, erkannte sehr klar, daß die Trennung für die Schwesterngemeinschaft wichtig war. Er führte aus: „Eine freie, solide, großartige Entwicklung der Frauenkongregation ist in dem engen Rahmen des Anschlusses (an die Mönche) nicht möglich.“ Die Suche nach einem geeigneten Platz für das neue Mutterhaus der Schwestern war schwierig, angeblich wurden fast 40 verschiedene Orte in Erwägung gezogen. Schließlich lenkten alle Fingerzeige Gottes den Blick nach Tutzing und hier wurde gebaut und 1904 das stattliche Haus bezogen.
Wir sind Abt Ildephons zutiefst dankbar, daß und wie er zur damaligen Zeit die Geschicke unserer Gemeinschaft geleitet hat. Die weitere Entwicklung der Missions-Benediktinerinnen von Tutzing sollte seinem Weitblick Recht geben. Auch seinetwegen werden die Schwestern des Priorats Tutzing am 24. September eine Dankwallfahrt nach Beuron machen.

Lassen Sie mich zum Schluß kommen:
Mich hat in der Rückschau auf unsere Geschichte sehr berührt, daß unsere Kongregation auf Wegen geführt wurde, die oft so anders verlaufen sind, als man das vernünftigerweise planen würde. Unsere Geschichte hat auch viel mit ärmlichsten Anfängen zu tun, viel mit Versagen und Rückschlägen, die auf menschliche Schwächen, politische Widrigkeiten, unerfahrene Menschen und vielem anderem beruhten. Sie hat aber auch mit ungeahnten Wendungen und ganz neuen Wegen und erstaunlichen Aufbrüchen zu tun und mit Menschen, die über ihre eigenen Kräfte und Fähigkeiten hinausgewachsen sind. Es waren Wege, die sich niemand zuvor hätte ausdenken können.
Mir macht diese Rückschau Mut, daß wir uns den Herausforderungen und Problemen unserer Tage mit Vertrauen stellen. Wir stehen in einer Zeit, in der ganz andere Schwierigkeiten als die des Anfangs zu bewältigen sind. Ob sie nun leichter oder schwerer sind, ist sicherlich nicht die richtige Frage. Auf was es ankommt, ist unsere Wachheit, die Zeichen der Zeit zu erkennen, sie zu deuten und uns dann mit Herz und Verstand auf das einzulassen, was wir meinen, daß es unsere Aufgabe heute ist.

Heute ist unsere Aufgabe zu feiern. Lassen Sie uns das gemeinsam frohen Herzens tun!